Fußballfans in Russland müssen sich in diesen Wochen in Geduld üben. Der letzte Spieltag liegt bereits sieben Wochen zurück, seitdem ist Winterpause. Der ligainterne Spielbetrieb wird erst Anfang März wieder aufgenommen. Zwei Wochen vorher geht es für die ersten beiden Teams der Premjer-Liga, Lokomotive Moskau und Zenit Sankt Petersburg in der Europa League gegen starke Teams. Während sich Zenit mit dem schottischen amtierenden Meister Celtic Glasgow messen wird, steht für den Tabellenführer aus der Hauptstadt die Partie gegen OGC Nizza an. Gegen die vom früheren Trainer von Borussia Mönchengladbach und Hertha BSC Berlin Lucien Favre betreuten Franzosen setzt man in Moskau besonders auf einen Ex-Bundesligastar: Jefferson Farfán.

Als man Anfang 2017 die Verpflichtung von Jefferson Agustín Farfán Guadalupe in Moskau bekannt gab, war der Jubel groß – immerhin hatte man einen Spieler ablösefrei bekommen, der bereits reichlich Champions-League- und Bundesligaerfahrung gesammelt hatte. Farfán, der nach seiner Vertragsauflösung bei Al-Jazira Abu Dhabi im Oktober 2016 vertragslos gewesen war, unterschrieb zunächst bis Saisonende mit Option auf ein weiteres Jahr. Was klar wie ein Wechsel des Geldes wegen wirkte, schien anfangs auch sportlich kein Märchen zu werden. In gerade einmal sechs Saisonspielen gelang dem peruanischen Nationalspieler lediglich ein magerer Treffer, er spielte außerdem nur in zwei Partien über die vollen 90 Minuten. Dennoch gewann der damals 32-jährige mit Lokomotive den Russischen Pokal. Die Option wurde gezogen, sein Vertrag wurde um ein Jahr verlängert und das, obwohl sich Farfán und Mitspieler Ari im Finale mit zwei Spielern von Gegner Ural Yekaterinburg eine heftige Auseinandersetzung auf dem Platz lieferten und vom Platz flogen. Die Clubverantwortlichen um Präsident Ilya Gerkus glaubten auch weiterhin an die Fähigkeiten des Ex-Schalkers – und sollten Recht behalten.

Im vergangenen Sommer rüsteten die Top-Vereine der Premjer-Liga mächtig auf. Während sich Rekordmeister Spartak Moskau unter anderem mit Mario Pasalic (kam per Leihe vom FC Chelsea) und dem brasilianischen Offensivtalent Pedro Rocha (kam für 12 Mio von Grêmio Porto Alegre) verstärkte, legte Zenit noch einmal eine Schippe drauf. Für insgesamt 86 Millionen Euro konnte unter anderem Leandro Paredes (23 Mio/AS Rom), Emanuel Mammana (16 Mio/Olympique Lyon), Sebastian Driussi (15 Mio/River Plate) sowie Matías Kranevitter (8 Mio/Atlético Madrid) an die Newa lotsen. Nennenswerte Transfers bei Lokomotive dagegen waren lediglich der portugiesische EM-Held Éder, der per Leihe vom LOSC Lille kam, und die feste Verpflichtung von Nationalspieler Igor Denisov, der nach seiner einjährigen Leihe von Dinamo Moskau ablösefrei unter Vertrag genommen wurde – und eben jene Vertragsverlängerung mit Farfán. Dazu kam mit Aleksey Miranchuk ein vielversprechendes Talent aus der eigenen Jugend.

 

Zweiter Frühling im Karriere-Herbst – in neuer Rolle

Knapp fünf Monate nach Saisonbeginn hat sich Lokomotive an der Tabellenspitze festgespielt. Seit dem 17. Spieltag steht man in der Liga auf Platz eins, 14 Siegen stehen nur drei Unentschieden und drei Niederlagen gegenüber. Einen Großteil dazu beigetragen hat: Farfán. Mit 13 Scorerpunkten (acht Tore, fünf Vorlagen) in 15 Spielen steht er auf Platz drei der Scorerliste der Premjer-Liga, wird nur von Spartaks Offensivkräften Luiz Adriano (14) und Quincy Promes (16) übertroffen. Vereinsintern können nur Miranchuk und Manuel Fernandes mit zehn bzw. elf Scorerpunkten eine annähernd gute Ausbeute vorweisen. Hinzu kommen vier Tore und eine Vorlage in der Europa League für den pfeilschnellen Peruaner. Mit seinen 33 Jahren hat der ehemalige Rechtsaußen seinen Stammplatz mittlerweile im Sturmzentrum gefunden, wo er sein Tempo und seine Abschlussstärke perfekt ausspielen kann. Zuletzt war Lokomotives Nummer 8 wettbewerbsübergreifend in jedem der vergangenen zehn Spiele an mindestens einem Tor direkt beteiligt und erzielte in den vergangenen fünf Spielen starke sieben Treffer. Im November wurde Farfán von der UEFA sogar zum Spieler der Woche gewählt. Kurzum, der Peruaner erlebt in der russischen Hauptstadt derzeit seinen zweiten Frühling im Herbst seiner Karriere – was nach den vergangenen Jahren nicht unbedingt abzusehen war.

