Torwarttitan, Ehrgeiz, „weiter, immer weiter“. Schlagworte, die allesamt mit Oliver Kahn in Verbindung gebracht werden. Kahn haftete zu seiner aktiven Zeit stets das Stigma an, ein überehrgeiziger Keeper zu sein, der auf der Linie herausragend war, aber mit dem Ball am Fuß seine Schwächen hatte. Ob dem so war, werden wir im Folgenden klären.

Um es vorab zu klären: Ich war in meiner Kindheit ein riesiger Verehrer Oliver Kahns und er war auch der Grund, weshalb ich damals selbst Torhüter geworden bin. Man möge es mir also verzeihen, sollte ich an der ein oder anderen Stelle ins nostalgische Schwärmen geraten.

 

Linientiger aus gutem Grund

Diese Verehrung ging stark einher mit der damaligen WM in Japan und Südkorea. Womöglich eine der besten Einzelleistungen eines Spielers während einer Weltmeisterschaft. Über den tragischen Ausgang und dessen Tragweite für Kahns Popularität in Asien müssen wir uns an dieser Stelle nicht unterhalten.

Wurde Manuel Neuer 2014 – völlig zurecht – für seine Leistungen bei der WM gefeiert, können Kahns Darbietungen noch einmal auf eine höhere Stufe gestellt werden. Das Viertelfinale gegen die USA dürfte eine der besten, wenn nicht sogar die beste Partie eines deutschen Nationalkeepers aller Zeiten gewesen sein. Drohbriefe nehme ich gerne im Kommentarbereich entgegen.

Auffällig ist, wie aufmerksam der ehemalige Bayern-Keeper in all seinen Aktionen war. Kahn schaltete nie ab, war mental stets auf der Höhe des Geschehens. Eine Stärke, auf die ich später noch zu sprechen komme.

Auf der Linie verband er seine Schnellkraft mit einer technisch sauberen Ausführung, die bis heute ihresgleichen sucht. Wirklich geschmeidig wurde er laut eigenen Angaben erst, nachdem er 1994 zum FC Bayern wechselte und dort auf einen gewissen Sepp Maier traf.

Kahn erzählt noch heute davon, wie er damals zum ersten Mal an Maiers Torwarttraining teilnahm und sich nach der Einheit kaum noch bewegen konnte. Maier habe aus dem „steifen Bock“ einen geschmeidigen Keeper machen wollen. Mit Erfolg, wie sich später herausstellte.

Der gebürtige Karlsruher gilt retrospektiv betrachtet gemeinhin als altmodischer Keeper, dessen Spiel spätestens 2006 nicht mehr zeitgemäß war. Das kann man durchaus so unterschreiben, jedoch dürfen die historischen fußballerischen Umstände in Deutschland nicht außer Acht gelassen werden.

In einer Zeit, in der sowohl die Nationalmannschaft als auch der FC Bayern defensiv abwartend agierten und knappe Siege eher die Regel als die Ausnahme waren. Zwar gab es um die Jahrtausendwende bereits einige spielstarke Keeper, die ihrer Zeit voraus waren (van der Saar, Buffon oder Higuita). Der Großteil der Torhüter war allerdings deutlich mehr auf das Linienspiel fokussiert.

Natürlich wäre es nett gewesen, hätte Kahn damals bessere fußballerische Fähigkeiten gehabt und noch öfter seinen Strafraum verlassen, um lange Bälle abzufangen. Vermutlich hätten seine Teams am Ende das ein oder andere Tor weniger kassiert.

Worauf ich hinaus will: Es wäre jedoch nicht zwingend notwendig gewesen, weil die Hauptaufgabe des Torhüters damals nicht der Spielaufbau oder das Abfangen von Bällen war, sondern das Verhindern von Torchancen auf der Linie.

 

Selbst mit 35 Jahren zählte Kahn noch zur Weltelite (Vgl. blaue Linie). Wie der Chart zu lesen ist, findet ihr hier.

Und hier konnte kaum einer Kahn das Wasser reichen. Insbesondere, als er Anfang der 2000er den Bayern regelmäßig im Alleingang Punkte sicherte. Leistungen in der Champions League gegen Real Madrid, als der Bayern-Schlussmann Raúl & Co. an den Rand der Verzweiflung trieb, waren nur die Spitze des Eisberges.

