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Baskische Jubelarie mit Schönheitsfehlern

(Grafiken: Erstellt von Cavanis Friseur / © Footyrenders)

Dieser Artikel sollte eigentlich eine reine Jubelarie werden. Über weite Strecken der LaLiga-Saison spielte San Sebastián begeisternden Fußball, zwischenzeitlich wähnten sich die Basken sogar auf Champions-League-Kurs.

Doch seit dem Liga-Restart hakte es bei Real Sociedad beträchtlich – immerhin die Europa League sprang am Ende noch heraus.

Statt nur Lobliedern ist so auch nüchterne Analyse angesagt. Widmen wir uns also den Stärken und Schwächen San Sebastiáns: Warum sorgten sie für eine solch positive Überraschung in LaLiga? Und woran fehlt es noch zum Vorstoß in die nationale Spitze oder die europäische Königsklasse?

 

Real Sociedad in der Analyse: Der Kader

Fußball gilt zurecht als „Player’s Game“. Flammende Motivationsreden und die tollsten Kniffs und Tricks an der Taktiktafel verhallen wirkungslos ohne die Protagonist*innen auf dem Platz.

Werfen wir also zuerst einen ausführlichen Blick auf die Spieler, die Real Sociedad zur Verfügung stehen:

 

Hochbegabte Comeback-Kids…

Viele werden sich noch erinnern: Bereits vor ca. fünfeinhalb Jahren wechselt ein damals gerade 16-jähriges norwegisches Wunderkind zum großen Real Madrid. Martin Ødegaard gilt damals als das Toptalent des Weltfußballs. Der Aufstieg zum Ballon d’Or-Gewinner scheint für den Offensiven Mittelfeldspieler vorgezeichnet.

In den folgenden Jahren stockt die Karriere des hochtalentierten Norwegers jedoch beträchtlich. Bei den Königlichen kann er sich vorerst nicht durchsetzen, es beginnt eine kleine Odyssee von Leihgeschäften. Der Hype um Ødegaard endet, er fliegt leicht unter dem Radar.

In der vergangenen Saison spielt er sich mit bei Vitesse Arnheim in der holländischen Eredivisie zurück ins Blickfeld, wenn es um vielversprechende junge Spieler geht. Zu dieser Saison verleihen die Madrilenen den Norweger nach San Sebastián, wo er gleich zu Saisonbeginn durchstartet.

Im ersten Saisondrittel gehört der nun 21-Jährige locker zu den besten Spielern der Liga. Ein fantastischer Assist durch einen Diagonalball hinter die gegnerische Kette gegen Alavés, bei dem Ødegaard zuvor noch seinen Gegenspieler tunnelt: Schon ist der Zehner wieder in aller Munde.


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Der kurze Abriss über die bisherige Karriere des Martin Ødegaard kann emblematisch für Vieles stehen: Dass man hochbegabte junge Spieler weder zu sehr hypen, noch zu schnell abschreiben sollte. Dass sie das passende Umfeld benötigen, um sich zu entwickeln etc.

Im Kader von Real Sociedad steht der junge Norweger exemplarisch für eine Reihe von talentierten Profis, die in den letzten Jahren einen kleineren oder größeren Karriereknick erlebten, im Baskenland jedoch zu neuer Stärke finden.

Zuschauer*innen der deutschen Bundesliga mögen sich an Mikel Merino, Alexander Isak und Adnan Januzaj erinnern. Alle drei kommen in den letzten Jahren als vielversprechende Talente nach Dortmund, überzeugen können sie dort nicht. San Sebastián sichert sich die Dienste der Aussortierten des BVB – im Falle von Isak mit Rückkaufoption für Dortmund.

Merino nimmt mittlerweile unbestritten die Rolle eines Schlüsselspielers im Team der Basken ein. Isak und Januzaj kommen zwar öfters von der Bank, spielen aber dennoch bedeutende Rollen und deuten ihr Potential mehr als nur an.

Zu Ødegaard und den drei Altbekannten aus der Bundesliga gesellen sich noch weitere Spieler, die zuletzt bei größeren Clubs durchs Raster fielen und nun bei Real Sociedad (erneut) aufblühen.

