Bei Cristiano Ronaldo weiß man meistens schon vom ersten Ballkontakt an, ob er an einem Spiel teilnimmt oder nicht. Natürlich – hat der extrovertierte Portugiese einmal den Ball berührt, steht er auch am Spielbericht und nimmt technisch gesehen an der Partie teil.

Davon ist hier allerdings nicht die Rede. Vielen aufmerksamen Beobachtern des mehrfachen Weltfußballers dürfte in den letzten Jahren aufgefallen sein, dass Ronaldo auf dem Platz zwei Gesichter hat.

Das des unermüdlichen Arbeiters und Motivationscoaches, der sich auch für Querpässe auf besser positionierte Spieler nicht zu schade ist. Und dann gibt es noch des Superstars zweites Antlitz: Jenes des divenhaften Torjägers, der nur auf Vorlagen seiner Mitspieler wartet, für den die ganze Welt häufig gegen ihn zu sein scheint und der sich sein Trikot ekstatisch nach einem – für den Spielausgang sinnlosen – Elfmeter vom gestählten Körper reißt.

Beide Ronaldos liefern Ergebnisse, schießen Tore. Das steht außer Frage. Bei 571 erzielten Treffern in 758 Karriere-Spielen ist es schließlich statistisch wahrscheinlicher, dass der Portugiese in einem Match trifft als nicht.

Doch nur einer der beiden Ronaldos ist ein Teamplayer, nimmt tatsächlich an einem Spiel teil und lauert nicht auf bereits für ihn kreierte Chancen. Gegen Spanien wussten versierte CR7-Beobachter vom ersten Ballkontakt an sofort: Der Mann ist heute in Stimmung. Der Mann will heute der ganzen Welt zeigen, dass seine Nation zu Recht amtierender Europameister und er – der Mann, der eigentlich nichts mehr zu beweisen hat – einer der größten Fußballer aller Zeiten ist.

Am Ende stand Ronaldo in seinem ersten Spiel der Fußball-WM in Russland als absoluter Matchwinner da: In einem 3:3 gegen Spanien erzielte er alle drei Treffer und zeigte sich mit 52 Ballberührungen (zweitbester Wert bei den Portugiesen) auffällig aktiv in der Ballzirkulation seiner Mannschaft. Den Elfmeter zur frühen Führung in der vierten Minute hatte er selbst mit einem geschickten Dribbling gegen seinen Real Madrid-Teamkollegen Nacho erarbeitet und verwandelt.

Cristiano Ronaldo im Trikot der portugiesischen Nationalmannschaft. (Foto: Ludovic Peron/Wikimedia cc-by-sa3.0)

Kurz vor der Pause wurde er durch einen mutigen Abschluss erneut belohnt – von David De Gea, dem spanischen Star-Torwart von Manchester United, welcher in einem verhängnisvollen Moment einfach falsch reagierte und den – eigentlich ungefährlichen – Schuss des 33-Jährigen nicht in seine Arme, sondern in die Maschen beförderte.

Selbst als die Spanier – angeführt von Ronaldos eigenen Teamkollegen bei den Königlichen – die Partie drehen konnten, glaubte Ronaldo an einen Triumph. Er ackerte seit seinem ersten Ballkontakt unermüdlich und sicherte seiner Nation durch einen seiner letzten den wichtigen Punkt im iberischen Duell.

In Minute 88 schlenzte der Portugiese das Leder mit der Breitseite über die Mauer und unhaltbar für Spaniens Nummer eins in den Winkel. Diesem Ausnahme-Treffer waren zahlreiche vergebene Freistöße in Folge vorangegangen. Dennoch glaubte Ronaldo an sich, trat zum Standard an und traf – ein guter erster Ballkontakt hat es möglich gemacht. Dieses Selbstvertrauen zeichnet ihn aus, doch es polarisiert auch.

Zu aufmerksam im Umgang mit seinem Haar, zu breitbeinig, zu fokussiert, zu aufgeblasen, zu divenhaft – die Motive der Ronaldo-Basher haben zumeist wenig mit Fußball zu tun und hängen häufig mit dem überzogenen Ego des amtierenden Weltfußballers zusammen.

Dieses half ihm jedoch, denn wie bei vielen Profis, war der Fußball auch in Ronaldos Fall ein Weg aus der Armut. Schon früh zeigte sich, dass das Spiel mit dem runden Leder Cristianos größte Leidenschaft war. Mit zwölf wechselte Cristiano Ronaldo dos Santos Aveiro dann vom Zwergverein auf einer Insel vor der Nordwestküste Afrikas – bei dem sein Vater als Zeugwart gearbeitet hatte – zu Sporting Lissabon, dem größten Fußballklub Portugals.


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Nach anfänglichen sprachlichen und kulturellen Eingewöhnungsproblemen in der Hauptstadt fand Ronaldo langsam in die Spur und aus dem „Crybaby“ von der Insel wurde der aufstrebendste Spieler der Talenteschmiede. Ehe im August 2003 sein Stern endgültig aufging – in einem grundsätzlich unwichtigen Freundschaftsspiel von Sporting mit Manchester United.

“Okay Jungs, nur noch eine Sache: Bei Sporting gibt es einen jungen Flügelspieler, auf den ihr aufpassen müsst. Passt auf ihn auf, denn er ist schnell und agil”, sagte Sir Alex Ferguson seiner Mannschaft vor der fast schon geschichtsträchtigen Partie. Der Coach der “Red Devils” sollte Recht behalten, denn Ronaldo machte mit 17 Jahren den Unterschied in diesem Match.

