Ein Franzose, der fußballerisch ein Spanier ist und als Erwachsener nie in Frankreich spielte, ist einer der Stars in der mit vielen großartigen Fußballern gespickten französischen Nationalmannschaft: Antoine Griezmann.

Der Stürmer von Atlético Madrid ist ein wahrhaft „international“ geprägter Bursche: Sein Vater Alain entstammt einer deutschen Familie aus Münster (deshalb auch der deutsch klingende Nachname), seine Mutter Isabelle ist die Tochter des portugiesischen Fußballers Amaro Lopes. Und seinen Fußball lernte er in Spanien. Sein erster Profitrainer war, wie sein Kapitän und Mitspieler (und Taufpate seines Kindes) Diego Godin, aus Uruguay, was deutliche Spuren hinterließ. Man sieht ihn öfter Mate schlürfend wie einen Südamerikaner herumlaufen.

Geboren und aufgewachsen ist Antoine in dem kleinen Städtchen Mâcon, 65 km nördlich von Lyon. Bis ins heutzutage „hohe“ Jugendalter von 14 Jahren kickte er auch dort. Denn den Scouts der größeren französischen Vereine, die natürlich durch das Land touren und schon viel jüngere Jahrgänge beobachten, war der junge Antoine stets zu klein und schmächtig gewesen.

Als er mit 14 ein Testspiel für Montpellier absolvierte, saßen Talentscouts von Real Sociedad aus San Sebastian auf der Tribüne und griffen sofort zu. Sie überzeugten seine Eltern und der junge Antoine wechselte in die Jugendakademie von La Real nach San Sebastian. Dort durchlief er alle höheren Jugendmannschaften und bereits mit 18, im Herbst 2009, berief ihn der uruguayische Trainer Martín Lasarte in die erste Mannschaft des damaligen Zweitligisten Real Sociedad.

Zu deren Aufstieg in die Primera Division steuerte Griezmann in seiner ersten Profisaison in 39 Spielen sechs Tore bei. Spätestens als Griezmann dann in der Folgesaison sein Debüt in der ersten Liga gab, ärgerten sich irgendwo in Frankreich diverse Talentscouts.

Fünf Spielzeiten verbrachte Griezmann bei La Real und wurde von Jahr zu Jahre besser. In 202 Spielen für San Sebastian war er an 70 Toren beteiligt. Logischerweise weckte das Begehrlichkeiten größerer Klubs. Für 30 Millionen Ablöse wechselte er im Sommer 2014 zu Atlético Madrid.


Griezmann im Madrid-Derby gegen Real. (Foto: DSanchez17/Wikimedia cc-by-sa3.0)

Der Wechsel zu Atléti stellte sich als gute Entscheidung heraus. Im System von Trainer „Cholo“ Simeone arbeitet bekanntlich die gesamte Mannschaft als defensives und offensives Gesamtwerk, für „ich bin der Starstürmer und bleibe vorne stehen“ gibt es bei Atléti keinen Platz.

Wer das nicht umgehend verinnerlicht, ist in kürzester Zeit wieder weg (man schlage nach bei Jackson Martinez oder Mario Mandzukic). Damit muss man als Neuzugang klar kommen; Griezmann schaffte das perfekt. Bereits in der ersten Saison stand er in 53 Pflichtspielen für die Rojiblanco auf dem Rasen und erzielte dabei 25 Tore.

In den vergangenen Jahren ist Griezmann bei Atléti zum unverzichtbaren Leistungsträger und einem „internationalen Superstar“ gereift. Bei Atléti spielt man zwar vorne mit, Titel gibt es aber nicht jedes Jahr. Da reichte es bisher „nur“ zur Copa Del Rey 2015 und zur Europa League 2018. Klar, dass es deshalb in jeder Transferperiode Gerüchte über Wechsel zu einem scheinbar (Manchester United) oder tatsächlich (FC Barcelona) noch „größerem“ Klub gibt.

Letztendlich entschied „Griezi“ sich jedesmal für Atléti, auch wenn das Theater darum von Jahr zu Jahr größer wurde. Griezmann trat von den Anfängen in San Sebastian an als öffentliche Fußball-Persönlichkeit bescheiden und freundlich auf, wechselnde Frisuren und ab und an ein exzentrischer Torjubel waren seine einzigen „Auffälligkeiten“.

