Einst schickte sich der Villarreal CF an, den großen drei in Spanien – Real, Barça und Atlético – ordentlich Druck zu machen. Auf Twitter und anderen Kanälen wurden sie über den grünen Klee für ihre ästhetische Spielweise gelobt. Nach dem Abstieg im Jahr 2012 verhalf Trainer Marcelino dem Verein zum direkten Wiederaufstieg. Seitdem rangierte man stets solide unter den Top 5 der Liga.

Bevor wir weitermachen, muss ich eines loswerden: Mit Villarreal verbindet mich eines der aufregendsten Fußballwochenenden, die ich je miterleben durfte. Im Rahmen unserer Kooperation mit DAZN hatten Marco und ich im Sommer vergangenen Jahres die Möglichkeit, Villarreal und den Verein hautnah mitzuerleben.

Seitdem verfolge ich Submarino amarillo intensiver, ohne mich als echten Fan zu bezeichnen. Mir gefällt einfach die Kultur des Vereins und dessen Geschichte. Die meisten spanischen Clubs haben schlichte Vereinsfarben – weiß, rot-weiß, rot-blau, usw. – Villarreal ist knallgelb, was ohnehin Aufmerksamkeit erregt.

Großartige Trainer wie Manuel Pellegrini, Ernesto Valverde oder eben Marcelino haben den Verein einst trainiert und dabei immer den typisch spanischen Spielstil beibehalten.
Unter Marcelino waren sie beispielsweise für ihr 4-4-2 bekannt, welches im Pressing Favre-esk organisiert war und sich im Ballbesitz überaus ansehnlich zeigte.

Das La Cerámica stand für einen Ort an dem guter Fußball gespielt wurde. Einrückende Flügelstümer, Direktpassspiel und mutiges Pressing sah man hier zu Hauf. Marcelino ließ seine Elf in der Erwärmung sogar in seinem 4-4-2-System verschieben, damit diese sich bereits an die Abläufe gewöhnen konnte. Man merkte einfach, dass hier Detailverliebtheit und Hingabe drinsteckten.

Seit dem Abgang Marcelinos nach der Saison 2015/16 ist dieses spielerische Alleinstellungsmerkmal ein wenig verflossen. In den Folgejahren waren sie immer noch eine der spielerisch stärksten Teams in La Liga.

Von Vereinen wie Sevilla, Valencia oder auch Athletic Club Bilbao konnte man sich durch diese Konstanz eine gewisse Zeit lang absetzen. Man schien die vierte Kraft in Spanien zu sein.

Die vermeintlich kleineren Vereine wie Betis oder Alaves haben sich innerhalb der letzten beiden Jahre mit einem ähnlichen Weg, den Villarreal seit Jahren verfolgt in die höheren Tabellenregionen gespielt.

Blicken wir auf die von understat.com zur Verfügung gestellten Expected Goals Werte der letzten Saisons, überperformte los Submarinos nicht wirklich. Man bewegte sich für ein Top-5-Team stets im Rahmen und erzielte pro Spielzeit etwa drei Tore mehr, als es das Modell vorgesehen hat. Clubs wie Real oder Barça erzielten hier teilweise 20 Treffer mehr als erwartet.

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Dass Villarreal in dieser Zeit nie großartig überperformte lag daran, dass sie sich stets klare Chancen herausspielten und mit Cedric Bakambu und später Carlos Bacca jeweils clevere und auch treffsichere Mittelstürmer hatten.

Wechselhafte Ergebnisse

In dieser Saison ist leider genau das Gegenteil der Fall. Derzeit hat man neun Treffer weniger erzielt als eigentlich erwartet waren. Am Ende des Tages bedeutet dies gut 11 Punkte weniger als erwartet, mit denen Villarreal aus der Abstiegszone raus wäre.

