“For us it was the final” – Wycombe Wanderers

Wycombe Wanderers gegen Liverpool

Wycombe Wanderers gegen Liverpool

83. Minute, 17:37, 8. April 2001. Die einen Fans jubeln, den anderen fehlen die Worte. Viele Fans umarmen sich, doch auch viele klopfen sich tröstend auf die Schulter. Die Stimmung könnte nicht unterschiedlicher sein im Villa Park, Birmingham. Während viele die Führung zelebrieren, trauern manche dem nicht gelungen Wunder nach. Der Schuldige war Robbie Fowler. Durch sein Freistoßtor in der 83. Minute ging Liverpool im Halbfinale des FA-Cup gegen den Drittligisten Wycombe Wanderers mit 2:0 in Führung. Keiner hatte damit gerechnet, dass die Chairboys so weit kommen würden.

Wer jedoch denkt, dass sich die Underdogs geschlagen gaben, der irrt sich. In der Regenschlacht von Birmingham gab der Underdog alles. Von der ersten Minute an kämpfte der Verein aus Buckinghamshire gegen den damaligen Rekordmeister an, und bot ihm die Stirn. Erst in der 78. Minute gelang es den Reds den Ball im Tor der Hell- und Dunkelblau-Karierten unterzubringen. Torschütze war der eingewechselte Emile Heskey, er köpfelte eine Gerrard-Flanke ins Tor der Gastgeber. Für die Chairboys jedoch kein Grund aufzugeben. Sie gaben weiterhin alles, kämpften als würden sie täglich gegen große Vereine wie Liverpool und Arsenal spielen. Schneller, offensiver Fußball, hinzu kam noch ein durchnässter Boden. Ein wahres Spektakel für jeden der 40.000 Fans ins Villa Park. Knapp die Hälfte von ihnen waren Wycombe Wanderer-Fans.

Die Wycombe Wanderers schalteten auf volle Offensive, jeder Verteidiger, egal ob jung oder alt, stürmte bei jedem Angriff mit nach vorne. Der Wille der Mannschaft war groß. Dementsprechend auch die Löcher in der Verteidigung. Es kam wie es kommen musste: Wir sind in der bereits zuvor erwähnten 83. Minute. Die einen Fans still wie noch nie, die anderen lauter als jemals zuvor. Es gab einige enttäuschte Gesichter in Birmingham, doch die Fans waren nichts desto trotz stolz auf ihre Mannschaft. Heimgehen? – Keineswegs! Nach Wiederanpfiff wurde die Mannschaft weiter lautstark unterstützt. Die Reaktion der Mannschaft war ebenso bemerkenswert wie die der Fans. Die Chairboys gaben sich nicht geschlagen, es wurde weiter gekämpft und den Reds das Leben zur Hölle gemacht. Nur fünf Minuten nach dem 0:2-Führungstreffer erzielte Mittelfeldspieler Keith Ryan den 1:2-Anschlusstreffer. Die Fans bejubelten den Treffer wie einen Sieg. Owen, Fowler, Hamann und Co. wurde Angst und Bange. Gelingt den Underdogs etwa noch der Ausgleich? Für die Chairboys war das Wunder zum Greifen nahe. Für die Roten verging die Zeit viel zu langsam, für die Blauen viel zu schnell, doch letztlich reichte es nicht. Alle Bemühungen waren umsonst. Ein beachtlicher Erfolg, den keiner der Spieler so wirklich feiern wollte. Tränen flossen, Enttäuschung machte sich breit, doch nach zehn, zwanzig Minuten realisierten die Spieler des kleinen Vereins, welch eine Meisterleistung sie gerade vor laufender Kamera gegen den amtierenden Rekordmeister ablieferten. (Link zu einer kleinen Dokumentation des Wunders)

Fans, Spieler, Trainer, Betreuer, alle waren stolz. In den Medien hagelte es Lob für die Mannschaft aus Buckinghamshire. Torschütze Keith Ryan hatte mit 20 Jahren im Jahr 1990 bei den Wanderers unterschrieben, knapp elf Jahre später war er der Torschütze der die Mannschaft dem Wunder sehr nahe brachte. Der Mittelfeldspieler blieb bis 2006 beim Verein, wo er schließlich seine Karriere beendete. 16 Jahre, 351 Spiele auf Profiebene für den Verein, ohne Unterbrechung. Ryan mutierte zur ultimativen Legende. Er war einer von vielen hoch angesehen Spielern.

For us it was the final

Seitdem musste der Verein eine turbulente Zeit durchmachen. Nach einem Hoch folgte schnell ein Tief. Während damals 19.500 Fans die Reise nach Birmingham antraten sind es heute nur mehr durchschnittlich 3.000. Die Anzahl der Fans sank seitdem aus dem Verein ein Fahrstuhlverein wurde. Die letzten Jahre pendelte der Verein immer wieder zwischen League One und Two, der dritt- und vierthöchsten Liga Englands. Aktuell spielt der Verein in der League Two und ist im Mittelfeld der Tabelle wiederzufinden. Definitiv eine der schlechteren Zeiten des Vereins.

