Als der zweimalige Weltmeister aus Uruguay sein Quartier in Nischni Nowgorod bezog, hatte er, neben ca. 180 Kilogramm Mate-Tee und den Stars Cavani, Godin und Suarez, auch einige große Talente im Gepäck. Während mit Maxi Gomez im Sturm und Jose Gimenez, dem Torschützen des erlösenden Siegtreffers gegen Ägypten, mögliche Nachfolger der genannten Führungsspieler schon bereit stehen, nähren vor Allem die Talente im Mittelfeld die Hoffnung auf eine wirkliche Weiterentwicklung der Celeste.

Mit Rodrigo Bentancur (20 Jahre) von Juventus Turin, Nahitan Nandez (22) von Boca und Giorgan De Arrascaeta (24) von Cruzeiro durften beim WM-Auftakt gleich drei Spieler unter 25 im Mittelfeld beginnen. Doch das vermeintlich größte Talent der Urus musste erstmal auf der Bank Platz nehmen. Die Rede ist von Lucas Torreira.

Als Torreira mit 17 Jahren nach Italien wechselte traf er eine ungewöhnliche Entscheidung. Die meisten seiner Landsleute sammeln die ersten Erfahrungen in der heimischen Liga. Nicht so Torreira – der heute 22-Jährige verließ die Montevideo Wanderers um sich Pescara Calcio anzuschließen. Nach einem Jahr in der U19 des Klubs aus den Abruzzen, wurde er 2015 in den Profikader befördert. Schon da hatte der Traditionsverein Sampdoria sein Interesse angemeldet.

Die Entscheidung der Funktionäre ihm ein weiteres Jahr in Pescara zu geben, erwies sich als Glücksfall. Die Fans hatten ihn schnell ins Herz geschlossen – erinnerte er doch wegen seiner geringen Körpergröße von 1,68 m stark an Marco Verratti, den vielleicht besten Fußballer, den Pescara jemals hervorgebracht hat.

Nicht zuletzt weil der als Zehner verpflichtete Uruguayer von Trainer Massimo Oddo wegen seiner Ballsicherheit als defensiver Mittelfeldspieler aufgeboten wurde. Torreira und Verratti verbindet neben den körperlichen Voraussetzungen und der gemeinsamen Position auch die Spielweise und vor Allem der Erfolg mit den Delfinen. Am Ende von Torreiras erster Spielzeit im Herrenbereich stand der Wiederaufstieg in die Serie A.


Maxi Gomez und Lucas Torreira nach dem Sieg des Testspiel-Turniers China-Cup-Trophy. (Foto: Jimmy Baikovicius cc-by-sa3.0)

Als er sich nach dem Aufstieg Sampdoria anschloss, gelang ihm die Anpassung an das höhere Niveau spielend. Als Perspektivspieler verpflichtet, wurde er schnell zur Stammkraft und verlieh dem Spiel der Genuesen eine ganz neue Dynamik. Von Anfang an war er ein hervorragender Passspieler mit großer Übersicht und beeindruckender Ruhe am Ball. Die hohe Geschwindigkeit gepaart mit einem guten Spielverständnis erlaubt es Torreira viele Pässe des Gegners abzufangen.

Defensiv muss man außerdem seine starken Tacklings als Stärke herausheben, mit 2,8 pro Spiel ist er unter den besten 10 Spielern in der Italienischen Liga. Einzig bei Kopfballduellen hat er, bedingt durch seine Körpergröße, schlechte Karten. Eine weitere Facette seines Spiels, die vor Allem im Nationalteam während der WM interessant werden könnte, sind seine starken Standards und eine überragende Schusstechnik, die es ihm in der abgelaufenen Saison erlaubte, einige großartige Tore aus der Distanz zu erzielen.

Kein Wunder, dass sie in Genua bangen, ihn in der Sommerpause ersetzen zu müssen. Nachdem in letzter Zeit auch ein möglicher Wechsel zu Borussia Dortmund kolportiert wurde, gilt derzeit Arsenal als Favorit auf einen Transfer.


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Wenn man Torreira spielen sieht, ist es kaum zu glauben, dass er keinen einzigen Einsatz für die Jugendmannschaften des uruguayischen Verbandes verbuchen konnte. Umso deutlicher wird dadurch, wie entscheidend sich der frühe Schritt ins Ausland auf seine Karriere ausgewirkt hat. Nach den beiden starken Jahren in Italien wollte auch Nationaltrainer Oscar Tabarez nicht mehr auf seine Qualitäten verzichten.

Am 23.03.2018 gab Torreira sein Debüt für die Celeste, gerade rechtzeitig um noch auf den WM-Zug aufzuspringen. Bisher hat es für ihn zu keinem Einsatz in der Startelf gereicht. Auch gegen Ägypten blieben dem Mittelfeldspieler nur drei Minuten um sich zu empfehlen. Das pomadige Spiel seiner Mannschaft wird Trainer Tabarez allerdings zu denken gegeben haben.

Spätestens wenn man im Achtelfinale aller Voraussicht nach entweder auf Spanien oder Portugal trifft, bedarf es einer deutlichen Steigerung. Torreiras Dynamik könnte da im Tausch gegen den deutlich langsameren Vecino einiges bewirken. Nicht selten ist bei Weltmeisterschaften der Stern eines Spielers durch spektakuläre Aktionen endgültig aufgegangen. Warum also nicht auch der von Lucas Torreira, zum Beispiel durch einen seiner gewaltigen Schüsse aus der Distanz?

Im gestrigen Spiel gegen Saudi Arabien war es allerdings noch nicht so weit. Zwar rückten die routinierten Carlos Sanchez und Cristian Rodriguez für De Arrascaeta und Nahitan Nandez in die Starformation, das Spiel der Südamerikaner war allerdings erneut erschreckend behäbig.

Zwar konnte sich Saudi Arabien im Vergleich zum desolaten Eröffnungsspiel gegen die russischen Gastgeber sichtlich steigern, eine ambitionierte Mannschaft wir Uruguay hätte aber trotzdem deutlich zwingender agieren müssen.

Obwohl sein Team durch ein glückliches Tor von Luis Suarez in Führung lag, platzte Oscar Tabarez in der 59. Spielminute der Kragen. Torreira und Diego Laxalt sollten die wirkungslosen Vecino und Rodriguez ersetzen. Prompt nach der Einwechslung erhöhte sich dann auch der Takt im Spiel der Celeste.

Torreira war sofort im Spiel, gewann und forderte aktiv Bälle und war stets anspielbar. Anders als sein Kollege Vecino orientierte er sich auch in Richtung der bemitleidenswerten Spitzen Cavani und Suarez, die sich vorher mehrmals ins Mittelfeld zurückfallen lassen mussten um überhaupt angespielt zu werden.

Nach der Hereinnahme des 22-Jährigen war die Anbindung der beiden Stars an das Mittelfeldes deutlich besser. Torreiras Dynamik in der Mitte des Feldes dürfte sicher auch seinem Trainer nicht entgangen sein und könnte die Lösung gegen das inspirationslose und langsame Auftreten seiner Mannschaft sein.

Im finalen Gruppenspiel kann also durchaus mit einem längeren Auftritt des Shooting-Stars gerechnet werden.


 
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Till
Written by Till
schreibt hauptsächlich über La Liga. Nicht zuletzt um sich vom 1. FC Union abzulenken.