Wenn sich eine Legende selbst zerstört – Steven Gerrard

Gerrard

In den letzten Jahren verließen viele Stars die große Bühne: Oliver Kahn, Gennaro Gattuso, Ryan Giggs,… Sie alle spielten über viele Jahre hinweg bei einem großen Verein, feierten große Erfolge und schrieben sich für immer in die Geschichtsbücher ihres Vereins ein. Dann gibt es noch Spieler, die ihre Klubs verließen und sich damit ihren Legendenstatus zerstörten.

Kaká wechselte 2009 zu Real Madrid, Monate zuvor verkündete er von seinem Balkon aus dass er Milan nie verlassen werde. Von 2013 bis 2014 spielte er erneut bei Milan, aber sein Status bei den Mailändern war – nicht nur aufgrund seiner Leistungen – nicht mehr der gleiche wie zuvor.

Oder Frank Lampard, dessen Vertrag bei Chelsea nach 13 Saisonen nicht mehr verlängert wurde, woraufhin er in die MLS wechselte und dann an Manchester City, einem direkten Konkurrenten von Chelsea, verliehen wurde. Lampard, die Personifikation der Blues, brach mit diesem Wechsel vielen Fans das Herz. Und dann gibt es zum Beispiel noch den Fall „Michael Owen“, der von Liverpool zu Real Madrid wechselte und nach Jahren der Verletzungen schließlich bei Manchester United, einem der größten Rivalen Liverpools, landete. Auch er wurde stark kritisiert und noch heute für seinen Vereinswechsel gehasst. Der Eigenbauspieler Liverpools wurde von einer angehenden Legende zum wahrscheinlich meistverachteten Spieler Englands.

Aber im Falle Liverpools hatte man ja nicht nur mit Michael Owen einen Spieler von Weltklasseformat, sondern auch noch Steven Gerrard. Während sich der Stürmer mit seinem Wechsel sein Image für immer versaute, hielt der Mittelfeldspieler den Reds die Treue. „Steven Gerrard ist anders, der bleibt seinem Verein treu und gibt immer alles.“ So oder ähnlich argumentierten Liverpool-Fans nach dem Abgang ihres Starstürmers. Und tatsächlich, Steven Gerrard ist anders. Er kam nur rund zehn Kilometer vom Stadtzentrum entfernt auf die Welt, wuchs in einer bescheidenen Gegend mit seiner Familie auf und jedes Wochenende war Fußball angesagt, genauer gesagt: Der Liverpool FC. Sein Vater war schon verrückt nach den Reds, die Leidenschaft wurde somit gleich weitergegeben. Bereits im Alter von acht Jahren war er auf der Liste der Reds, wenig später folgte sein Wechsel in die U10 Liverpools.

Doch die Freude wurde getrübt, als sein zehnjähriger Cousin Jon-Paul bei der Hillsborough-Katastrophe 1989 ums Leben kam. Wie der ganze Verein, rückten auch die Gerrards näher zusammen. Der FC Liverpool war von nun an mehr als nur ein Verein für die Familie. Womöglich ist das auch der Grund weshalb der Kapitän der Reds stets alles gibt, dem Verein die Treue hält und trotz vieler Angebote bisher nie die Anfield Road verließ … Bis zum 2. Januar 2015, als Steven Gerrard bekanntgab, dass er seine Karriere nicht bei den Reds, sondern bei LA Galaxy ausklingen lassen werde. Gerrards Entscheidung traf bei vielen auf Unverständnis, meiner Ansicht nach ist es jedoch der richtige Schritt.

