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Immer auswärts – Fußballvereine im Exil: Georgien

Was haben Schachtjor Donetsk, Zoria Lugansk, FC Gagra, FC Tskhinvali, Anorthosis Famagusta, Ethnikos Achna, Nea Salamis Famagusta und Qarabag Agdam gemeinsam?

Sie alle spielten schon im UEFA Pokal, der Europea League oder der Champions League und sie alle hatten mindestens seit 2014, meist aber schon viel länger, kein Heimspiel mehr. In einer Serie schauen wir uns die Clubs im Exil genauer an. Heute: Georgien – Staatsvereine als Kopie alter Traditionsclubs

 

Georgien – Staatsvereine als Kopie alter Traditionsclubs

Georgien ist eine kleine ehemalige Sowjetrepublik am südlichen Rande des hohen Kaukasus, auf dessen anderer Seite Russland liegt. Das russische WM-Stadion „Fisht“ in Sochi liegt nur 4,3 Kilometer Luftlinie oder 11 Minuten Fahrtzeit von der international anerkannten Grenze mit Georgien entfernt.

Trotzdem hat wohl so gut wie kein Georgier diese Grenze überquert um WM-Spiele oder die olympischen Spiele zu besuchen, denn etwa 175 Kilometer weiter östlich gibt es eine weitere, nicht anerkannte Grenze.

Sie trennt die umstrittene Region Abchasien, die sich Anfang der 1990er Jahre für Unabhängig erklärte, aber nur von Russland, Venezuela, Syrien, Nicaragua und zwei pazifischen Inselstaaten anerkannt wird, von dem georgischen Kernland.

Abchasien hat einen eigenen Präsidenten, eine Polizei und Militär und sichert so die Grenze zu Georgien gemeinsam mit russischen Soldaten bis heute ab.

Ähnlich ist die Situation im Norden von Georgien, wo sich mit Südossetien eine weitere Region für unabhängig erklärte. Beide separatistischen Gebiete werden so stark von Russland unterstützt, dass die georgische Regierung die Regionen offiziell als „von Russland besetzt“ bezeichnet – eine Lesart die jedoch international umstritten ist.


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Unumstritten ist, dass Abchasien und Südossetien heute kaum Beziehungen zu Georgien haben. So wenig, dass statt georgisch heute abchasisch, bzw. ossetisch, und russisch die offiziellen Sprachen der Regionen sind. Das ausgerechnet eine Fußballmannschaft diese Grenzen überwindet ist daher illusorisch.

So gibt es in Abchasien eine eigene Liga, die von der Welt ignoriert wird, da sie nicht dem georgischen Verband oder der UEFA angeschlossen ist.

In Südossetien, welches mit geschätzten 30.000 Einwohnern noch viel kleiner ist, gibt es nur einen Club, der in den russischen Amateurligen mitspielt (und aus rechtlichen Gründen zwar in Südossetien trainiert, aber in Russland spielt) und dort jüngst die Staatsmeisterschaft der russischen Teilrepublik Nordossetien gewann.

Trotzdem finden sich heute im georgischen Fußball Namen wie FC Gagra (eine Stadt in Abchasien), Spartak Zchinwal (die Hauptstadt Südossetiens) oder Dinamo Sochumi (die Hauptstadt Abchasiens). Was hat es mit diesen Vereinen auf sich, die offensichtlich nie zu Hause spielen können?

 

FC Gagra – Strandfußball ohne Meer

Die zwei Cousins Beso und Goderdzi Chikharadze wurden beide in Gagra geboren, einer kleinen Stadt am Schwarzen Meer, die heute in Abchasien liegt, schon zu Sowjetzeiten ein beliebter Urlaubsort war und bis heute vor allem vom Tourismus lebt.

Das Küstendorf wurde innerhalb der Sowjetunion vor allem bekannt als Sommerresidenz von Peter von Oldenburg, ein Schwager des letzten Zaren, der Gagra und die umliegende Küste zur „sowjetischen Riviera“ entwickeln wollte.