Das ist vielleicht das größte Problem der Mannschaft derzeit: Sie gewinnen einfach keine Spiele mehr. Symptomatisch dafür ist vielleicht die Partie zum Ende des letzten Jahres beim Tabellenletzten aus Huesca.

Der Verein, der damals seit dem ersten Spieltag im August kein Spiel mehr gewinnen konnte. Ab der 65. Minute war man in Unterzahl, hielt das Unentschieden nicht zuletzt dank eines hervorragend aufgelegten Sergio Asenjos, der Chance um Chance vereitelte.

Zehn Minuten vor Schluss traf Gerard Moreno zum 2:1. Doch Villarreal wäre nicht in der Krise, wenn sie diesen Vorsprung über die Zeit gerettet hätten. In der 94. Minute erzielte Huesca noch den Ausgleich.

Der 3:0 Sieg über Sevilla Mitte Februar zeigte einmal mehr, zu welchen Leistungen die Gelben im Stande sein können. Begonnen bei Sergio Asenjo bis hin zu einem Santi Cazorla, der zehn Jahre jünger wirkte.

So wechseln sich in dieser Saison solch durchwachsene Leistungen immer wieder mit Achtungserfolgen ab. Athletic Club Bilbao, die sich ebenfalls in der Krise befinden, schlug man zu Saisonbeginn mit 3:0. Sogar den beiden Hauptstadtclubs Real und Atlético rang man jeweils ein Unentschieden ab.

Im Sommer gab Villarreal mit Rodri seinen wichtigsten Spieler ab. Er war es, der im Zentrum die Fäden in der Hand hielt und mit einer unglaublichen Sicherheit Angriffe initiierte.

Tragende Stützen wie Manu Trigueros oder Bruno Soriano finden im Mittelfeld nicht mehr zu ihrer alten Form und auch Rodri-Nachfolger Santiago Cáseres kommt nach einer Knieverletzung nicht mehr an seine durchaus vielversprechenden Leistungen aus der Hinrunde heran.

In der Offensive ruhen die Hoffnungen vor allem auf drei Säulen: Santi Cazorla und Pablo Fornals, die für die kreativen Momente zuständig sind (jeweils drei Key Passes pro Partie). Am Ende der Pässe steht meist Karl Toko Ekambi, den man im Sommer für schlanke 18 Mio. Euro aus Angers holte.

Der Franzose traf bereits 12-mal in dieser Saison und kann als reiner Strafraumstürmer bezeichnet werden. Zusammen mit Carlos Bacca, der ein sehr guter Support-Stürmer ist, bildet er einen soliden Zweiersturm.

Nichtsdestotrotz tut sich Villarreal schwer Torchancen, die aus dem Spiel heraus entstehen zu verwerten. Gut 60% ihrer Treffer erzielen sie laut InStat.com aus Kombinationen heraus.

In der aktuellen Saison resultierten 3,9 Schüsse aus ihren 29 Angriffen, die über den linken Flügel starteten. Durch das Zentrum waren sie mit 3,2 Schüssen aus 20 Angriffen noch effizienter.
Im Ballbesitz bemühen sie sich um eine stabile Zirkulation, streuen viele anlockende kurze Kombinationen mit anschließenden Verlagerungen ein.

In den Halbräumen bzw. am Flügel sollen dann Spieler wie Fornals oder Chukwueze in Szene gesetzt werden. Auch Santi Cazorla zeigte sich in dieser Saison torgefährlich, wenn er über den linken Flügel kam.

Zur durchaus guten Ballzirkulation Villarreals gehört aber auch, dass sie ihre Angriffe schwach absichern bzw. durch die geplanten Verlagerungen zeitweise sehr gestreckt stehen. Ballverluste sind hier tödlich, da meist nur ein bis zwei Spieler aktiv ins Gegenpressing gehen können.

Zeitgleich müssen die Innenverteidiger viel Raum covern, was Funes Mori, Víctor Ruiz & Co. Teilweise gut machten.