Über Jahre hinweg lief bei den Reds nichts ohne Stevie G. Stars kamen und gingen: Torres, Kuyt, Suarez, Luis Garcia, Mascherano – alle wurden von Steven Gerrard angeführt, ohne die Leaderqualitäten des Achters wäre bei Liverpool vermutlich trotz all der Stars nur wenig gelaufen. Er ist ein Leader und weiß mit seinen Spielern umzugehen. Djibril Cissé, ehemaliger Stürmer bei Liverpool, sagte vor kurzem in einem Interview, dass der Mittelfeldspieler oft für den Trainer einsprang, um die Halbzeitreden zu halten. So auch beispielsweise im berühmten Champions League-Finale 2004/05, als Liverpool gegen Milan zur Halbzeit mit drei Toren hinten lag und dennoch die Champions League gewann. Erneut war Stevo der große Protagonist in einem Finale, wie es nur Disney hätte schreiben können, auch wenn Jerzy Dudek mit seinen parierten Elfmetern zum Finalhelden avancierte.

Aber auch in schwierigen Zeiten lief nichts ohne Gerrard. Während in der Nationalmannschaft nach Eriksson ein Umbruch stattfand und Spieler wie Rio Ferdinand, Frank Lampard, David Beckham und weitere nicht nominiert wurden, war die Streichung Gerrards nie ein Thema. Und das auch zurecht. Wirft man einen Blick auf seine letzten Jahre bei Liverpool, so erkannt man sofort, dass der Engländer bis auf die Saisonen 2010/11 und 2011/12, in denen er lange verletzt war, stets mehr als zehn Scorerpunkte machte. Logisch, dass jeder seiner bisherigen Trainer ein Team um den Achter der Reds aufbaute. Alles lief perfekt für den Liverpool-Spieler: für Fans war und ist er eine Identifikationsfigur, für Kinder ein Idol, die Trainer liebten ihn, die gegnerischen Spieler respektierten ihn, selbst andere Spieler nahmen ihn sich zum Vorbild. „Gerrard war zehn Jahre lang mein Vorbild und er ist einer der weltbesten Mittelfeldspieler. Er ist ein Beispiel dafür, wonach alle Mittelfeldspieler streben“, sagte beispielsweise Daniele de Rossi. Thierry Henry geht noch ein Stück weiter und beschreibt ihn als „der Liverpool FC“. Auch andere Spieler wie Francesco Totti, Ronaldinho und Zinedine Zidane huldigten dem Starspieler.

Nun scheint diese schier traumhafte Welt jedoch auseinander zu fallen. Ein jeder Profi baut im Alter ab, in Steven Gerrards Fall ist es aber weniger körperlicher Natur, auch wenn das natürlich auch noch hinzukommt, sondern viel mehr psychischer. Die vorige Saison war mit den Saisonen 2004/05 und 2008/09 die beste seiner Karriere. Zwar war Liverpool international nicht vertreten, aber bis auf vier verpasste Spiele lief national alles ideal für den Kapitän der Reds. Obwohl er in den ersten fünf Ligaspielen ohne Scorerpunkt blieb, konnte Steven Gerrard in den restlichen 29 Spielen der Saison 13 Tore erzielen und 15 Tore vorlegen. Zudem war der Verein auf bestem Wege, seinen ersten Meistertitel seit 1990 zu gewinnen. Steven Gerrard hätte sich unsterblich machen können, kaum ein anderer Spieler hat mit den Reds mehr gewonnen, einzig der Gewinn der Premier League fehlte noch, doch dieses Mal sollte es klappen. Nach so vielen Jahren des Scheiterns schienen plötzlich weltweit alle den Reds die Daumen zu drücken. Wohl kaum jemand kennt nicht die Rede von Steven Gerrard nach dem 2:3-Sieg gegen Norwich City. Mit Tränen in den Augen, seinen Armen fest um Simon Mignolet und Jon Flanagan, motivierte der Kapitän seine Spieler mit den Worten „We don’t let this slip. We go again. This does not fucking slip.“

Fast ein jeder war mitgerissen von diesen Bildern, bis auf die Chelsea-Fans drückte wohl fast ein jeder auf der Erdkugel den Reds die Daumen. Es war ein unglaubliches Spiel, die Stimmung an der Anfield Road atemberaubend. Die Fans wollten den Meistertitel, es war nach mehr als zwei Jahrzehnten wieder an der Zeit für einen Premier League-Titel. Aber in der Nachspielzeit der ersten Hälfte platzten die Träume.

