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Venezuela: Die kommende Torhüter-Nation?

Als baseballverrückter Küstenstaat in Südamerika steht Venezuela nicht gerade für eine Fußballschule, deren Talente reihenweise zum Kassenschlager werden. Die wohl bekanntesten Stars der vergangenen Jahre waren in erster Linie Angreifer. Juan Arango oder Salomón Rondón sind zusammen mit Josef Martínez von Atlanta United die bekanntesten Fußball-Gesichter des krisengeschüttelten Landes.

Auf der Torwartposition gab es in der relativ jungen Historie der Nationalmannschaft – die Federación Venezolana de Fútbol wurde erst 1951 in ihrer heutigen Form gegründet – noch keinen Schlussmann, der nachhaltig auf sich aufmerksam machen konnte.

Rekordspieler auf der Torwartposition Renny Vega hat immerhin eine illustre Karriere mit Stationen in Venezuela, Italien, der Türkei und Portugal in der Vita stehen. Rafael Dudamel, Torhüter mit den zweitmeisten Einsätzen für die Vinotinto kann auf Stationen im Nachbarland Kolumbien, Argentinien und Südafrika zurückblicken.

Geht man die Liste weiter fällt auf, dass ein 23-Jähriger Schlussmann schon jetzt über 30 Einsätze für die A-Nationalmannschaft verzeichnen kann. Wuilker Fariñez wurde von uns bereits im Rahmen der Copa América-Vorschau 2019 genauer unter die Lupe genommen.

Ähnlich wie die großen Namen der venezolanischen Torwarthistorie blieb auch er nicht lange in seinem Heimatland, sondern machte früh in Kolumbien auf sich aufmerksam. Neben Fariñez, der seit Sommer 2020 beim RC Lens sein Geld verdient, gibt es aber noch drei weitere Torhüter aus Venezuela, bei denen es sich lohnt zweimal hinzuschauen: Joel Graterol, Cristopher Varela & Carlos Olses.

 

Torhüter in Venezuela: Schwierige Voraussetzungen

Wir müssen uns an der Stelle ja nichts vormachen: Venezuela war nie eine Fußball-Großmacht und ist es derzeit auch nicht. Als einziges südamerikanisches Team nahm man noch nie an einer Weltmeisterschaft teil. Auch mit der WM 2022 wird es wohl nichts werden, da man in der Tabelle sogar noch hinter Bolivien auf dem letzten Platz rangiert.

Auch der Clubfußball ist auf internationaler Bühne nicht wirklich konkurrenzfähig. Sowohl in der Copa Libertadores als auch in der Copa Sudamericana haben venezolanische Mannschaften im Vergleich zu den anderen Nationen bislang mit weitem Abstand die wenigsten Punkte geholt.


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Dafür macht man sich im Land an der Karibikküste durchaus Hoffnungen auf eine Teilnahme an der WM 2026 in Mexiko, Kanada und den USA. In den eigenen Reihen hat man mittlerweile eine Vielzahl an talentierten jungen Spielern in allen Mannschaftsteilen.

So könnten demnächst Nahuel Ferraresi, Yangel Herrera, Yeferson Soteldo und auch Eric Ramírez allesamt den Sprung zu einem ambitionierten Team in Europa schaffen. Wen dieses Thema rund um die Strukturänderungen des Verbandes genauer interessiert, dem sei die entsprechende Podcast-Folge von Gol Olímpico empfohlen.

Auf der Torhüter-Position muss sich Venezuela keinerlei Sorgen machen. Bei den letzten beiden Copa América-Ausgaben war Fariñez zweifellos einer der besten Keeper des Turniers. Für viele gilt er daher nach Alisson, Ederson und Emiliano Martínez als der beste National-Keeper Südamerikas.

Überschattet von dem unermesslich wirkenden Talentepool der Argentinier und Brasilianer haben es CONMEBOL-Vereine ohnehin schwer, namenhafte Nachwuchsspieler in die MLS oder gar direkt nach Europa zu verkaufen. So war für venezolanische Clubs, die wie bereits erwähnt am Ende der kontinentalen Nahrungskette stehen, Kolumbien in den letzten Jahren ein gutes Sprungbrett.

 

Wie Torhüter aus Venezuela in Kolumbien Karriere machen

So wechselte Fariñez 2018 zum Millonarios FC nach Bogotá und machte nicht nur dort auf sich aufmerksam. Seine heroischen Paraden und Flugeinlagen bei der Copa América waren auch ein Grund, wieso ihn mit RC Lens ein Team aus einer europäischen Top-5-Liga verpflichtete. Angeblich war er zeitweise gar ein Kandidat beim großen FC Barcelona.

Aber auch ohne den 23-Jährigen hätten die Vinotinto auf der Torwartposition auf lange Sicht eine für südamerikanische Verhältnisse starke Option in der Hinterhand. Joel Graterol wechselte Anfang 2020 ebenfalls ins benachbarte Kolumbien und galt in den ersten eineinhalb Jahren nach seinem Wechsel als einer der besten Keeper der Liga Dimayor.

So hatte er in der regulären Saison in Kolumbien mit 81,2% gehaltener Schüsse die zweitbeste Quote aller Keeper. Zudem hielt er einen Elfmeter.