Im Abchasienkrieg 1992-1993 spielte die „Schlacht um Gagra“ später eine entscheidende Rolle und gilt heute als ein Wendepunkt im Konflikt, zugunsten der Separatisten.

Während dieser Schlacht um Gagra flohen die beiden Cousins, die sich als Georgier in Abchasien in Lebensgefahr sahen, in die Ukraine. Zusammen gründeten sie eine Firma, die Lebensmittel aus Georgien in die Ukraine importiert. Gleichzeitig reifte der Wunsch in beiden, ihrer Kleinstadt Gagra einen Fußballverein zu schenken.


Gagra Stadium
Das Daur Akhvlediani Stadion in Gagra, Abchasien, vor der letzten Renovierung.

Um 2004 realisierten die Cousins, nach eigener Aussage, dass der Konflikt sich nicht in Kürze auflösen wird und es ihnen als Georgier aus Gagra, noch länger nicht möglich sein würde einen Verein in Gagra zu gründen und ihn in den georgischen Ligen starten zu lassen.

Es gab in der Stadt zwar bereits einen Club unter dem Namen FC Gagra, dieser spielte jedoch in der nicht anerkannten abchasischen Liga. So entschlossen die beiden sich einen Club unter demselben Namen im fernen Tiflis zu gründen.

In Interviews betonen sie wiederholt, dass ihr neuer Verein sich als „Verein für alle Georgier“ versteht und sich vor allem der Jugendarbeit verschrieben hat. Abchasier, die sie mit dem Club aktiv ansprechen wollen, haben bisher nicht für den FC Gagra aus Tiflis gespielt.

Durch diesen Aufbau, und auch auf Grund des Wappens des Vereins, welcher den Schriftzug „Georgia United“ trägt und damit zur Rückkehr Abchasiens in den georgischen Staat aufruft, muss sich der Verein von Anfang an Vorwürfe anhören, dass er hauptsächlich der georgischen Propaganda im Konflikt dient.

Sportlich geht es für den neuen Exilclub von Anfang an bergauf. Man spielt schnell eine entscheidende Rolle in der zweiten Liga Georgiens und erzielt regelmäßig gute Transfererlöse.

Den Zenit erreicht der Club so bereits 2010/2011, als man sensationell georgischer Pokalsieger wird und als Zweitligameister in die erstklassige Umaglesi League aufsteigt. Die damalige Mannschaft hatte dabei einen Altersschnitt von knapp 20 Jahren, womit auch das Ziel ein Ausbildungsverein zu werden klar erreicht wurde.

Star der Mannschaft war damals Tornike Okriashvili, der es mittlerweile auf 37 Länderspiele bringt und lange als größtes Talent im georgischen Fußball galt. Heute spielt Okriashvili bei Anorthosis Famagusta, ein Verein der von dem Abchasier Temuri Ketsbaia trainiert wird und der ebenfalls im Exil, in Nikosia, spielt.

Anorthosis spielt auch in der Historie des FC Gagra eine große Rolle, da der zypriotische Meister 2011 der erste Gegner in der Europa League Qualifikation war. In Zypern ging die junge Mannschaft aus Tiflis mit 3:0 unter, konnte aber das Rückspiel daheim sensationell 2:0 gewinnen. Zum Weiterkommen zu wenig, für die Geschichtsbücher das Highlight.

 

Spartak Zchinwal – ein Club, drei Länder

Noch außergewöhnlicher als die Geschichte des FC Gagra ist die von Spartak Zchinwal/i. Schon über den Namen der heutigen Hauptstadt der abtrünnigen Republik Südossetien herrscht Uneinigkeit. In Ossetien (und Russland) nennt man sie Zchinwal, in Georgien Zchinwali.

Seit 1923 gibt es in der Stadt den Fußballverein Spartak Zchinwal/i, der einige Jahre lang als einer der kleinsten Vereine in der zweiten sowjetischen Liga mitkickte. Nach dem Zerfall der Sowjetunion spaltete sich auch Südossetien ab und Zchinwal/i wurde über Nacht zu einer Hauptstadt einer nicht-anerkannten Republik.