2007 erreichte der Verein erneut ein Halbfinale. Dieses Mal nicht des FA-Cups, sondern des Carling-Cups. Doch wie kam es dazu? Der Verein hatte viel Glück gegen die kleineren Vereine, Losglück und das nötige restliche Glück. Im Viertelfinale kam mit Charlton Athletic ein schlagbarer Gegner, vor allem da die Mannschaft gerade in der Krise steckte und schlecht geleitetet wurde. Ein Glücksfall für die Chairboys. Im Halbfinale wartete dieses Mal Chelsea London. Im Adams Park, dem Heimstadion der Wycombe Wanderers gelang den Karierten ein unglaubliches 1:1. Das Stadion war gesteckt voll, die Stimmung hervorragend, ähnlich wie die Leistung der Spieler. Aber auch dieses Mal reichte es nicht für das Finale. An der Stamford Bridge mussten sich die Wanderers mit 4:0 geschlagen geben. Die Auswärtsmannschaft hatte Chelsea anfangs gut unter Kontrolle, doch nach dem Führungstreffer von Andriy Shevchenko in der 22. Minute fiel die Mannschaft auseinander. Erneut verlor man gegen den später Turniersieger. Auffallend übrigens, dass der weitere Finalist beide Male Arsenal London war und sich beide Male nach einer 1:0 Führung nach zwei Gegentoren geschlagen geben musste. 2001 nach dem bekannten Doppelpack von Michael Owen, 2007 nach einem Doppelpack von Didier Drogba.

Von da an ging es mit dem Verein bergab. Man mutierte zu einem Fahrstuhlverein. Zu schlecht für League One, zu gut für League Two. Das Image litt darunter, finanziell jedoch nicht. Der Verein war damals im Besitz eines Investors namens Steve Hayes. Er wollte der Mannschaft Gutes tun, investierte mehrere Millionen in den Verein, doch sein größter Wunsch war ein neues Stadion, doch die Fans entschieden sich gegen einen Umzug. Eine Entscheidung die für Hayes nicht nachvollziehbar war. Hayes zog sich aufgrund dessen immer weiter zurück, war nicht mehr bereit Geld zu investieren. Später wurde er angeklagt, da er Telefone abhören lies. Er verkaufte im Sommer 2012 seine Anteile an der Fans-Trust, welche jedoch nicht sehr vermögend ist.

Auch wenn der Trust alles für den Verein gibt, gibt es auch hier Komplikationen. Zu viele verschiedene Meinungen und zu wenig Geld sind die Hauptgründe weshalb der Verein weiter abbauen musste. Zuletzt mussten sogar die Akademie und viele vielsprechende Jugendspieler abgegeben werden. Im Sommer mussten teure Spieler billigst abgegeben werden, da Geld dringend gebraucht wurde. Ausgerechnet zum 125-jährigen Bestehen des Vereins war kein Geld für eine große Feier da. Viele Vereinslegenden feierten mit dem Verein, doch von feiern konnte keine Rede sein. Die Wycombe Wanderers rutschten an das Ende Tabelle, Trainer Gary Waddock wurde noch am gleichen Tag entlassen. Vereinskapitän Gareth Ainsworth übernahm den Verein für den Rest der Saison als Spielertrainer. Diesen Sommer beendete er seine Spielerkarriere im Alter von 40 Jahren, und ist seitdem nur mehr Trainer des Vereins.

Wie bereits als Spieler ist Ainsworth auch als Trainer sehr leidenschaftlich. Er zeigt vollen Einsatz und steckt sein Herzblut in den Verein. Für viele Fans hat er deshalb einen großen Pluspunkt, wenn auch die Leistungen der Mannschaft nicht immer stimmen. Unter ihm spielt die Mannschaft sehr inkonstant. Die eine Woche spielt die Mannschaft herrlich anzusehenden Offensivfußball, in der nächsten Woche will der Mannschaft nichts gelingen. Viele wissen, dass es Ainsworth an Struktur und System fehlt, nichts desto trotz wissen die Fans um die Lage des Vereins Bescheid, und sind dankbar, dass ein enthusiastischer Mann wie Ainsworth am Ruder des Verein steht.

Das Ziel, der sofortige Wiederaufstieg, wurde schnell verworfen. Man hatte nicht damit gerechnet, dass sich die Mannschaft dermaßen schwer tun würde. Auch wenn das Ziel ungewiss ist, ist gewiss, dass jeder im Verein alles dafür geben wird, den Verein so gut wie möglich wieder aufzubauen, und sobald als möglich nach oben zu bringen.

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