Bielsa in Marseille – Ein Wechselbad der Gefühle

Im Vereinsleben von Olympique de Marseille, das im französischen Ligatreiben sonst für schillernde Transfers bekannt ist, kam es nicht oft vor, dass ein neuer Trainer beim Sommermercato für mehr Aufsehen sorgte als die Spieler. Im Sommer 2014 sollte sich jedoch mit der Ankunft von Marcelo Bielsa diese Ansicht radikal ändern.

Marcelo Bielsa ist nicht irgendein Trainer. Der gebürtige Argentinier hat eine ganz besondere Stelle in der Zunft der Taktiker. Als Trainer der argentinischen und der chilenischen Auswahl, und später des Athletic Bilbao, ist er vielen Fußballbegeisterten ans Herz gewachsen. Er gilt als besonders spielorientiert, verlangt von seiner Mannschaft vollen Einsatz; er selbst befasst sich rund um die Uhr mit Fußball, fast schon autistisch anmutend. Nicht umsonst hat er sich in Südamerika den Spitznamen « El Loco » verdient.

Ein Verrückter in einer so heißblütigen Stadt wie Marseille? Das kann doch nur gut gehen. Schon die Nachricht von seiner Verpflichtung löste eine Freudenwelle bei den Fans aus. Man muss aber auch sagen, dass die Saison 2013-2014 besonders schlimm war und jede Veränderung wohlwollend angenommen wurde. Bielsa war aber bestimmt der Richtige, um den Enthusiasmus der Fans neu zu entfachen.

Die Bilanz der Saison 2013-2014 ist in vieler Hinsicht enttäuschend. Eine Nullnummer in der Champions-League, ein sechster Tabellenplatz, keine Europa-Quali… und ganze sieben Heimniederlagen bei Ligaspielen sorgte für eine trostlose Atmosphäre bei OM. Im Verlauf der Saison war Trainer Elie Baup schon gefeuert worden; der anrüchige Sportdirektor José Anigo hatte das Interim übernommen bis ein neuer Trainer im Sommer geholt werden konnte.

Dem neuen Trainer stand im Sommer eine Riesenarbeit bevor. Das zuvor eingespielte Kollektiv von OM, obwohl es in 2013-2014 wenig verändert worden war, hat sich im Laufe der Saison irgendwie komplett aufgelöst. Trotz hoher individuellen Qualitäten schien die Moral der Truppe sehr wankelmütig, kein einziges Spiel gab einen vollständig guten Eindruck dar; immer wieder ließ die Mannschaft die Arme hängen, reagierte bei Gegentoren nicht und wartete resigniert auf das Spielende. Für die Fans wurde diese Saison oft zum Albtraum, entsprechend schwand die Begeisterung und die Besucherzahlen im Velodrome.

Aber Bielsa wäre nicht Bielsa, wenn er nicht eine komplette Revolution versprechen würde. Bevor er noch seinen Vertrag unterschrieben hatte, analysierte er mit seinen Assistenten sämtliche Spiele von OM per Video und erfasste individuelle Statistiken für jeden einzelnen Spieler. Zu OM kam Bielsa mit einer ungewöhnlich hohen Anzahl von Assistenten und einem neuen Physiotherapeuten. Er behielt aus dem früheren Staff nur Frank Passi, der schon Assistent-Trainer war und wegen seiner Spanisch-Kenntnisse nun im Training als Dolmetscher firmiert.

Mit entsprechend hohen Erwartungen wurden die ersten Trainingseinheiten der Ära von Bielsa unter die Lupe genommen. Oder zumindest was davon zu sehen war. Denn die Einführung der neuen Methoden wurden auch mit einem Wandel in der Kommunikation verbunden: das sonst für Journalisten frei zugängliche Training wird nun unter Ausschluss der Öffentlichkeit abgetragen. Einzig die vereinseigenen Medien dürfen zuschauen. Die Verantwortung für diesen Wandel trägt aber nicht unbedingt Bielsa. Zwar hat er eine ganz eigene Art mit den Medien umzugehen: er nimmt absolut keine persönlichen Interviews an, konzentriert sich nur auf Pressekonferenzen, bei denen er hingegen sehr ausführlich antwortet und sich gerne zu “Lehrveranstaltungen” überreden lässt, wo er seine Spielphilosophie erläutert. Aber in seinen Jahren als Trainer von Bilbao, zum Beispiel, hatte er keinesfalls die Presse vom Trainingszentrum ausgeschlossen, ein Großteil der Trainingseinheiten waren öffentlich zugänglich.