Innerhalb Georgiens hat die Region, anders als Abchasien, hingegen garkeinen offiziellen Status und wird als besetzte Teile von drei verschiedenen georgischen Provinzen betrachtet.



Um den Eindruck einer georgischen Verwaltung aufrecht zu erhalten gründete die georgische Regierung eine „Übergangsregierung für die Region Südossetien“, die faktisch keine Macht innerhalb der Region hat und dort gar als Terrororganisation eingestuft wird.

In Zchinwal/i war die neue Führung früh daran interessiert, den Verein weiter als Stolz der Stadt weiterzuführen. Da eine Teilnahme an der georgischen Mannschaft schon logistisch auf Grund einer „harten Grenz“ unmöglich war, meldete sich der Verein in einer unterklassigen russischen Liga an.

Der georgische Verband protestierte, da Zchinwal/i sich zweifelsohne nicht auf russischem Boden befindet. Als Reaktion gründete Südossetien eine eigene Liga und meldete parallel einen Verein mit dem Namen „Spartak Zchinwal/i (Vladikavkaz)“ in der nächsten russischen Stadt, Vladikavkaz, an.

Dieselbe Mannschaft spielte so lange Jahre mit denselben Spielern in zwei Meisterschaften in zwei Ländern mit. Da es neben Spartak keinen anderen ernstzunehmenden Verein in Südossetien gab und gibt, stellte man die lokale Liga jedoch noch nach nur drei Saisons, die Spartak ausnahmslos gewann, ein.

Seither spielt der Verein nur noch in der nordossetischen Staatsmeisterschaft innerhalb des russischen Fußballsystems mit. Sie trainieren in Zchinwal, sind dort zu Hause, müssen aber in Vladikavkaz spielen.

Vermutlich auch dank der Unterstützung des kleinen nicht-anerkannten Staates ist Spartak auf lokalem Niveau sehr erfolgreich und ist amtierender nordossetischer Meister und erreichte gar das Halbfinale der „Champions League“ aller südrussischen Staatsmeister.

Eine Professionalisierung oder gar ein Aufstieg wird derzeit aber scheinbar nicht angestrebt, auch weil die Reisen sonst zu lang und strapaziös werden.


Football South Ossetia
Die staatliche Fußballschule in Zchinwal, Südossetien, an der auch Spartak Zchinwal (Vladikavkaz) trainiert.

Als Gegengewicht zu diesem Verein in zwei Ligen, hat die erwähnte „Übergangsregierung der Region Südossetien“ einen eigenen Verein gegründet, der sich ebenfalls als Rechtsnachfolger des sowjetischen Clubs versteht. Spartak Zchinwal/i existiert also ein drittes Mal, in Tiflis, und spielt in Georgien in der ersten Liga lange erfolgreich mit.

Wie das Pendant aus der nordossetischen Regionalliga, gehört auch der Verein in Tiflis zu 100% dem Staat, allerdings dem georgischen und seiner Südossetischen Übergangsregierung. Seit 2015 nennt man sich jedoch, vermutlich zur Abgrenzung, FC Zchinwal und hat das sowjetisch klingende „Spartak“ abgelegt.

Das Wappen des Vereins besteht aus einer georgischen Fahne, vor der ein Schneeleopard, das Wappentier Südossetiens, einen Fußball hält, was national wie international auch hier darauf hindeuten soll, dass Südossetien integraler Bestandteil Georgiens ist.

Sportlich nahm auch der FC Zchinwal aus Tiflis zunächst einen erfolgreichen Weg. Man stieg schnell in die erste georgische Spielklasse auf und konnte sich 2014/2015 sogar für die Europa League qualifizieren, wo man in der ersten Qualifikationsrunde gegen den rumänischen Vertreter Botosani rausflog.

Diese Erfolge waren kein Zufall, sondern Folge massiver Investitionen des georgischen Staates in den Verein, den die Übergangsregierung Südossetiens damals als „Juwel in seiner Krone“ bezeichnete. Gerade der Politik wurde damals klar, dass ein georgischer Verein Namens Zchinwal mehr als jede politische Rede international den Eindruck zementiert, dass Zchinwal/i eine Stadt in Georgien ist.

