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Lev Yashin – Der Vater aller Torhüter

In einer Zeit, in denen den Torhütern noch längst nicht ein solcher Luxus zuteilwurde wie heutzutage, ragten Attribute wie Ruhe, Besonnenheit und vor allem Charakterstärke heraus.

Zur Einordnung: Während der Anfänge des Fußballs trugen die allerwenigsten Torhüter überhaupt Handschuhe. An gepolsterte Handschuhe war da noch nicht einmal zu denken.

Die Bälle waren hart, der Platz noch härter und das Spiel unbarmherzig. Kurzum: Wer damals Torhüter werden wollte, war meiner Meinung nach masochistisch veranlagt.

All das änderte sich mit der Zeit Stück für Stück. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts und nach dem Ersten Weltkrieg avancierten immer mehr Schlussmänner zu „fliegenden“ Torhüter, also Spieler, die Paraden, oder wie man damals sagte „Robinsonaden“, zeigten.

Dieser Begriff ist übrigens an den ehemaligen englischen Keeper John „Jack“ Robinson angelehnt, der seit Ende des 19. Jahrhunderts als Erfinder der Flugparade gilt. Falls Sie also mal bei Günther Jauch sitzen sollten…

Mutige Torwart-Recken wie František Plánička oder Harry Gregg waren um die Kriegsjahre herum für ihr spektakuläres und mutiges Spiel bekannt.

Mit dem, was wir heute als Torwartspiel bezeichnen würden, hatte das allerdings wenig zu tun.

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Lev Yashin, der Alleskönner, im Porträt

Es ging um Flugparaden, waghalsiges Hineinwerfen in Schüsse und Heldentum. Vom Torhüter als Libero wagte man sich noch nicht einmal zu träumen. Dies änderte sich jedoch allmählich mit Beginn der 1960er Jahre.

Die Torwartschule richtete sich neu aus. Grund dafür waren ihre neuen Vorbilder: Toni Turek oder Gordon Banks bestachen durch gutes Auge und ihre Ruhe.

Einer stach aber heraus und ebnete den Weg für das moderne Torwartspiel.

Lev Ivanovitsch Yashin gilt als Vorreiter der modernen Torhüterschule. In Russland gilt er als nationales Denkmal, im internationalen Fußball als der beste Keeper des vergangenen Jahrhunderts. Dabei begann seine Karriere keineswegs reibungslos.


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Yashin wurde 1929 im Moskauer Stadtteil Bogorodskoje geboren und wuchs vor allem mit Sportarten wie Fechten und Basketball auf. Fußball spielte er sporadisch als Feldspieler in der Werksmannschaft Tuschino. Darüber hinaus war der Sohn eines Arbeiters leidenschaftlicher Schachspieler.

Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete Lev Yashin als Fräser an der Drehbank des Flugzeugmotorenwerkes Roter Oktober. Erst in den Nachkriegsjahren sollten sich für ihn die Weichen zur Torhüterkarriere stellen.

Im Tor einer Soldatenmannschaft erweckte er das Aufsehen des Schlussmannes von FK Dynamo Moskau, Alexej Chomitsch.

Der damals 15-jährige Yashin hütete von da an in den Wintermonaten das Eishockeytor und im Sommer das Fußballtor des Vereins.


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Sein Debüt für die Herrenmannschaft von Dynamo wurde 1950 allerdings zum Desaster. In feinster Slapstick-Manier prallte er in einer Szene mit dem Verteidiger zusammen, wodurch der Abschlag des gegnerischen Keepers ins Netz kullerte.

Infolgedessen musste der großgewachsene Schlussmann zwei Jahre auf der Bank schmoren. Nachdem Chomitsch dann aber 1952 zurücktrat, avancierte Yashin prompt zur Nummer 1 bei Dynamo.

Spätestens vier Jahre später bei den Olympischen Spielen in Melbourne stieg er endgültig zum sportlichen Superstar der Sowjetunion auf.

 

Der moderne Torhüter

Mit herausragenden Leistungen führte er sein Team zum Turniersieg. Im Finale gegen die damals starken Jugoslawen war er der überragende Mann. Was für die damalige Zeit ungewöhnlich war: Yashin verharrte nicht nur auf der Linie, sondern zeigte einige Ausflüge.

Er las Spielzüge und Pässe des Gegners und konnte somit Angriffe im Keim ersticken. Neben seinen starken Reflexen und seinen 1,90 Metern Körpergröße war der damalige Kettenraucher vor allem für sein präzises Stellungsspiel berühmt.

Für viele schien es so, als ob Lev Yashin die Bälle magisch anzog.

Diese für Torhüter revolutionäre Spielweise änderte er, als in den 1960er Jahren der Libero eingeführt wurde.

Lev Yashin 1960
Lev Yashin after the final of European Championships 1960 Soviet Union

Yashin, der aufgrund seiner komplett schwarzen Kleidung (die in Wirklichkeit dunkelblau war) oft als „schwarze Spinne“ oder „schwarzer Panther“ bezeichnet wurde, dirigierte nun lautstark seine Vorderleute.

Auch das war damals eine echte Neuerung. Auch hier war der Löwe von Moskau Vorreiter für eine mittlerweile unabdingbare Komponente des modernen Torwartspiels.

