Jeder kommt in seinem Leben mal an den Punkt, an dem er realisiert oder vor Augen gehalten bekommt, dass seine Jugend vorbei ist.

Für mich war einer der schmerzlichsten Momente in meinem Leben, als mein Idol Lleyton Hewitt seine Karriere beendete – denn ich assoziierte mit seinem Karriereende noch viel mehr.

Mit Alex De Minaur ist nun jedoch ein neuer Spieler auf der Tour, der mich an tolle Zeiten erinnert und mir zeigt, dass es im Leben immer weitergeht.

 

Lleyton Hewitt: Liebe auf den ersten Blick

Es war im Hochsommer, der 24. Juni 2002, es war heiß draußen. Ich war gerade mit meiner Familie in der Tennisanlage in der Nachbarortschaft, da mein Vater bei einem Turnier mitspielte.

Es gab es unzählige Tennisplätze, einen Pool, eine Sauna, eine Wiese, auf der man sich sonnen konnte, und viele Familien mit Kindern. Ich verbrachte hier den Großteil meiner Kindheit.

Als mein Vater gerade nicht spielen musste, saßen wir an der Bar der Tennisanlage, über der ein Fernseher hing.

Es lief Eurosport, das Finale von Wimbledon, wurde mir gesagt. Ein Argentinier namens David Nalbandian spielte gegen einen jungen Blondschopf namens Lleyton Hewitt.

Noch nie zuvor hatte ich jemanden auf Rasen spielen sehen, ich war fasziniert. Wenig später wurde dies für mich aber nebensächlich.

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Mir fiel die Laufarbeit, die Schnelligkeit, die Kraft und vor allem die beeindruckende beidhändige Rückhand von Lleyton Hewitt auf. Im Gegensatz zu meinen Eltern spielte ich mit meinen damals acht Jahren auch beidhändig und sollte dies bis heute beibehalten.

Ich war fasziniert vom Spielstil des Australiers. Er erreichte nicht nur jeden Ball, wie unerreichbar er auch war, sondern retournierte die Bälle mit einer Kraft und Präzision, die mich als Kind sprachlos machte.

Während mein Vater daraufhin zurück auf den Platz musste, blieb ich an der Bar. Ich trank mein Himbeer-Soda und schaute fasziniert dem damals kahlen Blondschopf zu.

Schlag um Schlag, erneut diese perfekte und kräftige Rückhand, die Faust ging hoch, ein lautes „C’MON!“ des Australiers heizte das Publikum – es war Liebe auf den ersten Blick.

Lleyton Hewitt gewann das Match klar mit 6:1, 6:3 und 6:2, sein zweiter Grand-Slam-Titel, wie ich später erfahren sollte.

 

Ein Kind und sein Idol

Während alle Kinder in meiner Schule sich Stars wie Ronaldo, Beckham und Figo als Vorbilder nahmen, nahm ich mir einen Tennisspieler, den die meisten nicht nur nicht kannten, sondern kaum aussprechen konnten.

„Lleyton Hewitt – komischer Name“, so die Reaktion der meisten. Mir war es egal.

Ich wollte spielen wie er, aussehen wie er, sein wie er. Ich habe versucht so viel wie möglich von ihm aufzuschnappen und habe – bewusst oder unbewusst – meinen Schlagstil an seinen angepasst. Ich war verrückt nach Tennis und verrückt nach „Rusty“, so der Spitzname des Australiers.

Selbst optisch passte ich mich an Hewitt an. Im Italien-Urlaub kaufte ich mir eine Surfer-Kette und ließ mir die Haare wachsen, auf dem Platz trug ich wenige Jahre später das ikonische blau-weiße ärmellose Shirt auf dem Platz und versuchte die Baseball-Kappe verkehrtherum zu tragen, die ich beim Aufschlag aber stets verlor.

Lleyton Hewitt im Jahr 2005 bei den Australian Open – er trägt das zuvor angesprochene ärmellose Nike-Shirt.

Lleyton Hewitts Karriere war jedoch von Verletzungssorgen geplagt, weshalb ich ihn in seinen verbleibenden Jahren nur noch selten spielen sehen konnte.

Am 24. Januar 2016 war es soweit. „Rusty“ trat zum allerletzten Mal in seiner Heimat, den Australian Open, an.

Es war etwas langsamer, die Spritzigkeit des 34-Jährigen war nicht mehr mit der Zeit von früher zu vergleichen und auch die Präzision hat nachgelassen, aber angetrieben vom Publikum und auch seinem Kontrahenten David Ferrer gab Hewitt nochmal alles.

Für mich war es wunderschön mitanzusehen, aber nach dem letzten Ballwechsel und den eingespielten Video-Botschaften von Größen des Sports wie Roger Federer („Danke für alles, was du für das Tennis getan hast. Ich habe unsere Rivalität sehr genossen“) und Rafael Nadal („Du warst eine große Inspiration für mich“) war ich den Tränen nahe.

 

Mehr als nur ein Karriereende

Ich realisierte, dass nach Michael Owen, meinem Fußball-Idol, nun auch mein letztes sportliches Vorbild die große Bühne verlässt. Sein Karriereende war für mich mehr als nur das Verlieren eines Idols, sondern der Schluss eines Kapitels und vieler Erinnerungen.

Ich verbrachte beinahe meine gesamte Kindheit auf dem Tennisplatz, meine Familie war stets dabei – am Platz, im Pool oder auch an der Bar, wo wir stundenlang mit Freunden saßen.

Lleyton Hewitt bei seinem Karriereende bei den Australian Open 2016.

Nach dem Tod meiner Mutter im Jahr 2009 hat sich aber einiges geändert. Mein Vater und ich wollten nichts mehr mit dem Tennissport zu tun haben und nicht mehr auf den Platz zurück, wo wir einst zu dritt waren.