Bei CD América de Cali, immerhin 15-maliger Meister der kolumbianischen Liga, hat Graterol zudem die Chance, regelmäßig in der Copa Libertadores zwischen den Pfosten zu stehen. Am zweiten Spieltag der südamerikanischen Champions League wurde er sogar zum Torwart des Spieltages gewählt.

Wie auch Fariñez ist der 24-Jährige mit nur 1,83m Körpergröße nicht gerade groß gewachsen. Graterol besticht jedoch durch pfeilschnelle Reflexe und eine katzenhafte Geschmeidigkeit auf der Linie. Gewissermaßen bleibt ihm auch nichts anderes übrig.

Denn ihm ist die fehlende Reichweite mitunter anzumerken, wenn Flanken in seinen Strafraum geflogen kommen oder Schüsse tatsächlich unter die Latte fliegen. Er weiß allerdings um diesen Umstand und hat ein gutes Gespür dafür, wann er bei Flanken, Ecken und Freistößen herauszukommen hat.

Falls er sich gegen das Herauskommen entscheidet, kann der Youngster das machen, was er am liebsten macht: durch die Luft fliegen. Der Cali-Keeper sieht sich mit seinen Mannschaften – egal ob auf internationaler Club- oder Nationalmannschaftsebene – in der Regel stärkeren Teams gegenüber. Entsprechend sind seine Teamkollegen auf einen Schlussmann angewiesen, der auf der Linie eine sichere Bank ist.

Graterol wurde jedoch seit dem Trainerwechsel in Cali, wo mittlerweile Juan Carlos Osorio das Sagen hat, zur Nummer zwei degradiert. Der 32-jährige Diego Novoa habe „die bessere Beinarbeit“.

 

Die noch jüngere Generation der venezolanischen Torhüter

Dass der 24-Jährige seinen Weg in Kolumbien gehen wird, halte ich indes für sehr wahrscheinlich. Argentinien und Brasilien einmal ausgeklammert, hätte er schon jetzt die Qualitäten, sich in einer südamerikanischen Nationalmannschaft als Nummer eins durchzusetzen.

Ob ihm dies ausgerechnet in Venezuela gelingen wird, bleibt allerdings abzuwarten. Denn neben den beiden etablierten Keepern Fariñez und Graterol haben die Vinotinto zwei weitere vielversprechende Talente im U23-Bereich in ihren Reihen.

Carlos Olses (21) und Cristopher Varela (21) zählen in der bisherigen Saison zu den besten Keepern der heimischen Primera División. Anders als ihre beiden Kollegen aus der Nationalmannschaft haben sie mit jeweils knapp 1,90m Körpergröße eine deutlich größere Spannweite.

Jedoch sind sie dabei nicht minder beweglich und stark auf der Linie. Während der jüngere Olses in der Copa Libertadores gegen Atlético Mineiro ebenfalls mit einer Man of the Match Performance glänzen konnte, war Varela der Keeper mit den zweitmeisten Paraden im gesamten Turnierverlauf. Obwohl er nur die Gruppenphase bestritten hat, parierte er ganze 35 Torschüsse.

Auch wenn Varelas Team, Deportivo Táchira, nur denkbar knapp am Achtelfinaleinzug scheiterte, ist es bezeichnend, dass der Schlussmann darüber hinaus noch 17 Gegentreffer hinnehmen musste. Olses musste immerhin nur neun Gegentore schlucken und war eine der positiven Überraschungen bei Deportivo La Guaira während der Copa.

Dauerhaft konkurrenzfähig sind die Teams aus Venezuela wohl noch immer nicht, weshalb sich beide Keeper nach wie vor in erster Linie auf der Linie auszeichnen dürften. Spielerisch sind sie derzeit noch nicht einzuschätzen, weil ihnen schlichtweg die Mitspieler und das Spielkonzept um sie herum fehlen.

Langfristig habe ich aber keinen Zweifel daran, dass auch sie zunächst den Weg über Kolumbien gehen werden, um sich für die lukrativeren Ligen in Nord- und Südamerika zu empfehlen.

Es gibt wahrlich schlechtere Optionen auf der Torhüter-Position als sie Venezuela zum jetzigen Zeitpunkt hat, angeführt von Wuilker Fariñez, der seine Klasse bereits unter Beweis gestellt hat. Jedoch wird auch er sich noch in Lens durchsetzen müssen, um weiterhin eine Stammplatzgarantie im Nationalteam zu haben.

Dahinter könnte Joel Graterol wie beim Eröffnungsspiel der Copa América jeder Zeit ins kalte Wasser geworfen werden, ohne einen großen Qualitätsverlust zu spüren.

So oder so sieht die Zukunft des venezolanischen Fußballs besser denn je aus und vielleicht können wir in fünf Jahren sogar von den tollen Paraden eines Vinotinto-Keepers bei einer Weltmeisterschaft schwärmen.

Titelbild: © Getty Images & Amadeus Marzai


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Sascha
Hat genauso eine Daseinsberechtigung wie Torrichter während der Champions League Spiele. Passionierter Schachtelsatzschreiber. Gilt intern nicht umsonst als L’Akquisiteur – wenn nicht da, dann zumindest bei sich selbst. Man soll sich immerhin treu bleiben wie Javier Pinola den Überresten seiner Haare. Glaubt noch immer, dass in Enes Ünal ein Weltklassestürmer schlummert, den aber nicht einmal Houdini hervorzaubern könnte. Einziges Vorbild von Max Dettmer.

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