Deshalb ließ das diesjährige wochenlange Theater um den Wechsel zu Barça mit dem seltsamen „Entscheidungs-Video“ als Abschluss mit Fremdschämpotenzial langjährige Beobachter seiner Karriere etwas ratlos zurück. „Cholo“ Simeone wird ihn wohl in der kommenden Saison wieder etwas „einfangen“ müssen.


 
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Was macht den Fußballer Antoine Griezmann aus? Er ist ein technisch perfekter Offensivallrounder mit einem unwiderstehlichen Tordrang, der sowohl als „echter“ und „hängender“ Neuner als auch auf beiden Außenpositionen eingesetzt werden kann. Neben seinem starken linken Fuß kann er durchaus auch den rechten benutzen.

Er kann beinhart aus der Distanz schießen, aber auch mit seinen außerordentlichen Fähigkeiten im Dribbling in den Strafraum eindringen und dann unter Attacke der Gegenspieler noch einen präzisen Pass absetzen. Als wäre das nicht genug, ist er mit seiner Körpergröße von 1,74 Meter auch noch kopfballstark.

Und setzt sich trotz seiner schmächtigen Erscheinung im Zweikampf offensiv gegen die furchteinflößendsten Abwehrkolosse durch und nimmt defensiv gegnerischen Sturmtanks den Ball ab. Denn er hat bei Atléti gelernt, sich perfekt in das taktische Gesamtsystem einzuordnen und defensiv mitzuarbeiten.

Griezmann gewinnt mittlerweile im Schnitt 40% seiner Defensivzweikämpfe und kann elegant grätschen. Das EL-Halbfinale gegen Arsenal vor ein paar Wochen war diesbezüglich eines seiner Meisterstücke: Atléti war bereits nach 10 Minuten in Unterzahl, Griezmann arbeitete wie ein Berserker mit den anderen Neun in der Defensive und hielt Arsenal vom eigenen Tor fern, um dann in der 82. Minute mit einem technisch anspruchsvollen Abschluss noch den wichtigen Ausgleich zu erzielen.

Fazit: Alles in allem ein nahezu perfekter moderner Spieler. Kein Wunder, dass in jeder Transferperiode interessierte Klubs vor der Tür stehen.


Antoine Griezmann und Remy Cabella im Spiel gegen Armenien. (Foto: Xavier Naltchayan/Wikimedia cc-by-sa3.0)

Kurz vor seinem Wechsel zu Atléti debütierte Griezmann in der französischen Nationalmannschaft und kam dort bis heute zu 58 Länderspieleinsätzen und erzielte dabei 22 Tore. Bei der WM ist er in Didier Deschamps‘ Starensemble als Stammspieler gesetzt, konnte sich aber in den bisherigen vier Spielen noch nicht wie gewohnt in Szene setzen. Bisher stehen „nur“ zwei Elfmetertore auf seinem Scorerkonto. Allerdings spielte die Équipe Tricolore insgesamt alles andere als überzeugend.

In der Achtelfinalschlacht gegen Argentinien überzeugte Griezmann zumindest in kämpferischer Hinsicht und hatte einige gute Offensivaktionen, die aber nicht mit einem Torerfolg belohnt wurden. Es wird höchste Zeit für „Griezis“ erstes Tor aus dem Spiel heraus.

Dieses gelang ihm gegen Uruguay – wenn auch äußerst glücklich durch Musleras Tormannpatzer. Zusammen mit der Vorlage für das entscheidende Tor im Halbfinale gegen Belgien häöt der Franzose aktuell bei 3 Toren und 2 Vorlagen bei dieser WM.

Dies war ein Gastbeitrag von Ralf Graf, der Ballreiter
Ralf Graf lebt in Karlsruhe und treibt sich auf den Fußballplätzen Badens herum. Er lernte als Kind des Niederrheins den Fußball auf dem Bökelberg kennen, betreibt das Fußballblog „der Ballreiter“ und hat seit seinem ersten Schottland-Besuch eine Leidenschaft für den schottischen Fußball…

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