Von Kriegserklärungen und Pokalsensationen

In meiner Reihe möchte ich euch die Fußballvereine Schottlands vorstellen, abseits von dem auch international bekannten ,,Old Firm“, Celtic und Rangers. Dies wird eine lange Reihe werden, handelt es sich dabei doch um nicht weniger als 40 Vereine in den ersten vier Ligen der Scottish Professional Football League (SPFL). Wo also beginnt man eine solch große Aufgabe? Darüber habe ich lange nachgedacht und ich bin am Ende zu dem vielleicht ungewöhnlichsten Entschluss gekommen: Ich beginne mit einem englischen Verein. Englisch, na ja, das ist eigentlich auch nicht ganz richtig, denn ich meine hier die Berwick Rangers aus dem schönen Berwick-upon-Tweed. Ihr mögt zwar noch nie von Berwick gehört haben, doch hat die Stadt im Nordosten Englands eine wichtige Rolle in der Geschichte Großbritanniens eingenommen. Zwischen 1250 und 1500 wechselte Berwick nicht weniger als 14 Mal den Besitzer und wurde mehrmals von beiden Seiten – Schotten und Engländern – belagert, beschossen und ausgeraubt. Als die Engländer Berwick am Ende endlich für sich gesichert hatten, hatte es seine Bedeutung als bedeutendster Hafen der britischen Ostküste schon so gut wie verloren, und bis heute ist die Bevölkerung von 12 000 Menschen im Vergleich zum Mittelalter kaum noch gewachsen. Allein seine mächtigen, gut erhaltenen Stadtmauern, die historischen Brücken und die in der Nähe gelegenen Burgen und Klöster erinnern noch an seine glorreiche Vergangenheit. Und diese sind auch noch bitter notwendig, schließlich befindet sich Berwick-upon-Tweed bis heute im Kriegszustand mit Russland! Ob es sich bei dieser Anekdote um einen tatsächlichen diplomatischen Fauxpas handelt oder doch nur um eine überzeugend konstruierte moderne Legende sei dahingestellt, aber ich will sie dennoch kurz erläutern.

Zwischen 1853 und 1856 fochten das russische Zarenreich auf der einen und Großbritannien, Frankreich, das Osmanische Reich und Piemont (der Vorgängerstaat Italiens) auf der anderen den so genannten Krimkrieg aus. Dieser ist aus einer ganzen Reihe von Gründen bedeutend, doch interessiert hier nur die Unterschrift der damaligen britischen Herrscherin Queen Victoria (1819-1901) unter der Kriegserklärung: ,, Victoria, Queen of Great Britain, Ireland, Berwick-upon-Tweed and all British Dominions“. Und da der Friedensvertrag später ohne Erwähnung Berwicks geschlossen wurde, ist der Krieg mit Putins Russland- theoretisch- noch immer nicht vorbei. Tatsächlich handelte es sich dabei auch um keinen Einzelfall, noch bis in die 1970er Jahre galt Berwick nicht als wirklicher Teil Englands, sondern musste wie Nordirland (,,The United Kingdom of Great Britain and Northern Ireland“) bei offiziellen Anlässen extra aufgeführt werden (wobei das aus pragmatischen Gründen dennoch meistens nicht geschah). Dies behaupten zumindest die Einwohner und Historiker Berwicks, aber im Großen und Ganzen stimmt die Geschichte auf jeden Fall. Nun habe ich bisher viel über britische Geschichte gesprochen und weniger über Fußball – und noch weniger über Schottland – doch wer den britischen und schottischen Fußball mit seiner Kultur und seinem Wesen wirklich verstehen will, sollte auch für die Geschichte und Kultur Großbritanniens und hier insbesondere Schottlands offen sein.

 

Tatsächlich dürfte das Konzept den Lesern der von mir sehr geschätzten 11Freunde wohlbekannt sein, das sich selbst als ,,Magazin für Fußballkultur“ bezeichnet, und an dieses Vorbild will ich mich anschließen.