Es sieht also aus, als hätte die Vereinsführung um Präsident Labrune die Diskretion von Bielsa benutzt, um restriktive Maßnahmen gegenüber der Presse zu nehmen. Ziel dieser Strategie wäre ein Versuch, die sehr hohe mediale Anziehungskraft von OM zu benutzen und zu einem neuen Einnahmefluss zu konvertieren: der Verein zentralisiert die Content-Produktion rund um das Team, beherrscht die ganze Berichterstattung und verkauft sie weiter an die üblichen Medien. Außer der Einnahmen hat dies natürlich den Vorteil, in einem Verein bei dem wöchentlich neue Polemik entsteht, keine schmutzige Wäsche in der Öffentlichkeit zu waschen.

Bielsa und die Presse – ein eiskalter Empfang

Diese Veränderungen wurden von der Presse schlecht angenommen, vor allem von der wenig betuchten Lokalpresse, die sich um ihr täglich Brot beraubt fühlte. Insofern ist das Presseecho der ersten Monate eher schlecht. Journalisten versuchen jedes kleine Anzeichen als Unstimmigkeit zu interpretieren, verbringen Stunden damit bei den Pressekonferenzen nach öffentlichen Trainingseinheiten zu verlangen.

Zur ersten Zielscheibe der Journalisten wurde die physische Vorbereitung vor der Saison. Bielsa hatte eigens den Belgier Jan van Winckel angestellt, anstatt der üblichen Physios von OM; van Winckel gilt als Referenz im kleinen Milieu der Physiotherapeuten, als Autor hat er neue Methoden des Trainings und der Verletzungsvorbeugung beschrieben. In Frankreich ist es üblich die Saison mit einer ordentlichen Ausdauerarbeit anzufangen; diesmal war es anscheinend anders, die neue Methode legte besonders Wert auf die Wiederholung von schnellen und intensiven Anstrengungen. Laut Presse stieß dies auf Unverständnis bei den erfahrenen Spielern, aber das gleich als Krise hochzustilisieren? Kein Spieler hat je einen öffentlichen Kommentar dazu abgegeben, die Problematik scheint also eher zweitrangig gewesen zu sein.

Im Nachhinein scheint die Vorbereitung eher positiv abgelaufen zu sein: OM gewinnt alle Vorbereitungsspiele, die Spieler scheinen frisch und fröhlich. Der Saisonanfang wird kurz überschattet, weil OM seine zwei ersten Ligaspiele nicht gewinnt. Danach aber startet eine durchhaltende Siegesserie, die OM zur Tabellenführung leitet und später zur Herbstmeisterschaft. Konditionsprobleme gab es bis zum Jahresende nicht, und das Team wurde nicht besonders von Verletzungen geplagt (einzig Alessandrini hatte ein echtes Verletzungspech, aber eher mit wiederkehrenden Beschwerden).

Zweite Zielscheibe: die Transferpolitik. Die zahlreichen Transfers von OM im Sommer wie im Winter sind ein wahres Füllhorn für die Presse. In diesem Jahr sollte es aber anders sein: erstens weil die karge Finanzsituation von OM keine extravaganten Transfers zuließ, zweitens weil die Transferverhandlungen (wegen der neuen Medienkontrolle) streng geheim blieben. So erfuhren die Journalisten, wie jedermann, die wenigen Neuzugänge des Sommers per Bescheid auf der Website des Vereins. Grund zur Frustration also, was die Journalisten dazu anspornte die Transferpolitik besonders skeptisch zu untersuchen. Schlimmer noch: in den wöchentlichen Pressekonferenzen versuchten Journalisten eine gewisse Zwietracht zwischen Bielsa und der Vereinsleitung zu fördern.

