Ist Keisuke Honda ein Fußballer, der nebenbei als Geschäftsmann agiert oder ein Geschäftsmann, der sich für den Werterhalt seiner Marke gerne ein Fußballtrikot überstreift? Nicht nur wegen der blondierten Haare, auch mit seiner – für einen Japaner eher untypisch – extrovertierten Art, sticht Keisuke Honda bei dieser Weltmeisterschaft aus der japanischen Nationalmannschaft heraus.

Dieses erfrischende Auftreten hat dem 32-jährigen in den vergangenen Jahren einige lukrative Werbedeals eingespielt. Egal ob Erfrischungsgetränk, Modemarke oder Telekommunikationsunternehmen, es gibt kaum eine Marke in Japan, die an Hondas Konterfeit in der überaus beliebten Nationalmannschaft „Samurai Blue“ vorbei kommt.

Neben seiner aktiven Profikarriere betreiben Honda und seine Brüder mit „Honda Estilo“ eine Spieleragentur und Fußballschule, die weltweit in unterklassige Vereine investiert, um die globale – auch in Japan gewachsene – Nachfrage nach dem Weltsport zu befriedigen. Doch der Entwicklung seiner Profi-Karriere war dieses Geschäftsgebaren nicht zuträglich.

Honda wuchs in der Präfektur Osaka auf und wechselte schon mit 21 Jahren zu VVV-Venlo in die niederländische Eredivisie. Dort und bei ZSKA Moskau, spielte sich Honda als Teil einer goldenen Generation in das japanische Überraschungsteam der WM2010 in Südafrika. Nach langjährig guten Leistungen in Russland, wagte Honda den nächsten Karriereschritt und wechselte im Frühjahr 2014 in die Serie A zum AC Milan. Fuß fassen konnte er dort jedoch nie.

Auch in der WM2014 scheiterte die Nationalmannschaft an den gestiegenen Erwartungen: Mit einem Punkte aus drei Spielen schied die goldene Generation um Honda in der Gruppenphase aus. Sein Marktwert fiel in den drei Jahren danach von 20 Millionen Euro auf 2,5 Millionen Euro und statt in einer europäischen Top-Liga, kickte Keisuke Honda vor der diesjährigen WM beim mexikanischen Erstligisten CF Pachuca.


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Man muss kein Zyniker sein, um zu behaupten, dass Keisuke Honda nicht die Zukunft der japanischen Nationalmannschaft ist, doch nach Halilhodzics Entlassung gehörte Honda erneut zur Gegenwart des Teams. Halilhodzic stolperte aber nicht nur über die potenzielle Nicht-Nominierung Hondas, der inzwischen 66-jährige Franco-Bosnier schaffe es im Frühjahr 2018 immer noch nicht, eine kompetitive Rumpfmannschaft zu präsentieren, die mit ansprechenden Leistungen, zumindest aber Ergebnissen aufwarten konnte.

Doch früh nach der Freistellung machten Gerüchte die Runde, dass neben den Leistungen der Mannschaft auch zwei unzufriedene Veteranen eine Entlassung aufgrund ihrer Nichtbeachtung begrüßt hätten.

Dass Keisuke Honda dazu gehört, hätte man zu diesem Zeitpunkt zumindest vermuten können, doch Honda selbst war es, der Anfang Mai in einem Fernsehinterview klarstellte, wie er sich zu der Entlassung positionierte:

Die zuvor unklare Nominierung Keisuke Hondas war unter dem bisherigen technischen Direktor der JFA, Akira Nishino, kein Problem mehr. Dieser Umstand dürfte nicht nur Honda selbst gefreut haben, sondern umso mehr die Sponsoren der „Samurai Blue“, deren Werbekampagnen ohne Hondas Gesicht nicht den gleichen Wert gehabt hätten.

Dass Hondas extrovertierte Art und sein unbändiger Siegeswille dem Team gut getan haben, dürfte unbestritten gewesen sein, doch wie wichtig ist Honda noch für die japanische Nationalmannschaft?

Im ersten Gruppenspiel Japans musste er seinen Startplatz zugunsten des lange verletzten Shinji Kagawa räumen. Selbst auf seinem rechten Flügel setzte Akira Nishino zunächst auf den im Aufwind befindlichen Ex-Herthaner Genki Haraguchi. Doch nach seiner Einwechslung reichten Honda drei Minuten, um mit einer scharf geschossenen Ecke den Siegtreffer zum 2:1 gegen Kolumbien vorzubereiten.

Was sich schon in den letzten Testspielen abzeichnete, bestätigte sich auch bei seinen 20 Minuten auf dem Platz: Keisuke Honda arbeitet, trotz seines egozentrischen Auftretens, immer mannschaftsdienlicher. Er ist sich nicht zu schade auf der rechten Seite in der Defensive aufzuhelfen, nur um kurz darauf wieder vor dem gegnerischen Tor seine Chance zu suchen. Ein laufintensives Spiel, welches er möglicherweise über 90 Minuten nicht mehr auf den Platz bringen kann.

So erklärt sich dann vielleicht auch, dass Honda beim 2:2 gegen den Senegal wieder nicht in der Startelf stand, sondern erst in der 72. Minute, kurz nach erneutem Rückstand für den eher blass wirkenden Kagawa eingewechselt wurde. Es dauerte keine 10 Minuten, bis Honda zum so wichtigen Ausgleich traf. Dieser Treffer ermöglichte Japan nicht nur das Erreichen der K.O.-Phase, sondern bedeutete auch für Honda einen wichtigen Rekord. Für Honda war es das Tor in seiner dritten Endrunde. Kein japanischer Spieler hatte bislang in mehr als zwei Weltmeisterschaften ein Tor erzielt.

Völlig unerwartet führt Japan somit Gruppe H an und hat gute Chance auf den ersten Achtelfinaleinzug seit 2010. Es wäre ein toller Erfolg als Abschluss für eine besondere Ära. Es bleibt nur zu hoffen, dass die nächste Generation japanischer Spieler ihren eigenen Keisuke Honda haben wird.

Dies war ein Gastbeitrag von Tobias von Goaltaku.
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