Diesen machte der Portugiese auch im zweiten WM-Spiel der Gruppe B: In einer unspektakulären Partie zwischen dem Europameister und Marokko war Ronaldo der einzige, der sich auf der Schützenliste wiederfinden sollte. Erneut brachte er seine Nation nach vier Minuten in Führung – eine Flanke von João Moutinho wuchtete die Nummer 7 aus kurzer Distanz ins Kreuzeck. Ein Treffer, der ihm den zweiten “Man of the Match”-Award im zweiten Gruppenspiel einbrachte. Erneut war seine erste Ballberührung eine gute gewesen.

Während die anderen Superstars im Turnier nicht überzeugen konnten, wurde Ronaldo bereits als Führender in der Torschützenliste zum WM-Helden gekürt. Während Langzeit-Rivale Lionel Messi mit Argentinien kurz vor dem frühen Ausscheiden stand und CR7s angeblicher Real-Nachfolger Neymar einen Schatten seiner selbst darstellte, hatte Ronaldo seine Nation im Herbst seiner Karriere quasi im Alleingang schon in die K.o.-Phase befördert. Es schien einfach seine WM zu werden.

Dann kam das letzte Gruppenspiel gegen den Iran, in dem es – im Fernduell mit Spanien – um den Gruppensieg ging. Ronaldos erster Ballkontakt war ein schlechter gewesen. Es folgte sein schwächstes Spiel bei diesem Turnier. Nachdem seine erste Berührung einen Fehlpass nach sich gezogen hatte, folgte direkt eine vergebene Chance aus aussichtsreicher Position und Ronaldo haderte schon mit sich und der Welt.


 

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Ausgerechnet er, der Mann, der schon so oft Verantwortung übernommen hatte, für Verein und Nation, vergab dann auch noch beim Stand von 0:1 einen Elfmeter. Mit dem 0:2 im Rücken hätte Portugal vermutlich alles klar machen können und in Russland einen vermeintlich leichteren Achtelfinalgegner bekommen, als ihn Uruguay darstellte.

Seine Gelbe Karte kurz vor dem Schlusspfiff war sinnbildlich für das “dunkle” Gesicht des Kapitäns: Nachdem bei Ronaldo spielerisch wenig funktioniert hatte, ließ er sich zu einer dummen Aktion im Kampf um die Kugel hinreißen.

Ob seine Armbewegung gegen Morteza Pouraliganji nun eine natürliche gewesen ist, oder ob es sich um eine Tätlichkeit gehandelt hat und Ronaldo gegen Uruguay gesperrt fehlen müsste, sei nun dahingestellt. Am Ende des Tages wurde Abwehrchef Pepe mit dem “Man of the Match”-Award ausgezeichnet.

Der Mann, der auch im Achtelfinale gegen Uruguay als einziger Portugiese wirklich herausstechen konnte. Pepe brachte seine Farben nach 55 Minuten mit einem satten Kopfballtreffer wieder zurück auf Viertelfinal-Kurs, nachdem sich Edinson Cavani bereits in Minute 7 auszeichnen konnte und eine Traumkombination mit Luis Suarez kaltschnäuzig abschloss.

 


Was dem Stürmer von Paris Saint Germain in Durchgang eins per Kopf gelang, vollbrachte er in Durchgang zwei auch mit einem Gefühls-Schlenzer ins lange Eck. Trotz verletzungsbedingter Auswechslung kurz nach seinem Doppelpack wurde er zum “Man of the Match” der Partie gewählt – mit Recht und einer der stärksten individuellen Auftritte im bisherigen Turnierverlauf.

Und Ronaldo? Der hatte beim 0:2 gegen Uruguay einen guten ersten Ballkontakt. Der wollte 90 Minuten lang sichtlich am Spiel teilnehmen, auch wenn er mit 49 Ballkontakten einer der am wenigsten involvierten Spieler in Portugals Kombinationsspiel war. 90 Minuten lang versuchte er motivierende Worte als Kapitän zu finden, auch wenn ihm selbst wenig gelang und er kontinuierlich von der gegnerischen Abwehr bearbeitet wurde.

Mit seiner Fairplay-Aktion bei Cavanis Auswechslung – er stützte den verletzten Doppeltorschützen beim schmerzvollen Gang vom Feld – erntete er viele Sympathien. Spielerisch blieb der 33-Jährige aber weit hinter seinen Möglichkeiten.

Portugal folgt nun Argentinien und Ronaldo seinem Rivalen Messi aus dem Turnier – obwohl CR7 einen guten ersten Ballkontakt hatte. Die Portugiesen waren, anders als noch bei der Europameisterschaft, als Kollektiv einfach zu schwach.

Daran kann auch Real Madrids Rekordtorschütze nichts ändern. Vielleicht ist im Fußball dann doch nicht alles so einfach zu erklären und eine gute erste Berührung macht noch lange kein gutes Spiel. Auch nicht, wenn man Weltfußballer ist und Cristiano Ronaldo heißt.


 
Dies war ein Gastbeitrag von Michael Sommer. Für interessante Posts, Fotos und Videos folgt ihm bei Twitter und Instagram.

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