Nun mögt ihr dennoch noch immer verwundert sein, warum diese Reihe mit Berwick-upon-Tweed und den famosen Berwick Rangers beginnt, die ja schließlich trotz allem doch ein englischer Fußballvereine sind, schließlich gehörte die Stadt bei der Gründung des Vereins im Jahr 1884 schon lange nicht mehr zu Schottland. Der Grund dafür ist ganz einfach – die Rangers spielten bereits seit Beginn des 20. Jahrhunderts im schottischen Ligensystem mit. Die Grenze zum nördlichen Nachbarn liegt nicht einmal 4 km nordwestlich der Hafenstadt, während sich die nächste größere Stadt in England, Newcastle, über 100km weiter südlich die Ostküste herunter befindet. Noch heute zeigt ein Blick auf die Karte schnell, dass Berwick einmal zu Schottland gehörte, ist es doch mit Abstand die nördlichste Ortschaft Englands, während die anglo-schottische Grenze an der Westküste fast 100km weiter südlich verläuft. Gegründet wurden die Rangers dort nach neuesten Funden zu Beginn des Jahres 1884 und am 16. Februar dieses Jahres bestritten sie ihr erstes Spiel gegen den inzwischen nicht mehr existenten Ortsrivalen ,,Royal Oaks“. Und ich zitiere aus der historischen Quelle: ,, ‚a win for the Rangers by one goal and „two tries“ to nil.“‘ (Ein Sieg für die Rangers mit einem Tor und zwei Versuchen zu Null). Wer es nicht weiß: Bei einem ,,Versuch“ handelt es sich heutzutage um das Ziel des Spiels Rugby Union, bei dem ein Spieler den Ball hinter der gegnerischen Mallinie auf den Rasen drückt. Rugby ist hier nicht mein Thema, aber das Zitat zeigt, wie unklar damals noch die Spielregeln des Fußballs waren.

 

In den ersten Jahrzehnten spielten die ,,Wee Rangers“ (Die kleinen Rangers, im Gegensatz zu bekannteren Vereinen mit dem gleichen Namenszusatz) in einer Borders League und später in verschiedenen schottischen Regionalligen. Aufgrund finanzieller Probleme, die leider bis heute ein Markenzeichen des Vereins geblieben sind, gelang erst 1954 die Errichtung eines eigenen Stadions, des Shielfield Parks, der bis heute die Heimstätte der Rangers geblieben ist und 4500 Zuschauern Platz bietet.

 

Nicht nur aufgrund dem Bau des Stadions, sondern auch aufgrund der sportlichen Erfolge war 1954 eines der glorreichsten Jahre in der Geschichte der Berwick Rangers. Im schottischen Pokal fegten die Mannen aus dem Grenzland den glorreichen Dundee FC, der wenige Jahre später dem 1. FC Köln acht Stück in einem Europapokalspiel einschenken sollte (bis heute die höchste europäische Niederlage einer deutschen Mannschaft), mit 3:0 vom Rasen. Im Viertelfinale unterlag man dann den ,,großen“ Rangers aus Glasgow, doch trat man am Saisonende endlich der Scottish Football League bei und durfte in der zweiten Liga antreten. Obwohl man in der Liga in den folgenden Jahren nie etwas mit dem Aufstieg zu tun hatte, gelang 1964 das Erreichen des Halbfinals des schottischen Ligapokals, wohl der größte Erfolg der Vereinsgeschichte. Dort unterlag man erneut den Rangers, die wenig später dann durch einen Reformvorschlag für das schottische Ligensystem sogar versuchten, die Berwick Rangers aus der Scottish Football League auszuschließen und wieder in den Amateurbereich zu verbannen. Erst als sich Celtic, der große Rivale der Rangers, auf die Seite des kleinen Berwick schlug, wurde der Vorschlag schließlich fallen gelassen. Aber damit nicht genug, die Rache der Borderers sollte kommen. In der Saison 1966/67 errang Berwick zunächst den höchsten Sieg der Vereinsgeschichte, als man bei Vale of Leithen in den schottischen Borders einen einmaligen 8:1- Erfolg einfuhr. In der zweiten Pokalrunde wurde dann Forfar Athletic mit 2:0 nach Hause geschickt, bevor das Schicksal die Weichen für ein denkwürdiges Spiel stellte: Die Rangers aus Glasgow wurden den Rangers aus Berwick zugelost. Berwick siegte im letzten Ligaspiel vor dem Duell mit 2:0 gegen Third Lanark, während die Glasgower Rangers einen 1:0- Sieg in Falkirk einfuhren. Der Verein aus Ibrox belegte zu dieser Zeit den zweiten Platz in der damals 18 Mannschaften zählenden ersten Liga und trat am 28. Januar 1967 mit neun Nationalspieler beim Zehnten der zweiten Liga an.