Seine Reflexe waren herausragend, ebenso sein blitzartiges Nachgehen auf Bälle, die er zuvor nicht weitgenug abwehren konnte. Dies war vielleicht eine der Stärken Kahns, die am ehesten unterschätzt wird. Selbst wenn er beim Parieren einen kleinen Fehler machte, setzte er sofort nach, indem er Bälle teils unkonventionell klärte.

Im Eins-gegen-Eins war er aufgrund seiner Geduld und seinem geschickten Verkürzen des Winkels ebenfalls enorm stark. Geduld insofern als dass er selten den ersten Schritt gemacht hat und den Stürmer zu einer Aktion zwang.

Sein Signature-Move, den „kahnschen Übergreifer“, bei dem er hohe seitliche Bälle mit der oberen Hand über die Querlatte lenkte, versuchen heute noch viele vergebens zu erlernen.

Beim Traumtor Giovanni van Bronckhorsts gegen Uruguay bei der WM 2010 sagte Kahn, angesprochen auf Musleras Chancenlosigkeit sinngemäß: „Das sind doch die Bälle auf die man als Torhüter Jahre lang hinarbeitet. Und mit den Fingerspitzen war er auch am Ball – dann kann er ihn auch halten.“ Ein klares Indiz für Kahns Denkweise und Selbstanspruch.

Für mich war Kahns beste Parade jedoch etwas unscheinbarer. Im Frühjahr 2004 gastierten die Dortmunder im Olympiastadion. Nach einem frühen 1:0 setzten die Borussen zum Gegenstoß an. Einen scharfen Ewerthon-Schuss „kratzte“ der Bayern-Keeper mit einem sensationellen Reflex aus der linken unteren Ecke.

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Aber die Liste lässt sich endlos fortsetzen. Heroische Paraden waren Kahns Spezialgebiet.

Seine Strafraumbeherrschung lässt sich mit „Wenn er herauskommt, krachts“ am ehesten beschreiben. Vielmehr war Kahn darauf bedacht, seinen unmittelbaren Torraum zu schützen und bei Ecken und Flanken vorrangig im Fünfmeterraum zu bleiben.

Verließ er diesen dann doch einmal, war er resolut und klärte Bälle in letzter Not. Nochmal: Das war für die damaligen fußballerischen Umstände durchaus Usus und aufgrund der tiefen bayrischen Verteidigungslinie durchaus sinnvoll.

In der heutigen Zeit kommt diese Spielweise am ehesten noch bei Jan Oblak und Atlético Madrid vor. Der Slowene funktioniert in diesem System hervorragend und Trainer Simeone braucht für sein Team vermutlich genau so einen Typus. Ein Keeper, der auf der Linie weniger gut ist, dafür aber großartige fußballerische Fähigkeiten hätte, wäre in diesem Kontext sogar schädlich.

 

Mentalitätsspieler

Kahn war jedoch immer ein Spieler, der sich und seiner Art treu geblieben ist, ohne sich Neuem zu verschließen.

Die Weltmeisterschaft 2002 war Kahns einzige WM, in der er als Stammtorwart in Turnier ging. Bei der WM 1994 und 1998 sowie der EM 1996 war er noch Bankdrücker. Das EM-Debakel 2000 stellte sein Debüt als erster Torwart dar – mit 29 Jahren.

Er selbst sprach einmal davon, dass er nie verstehen konnte, wie talentiertere Konkurrenten den großen Sprung letztlich nie schafften. Laut eigenen Aussagen war Kahn nie der talentierteste Fußballer. Sein unheimlicher Ehrgeiz und unbedingter Siegeswille waren für ihn in vielen Phasen seiner Karriere stets Katalysator für etwas Großes.

So etwa der Golfballwurf von Freiburg. Jeder andere Spieler wäre liegengeblieben, hätte das Spiel abgebrochen und ein bisschen Theatralik eingebaut. Kahn musste sogar noch von Uli Hoeneß eingebremst werden, nicht auf die Tribüne zu rennen und den Werfer höchstpersönlich aufzufressen.

In engen Partien war es stets der Torwart-Titan, der einen kühlen Kopf bewahrte und seine Mannschaft gegebenenfalls wachrüttelte. Einerseits durch Paraden, aber auch durch Interaktionen mit Gegenspielern. Und da reden wir nicht über Knabbereien mit Heiko Herrlich.

Selbst als er Thomas Brdaric einst ins Genick packte, war das eher als ein Wachrüttler für die Mannschaft gedacht denn als ein ein überaggressives Handeln. Man muss immer bedenken, dass Torhüter nur bedingt direkt auf das Spiel eingreifen können, da sie im Spiel nicht so viele direkte Aktionen haben wie zum Beispiel Abwehrspieler.

