Wenn man bei der WM eine sogenannte „Todesgruppe“ küren müsste, wäre die Gruppe B dafür ein heißer Kandidat. Maßgeblich verantwortlich ist dafür Marokko, das mit einer jungen, hochtalentierten Generation zum ersten Mal seit zwanzig Jahren für eine Weltmeisterschaft qualifiziert ist.

Der Bewerber für die Ausrichtung der WM 2026 (die WM ging schließlich doch an die USA, Kanada und Mexiko) wird Spanien und Portugal beweisen wollen, dass südlich der iberischen Halbinsel ein neuer Konkurrent heranwächst. In jedem Fall peilt man mindestens Platz 3 in der Gruppe C an, in welcher Marokko zunächst auf den Iran traf (Highlights im Video dazu unten).

Bei der Weltmeisterschaft ist den Nordafrikanern eine ähnliche Rolle wie ihren algerischen Nachbarn vor vier Jahren in Brasilien zuzutrauen, welche auch die deutsche Mannschaft im Achtelfinale vor große Probleme stellte (und Manuel Neuer zum Libero machte).

Neben aufregenden Jungstars wie Außenverteidiger Achraf Hakimi (19, Real Madrid) und den Mittelfeldspielern Amine Harit (20) von Schalke und Rotterdams Sofyan Amrabat (21) stehen Juves Abwehrstar Mehdi Benatia sowie Ajax-Regisseur Hakim Ziyech im Fokus.

Gerade letzterer steht sinnbildlich für die aufstrebende (Fußball-)Nation Marokkos, die hierzulande bald wohl für mehr als nur orientalische Verführungen und ihren Einfluss auf die deutsche Rap- und Friseurindustrie bekannt sein wird.

Geboren und aufgewachsen im niederländischen Dronten als Sohn einer Einwandererfamilie durchlief Ziyech seit dem elften Lebensjahr die Jugendabteilung des sc Heerenveen. Seine ersten Einsätze in der Eredivisie verzeichnete der heute 25-Jährige in der Saison 2012/13.

Ein Jahr später feierte er mit 9 Toren und 10 Vorlagen seinen Durchbruch in der ersten Mannschaft. Belohnt wurde dies mit einem Wechsel für 3,5 Millionen Euro zu Twente Enschede, wo er zum Star der Mannschaft aufstieg und in knapp zwei Jahren herausragende 64 Torbeteiligungen sammelte. Nach einem weiteren Wechsel zu seinem aktuellen Verein Ajax Amsterdam, der für Ziyech 11 Millionen Euro an Enschede überwies, konnte dieser erneut an seine Leistungen anknüpfen und ist heute mit einem Marktwert von 20 Millionen Euro wertvollster Mittelfeldspieler der Liga.

 

Hakim Ziyech hatte großen Anteil an den Erfolg der Marokkaner (Foto: Mbark Saïss cc-by-sa3.0)

Am wohlsten fühlt sich Ziyech mit möglichst vielen Freiräumen zwischen Achter- und Zehnerposition pendelnd. Er verfügt über zahlreiche Attribute, die ein kompletter Mittelfeldspieler braucht. Neben einer starken Übersicht bringt er viel Torgefahr mit und kann sich sowohl aus der Distanz, als auch im Strafraum häufig Abschlusspositionen verschaffen.

Weiterhin ist der technisch hochveranlagte Linksfuß ein ausgewiesener Standardspezialist und zeichnet sich durch einen hohen Laufeinsatz aus, der seine mitunter fehlende Endgeschwindigkeit kompensiert.

Zwar weist er keine besonders hohe Passquote auf (75.4 % in dieser Saison), jedoch ist dies überwiegend seiner risikoorientierten Spielweise in der gegnerischen Strafraumnähe geschuldet. Durch diese kommt er auf für einen zentralen Mittelfeldspieler nahezu wahnwitzige 4.9 Schüsse, 4.2 Key Passes und 3.4 Dribblings pro Spiel.

Die ersten beiden Werte sind sogar mit Abstand die höchsten aller (!) Akteure (Stürmer inbegriffen) der Eredivisie. Kaum verwunderlich, dass der Sprung zu einem Top-Klub unmittelbar nach der WM bevorsteht.

Für die marokkanische Nationalmannschaft debütierte der damals 22-Jährige erst im Oktober 2015, nachdem er seit der U19 noch sämtliche niederländische Jugendabteilungen durchlief. Trotz seines großen Talents entschied er sich dazu, für sein Herkunftsland zu spielen.

Hierdurch diente er nicht nur Amine Harit (U19-Europameister mit Frankreich) als Vorbild, sondern darf auch aktiv an dieser Weltmeisterschaft teilnehmen, anstatt sie bloß als Zuschauer in Amsterdam zu verfolgen.

In dieser zunehmenden Ausbildung von Talenten in den hervorragenden französischen, spanischen oder holländischen Nachwuchszentren liegt einer der Gründe für den Aufschwung des marokkanischen Fußballs.

In Russland betritt die neue Generation zum ersten Mal die große internationale Bühne. Hakim Ziyech trägt gerade gegen den Iran und Portugal die Verantwortung dafür, die Offensive anzukurbeln. Der französische Trainer Hervé Renard setzt auf variables System, welches sich nominell als ein 4-1-4-1, 4-2-3-1 oder 4-3-3 darstellen lässt.

Anders als bei Ajax ist Ziyech in dieser Formation jedoch mehrheitlich auf der linken Offensivseite aufgestellt, wodurch er dem Spiel nicht wie gewohnt aus dem Zentrum seinen Stempel aufdrücken kann. Dennoch ist zu erwarten, dass er von seinen Nebenmännern (Harit, Belhanda, Amrabat) entsprechend in Szene gesetzt und mit seinem starken linken Fuß für Gefahr sorgen wird.

Die erste Partie gegen den Iran bot hierzu die wohl beste Gelegenheit. Der 25-Jährige startete in der offensiven Dreierreihe zusammen mit Harit und Belhanda. Marokko begann druckvoll und Ziyech hatte in der 18. Minute bereits eine erste gute Möglichkeit, die er jedoch ungenutzt ließ.

Der Ajax-Star hielt sich vornehmlich in beiden Halbräumen auf und suchte aus teilweise tiefen Positionen vornehmlich die aggressiv vorrückenden Außenverteidiger. Diese langen Bälle spielte er mit einer ungeheuren Präzision. Auch wenn ihm Harit in Sachen Dribblings (12 zu 2) die Show stahl, hatte Ziyech selbst noch die beste Chance, als er in der 79. Minute Keeper Beiranvand zu einer Glanzparade zwang.

Durch den späten Siegtreffer der Iraner wird der Traum vom Weiterkommen für Ziyech und sein Team nahezu unlösbar sein. Marokko wird seinen Superstar dringend brauchen, wenn man gegen die euröpäischen Nachbarn noch etwas mitnehmen will.


 
Verfolgt die Leistungen von Hakim Ziyech und Marokko in der Gruppe B in den Highlights des Spieltages mit ausführlichen Zusammenfassungen und Berichten rund um die Spiele – nur mit DAZN.

DAZN WM 2018

Share: