Als 2014 die Weltmeisterschaft in seinem Heimatland Brasilien stattfand, malte er noch die Straßenränder in den Farben der Seleção an. Vier Jahre später ist er als eines der größten Talente des internationalen Fußballs und Hoffnungsträger der brasilianischen „Nach-1:7-Generation“ selbst bei der WM dabei: Gabriel Jesus, 21-jähriger brasilianischer Offensivallrounder von Manchester City.

Obwohl Gabriel Fernando de Jesus bereits in seiner ersten vollständigen Premier-League-Saison ein Leistungsträger in Pep Guardiolas Meistermannschaft war, hört und liest man relativ wenig über ihn. Im Gegensatz zu vielen jungen „Superstars“ des internationalen Fußballs ist Gabriel ein bescheiden auftretender „normaler“ Mensch ohne schlagzeilenträchtiges „Jet-Set-Leben“ geblieben.

Was seine Ursache in seiner Herkunft hat. Gabriel wuchs in einfachsten Verhältnissen in Jardim Peri auf, einem Favela im Millionenmoloch São Paulo. Sein Vater verließ Mutter Vera Lúcia, als Gabriel noch ein Kleinkind war und starb kurz drauf an den Folgen eines Motorradunfalls.

Mit drei älteren Geschwistern und seiner Mutter wuchs er in der Armut der Favela auf. Wie dort üblich, mussten seine Geschwister mit 12 arbeiten gehen, um ihren Anteil am Familieneinkommen beizutragen. Nur Gabriel musste das nicht. Denn der kannte von Kindheit an nur eines: Fußball!

Jede freie Minute verbrachte er kickend auf den Straßen von Jardim Peri. Im Alter von acht Jahren durfte er in dem kleinen Stadtteilklub Pequeninos do Meio Ambiente spielen, der seine Matches auf einem holprigen Hartplatz in einem Militärgefängnis austrägt. Sein erster Trainer José Francisco Mamede erkannte Gabriels außerordentliches Talent und überzeugte Mutter Vera Lúcia, auf die Karte Fußball zu setzen.

 

Video: Aufnahmen von Gabriel Jesus im jungen Alter von nur 9 Jahren. (Quelle: YouTube)

Da die Mutter trotzdem auf einen ordentlichen Schulabschluss bestand und der stundenlange Hin- und Rückweg zu den Trainingsplätzen der Profiklubs in der Riesenstadt São Paulo mit einem Schulbesuch nicht vereinbar war, wechselte Gabriel erst 2013 mit 16 in eine Jugendakademie eines Profiklubs.

Palmeiras (ebenfalls aus São Paulo) hatte das richtige Gespür und verpflichtete das junge Sturmtalent. Bereits in seiner ersten Saison erzielte Gabriel 54 Tore in 48 Spielen und Palmeiras beeilte sich, ihn 2014 als Siebzehnjährigen mit einem Profikontrakt auszustatten.

Von da an ging alles ganz schnell: Im August 2014 stand Gabriel Jesus zum ersten Mal im Kader von Palmeiras’ Profiteam. Im März 2015 wurde er erstmals in einem Pflichtspiel eingewechselt, im April folgte der erste Startelfeinsatz und im Juli das erste Tor.

In der folgenden Saison 2016 avancierte der 19-jährige zum Stammspieler und Toptorjäger (13 Tore in 23 Spielen) und verhalf Palmeiras damit zum ersten brasilianischen Meistertitel seit 1994. Dazu gab es die Goldmedaille mit der brasilianischen U23-Nationalmannschaft bei den Olympischen Spielen in Rio im August. Und am 1.9.2016 auch noch das Debüt bei der A-Nationalmannschaft – standesgemäß mit einem Doppelpack gegen Ecuador.


Gabriel Jesus bei den Olympischen Spielen. (Foto: Brasilia Agencia/Wikimedia cc-by-sa3.0)

Fußballerisch zeichnet Gabriel Jesus eine exzellente Technik und ein unwiderstehlicher Drang zum Tor aus. Auf den holprigen Hartplätzen und Straßen von Jardim Peri entwickelte Gabriel eine exzellente Ballbehandlung und Schusstechnik. Er ist offensiv fast überall einsetzbar, egal ob als Mittelstürmer, hängende Spitze oder auf den beiden Außenpositionen. Dazu ist er auf dem Rasen ein emsiger Arbeiter und findet es großartig, als Offensivkraft defensiv mitzuarbeiten. Im Interview mit FourFourTwo sagte er:

„I like to define myself as a fighter on the pitch. I like to be aggressive, trying to go forward. Since my early days I’ve been used to playing with older boys and strong defenders. I’m not scared of tough tacklers. I want to win – I’ll fight to make sure we do.“

Natürlich weckte der kometenhafte Aufstieg von Gabriel bei Palmeiras umgehend Begehrlichkeiten und spätestens seit der Saison 2016 stand er auf den Einkaufszetteln europäischer Großklubs. Das Rennen machte Manchester City. Pep Guardiola bemühte sich persönlich um den Jungstar und überzeugte ihn telefonisch vom Wechsel zu ManCity. In einem Interview sagte Gabriel:

„Es gab einige Klubs, die Interesse an mir hatten. Aber Guardiola war der einzige Trainer, der mich anrief.“

Der Wechsel wurde im Sommer 2016 klar gemacht, Gabriel spielte die (in Brasilien mit dem Kalenderjahr) ausgetragene Saison zu Ende (wie erwähnt wurde Palmeiras Meister) und wechselte im Januar 2017 auf die Insel.


 
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Und auch im kalten regnerischen England startet Gabriel gleich durch. Trotz einer zweieinhalbmonatigen Verletzungspause lief Gabriel in der Rückrunde zehnmal auf und erzielte dabei 7 Tore und 4 Assists. Und in der abgelaufenen Saison 17/18, die für ManCity mit einer mit tollem Fußball überlegen herausgespielten Meisterschaft endete, war Gabriel Jesus einer der Leistungsträger in Pep Guardialos Team. 13 Tore und 4 Assists fuhr er in 29 PL-Spielen ein.

Der fußballbesessene Junge aus dem Favela Jardim Peri ist ganz oben angekommen. In dem Favela haben sie ihn nicht vergessen und freuen sich, dass einer, der mit ihnen auf der Straße gekickt hat, jetzt den internationalen Fußball aufmischt. Sie haben ihm dort sogar ein riesiges Mural mit Blick auf den Fußballplatz errichtet.

Mit Mutter Vera Lúcia, die noch stets ein wachsames Auge auf das Treiben des nunmehr berühmten Sohns hat, und seinen Geschwistern lebt er nun in England und ist trotz seines schnellen Erfolgs ein stets freundlich und bescheiden auftretender Bursche ohne Starallüren geblieben…

Anfang 2018 zog Gabriel sich eine Knieverletzung zu, war aber im März schon wieder fit und konnte deshalb mit zur WM in Russland. In den drei Gruppenspielen stand er jedesmal in der Startelf und steuerte beim 2:0 gegen Costa Rica einen Assist bei. Ein Tor blieb ihm bisher verwehrt, aber das kann ja noch kommen…

Dies war ein Gastbeitrag von Ralf Graf, der Ballreiter
Ralf Graf lebt in Karlsruhe und treibt sich auf den Fußballplätzen Badens herum. Er lernte als Kind des Niederrheins den Fußball auf dem Bökelberg kennen, betreibt das Fußballblog „der Ballreiter“ und hat seit seinem ersten Schottland-Besuch eine Leidenschaft für den schottischen Fußball…

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