Denn in der Tat war dieses Sommermercato eher mager und es kann gut sein, dass Bielsa bei seiner Verpflichtung was anderes versprochen wurde. Bielsa wollte eine gewisse Anzahl an Vollprofis haben, hatte dem Verein auch gewisse Namen von wünschenswerten Spielern gegeben, mit internationalem Profil. Es kamen Alessandrini, der von OM schon länger umworben war (er wäre fast schon im Vorjahr gekommen, sein Transfer scheiterte im letzten Moment), Batshuayi, ein junges Talent aus Belgien, Doria, Innenverteidiger der brasilianischen U21, und schließlich Barrada, offensiver Mittelfeldspieler der sich nach Premier-League und Liga in den Emiraten verirrt hat. Keiner stand auf Bielsas Liste. Alessandrini und Batshuayi scheinen vor allem den eventuellen Abgang von Ayew und Gignac zu kompensieren; vom Profil her stimmen sie aber eher mit dem Spielertyp von Bielsa ein: sie sind jung, haben schon ein gewisses Niveau und haben ihr Potenzial noch nicht ausgeschöpft. Barrada scheint ein Schnappseinkauf der letzten Minute, er passt nicht in die Startelf, ehe es mehrere Abgänge im Mittelfeld gäbe.

Doria, auf den Präsident Labrune besonders stolz ist, kam bei Bielsa besonders schlecht an: mangels Informationen hat Bielsa ihn vor seiner Ankunft überhaupt nicht analysieren können. Denn Bielsa hat eine Macke: er will jeden Spieler ganz genau analysieren, anhand von Videos und Statistiken, über eine Saison hinaus. Ohne das, kann keiner sein Vertrauen gewinnen. So kam Doria lange Zeit nicht in die Startelf; ja nicht mal in die Profigruppe. Er musste mit der Reserve von OM spielen, die sich derzeit in der fünften Liga befindet. Zwar ist er noch jung und passt zum Durchschnittsalter der Reserve, aber man konnte ihm ansehen wie leid es ihm tat, nicht zu den Profis zu gehören. Jede Woche kam eine Anfrage über seine Situation in der Pressekonferenz; Bielsa beantwortete sie alle gleich: Doria kommt nicht in die Profigruppe solange er nicht besser ist als die anderen Verteidiger, die dort sind. Und dieser Zeitpunkt ist tatsächlich nie gekommen: im Winter wurde Doria die Rückkehr nach Brasilien gegönnt, als Ausleihe bei Sao Paulo. Es bleibt ein offenes Rätsel, ob er wirklich so schlecht war oder ob Bielsa nur stur darauf beharrte, nur von ihm gewollte Profis einzusetzen.

Für viele Journalisten war es klar: Bielsa kann mit der Transferpolitik von Präsident Labrune gar nichts anfangen und wird deswegen nach einem Jahr den Verein wieder verlassen. Was Bielsa dazu tatsächlich gesagt hat: er sei zwar nicht komplett zufrieden mit dem Mercato, aber es besteht auf eine strikte Rollentrennung in der Vereinsführung; demnach ist er als Trainer absolut nicht für die Transfers zuständig, seine Arbeit ist es das beste rauszuholen, aus dem was er bekommen hat. Dazu hat er immer beteuert, dass er die Jugendspieler von OM prima findet und dass sie vollkommen fähig wären die mangelnden Profis zu ersetzen. Es hört sich also nicht wie Konfrontationskurs an. Und eine schöne Geste von der Vereinsleitung kam ja dann doch noch: im Wintermercato holte Labrune Lucas Ocampos aus Monaco (Ausleihe+Kaupfoption im Falle einer CL-Qualifikation); dieser stand bekanntlich auf der Liste von Bielsa.

Ob sich OM diesen letzten Neuzugang leisten kann, ist eine andere Frage. Denn so minderwertig das Mercato dieser Saison war, gekostet hat es trotzdem. Man fühlt, dass die Zugänge sich durch den Verkauf von einigen teuren Spielern ausgleichen sollten. Davon gab es aber erstaunlich wenig: OM hatte alle Mühe der Welt einen Klub für Valbuena zu finden (er ging für läppische 7 M€ zu Dynamo Moskau), obwohl das ganze Jahr in der Presse vom Interesse spanischer Klubs zu lesen war. Ayew und Gignac, denen nur ein Jahr Vetragsbindung übrig blieb, hätten eigentlich auch gehen sollen. Zwar sind die Fans überglücklich, dass beide geblieben sind, doch finanziell kann sich der Verein das kaum leisten. Und beim nächsten Mercato sind beide frei, ohne Ablöse zu gehen, ein Riesenmanko für OM. Das diesjährige Budget kann man also nur nachvollziehen, wenn man die Gelder einer vermeintlichen CL-Qualifikation im nächsten Jahr miteinbezieht. Äußerst gewagt, was die Presse auch schärfstens kritisiert.