 

Karriereplan: zu Großem berufen

Die Karriere des 69-maligen peruanischen Nationalspielers sah lange Zeit nach der eines Topstars aus. Nach seinem Wechsel von Jugendclub Allianza Lima zur PSV Eindhoven im Jahr 2004 schoss der bullige Angreifer vier Jahre lang alles in der niederländischen Eredivise kurz und klein. In 118 Ligaspielen gelangen Farfán satte 56 Tore und 21 Vorlagen. Vier Meisterschaften später folgte im Sommer 2008 dann der Wechsel in den Ruhrpott. Der FC Schalke 04 setzte sich im Werben um den variabel einsetzbaren Angreifer gegen hochkarätige Mitbewerber wie die Tottenham Hotspur und den AC Florenz durch und machte Farfán mit einer Ablösesumme von zehn Millionen Euro zum teuersten Einkauf der Vereinsgeschichte. Der damalige Schalker Trainer Fred Rutten kannte Farfán noch aus der Eredivise und hatte den 23-jährigen zu seinem Wunschspieler auserkoren. In den ersten Jahren schien der Wechsel voll aufzugehen. Farfán überzeugte in allen Wettbewerben und war unumstrittener Stammspieler. Den Höhepunkt feierte er 2011, als er mit den Schalkern das DFB-Pokalfinale gegen den MSV Duisburg 5:1 gewann und drei Vorlagen beisteuerte und die Königsblauen, vor allem auch wegen Farfáns vier Tore und zwei Vorlagen aus zehn Spielen, das Halbfinale der Champions League erreichte. Zu der Zeit war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, dass sich der Flügelspieler einem europäischen Top-Club anschließen würde. Doch es kam ganz anders.

 

Farfan Scorerwerte in seiner bisherigen Vereinskarriere. (Stand. 31.1.2018)

 

Enfant Terrible mit Verletzungspech

So stark Farfán in seiner Zeit bei der PSV Eindhoven und dem FC Schalke 04 zumeist aufspielte, so sehr begleitete ihn während seiner Schalker Zeit der Ruf, ein Enfant Terrible zu sein. Aufgrund wilder Party-Nächte flog er zweimal aus Perus Nationalmannschaft. Weil er während des Rosenkrieges mit Melissa Klug, Ex-Freundin und Mutter seines Sohnes Jefferson Adriano, angeblich keinen Unterhalt zahlte, ließ ihn ein Richter am Flughafen in Lima im Herbst 2010 sogar festnehmen. Vor allem das Verhältnis zu Ex-Schalke-Trainer Felix Magath galt als sehr schlecht. Ein Wechsel zum VfL Wolfsburg im Frühjahr 2011 scheiterte an den horrenden finanziellen Forderungen des Peruaners. Aus dieser Zeit stammt auch ein Zitat des Peruaners, der über Magath nach dessen Wechsel zum VfL Wolfsburg im Frühjahr 2011 sagte, er „hätte lieber Steine geschleppt und Erde umgegraben, als unter Herrn Magath zu spielen“. In der Sommerpause 2011 kokettierte Farfán offen mit einem Wechsel zu Juventus Turin, doch auch dieser Transfer kam nicht zustande. Farfán und blieb und verlängerte seinen Vertrag in 2012 sogar um weitere vier Jahre. Das Verhältnis schien gerettet, aber dann begann der Körper des Rechtsaußens mehr und mehr zu streiken. Absolvierte er 2012/13 wettbewerbsübergreifend noch 35 Saisonspiele, waren es in der folgenden Saison nur noch 25 – davon nur 19 Ligaspiele. Im Jahr 2014 war besonders der Wurm drin, vor allem aufgrund eines Knorpelschadens im rechten Knie absolvierte Farfán insgesamt nur acht Spiele im Kalenderjahr. Neun Bundesligaspiele im Schlussspurt der Saison 2014/15 reichten nicht aus. Schalke verpasste das erste Mal nach zwei Jahren die Qualifikation zur Champions League und Farfán sollte von der Gehaltsliste gestrichen werden. Kurzerhand wechselte der 30-jährige für sieben Millionen Euro zu Al-Jazira in die Vereinigten Arabischen Emiraten und unterzeichnete einen Dreijahresvertrag, der ihm zwischen acht und zehn Millionen Euro pro Saison versprach. Ein Angebot, dass der Peruaner zu diesem Zeitpunkt nicht ablehnen konnte. Farfán, der es in der ersten Saison im Wüstenstaat grade mal auf neun Spiele und ein mickriges Tor brachte, litt auch weiterhin unter gesundheitlichen Problemen. Im Sommer 2016 wurde er mit verschiedenen Clubs in Verbindung gebracht, blieb aber bei Al-Jazira – zumindest bis Oktober, als man den Vertrag schließlich auflöste. Im Januar 2017 folgte dann die Unterschrift in Moskau.