Der dreimalige Welttorhüter hatte ein sehr gutes Gespür für solche Momente, in denen ein Ruck durch die Mannschaft gehen musste. Legendär die Schlussphase in seiner letzten Saison, als man im UEFA-Cup gegen Getafe im Grunde schon ausgeschieden war.

Kahn peitschte seine Mannen voran und die Bayern erzielten in der 115. und 120. Minute die entscheidenden Treffer. Beim Jubeln brach der Titan Mark van Bommel das Nasenbein.

2001 wollte er im ereignisreichen Saisonfinale gegen Hamburg den letzten Freistoß gar selbst schießen. Teamkollege Effenberg konnte ihm diese Idee gerade noch aus dem Kopf schlagen.

 

Nachwirken

Die letzte Anekdote zeigt sehr gut, was Kahn alles getan hätte, um erfolgreich zu sein. Vermutlich war er auch der einzige der nach dem Treffer durch Sergej Barbarez damals noch an die Meisterschaft der Bayern glaubte – weiter, immer weiter.

Um ihn entstand über die Jahre eine gewisse Aura, die nach der WM 2002 vielleicht ihren Höhepunkt hatte. Er galt als Krieger, für den Zweifeln bereits der erste Schritt zur Niederlage bedeutet.

Auch bedingt durch die spektakulären Leistungen zwischen 2001 und 2002 mit drei gehaltenen Elfmetern im Champions League Finale („Kaaaaahn! Die Bayern!“) und einer fantastischen Weltmeisterschaft samt tragischem Ende.

In jenem Turnier war es auch Kahn, der, selbst als die gesamte Mannschaft nach dem wichtigen Gruppensieg gegen Kamerun feierte, stoisch „nur der Titel zählt“ in die Kamera knurrte.

Einer der letzten Torhüter, der sein Trikot noch in der Hose hatte: Oliver Kahn. Photo by Tsutomu Takasu cc-by-sa3.0

Erst gegen Ende seiner Karriere wurde Kahn scheinbar etwas lockerer. Man sah ihn hin und wieder sogar lachen! Wobei er auch vorher einmal lachte. Als er 2001 beim 3:2 gegen Hansa Rostock kurz vor Abpfiff bei einem Standard mit in den Strafraum ging und den Ball mit beiden Fäusten im Tor versenkte. Sein Kommentar: „Ich dachte, im Strafraum darf der Torhüter den Ball mit der Hand berühren?“

In der breiten Masse wurde Kahn insbesondere durch sein Verhalten bei der WM 2006 mit anderen Augen gesehen. Er war nicht mehr der überehrgeizige Sportler, der Chapuisat in Kung-Fu-Manier anspringt oder dessen Gesichtszüge sich zu einer Faust ballten, nachdem er einen Gegentreffer kassiert hat.

In Niederlagen und auch Siegen zeigte er vermutlich noch mehr Klasse als jeder andere Fußballer. Bezeichnend dafür Kahns Reaktion nach dem gewonnenen Champions-League-Finale 2001. Anstatt ausgiebig mit seiner Mannschaft zu jubeln, tröstete er Valencia-Keeper Santiago Cañizares, der im damaligen Finale selbst drei Elfmeter hielt.

Fernab von jeglichem Ehrgeiz und seiner Verbissenheit war Kahn vor allem eines: ein großer Sportsmann.

Diesen extremen Ehrgeiz kann man schlecht finden, jedoch darf man nie vergessen, dass dieser Wille und Fokus aufs Gewinnen Grundlage für Kahns erfolgreiche Karriere gewesen ist. Dieses „weiter, immer weiter“ war Voraussetzung dafür, da er wie er selbst stets betonte, nie der talentierteste Fußballer war.

Mittlerweile gibt sich Kahn als TV-Experte an der Seite von Oliver Welke locker flockig. Eine Seite, die man aus der Ferne erst später mitbekam.

Laut Sepp Maier ist der ehemalige Welttorhüter noch immer ehrgeizig, wenn sich beide zum gemeinsamen Golfen treffen. So ganz kann er es doch nicht sein lassen.

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Written by Sascha
Ist für Taktikanalysen, Scoutingberichte und schlechte Wortspiele zuständig. Eigene Grammatik ist so ausbaufähig wie Swanseas letztjährige Tabellenplatzierung – und entsprechend ist hier keine Aussicht auf Besserung.