Spätestens seit dem Triumph bei der ersten Fußball-EM im Jahre 1960 galt Yashin als bester Torwart der Welt.

Dies sollte sich auch aufgrund der schwachen WM zwei Jahre später nicht ändern, in der der leidenschaftliche Jazzliebhaber mit einer Gehirnerschütterung spielen musste.

Vereine aus dem Ausland, wie zum Beispiel Real Madrid wollten den Schlussmann damals verpflichten. Nur gab es von der sowjetischen Regierung keine Freigabe.

1966 spielte Yashin mit 37 Jahren schließlich sein letztes großes Turnier. Erst im Halbfinale verlor die Sowjetunion gegen die BRD denkbar knapp mit 1:2 und Yashin wurde von den Engländern mit dem Titel „Black Octopus“ geehrt.

1971 beendete er dann vor etwas mehr als 100.000 Zuschauern im Lenin-Stadion seine aktive Karriere.

 

Der Titelsammler und sein Vermächtnis

Blickt man auf Yashins sportliche Erfolge, lässt sich bereits erahnen, dass es sich um einen einzigartigen Spieler handelte.

So wurde er 1963 der bislang einzige Torhüter, der zu Europas Fußballer des Jahres gewählt wurde. 1969 wurde ihm als bisher einzigem Fußballer die Ehre zuteil, den Lenin-Orden verliehen zu bekommen.

1990 wurde er von Michail Gorbatschow als „Held der sozialistischen Arbeit“ geehrt und Jahre nach seinem Tod zum besten Torhüter des Jahrhunderts gewählt.


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Das internationale Olympische Komitee wählte ihn als einen von elf Fußballern zu den Sportlern des Jahrhunderts.

Die FIFA und UEFA haben Preise und Trophäen nach ihm benannt. Sogar in Rio de Janeiro steht eine Statue zu seinen Ehren.

Was aber über diese Ehrungen hinausgeht, ist sein ideelles Vermächtnis. Yashin war der erste Torhüter, der durchgängig lederne Handschuhe trug. Spätere Pioniere der modernen Torwarthandschuhe wie Sepp Maier machten es ihm nach.

Der Russe war es auch, der stets in Trikots aus Baumwolle spielte – sogar im Sommer. Laut seiner damaligen Frau Valentina Yashina wechselte er in 20 Jahren nur zwei oder dreimal das Trikot. Erst wenn das Trikot Löcher an den Ärmeln bekam, wechselte er es aus.

Yashin wurde sogar sauer, wenn Torwart-Kollegen – anders als er – keine gesteppte Unterwäsche unter dem Trikot als Schutz vor Verletzungen trugen. Auf und neben den Platz ein echter Pionier.

Er war auch einer der ersten Torhüter, der tatsächlich aktiv den Strafraum beherrschte und proaktiv Flanken abfing. Der Russe fand seinen eigenen Stil aus vorausschauendem Mitspielen und dem Reagieren auf das Geschehen.

Igor Netto Lev Yashin

Durch seine Erfahrungen als Eishockey-Torwart war sein Bewegungsablauf beim Abblocken von Schüssen aus kurzer Distanz herausragend.

Seine pfeilschnellen Reflexe und Geschmeidigkeit im Hechten dienten Legenden wie Sepp Maier als Vorbild. Gegenspieler wie Uwe Seeler oder Eusébio sprachen in höchsten Tönen von Lev Yashin.

Das liegt nicht zuletzt daran, dass er neben seinen sportlichen Leistungen ein wahrer Gentleman auf dem Feld war.

Im WM Halbfinale 1966 eilte er Uwe Seeler zur Hilfe, als dieser schmerzverzerrt auf dem Boden lag, obwohl das Spiel nicht unterbrochen war.


Yashin Oblak

Seine Abschläge sollen so wuchtig gewesen sein, dass diese sogar bis an den gegnerischen Strafraum flogen. Wie man es auch dreht und wendet: Der schwarze Panther hatte sowohl im Torwartbereich als auch auf den gesamten Fußball einen starken Einfluss.

Auch heute noch erinnern einige Keeper aus Osteuropa mit ihrer Spielweise an den großgewachsenen Moskauer, der vor gut einem halben Jahrhundert seine Karriere beendete. Jan Oblak, Samir Handanovič oder Petr Čech kann man stilistisch in eine Schublade mit Lev Yashin stecken.

Ob nun Sepp Maier, Petr Čech oder Jan Oblak: Irgendwie wurde jeder von Yashin beeinflusst, der als Vorreiter der modernen Torwartschule gilt.


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Sascha
Hat genauso eine Daseinsberechtigung wie Torrichter während der Champions League Spiele. Passionierter Schachtelsatzschreiber. Gilt intern nicht umsonst als L’Akquisiteur – wenn nicht da, dann zumindest bei sich selbst. Man soll sich immerhin treu bleiben wie Javier Pinola den Überresten seiner Haare. Glaubt noch immer, dass in Enes Ünal ein Weltklassestürmer schlummert, den aber nicht einmal Houdini hervorzaubern könnte. Einziges Vorbild von Max Dettmer.

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