Ausgerechnet Steven Gerrard, ausgerechnet dem Idol, dem Helden der letzten Jahre, passierte der Fehler aller Fehler als er durch einen Ausrutscher Demba Ba das Tor zum 0:1 vorlegte. Erstmals in seiner Karriere gab es richtigen Gegenwind. Aus der Legende Steven Gerrard wurde binnen Sekunden der Internetwitz des Jahres. In der zweiten Hälfte war der Engländer nichtwiederzuerkennen. Seine Passgenauigkeit sank von 94,6 % auf 84,2 %, seine gefährlichen langen Pässe aus Hälfte Eins kamen in der zweiten Hälfte meist nur sehr ungenau an den Mann. Das Spiel endete schließlich mit 0:2 für Chelsea, die Fans waren am Boden zerstört, aber für keinen war es wohl so schlimm wie für Steven Gerrard. Alles, was er sich in den letzten Jahren aufgebaut hatte, wurde binnen weniger Sekunden zerstört.

Der Titel schien schier unmöglich, doch mit einem Sieg gegen Norwich hätte man die Titelchance am Leben erhalten. Man sah wieder den alten Stevo am Feld, doch er war dennoch gezeichnet. Mit ernstem Gesicht führte er die Mannschaft aufs Feld, er wirkte angespannt. Gerrard gab alles, legte in den letzten beiden Spielen der Saison insgesamt vier Tore auf, doch am Ende waren die Niederlage gegen Chelsea und das Unentschieden gegen Crystal Palace zu viel. Platz Zwei, aus der Traum. Für Luis Suarez ist der Fall klar, an Stevos Stelle hätte seine Karriere beendet und dieses Missgeschick niemals verkraftet, wie er später in einem Interview sagte.

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Als wäre es nicht schon schlimm genug, dass man den größten Traum von sich und Millionen anderer durch ein Missgeschick zerstört hatte, wurde er auch noch damit verspottet. Das Internet ging über mit Bildern und Videos, in denen über den Engländer gelacht wurde. Nur Wochen später folgte auch noch die Weltmeisterschaft in Brasilien, bei der Gerrard als Kapitän mit den Three Lions das schlechteste Turnier seit 1958 spielte. Erneut war der Mittelfeldspieler einer der Hauptdarsteller in dem Drama, als er im Spiel gegen Uruguay den Ball per Kopf zu Luis Suarez verlängerte und dieser mit seinem Tor die Three Lions erlegte. Die spanische As empfand die Leistung des Mittelfeldspielers sogar als so schlecht, dass sie ihm nicht mal eine Note gab. Nach dem Turnier zog sich der 34-Jährige aus der Nationalmannschaft zurück, um sich auf Liverpool zu konzentrieren.

Aber anscheinend gingen die letzten Monate an ihm nicht spurlos vorbei. Während die Liverpool-Fans hinter ihrer Legende stehen, scheinen die gegnerischen Fans den Respekt vor dem Engländer verloren zu haben und reden nun lieber von Slippy G. als von Stevie G. Aber auch die Medien nehmen sich kein Blatt vor den Mund und zerreißen den Liverpool-Spieler. Es gleicht fast der „Verlorenen Ehre der Katharina Blum“ von Heinrich Böll, nur dass aus Steven Gerrard kein Mörder, sondern eine absoluter Witzfigur und Lachnummer gemacht wird. Täglich liest man von möglichen Ersatzmännern für Steven Gerrard. Der ehemalige Starspieler der Reds einfach abmontiert. So geht man nicht mit einer Vereinslegende um, die mehr als 700 Spiele für Liverpool absolvierte hat.