Eine eklatante Hinrunde

Die Journalisten mussten sich irgendwann doch geschlagen geben. Zum einen weil Bielsas diskretes Auftreten nicht zum offenen Schlagabtausch in der Pressekonferenz taugt, und seine langen, durchdachten Erklärungen selbst den kritischsten Journalisten zufriedenstellen. Zum anderen weil Bielsa sehr schnell zum Publikumsliebling mutierte. Denn sein OM reihte nicht nur Siege an. Was wirklich von den Fans gefeiert wurde, ist die Rückkehr der Spielfreude. Unter Elie Baup schien es so, als wäre die Meisterschaft nur eine binäre Reihenfolge von 1-0, 0-0 und 0-1. Unter Bielsa erlebt man Pressing vom Anfang bis zum Ende, Kunststücke, voller Einsatz und Tore, Tore, Tore (in den drei letzten Jahren schwankte Marseille zwischen 42 und 53 Tore pro Saison, dieses Jahr wurde diese Marke schon am 28. Spieltag übertrumpft).

Dabei ist sein System gar nicht so offensiv, wie man denken könnte. So erklärt Bielsa seine Aufstellung: wenn die gegnerische Mannschaft eine Sturmspitze hat, nimmt er nur zwei Innenverteidiger, wenn es zwei Sturmspitzen sind dann eben drei Innenverteidiger. So simpel ist seine Wahl. Je nachdem gibt es dann ein oder zwei Mann im defensiven Mittelfeld, die Spitze bleibt in der Regel immer gleich: Thauvin-Payet-Ayew und ganz vorne Gignac. Im Mittelfeld hat sich Imbula als Leistungsträger Nr. 1 behauptet. Weniger klar ist der Posten neben ihm: meistens wird der älternde Romao bevorzugt, der ein defensives Profil hat, oder der noch etwas grüne Lemina, eher ein offensiver Mann.

Hinten ist alles total neu. In den letzten Jahren hatte sich das Duo N’Koulou/Mendes bewährt. Mendes musste im Sommer erstaunlicherweise gehen, vermutlich um den Transfer von Doria zu bezahlen. Die Suche nach einem Nachfolger gestaltete sich komplizierter als geplant. Zwei mögliche Kandidaten, Rod Fanni und Benoit Cheyrou, wurden von den Trainingseinheiten ausgeschlossen weil der Verein sie loswerden wollte (schlecht waren sie nicht, aber alt und teuer). Bei den Nachwuchsspielern war eher für Außenverteidiger Potenzial; so wurde kurzerhand Jeremy Morel, 29 Jähriger Berufs-Außenverteidiger, als Innenverteidiger einberufen. Dieser Mann gehörte seit zwei Jahren eher der “Pleiten, Pech und Pannen”-Fraktion als den Leistungsträgern an. Doch der 1,72m grosse Morel ließ alle staunen: mithilfe der Vorbereitung von Bielsa wurde aus ihm ein sehr solider Innenverteidiger, der heute aus dem Defensiv-Konzept von Marseille gar nicht wegzudenken ist. Neben ihm haben sich die jungen Dja Djedje und Mendy weiterentwickelt, und sind bei weitem vertrauenswürdiger als in den Vorjahren. Und als Aushilfe kommen brandneue Spieler aus dem Nachwuchszentrum, denen Bielsa eine erste Chance gab und die sich dieser würdig erwiesen: Aloé, Andonian und Sparagna geben Hoffnung auf neue Zeiten, in dem das Eigengewächs einen guten Teil der Profimannschaft ausmacht.