Der Innenverteidiger Diego Llorente genießt seine Ausbildung in der Jugend Real Madrids, schafft dort jedoch nie den richtigen Anschluss an die Erste Mannschaft. Nach verschiedenen Leihgeschäften findet auch er in San Sebastián sein Glück. Llorente steht mittlerweile regelmäßig in der Startelf der Basken.


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Die Reihe der von großen Klubs Aussortierten komplettieren der Kapitän Asier Illarramendi und Routinier Nacho Monreal. Der Sechser Illarramendi kehrt 2015 von seinem Abstecher nach Madrid zu seinem Jugendverein Real Sociedad zurück und spielt seitdem wieder eine tragende Rolle. In der aktuellen Saison bremsen ihn allerdings langwierige Verletzungen aus, sodass er derzeit nur auf drei Ligaeinsätze kommt.

Der 34-jährige Linksverteidiger Monreal beendet zu Beginn dieser Spielzeit sein Engagement für den FC Arsenal. Nachdem die Gunners offenbar nicht mehr mit ihm planen, verstärkt sich San Sebastián mit ihm für kleines Geld.

Nicht jeder woanders Aussortierte schlägt in San Sebastián ein wie eine Bombe. Die Gabe der sportlichen Leitung, talentierte Spieler zu identifizieren, die bei größeren Clubs nicht (mehr) zum Zug kommen, verdient dennoch große Anerkennung und bildet einen gewichtigen Erfolgsfaktor für Real Sociedad.

Unterlegt man die Geschichten der vielen Comeback-Kids im Club mit dramatischer Musik, streut ein paar Kalendersprüche vom Niemals-Aufgeben ein und lässt San Sebastián noch einen Titel holen, ließe sich mit Leichtigkeit ein unglaublich schmalziges Sport-Heldenepos drehen.

 

… und baskischer Jugendstil

Die Stories der Comeback-Kids verraten es bereits: Anders als der baskische Lokalrivale Athletic Bilbao setzt Real Sociedad nicht ausschließlich auf Spieler aus dem Baskenland und den eigenen Nachwuchsmannschaften. Die Qualität und Quantität der Spieler aus der eigenen Jugend im Kader wissen dennoch zu beeindrucken.

Von den Spielern der Ersten Mannschaft stammen mehr als die Hälfte (15 von 25) aus den Jugendmannschaften des Clubs. Mit 25,8 Jahren schickt San Sebastián den Kader mit dem niedrigsten Altersdurchschnitt in LaLiga ins Rennen!

Altersdurchschnitt in LaLiga: Real Sociedad mit jüngstem Kader

Verein Durchschnittsalter
Real Sociedad 25,8 Jahre
Real Madrid 25,8 Jahre
FC Barcelona 26,2 Jahre
Atletico Madrid 26,2 Jahre
FC Valencia 26,3 Jahre
Deportivo Alaves 26,6 Jahre
Espanyol Barcelona 26,7 Jahre
Athletic Bilbao 26,8 Jahre
FC Sevilla 26,9 Jahre
CD Leganes 26,9 Jahre
Celta Vigo 27,1 Jahre
RCD Mallorca 27,4 Jahre
FC Villarreal 27,4 Jahre
FC Granada 27,8 Jahre
Real Valladolid 27,9 Jahre
Real Betis 27,9 Jahre
CA Osasuna 28,1 Jahre
UD Levante 28,5 Jahre
FC Getafe 28,5 Jahre
SD Eibar 29,1 Jahre

Quelle: transfermarkt.de

Wer es nicht direkt zu den Profis schafft, kann in der Zweiten Mannschaft weiter reifen. Ist San Sebastian vielleicht der einzige Club, bei dem der Coach der Zweiten Mannschaft berühmter ist, als der Profitrainer?

Jedenfalls steht die zweite Garde von Real Sociedad unter der Ägide von keinem Geringeren als Xabi Alonso, dem nicht nur unverschämt gutes Aussehen, sondern auch bereits beachtliche Fähigkeiten als Coach nachgesagt werden. Seine Schützlinge, wie jüngst der 21-jährige Sechser Martín Zubimendi, können bei Bedarf nahtlos in das Profiteam aufrücken.