Ich distanzierte mich emotional vom Sport. Ich sah zwar ab und an noch die Grand-Slam-Turniere und ging vereinzelt zum Stadthallen-Turnier in Wien, aber es war nicht mehr das Gleiche.

Mit Dominic Thiem kam zwar etwa zeitgleich ein neuer Grund hinzu, um sich Matches anzusehen, doch auch dieser ließ die Liebe zum Sport nicht wieder entflammen.

Vor zwei Jahren hatte ich jedoch ein Déjà-vu, das mich an schöne Zeiten erinnerte und mir gezeigt hat, dass es auch nach einem Ende immer weitergeht.

 

Alex De Minaur und ein neues Kapitel

Nach seinem Karriereende wurde Lleyton Hewitt Teamchef des australischen Davis-Cup-Teams und Berater einiger jüngerer Spieler aus „Down Under“.

Aufgrund dessen verfolgte ich immer wieder – insofern es irgendwie möglich war – die Matches der „Aussies“.

Bei den Australian Open 2017 fiel mir zufällig ein junger, mir unbekannter Spieler auf. „Álex de Miñaur“ – selbst die Komplexität des Namens erinnerte mich an Lleyton Hewitt.

Der große und schlanke Australier mit spanisch-uruguayischen Wurzeln war gerademal 17 als ich ihn das erste Mal sah.

Links: Lleyton Hewitt beim Fist-Pump, Rechts: Alex De Minaur beim Fist-Pump

De Minaur erhielt eine Wildcard für das Grand-Slam-Turnier und spielte in der ersten Runde gegen den Österreicher Gerald Melzer.

Die gleiche Vorhand. Die gleiche Rückhand. Der gleiche Aufschlag. Die gleiche Kraft. Die gleiche Gestik und auch die gleiche Mimik.

Ein kräftiger Fist-Pump, ein lautes „C’MON!“ hallt Richtung Publikum und sein inoffizieller Coach Lleyton Hewitt springt auf der Tribüne auf – binnen eines Bruchteils einer Sekunde wurde aus mir ein De Minaur-Fan, obwohl dieser im ATP-Ranking gerade mal auf Platz 208 lag.

 

Die Stärken und Schwächen des Alex De Minaur

Ich war fasziniert davon, wie sehr sich Alex De Minaur und Lleyton Hewitt in ihrem Stil ähneln. Als ich mich daraufhin durch australische Nachrichten las, war ich noch begeisterter.

„Es ist unvorstellbar, er war mein großes Vorbild und jetzt ist er mein Mentor“ – die Zusammenarbeit scheint sich bezahlt zu machen.

Selbst anderen Tennisspielern fiel der Ehrgeiz und die kämpferische Einstellung des australischen Babyfaces bereits auf.

„Ich wünschte ich hätte die Reife von Alex De Minaur auf dem Court, tolle Einstellung. Ich liebe es ihn spielen zu sehen“, so beispielsweise Andy Murray.



Doch nicht nur die Reife ist eine der großen Stärken des Australiers. Der mittlerweile 20-Jährige verfügt über einen sehr genauen Aufschlag, den er oftmals weit außen platziert, sich daraufhin klug positioniert und sich so einen Vorteil verschafft.

Aufgrund seiner Größe und seiner langen Arme hat De Minaur zudem eine unglaubliche Spannweite, mit der er nahezu jeden Ball erwischt – insbesondere aber wegen seiner Geschwindigkeit.

Ebenso wie sein Vorbild und Mentor weiß auch er diese Schnelligkeit gut im Spiel umzusetzen und auch im hohen Tempo die Kontrolle über den Ball zu behalten.

Dabei sind vor allem die Vorhandschläge des Australiers sehr unangenehm, da sie sehr flach und mit wenig Spin kommen, womit der Gegner dazu gezwungen wird den Ball früh und mit viel Kontrolle zu nehmen, da dieser sonst im Netz landet.

Trotz der geringen Flughöhe des Balles ist beachtlich, dass der “Aussie” nahezu fehlerfrei bleibt und kaum “unforced errors” macht.

Etwas Verbesserungspotential hat De Minaur aber noch bei seiner Rückhand, die er recht steif spielt und damit zwar bei Longline-Schlägen eine hohe Präzision hat, aber gerade bei Winkel-Schlägen sehr eingeschränkt ist – auch diese ähnelt vom Bewegungsablauf enorm der von Lleyton Hewitt.

Dies gibt seinem Spiel bislang eine gewisse Monotonie, die Variabilität wird aber auch im Alter kommen, wie man bei Spielern wie Alexander Zverev und Dominic Thiem gesehen hat.



Mittlerweile hat der 20-Jährige enorme Entwicklungssprünge gemacht, wurde im Jahr 2018 zum ATP-Newcomer des Jahres ausgezeichnet, ist mit Rang 25 bestplatzierter Australier (Stand: 9. Juni 2019 – mittlerweile rangiert Alex De Minaur sogar auf Platz 17) und hat im Januar 2019 sein Heimatturnier, das Sydney International, gewonnen. Nachdem ich diesen Text geschrieben und als Entwurf gespeichert hatte, folgten zudem Turniersiege in Atlanta und Zhuhai.

Es dürfte nur mehr eine Frage der Zeit sein bis De Minaur erstmals das Achtelfinale bei einem Grand Slam-Turnier erreicht – oder sogar darüber hinauskommt.

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Marco Stein
Written by Marco Stein
Co-Gründer von Cavanis Friseur, schreibt hauptsächlich über den englischen Fußball und ist riesiger Leeds United-Fan.