Wenn man diese Startelf betrachtet, fällt auf, dass es, bis auf die Ausnahme von Morels Neupositionierung, eigentlich dieselbe Elf wie letztes Jahr ist. Wie kann man also diesen unglaublichen Leistungsunterschied erklären? Trotz der Sprachbarriere scheint Bielsa ein unglaublicher Motivator zu sein und hat eine besondere Aura, die selbst die erfahrensten Spieler mitzieht. Seine Vorschriften und sein Training sind eher streng aber werden von den (sonst etwas verwöhnten) Spielern besser angenommen als beim x-beliebigen Ligue 1-Trainer. Das Training ist auch etwas anders: die Spieler müssen bestimmte Spielphasen wiederholen bis das Ding passt, ad nauseam. In den Medien sprechen manche Spieler darüber, wie frustrierend diese Methode sein kann, aber sie räumen auch ein, dass sie dadurch fortschreiten. Selbst ältere Semester wie Rod Fanni und Morel lernen dazu und geben ihre beste Saison. Oder auch Gignac: er ist zum Beispiel europaweit der gefährlichste Stürmer per Kopf geworden, obwohl er zuvor in seiner Karriere kaum per Kopf getroffen hatte. Er hatte angenommen, dass er es nicht könne, und nun wurde ihm durch Übung das Gegenteil bewiesen.

Bielsas Arbeit ist also sehr auf die individuelle Leistung zentriert, und es scheint jeder im Team persönliche Verbesserungen aufzuzeigen. Auch die Entscheidungen über die Startelf begründet Bielsa immer durch individuelle Leistungstests, die ihm zeigen wer für die Aufgabe am meisten fit ist. Denn: fit muss man sein, um Bielsas Tempo halten zu können. Das Team gibt den Eindruck, nie nachlassen zu wollen. Logischerweise hatte Marseille in dieser Saison bisher bei jedem Spiel in Punkto Ballbesitz die Oberhand. Der Druck auf den Gegner soll stets hoch sein: selbst in längst entschiedenen Spielen, bei denen OM haushoch in Führung lag (siehe Auswärts gegen Reims, Toulouse oder Lens) konnte man sehen wie OM-Spieler, ein paar Minuten vor Schluss, hohes Offensivpressing in der gegnerischen Hälfte ausführten. An sich etwas unnütz aber ein Beispiel der hohen Anforderungen von Bielsa.

Problem: wie lassen sich diese Anforderungen auf die Dauer überwältigen? Kann man das physisch eine Saison lang aushalten, gerade bei einem eher mittelmäßigem Kader?

Ist Bielsa eine langfristige Lösung?

Nach einer unglaublichen Hinrunde und einer Herbstmeisterschaft schien das ganze Konstrukt von Bielsa zu bröseln. Die Mannschaft, die eine Serie von 8 Siegen in Folge hinterlegt hatte, begann an sich zu zweifeln. Bei der Rückkehr aus den Weihnachtsferien schien das Tempo zu stocken. Gegen vermeintlich schwache Teams wie Nizza und Montpellier verlor man Auswärts, und auch die Heimsiegserie hörte auf : 11 Siege zuhause in Folge, seit dem dritten Spieltag… nur, um am 25. Spieltag kläglich gegen Reims zu scheitern. Dieses Remis war auch noch vom Szenario her sehr bitter, denn man kassierte das 2-2 in den letzten Spielminuten. Seitdem konnte OM keinen Heimsieg mehr einfahren, und es sah so aus als sei die Glücksträhne komplett verblichen: gegen Saint-Etienne auswärts kassierte man wieder einen Ausgleich in letzter Minute, gegen Caen daheim vergab man einen 2-0 Vorsprung und verlor 2-3. Horrorszenarien für die Fans, die sich an das Loserteam der vergangenen Saison erinnert fühlten.

Wie kann man diesen Leistungsschwund erklären? Da grenzt man wieder an der komplizierten Psychologie des Fussballers, der binnen kurzer Zeit von Euphorie zum Müßiggang wechselt. Die optimistischsten Beobachter dachten, die Spieler seien wegen einer harten Vorbereitung in der Winterpause erschöpft, damit sie hingegen im Schlussspurt Vollgas geben können. Mittlerweile ist diese Theorie nicht ganz aufgeschlagen. Es scheinen sowohl die Beine wie die Moral versagt zu haben. Bielsa selbst hat das Thema in einer Pressekonferenz angesprochen, dass die Spieler nicht mehr die Konzentrationsfähigkeit hatten, um seine Anweisungen 100%ig zu befolgen; als Antwort hat er ihnen angeblich mehr Freiraum gegeben, um sein System so zu interpretieren wie sie es nur können. Mit zwei haushohen Auswärtssiegen gegen Toulouse und Lens (6-1 und 4-0) haben die Spieler gezeigt, dass sie das Fußballspielen nicht verlernt haben. Aber die erstaunliche Regelmäßigkeit der Hinrunde ist allem Anschein nach nicht mehr wieder zu erreichen. Der Titelkampf ist aber dadurch so gut wie entschieden.