Für eine enge Vernetzung des Leistungsteams mit der Zweiten Mannschaft und dem Jugendbereich steht nicht zuletzt Imanol Alguacil. Der ehemalige Spieler des Burgos CF fungiert seit Ende 2018 als Headcoach der Profimannschaft San Sebastiáns und arbeitete zuvor rund fünf Jahre als Co- und Cheftrainer der Zweiten Mannschaft.

Zwar garantiert ein solcher Werdegang nicht per se eine höhere Durchlässigkeit zwischen Jugend-, Amateur-, und Profibereich, im Fall Alguacils lässt sich dies jedoch kaum übersehen. Durch das Implementieren einheitlicher Spielprinzipien passen sich aufgerückte Jugendspieler zudem mit höherer Wahrscheinlichkeit reibungslos in das Spielsystem des Profiteams ein.

Nicht zuletzt kann der Club ganz einfach diejenigen Fähigkeiten bei seinen Jugendspielern verstärkt ausbilden, die aufgrund seiner allgemeinen Spielphilosophie besonders erwünscht sind.

Bei Real Sociedad lässt sich ein solches Spielerprofil relativ schnell ausmachen. Durch die Bank ist bei den Basken ein hohes technisches Grundniveau zu beobachten.

Vom Innenverteidiger bis zum Außenstürmer verfügen die Spieler San Sebastiáns über ein sauberes Passspiel und eine gute Vororientierung. Auch wenn etwa Merino oder Isak durch beachtliche Körpergröße auffallen, sind flinke und gewandte Spieler eher gefragt, als physisch einschüchternde Kanten.

 

Individuelle Qualität…

Alguacils Team verfügt über mehrere Individualisten, die aus diesem hohen Grundniveau herausstechen – den Unterschied ausmachen™ können, wie es im Doppelpass immer so schön heißt.

Die Schlüsselspieler Ødegaard und Merino fanden bereits Erwähnung, in dieser Aufzählung keinesfalls fehlen darf der linke Außenstürmer Mikel Oyarzabal. Der 23-jährige Linksaußen gehört zu den Leistungsträgern seines Teams und zu den auffälligsten Spielern in LaLiga. Starke zehn Saisontore und elf Assists stehen für den Linksfuß zu Buche.

Nur in einem Ligaspiel Real Sociedads steht er nicht auf dem Feld. Während der verletzungsbedingten Abwesenheit Illarramendis trägt das Eigengewächs Oyarzabal zudem regelmäßig die Kapitänsbinde.

Der 23-Jährige verbindet Schnelligkeit mit technischer Klasse und großer Wendigkeit, er beherrscht sowohl das ballsichernde als auch das gegnerschlagende Dribbling auf hohem Niveau.

Zirka zwei von drei Dribblings kann der Baske erfolgreich abschließen (alle Statistiken nach whoscored.com). Sein niedriger Körperschwerpunkt kommen ihm dabei ebenso zugute, wie seine hohe Handlungsschnelligkeit.

Die meiste Torgefahr entwickelt er jedoch mit seinen Tiefensprints hinter die gegnerische Abwehrkette: Bevorzugt aus einer leicht eingerückten Position im linken Halbraum auf Höhe der letzten gegnerischen Linie lauert er auf einen Pass seiner Mitspieler hinter die Kette.

Wird er auf diese Weise bedient – wie etwa jüngst von Merino gegen Espanyol Barcelona – findet er häufig zielsicher den mitgelaufenen Stürmer für eine Hereingabe oder den eigenen Abschluss.

Trotz seiner Stärke bei Hereingaben klebt Oyarzabal nicht an der Seitenauslinie, sondern lässt sich oft auch in zentraler oder halbrechter Position ins Kombinationsspiel einbinden und entfaltet dort seine Kreativität im Passspiel.


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Kreative Momente im Passspiel bilden ansonsten die Kernkompetenzen von Ødegaard und Merino. Der junge Norweger gibt seinem Team wiederholt die entscheidenden Impulse im Übergangsspiel sowie im Angriffsdrittel. Zumeist vom rechten Halbraum aus, setzt der Linksfuß seine Mitspieler immer wieder mit klugen Pässen in Szene.

Der Norweger glänzt dabei sowohl in engräumigen Kurzpass-Kombinationen, als auch mit weiträumigen Verlagerungen. Seine Pässe in die Spitze zerschneiden regelmäßig die gegnerischen Abwehrlinien, im Schnitt zwei direkte Torschussvorlagen pro 90 Minuten verbucht der Zehner.