Die massiven Investitionen waren jedoch ebenso umstritten und sorgten vor allem in Georgien selbst immer wieder zu Missmut der anderen Mannschaften, die sich staatlich benachteiligt sahen. So fuhr die Regierung die Subventionen für Spartak Zchinwal zurück und der Verein trudelte langsam wieder Richtung Zweitklassigkeit.

 

Das andere Dinamo

Neben dem georgischen Dauermeister Dinamo Tiflis gab es in der georgischen Sowjetrepublik traditionell ein zweites starkes Dinamo: In der abchasischen Hauptstadt Sochum/i. Der Club, der 1927 gegründet wurde, spielte bis zum Zerfall der Sowjetunion meist in der zweiten sowjetischen Liga und brachte zahlreiche Nationalspieler hervor.

Als Georgien 1990 die Umaglesi Liga als neue nationale höchste Spielklasse formierte, blieb Sochum/i noch bis 1993 in der sowjetischen zweiten Liga aktiv und entschied sich gegen eine Eingliederung in den georgischen Fußball.

Durch den ersten Abchasienkrieg ab 1991 entbrach später auch aus diesem Club ein Streit darüber, wer ihn leiten sollte und in welchem Land er sich befindet. Wie beim Beispiel von Gagra, gründeten auch hier Binnenflüchtlinge in der georgischen Hauptstadt Tiflis neue Vereine, die sich als Rechtsnachfolger verstanden und in das georgische Ligasystem eingliederten, während Dinamo Sochum weiterhin in der nicht-anerkannten abchasischen Liga aktiv ist.


Dinamo Sochumi Stadium
Das ehemalige Heimstadion von Dinamo Sochumi während dem abchasischen Supercup-Finale 2014, welches der abchasische FC Gagra (blau) gegen Nart Sochum (grün) gewann.

Bereits in der zweiten Saison des georgischen Fußballs konnte einer der beiden Flüchtlingsvereine, FC Tskhumi Sochumi, Vize-Meister und Pokalsieger werden. Nachdem dieser Verein sich 1993 vorerst auflöste (und seit 2014 in den untersten Amateurklassen Georgiens zu Hause ist), gründete sich 2000 ein weiterer Verein, der sich als legitimer Nachfolger von Dinamo Sochum/i versteht.

2005-2006 spielte dieser Verein, der sich Dinamo Sochumi nannte und in Tiflis spielte, in die erste Spielklasse auf – man wurde vom Verband hierzu eingeladen, ohne sich sportlich zu qualifizieren. Am Ende der Saison stieg man umgehend wieder ab und benannte sich in FC ASMC Sochumi um, um die Bürde des einstigen Champions loszuwerden.

 

Flüchtlinge oder Propoganda – ein Erfolg?

Als Fazit lässt sich festhalten, dass gerade die zwei Kopien der Traditionsvereine Dinamo Sochum/i und Spartak Zchinwal/i nur kurz im georgischen Spitzenfußball Fuß fassen konnten.

Beide wurden offenkundig bevorzugt behandelt und, auch von staatlichen Stellen, immer wieder als „Symbol für die Einheit Georgiens“ und nicht primär als Fußballverein gesehen und beworben. Sobald die staatliche Unterstützung nachließ, verschwanden beide schnell in den Niederungen des georgischen Fußballs.

Einzig der FC Gagra, der eine ehrlichere Hommage an die Stadt zu sein scheint, die die Eigentümer einst im Krieg verließen, schafft es dauerhaft eine kleine Rolle im georgischen Fußball einzunehmen.

Es liegt nahe, dass der Ausbildungscharakter und die starke Fokussierung auf die Jugendarbeit am Ende ein langfristig nachhaltiger Background als rein politische Symbolik sind.

Sascha Düerkop
Sascha Düerkop
Trikotsammler, Gründer und Generalsekretär des alternatives Weltverbandes CONIFA und beschäftigt sich hauptsächlich mit afrikanischem Fußball, ozeanischen Inseln und nicht-anerkannten Staaten.

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