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Nicht weniger als 13 365 Zuschauer – mehr als die gesamte Einwohnerzahl Berwick-upon-Tweeds – drängt sich an jenem Tag in den Shielfield Park. Das Spiel nahm zunächst den erwarteten Verlauf, allein in der ersten halben Stunde holten die Gäste sage und schreibe 10 Eckbälle heraus. Doch in der 32. Minute war es dann soweit: Der Ball wurde zu Berwicks Sammy Reid gepasst, der direkt abzog und während Norrie Martin im Tor der Rangers dem Ball noch hinterher sprang, knallter dieser an den Innenpfosten und von dort ins Tor. Der Jubel war unbeschreiblich, und er wurde noch größer, als die Gastgeber den Vorsprung tatsächlich über die Zeit brachten und mit 1:0 triumphierten. Jock Wallace, der Torhüter der Wee Rangers, der in der gleichen Saison bereits im englischen UND walisischen Pokal gespielt hatte, verlor während der zweiten Halbzeit seine Kontaktlinsen und behauptete später, Berwick hätte auch mit 3:0 gewinnen können bei all den Chancen. Tatsächlich spielten sich die Gastgeber in der zweiten Halbzeit noch weitere hochkarätige Möglichkeiten gegen die geschockten Favoriten heraus, doch gereichte ihnen Reids Tor am Ende zum Weiterkommen. Der sensationelle Erfolg wurde nur leicht getrübt, als das Auto des Vereinspräsidenten Dr. James Sadler später am Abend ausgerechnet von einem Rangers-Fan mit dessen Fahrzeug gerammt wurde – der Präsident hatte sich nur leicht verletzt. Für die Spieler der Gäste hatte das Geschehene weitaus schlimmere Konsequenzen: Es war das erste Mal seit über 30 Jahren, dass die ,,Bears“ in der 1. Pokalrunde gescheiter waren, und das allererste Mal, dass sie von einem Zweitligisten besiegt worden waren. Mehrere prominente Spieler mussten den Verein in der Folge verlassen, während die Berwick Rangers über Nacht in aller Munde waren.

 

In der nächsten Pokalrunde ging es dann für die Berwick Rangers nach Edinburgh, wo sie Hibernian schlussendlich mit 0-1 unterlagen, obwohl Jock Wallace einen Elfmeter pariert hatte. Dennoch darf die Leistung vom 28. Januar 1967 nicht unterschätzt werden – in der gleichen Saison noch erreichten die Glasgow Rangers das Finale des Europapokals der Pokalsieger, wo sie den Bayern ebenfalls mit 0:1 unterlagen. Jock Wallace wurde übrigens später Trainer der Hearts und dann 1972 Trainer der großen Rangers. Damit nicht genug, Dave Smith, der an diesem denkwürdigen Tag für die Glasgower gespielt hatte, wurde 1976 zum Trainer der Berwick Rangers ernannt. Anfang 1978 trafen dann beide Vereine noch einmal aufeinander, mit Wallace und Smith auf der jeweils anderen Seite als damals und dieses Mal setzte sich der Favorit mit 4:2 durch.

Smith führte die Berwick Rangers dann im Jahr darauf sensationell zum Titel in der Zweiten Liga, doch ging es danach schnell abwärts und 88/89 wurde nur knapp die Insolvenz vermieden – der Verein war so pleite, dass er nicht einmal mehr im eigenen Stadion antreten durfte! Gerettet wurde der Verein auch von Trainerlegende Jim Jefferies, für den Berwick der Beginn einer in Schottland äußerst bekannten Karriere wurde. In Berwick arbeitete er erstmals mit seinem langjährigen Co-Trainer Billy Brown zusammen und stellte den Verteidiger John Hughes (heute Trainer von Inverness) in den Sturm- das fast tote Berwick wurde schließlich finanziell gerettet und blieb auf dem Platz 21 Spiele in Folge ungeschlagen. Nach einer weiteren Fastpleite 1994 und der Umstrukturierung der schottischen Ligen zu mehreren Wettbewerben mit weniger Teilnehmern fanden sich die Berwick Rangers dann aber Ende der 90er Jahre doch in der Viertklassigkeit wieder. Von 2000 bis 2005 spielte der Verein noch einmal drittklassig, doch musste man sich seitdem mit der vierten Liga zufrieden geben. 2007/2008 wurden die wee Rangers sogar Letzter und kassierten 101 Tore, doch aufgrund der abgeschlossenen Organisation der Scottish Football League nach unten gab es dennoch keinen Abstieg zu betrauern.

 

Und trotz dieser Negativentwicklung in den letzten 20, 30 Jahren durften auch die treuen Fans der Männer aus Berwick noch einmal einen national beachteten Erfolg erleben: Im Jahr 2012 gingen die Glasgow Rangers bekanntlich pleite und wurden liquidiert. Der Verein wurde sofort neu gegründet, musste schließlich aber von ganz unten, also in der vierten Liga, wieder anfangen. Am 26. August 2012 trafen sie in ihrem ersten Ligaspiel in England jemals erneut auf die Wee Rangers. Vor 4140 Zuschauern erzielte Fraser McLaren, eigentlich Fan der großen Rangers, in der 62. Minute den sensationellen Ausgleich zum 1:1 und vergab kurz darauf sogar die riesige Chance zum Sieg. Noch einmal sprach jeder über die Berwick Rangers, und die dunklen Tage der Saison 200/2008 gerieten wieder in Vergessenheit. Damals, 07/08, verloren die Borderers übrigens auch mit 2:9 in Peterhead. Das bringt uns zum nächsten Teil meiner Reihe, in dem es auch noch um Berwick gehen wird, aber nicht mehr heute.

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