Sechs Tore konnte er damit in der Liga vorbereiten, viermal traf er selbst. Dabei verliert Ødegaard trotz seiner ambitionierten Spielweise selten den Ball. Seine kluge Positionierung zwischen den Linien sowie seine gute Vororientierung und Ballbehandlung verleihen ihm eine hohe Pressingresistenz.

Ebenfalls sehr gute Werte erreicht der 21-Jährige im Dribbling. Von 3,4 Dribblingversuchen des Norwegers pro Spiel sind im Schnitt zwei erfolgreich. Im Gegensatz etwa zu Oyarzabal sucht er zwar weniger im höchsten Tempo das direkte Eins-gegen-Eins. Vielmehr hat man bei ihm oft das Gefühl, er gleite zwischen den Abwehrlinien.

Wird er hier attackiert, geht alles ganz schnell: Eine kleine Finte, eine fallengelassene Schulter, eine schnelle Drehung oder eine Innenseite-Innenseite-Kombination und der junge Norweger lässt einen Gegenspieler ins Leere laufen. Schon hat er wieder ein paar Meter Wiese vor sich. Genug Platz, um das Spiel mit dem Ball am Fuß nach vorn zu treiben oder den tödlichen Pass zu spielen.

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Dritter im Bunde der Mittelfeldkünstler ist Mikel Merino. Zumeist aus einer tieferen Position als seine beiden Kompagnons diktiert er das Aufbau- und Übergangsspiel der Basken. Der 24-Jährige agiert dabei meist im linken Halbraum und entwickelt dort enorme Präsenz.

Ähnlich wie Ødegaard weiß der Sechser mit einer klugen Positionierung und hervorragenden Orientierung zu gefallen. Oft steht er im Rücken des Gegenspielers, bewegt sich dann leicht seitlich hinter ihm aus dem Deckungsschatten, nimmt hier nach einem Schulterblick den Ball an und dreht direkt zum gegnerischen Tor auf – der ideale Auftakt für die Kombinationen San Sebastiáns.

Nicht zuletzt lässt sich seine Schlüsselrolle im Spielaufbau der Basken statistisch belegen: 53,6 Pässe spielt der Taktgeber im Schnitt pro Spiel. Von den Stammspielern können nur die Innenverteidiger Llorente und Le Normand mehr verbuchen. Gern zeigt Merino zudem Vorstöße in höhere Zonen und sorgt dort für Torgefahr.

Auch den klassischen Defensivaufgaben eines Sechsers zeigt sich der U-21-Europameister mehr als gewachsen. Im sonst eher schmächtigen Mittelfeld Real Sociedads bringt er seine physische Präsenz ein.

Mit 5,1 gewonnen Kopfballduellen pro Spiel hat er bei Weitem den Bestwert seines Teams inne, 2,2 Tackles, und 1,4 abgefangene Pässe pro Spiel liegen ebenfalls weit vorne.

Zudem gilt für Merino, wie auch für Oyarzabal und Ødegaard: Das Ende der Fahnenstange ist noch lange nicht erreicht.

 

…und Schwachstellen

Neben den drei genannten Koryphäen verfügt Real Sociedad in nahezu allen Mannschaftsteilen über hohe Qualität. Wo liegen aber die Schwachstellen im Kader der Basken? Hier ist ein Blick ganz nach vorne und ganz nach hinten in der Formation angebracht.

Augenfällig ist zunächst, dass die Qualität der Torhüter im Vergleich mit den Feldspielern abfällt. Wiederholte Patzer des nominellen Stammtorhüters Alex Remiro, sorgten kürzlich für seine Ablösung durch den Routinier Miguel Ángel Moyá.

Ein schwerer Fehler im Aufbauspiel Remiros kostete zuletzt gegen Getafe wertvolle Punkte und auch im „klassischen“ Torwartspiel auf der Linie hat LaLiga andere Kaliber zu bieten. Moyá sorgt nach seiner Hereinnahme zwar für mehr Stabilität, eine Dauerlösung auf höchstem Niveau kann der 36-Jährige jedoch nicht bieten.