Um dem entgegenzuwirken ließ Trainer Javier Calleja seit seinem erneuten Amtsantritt Ende Januar mit einer Dreierkette spielen. Calleja war bereits zuvor Trainer der Submarinos, ehe er von Luis García abgelöst wurde. Dieser war allerdings nur sieben Wochen im Amt.

Villarreals Präsident Florentino Roig holte prompt den Vorgänger Garcías zurück ins Ceramica. Ein Prozedere, das in der letzten Zeit häufiger mal vorkam. Nachzufragen in Monaco.

Das Dreierkettensystem scheint dem Team mehr Stabilität gegen Konter gegeben zu haben. Auf der linken Halbposition spielt mit Mario Gaspar ein interessanter Mann. Der gelernte Rechtsverteidiger hat nicht mehr die Ausdauer sein dynamisches Spiel wie noch einige Jahre zuvor über 90 Minuten zu interpretieren.

Als Halbverteidiger bringt er die nötige Schnelligkeit mit, um Konter abzufangen und gegebenenfalls selbst den Weg nach vorn zu suchen.

Nichtsdestotrotz kassieren die Submarinos nach wie vor zu viele leicht vermeidbare Treffer, vor allem nach Standards. 33% ihrer Gegentreffer kassierten sie in dieser Spielzeit auf diese Weise. Dabei fällt auf, dass sie gerade am zweiten Pfosten sehr anfällig sind. 24% aller gegnerischen Flanken finden in dieser Zone laut InStat ihren Empfänger.

Es grüßen die alten Geister

Wohin geht es also für Villarreal in dieser Saison? Vor gut sechs Jahren standen sie vor einer ähnlichen Situation wie heute. Der Verein hatte damals großartige Spieler wie Marcos Senna, Cani, Giuseppe Rossi oder Borja Valero. Und trotzdem kam der tiefe Fall.

Man verlor seine eigene Identität und hatte drei verschiedene Trainer während der Spielzeit. Am letzten Spieltag ging es hinunter in die Segunda División.

Die heutige Situation ist eine andere. Aus den Fehlern der Vergangenheit hat man gelernt. Nicht Viele im Clubumfeld sagen, dass der Abstieg sogar etwas Gutes mit sich brachte, da ein Neustart möglich war.

Doch auch in diesem Jahr gibt es einige Parallelen zur Saison 2011/12. Man hat wieder fantastische Spieler wie Cazorla, Gaspar, Fornals und Bacca im Team und Villarreal ist einer von sechs Vereinen in La Liga, die mehr als 100 Mio. Euro Transferbudget zur Verfügung haben.

Anfang März hat man 23 Punkte auf dem Konto. In der Abstiegssaison waren es am Ende 41 Punkte. Der erneute Trainerwechsel scheint Villarreal gut getan zu haben, man ist auf bestem Wege ins Viertelfinale der Europa League vorzustoßen.

Mitte Februar hat sich mit dem Sieg über Sevilla etwas Luft verschafft, ist aufgrund der Niederlagen gegen Atlético und Alavés aber keineswegs in sicheren Gefilden.

Starten sie jetzt eine kleine Serie, können sie ganz schnell wieder aus dem Tabellenkeller herauskommen, schließlich liegen Freud und Leid in La Liga derzeit eng beieinander. Nur elf Punkte trennen den Europa-League-Platz vom ersten Abstiegsplatz.

Villarreal ist nach wie vor ein besonderer Verein mit besonderen Fans und einem besonderen Stadion. Es bleibt zu hoffen, dass sie noch die Kurve bekommen

Danke an InStat.com für die zur Verfügung gestellten Daten und Videos.

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Written by Sascha
Ist für Taktikanalysen, Scoutingberichte und schlechte Wortspiele zuständig. Eigene Grammatik ist so ausbaufähig wie Swanseas letztjährige Tabellenplatzierung – und entsprechend ist hier keine Aussicht auf Besserung.