 

Unverzichtbar für Lokomotive – auch für Peru?

In der russischen Hauptstadt hat Farfán eine neue sportliche Heimat gefunden, in der es fußballerisch auch wieder rund läuft. Zehn Spieltage vor Schluss hat Lokomotive bereits acht Punkte Vorsprung auf den Tabellenzweiten Zenit, auch in der Europa League ist man noch auf Kurs. Längst wird über einen Anschlussvertrag verhandelt. Mit seinen 33 Jahren könnte es Farfáns letzter werden. Ein großes Ziel hat der in die Jahre gekommene Angreifer aber fest im Blick: die kommende Weltmeisterschaft in Russland. Seinen Platz im Aufgebot hat Farfán wohl sicher. Den Grundstein dafür legte er im vergangenen November, als er mit seinem Führungstor beim 2:0-Sieg der Peruaner im Play-off-Rückspiel (Hinspiel 0:0) gegen Neuseeland den Weg zur ersten WM-Teilnahme seit 1982 ebnete.

Farfan nach dem 2:0 gegen Neuseeland

Bei den Mitspielern soll „Foquita“ (das Pummelchen/die kleine Robbe), wie er in seiner Heimat aufgrund seiner Statur genannt wird, sowieso ein gutes Standing haben. Nationalmannschaftskapitän und Ex-HSV-Stürmer Paolo Guerrero sagte im Sommer vergangenen Jahres über seinen Kindheitsfreund Farfán: „Er in guter Verfassung und wir hoffen, dass er sich weiter steigert, weil er in der Mannschaft gebraucht wird.“ Farfán einer der ältesten Spieler seines Teams. Mit einem Altersdurchschnitt von 26,3 Jahren liegt Peru nur knapp über dem der deutschen Nationalmannschaft (26,2) im unteren Drittel der teilnehmenden Nationen. Hinzu kommt Farfàns Erfahrung von 170 Bundesliga- und 56 Champions-League-Partien – für die peruanische Nationalmannschaft knipste er zudem bereits 19-mal. Erfahrung, die ihn zu mehr als nur einem Mentor für die jüngeren Spieler macht. Wie der peruanische Fußball wirkt auch Farfán körperlich fitter und mental gereifter als noch vor einigen Jahren. Mit dem Tor gegen Neuseeland hat er sich die Gunst der Fans, bei denen er nach seinen Party-Eskapaden in der Vergangenheit in Ungnade gefallen war, ein großes Stück weit zurück erspielt. Seine fußballerischen Qualitäten werden, nicht nur unter Experten, noch immer geschätzt. In der Gruppe B der Fußball-WM trifft Peru auf Frankreich, Dänemark und Australien. Ein schwieriges Los, bei dem es schon mehr als einen Farfán in Bestform bräuchte, um das Achtelfinale zu erreichen. Dennoch könnte der Routinier, der den russischen Fußball mittlerweile bestens kennt, beim der WM-Endrunde zu einem entscheidenden Baustein für die Südamerikaner werden. Vorher möchte er mit Lokomotive aber noch Meister werden und in der Europa League weit kommen. Sollte er in den kommenden Monaten verletzungsfrei bleiben und seine Form halten können, stünde sowohl dem ersten Meistertitel Lokomotives seit 14 Jahren als auch einer WM-Teilnahme Farfáns eigentlich nichts entgegen.

Ein Text von Paul Jäger
Kölsche Jung vun Hätze und auch ein bisschen Gooner. Schreibt über die Premjer-Liga, die WM 2018 und alles andere.

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