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Deutlich kleiner und weniger offensichtlich sind San Sebastiáns Probleme auf der Mittelstürmerposition. Mit Isak verfügt man hier über ein enorm spannendes Talent. Der junge Schwede fungiert meist als Joker hinter dem grundsoliden Willian José.

Beide bringen sich fleißig ins Kombinationsspiel ein und haben auch ihre Stärken im Strafraum. Zusammen kommen die beiden auf 20 Tore in dieser Saison. Für die allerhöchste Qualität im Abschluss stehen beide jedoch nicht.

Allgemein fiel bei Real Sociedad in mehreren Spielen seit dem Restart (etwa gegen Celta Vigo) eine mangelhafte Chancenverwertung auf. Ein wirklich zuverlässiger Torschütze, der konstant für 15+ Tore pro Saison steht, fehlt den Basken bislang.

 

Real Sociedads Spielstil: Spielkultur in einer teils zynischen Liga

Fußballromantiker*innen, die in Spanien immer noch die Heimat des schönen Spiels verorten, treibt LaLiga in dieser Spielzeit bisweilen die Zornesröte ins Gesicht.

Das Mekka des Positionsspiels Barcelona übt sich in Stagnation oder gar Regression, ohne jedes Tempo und Esprit. Der Meister Madrid erreicht seine Ziele eher durch beeindruckende Stabilität und Pragmatismus, als durch taktische Innovationen.

Teams wie Getafe geben sich völlig dem fußballerischen Zynismus hin, scheinen das Spiel mit dem Ball regelrecht zu verachten und sind damit sogar noch erfolgreich.

Aus diesem Meer des inspirationslosen Ergebnisfußballs ragt in San Sebastián ein Vulkan der Spielfreude hervor.

Der Kontrast zum Rest der Liga ist hier natürlich bewusst überspitzt scharf gezeichnet. Doch der positive Ansatz von Coach Alguacil verdient allein schon aus ästhetischen Gründen Anerkennung.

Die Mannschaft hat eine gemeinsame Idee: Die Basken wollen den Ball haben – nicht um ihn sich hin und her zu schieben und so den Ballbesitz defensiv zu nutzen, sondern um selbst torgefährlich zu werden.

Dazu setzen sie auf ein gepflegtes Kurzpassspiel, bei dem vor allem die zentralen Zonen des Spielfelds und die Halbräume besetzt und bespielt werden.

San Sebastián bevorzugt den diagonalen Flachpass gegenüber dem vertikalen Flugball, die flache scharfe Hereingabe oder den Steckpass gegenüber der hohen Flanke und das mutige Dribbling gegenüber dem Abbruch des Angriffs – ohne sich sklavisch an diese Prinzipien zu klammern.

Gegen den Ball spielen die Basken ein aggressives Pressing und Gegenpressing. Oft wird der Gegner enorm hoch im Angriffspressing angelaufen und bis zum Torwart unter Druck gesetzt. Spielt das gegnerische Team dann den langen Ball, sammelt ihn nicht selten Merino mit seiner Stärke in der Luft ein.

Auch im Umschaltmoment nach eigenem Ballverlust geht Real Sociedad eine hohe Intensität, um das Spielgerät wiederzugewinnen. Dabei riskiert man oft sogar ein wenig zu viel: Eine gewisse Konteranfälligkeit ist das Ergebnis.


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Alguacils Team agiert dabei meist mit einer 4-2-3-1 Grundformation. Wenn Merino in den halblinken Raum neben Ødegaard hochschiebt oder der Norweger sich etwas fallen lässt, kann daraus schnell ein 4-3-3 oder 4-1-4-1 werden.

Selten, wie etwa gegen Getafe oder FC Sevilla, sieht man San Sebastián auch mal mit einer Dreierkette spielen. Aus der vertrauten Standardformation bauen die Basken variantenreich auf:

Oftmals lässt sich einer der Sechser (meist Zubeldia oder jüngst Zubimendi) zur Spielauslösung zwischen die Innenverteidiger fallen, während sich sein Partner (meist Merino) in höheren Zonen anbietet. Mit Merino (links) und Ødegaard (rechts) hat Real Sociedad dann spielstarke Präsenz in den offensiven Halbräumen. Die Außenstürmer rücken leicht ein und lauern darauf, hinter die gegnerische Abwehrkette zu starten, während die Außenverteidiger für Breite sorgen.