Der bald 35-Jährige hat körperlich in den letzten Jahren stark abgebaut und ist bis auf seine Leaderqualitäten, langen Pässe und Standards viel mehr eine Last für die Mannschaft. Stevo war immer das Herz der Mannschaft, Carra die Seele, doch mit dem Alter scheint nun nicht mehr der Kapitän die Mannschaft zu tragen, sondern sie ihn. Laut vielen Statistiken treten die Reds besser auf, wenn Stevo nicht am Feld steht. Das hat unter anderem auch mit der taktischen Ausrichtung der Reds zu tun: Der Spielstil von Brendan Rodgers kommt dem Engländer nicht zugute. Zwar brachte jeder Trainer einen Wandel für Gerrard mit sich, stets wurde eine Mannschaft rund um ihn aufgebaut, aber mit diesem scheint er nun Probleme zu haben. Während Steven Gerrard am Anfang seiner Karriere als Achter auftrat, avancierte er unter Rafa Benitez zur hängenden Spitze und zog in der Offensive die Fäden, nun unter Brendan Rodgers scheint Coutinho ihm als offensiven Mittelfeldspieler den Rang abgelaufen zu haben und seine Leistungen auf der defensiveren Position im Mittelfeld neben Henderson gleicht einem Trauerspiel. Seine Stellungsspiel kostet den Reds viele Gegentore, während er das früher durch seine eigenen Tore noch kompensieren konnte, muss Liverpool nun defensiv stabiler agieren – etwas das mit einer Aufstellung von Stevie G. als Sechser nur schwer möglich ist.

Mit dem schnellen, pressingorientierten System von Rodgers weiß Gerrard wenig anzufangen. Sechser werden beim Spielaufbau meist ausgelassen, wodurch der Mittelfeldspieler meist ineffektiv und schon fast nutzlos erscheint. Unter Rodgers spielen die Halbverteidiger meist direkt in die Spitze zu den Stürmern, flach und scharf in den Zwischenlinienraum. Dies macht sich bei einem Blick auf seine Leistungsdaten schnell bemerkbar: 24 Ligaspiele, sechs Tore und erst eine Vorlage (Stand: 19. April 2015). Der ehemals wichtige Passgeber der Reds muss sich nun hinten anstellen.

Gerrard steckt in einem Loch, aus dem er sich nicht mehr selber befreien kann, er braucht Entlastung und Support von den Fans. Support, den er vielleicht in den USA wiederfindet. „Es ist die härteste Entscheidung meines Lebens“, sagte der 34-Jährige nach der Verkündung seines Wechsels in die MLS, doch vielleicht fiel nur die Entscheidung den Schritt zu wagen schwer, denn der Schritt in die Major League Soccer könnte genau der richtige sein. Der Fußball erlebt einen Hype in den USA und Spieler wie Kaká, Henry und Villa werden vergöttert. Womöglich genau das, was der Engländer derzeit braucht.

Doch bis dahin ist noch ein langer Weg und die Gegenwart sieht anders aus. Liverpool hätte Stevo eigentlich gerne zu deutlich niedrigeren Konditionen behalten, doch der Engländer war nicht bereit, vielleicht sogar zu stolz, eine solche Kürzung hinzunehmen. Auch der Zeitpunkt der Verhandlungen war vom Verein schlecht gewählt und erst sehr spät. Liverpool weiß scheinbar nicht ganz mit der Situation umzugehen. Aber auch Gerrard.

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Das beste Beispiel wäre sein Auftritt gegen Manchester United. Ausgerechnet in so einem wichtigen Spiel wie gegen den großen Rivalen aus Manchester musste der Kapitän auf der Bank Platz nehmen. Der frustrierte Spieler kam ins Spiel, gab sofort Vollgas und wollte seinem Frust scheinbar freien Lauf lassen. Gerademal 48 Sekunden am Platz: zuerst ein überhartes Einsteigen gegen Mata und dann eine Tätlichkeit gegen Ander Herrera – dem 34-Jährigen scheint es gereicht zu haben. Vielleicht interpretiere ich da auch sehr viel hinein, womöglich war es auch nur die gute alte Leidenschaft des Stevie G. Zuerst die Niederlage, dann der Spott, dann die Kritik nach der Weltmeisterschaft, dann die Degradierung und Verbannung auf die Bank – eindeutig zu viel. Für jeden Profi.

Doch auch wenn England und die Medien nicht mehr hinter der England-Legende stehen, sein Legendenstatus in Liverpool bleibt für die Fans unumstritten, und das völlig zu Recht.

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