Alternativ kippt Merino – in einer Bewegung, die tatsächlich etwas an Toni Kroos erinnert – nach links neben die beiden Innenverteidiger ab, um sich dem gegnerischen Pressing zu entziehen und das Spiel von dort anzukurbeln. Der linke Verteidiger (meist Monreal) schiebt dann weit nach vorne, Ødegaard rückt weiter ins Zentrum.

Monreal zeigt sich generell recht involviert ins Aufbauspiel der Basken. Manchmal rückt der spanische Außenverteidiger im Spielaufbau sogar neben den zweiten Sechser ins Zentrum, während Merino weit nach vorne schiebt und der linke Außenstürmer die Breite hält.

Im Aufbauspiel, für das die beschriebenen Varianten nur Beispiele sind, kommt Real Sociedad die große Ballsicherheit seiner Innenverteidiger zugute. Haben diese ein paar Meter Platz, dribbeln sie (besonders Llorente) häufig an und finden eine gute Anspielstation in Richtung Tor.

Einen sicheren Spielaufbau und ein gutes Übergangsspiel kann San Sebastián also sein Eigen nennen. Auch im Angriffsdrittel überzeugen die Basken besonders zu Saisonbeginn. Ødegaard kann hier immer wieder für kreative Momente sorgen, häufig gelingt es ihm oder Merino, einen Mitspieler hinter die gegnerische Kette zu schicken.

Seit dem Restart ist das Offensivspiel der Basken leider etwas erlahmt. Oftmals spielen sie Angriffe nicht sauber zu Ende, die Torabschlüsse haben geringere Qualität, der so wichtige Norweger ist häufig angeschlagen und etwas formschwach.

In mehreren Spielen ist zudem zu beobachten, wie Real Sociedad im letzten Drittel die Breite fehlt: Die Außenstürmer rücken oft leicht ein und lauern auf den diagonalen Lauf Richtung Tor, Merino und Ødegaard oder Januzaj verdichten die Halbräume zusätzlich.

Dies sorgt zwar für Kombinationsmöglichkeiten im Zentrum. Da die Außenverteidiger ihre Rolle jedoch oftmals eher konservativ auslegen, wird der bespielbare Raum hier manchmal zu eng.

 

In Schönheit gestorben?

Zwischenzeitlich ein Kandidat für die Champions-League-Ränge kann Real Sociedad im Ligaendspurt nicht mehr recht überzeugen. Fehlendes Spielglück, vermeidbare Fehler und die angesprochenen individuellen und taktischen Probleme verhindern, dass die Basken noch Größeres in der Liga erreichen.

Ist der positive Ansatz von San Sebastián also am Ende gescheitert – von den pragmatischeren Teams abgekocht worden? Dieses Narrativ des naiven Underdogs, der mit Hurra-Fußball in Schönheit stirbt, ist beliebt, doch für die Saison der Basken nicht passend.

Zwar hat die baskische Jubelarie ein paar Schönheitsfehler, doch die Spielzeit ist keinesfalls als Misserfolg zu werten: Die Last-Minute-Qualifikation für die Europa-League ist äußerst respektabel.

Man steht außerdem im Pokalfinale gegen Bilbao und kann sich dort gute Chancen auf den Titel ausrechnen. Nicht zuletzt dürften zahlreiche Talente der Basken auf sich aufmerksam gemacht, sich spielerisch weiterentwickelt und ihre Marktwerte gesteigert haben.

Vielleicht das weichste aber irgendwie auch das wichtigste Argument: Real Sociedad anzuschauen, macht Spaß. Auch als es am Saisonende nicht mehr so gut läuft, bringen sie mit attraktivem Fußball Freude in die Herzen der Zuschauer*innen. Und darum geht’s doch letztlich, oder?


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Christian Stein
Christian Stein
Kann viel besser Minigolf als Fußball spielen. Wirklich! Liebt das schöne Spiel und die Diva vom Main, ist selbst aber ein Holzfuß und würde sich deshalb niemals aufstellen. Schreibt gerne über Offensivfußball und laviert dabei stilistisch stets zwischen Kreisliga-Seitenlinie und Kaminzimmer.

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