Zudem wurde im Laufe der Saison deutlich, dass OM kein Duell gegen andere Titelanwärter gewinnt. Anfangs eher eine Randerscheinung, soweit man genügend Punkte hatte fiel das nicht weiter auf. Marseille hat aber jetzt einen gewissen Rückstand zu seinen Mitstreitern und da hätten die Punkte aus den direkten Begegnungen gut getan. Dabei waren diese Spitzenspiele aus Marseiller Sicht gar nicht so schlecht, man hatte durchaus den Eindruck gewinnen zu können oder zumindest ebenbürtig zu sein. Es fehlte halt immer das gewisse Etwas, mal in der Offensive, aber viel öfter in der Defensive: so gut das Kollektiv zu arbeiten schien, in den Duellen mit hochkarätigen Stürmern wirken die Marseiller Verteidiger etwas überfordert. So sehr Bielsa Spieler wie Morel, Fanni, Dja Djedje oder Mendy verbessern konnte, bis in die internationale Klasse haben sie es nicht geschafft. Einzig N’Koulou hätte das richtige Potenzial, aber wegen Verletzungspech und Länderspielpausen (er musste zur afrikanischen Nationenmeisterschaft) konnte er diese Saison sein Talent nicht ganz ausdrücken.

Als letzter Punkt wurde von vielen Fans die Entscheidungen der Unparteiischen hervorgehoben. Es ist jetzt aber faktisch sehr schwer zu beurteilen, ob eine Mannschaft durch Schiedsrichterentscheidungen benachteiligt wird. In letzter Zeit hatte Marseille durchaus Pech damit; in den Medien wurde besonders viel über das (fälschlich) aberkannte Tor gegen Lyon geredet, gegen Saint Etienne kassierte man ein Tor nach einem nicht-geahndeten Foulspiel… Die Website von OM rezensiert seit kurzem diese Problemfälle, was von der Schiedsrichterzunft als sehr polemisch angesehen wird. Außerdem wird regelmäßig darauf hingewiesen, dass Lyon und PSG hingegen eher glimpflich davonkommen. Als Beispiel dafür wird die extrem hohe Anzahl von Elfmetern bei beiden Klubs zitiert (11 wurden bereits für sie gepfiffen, für Marseille dagegen nur 4 also fast drei Mal weniger). Darüber kann man noch lange streiten, aber Fakt ist: wenn Marseille seine Form der Hinrunde behalten hätte, hätte man jetzt keine Polemik über dieses und jenes Foul nötig.

Schon bei Bilbao hatte Bielsa keine eindeutige Bilanz vorzuweisen; die Rückphase war oft weniger erfolgreich als die Hinrunde, die zweite Saison weniger erfolgreich als die Erste… Die aktuelle Entwicklung könnte also eine Wiederholung von Bielsas üblichem Problem sein, seine Teams auf Trab zu halten. Trotz allem möchten die Fans den Trainer behalten. Mit seiner einfachen Art, über Fußball zu reden, und mit seiner ungeheuren Leidenschaft fürs Spiel hat er die Marseiller Fußballwelt verführt. Nach öden Jahren hat Bielsa wieder Lebensfreude im Stadion geweckt; selbst nach den schlechten Ergebnissen der letzten Monate wurden die Spieler stets unterstützt, während in den Vorjahren sehr schnell Unmut aufkochte. Es ist einfach offensichtlich, dass die Spieler ihr Bestes geben und das kommt eben immer gut an. Im Stadion und im Netz hat die “Bielsa no se va” Kampagne schon begonnen, und damit der Druck auf die Vereinsführung. Denn noch ist unklar ob Präsident Labrune, der anscheinend ein Kontroll-Freak ist, einen solchen Trainer behalten möchte, so stur und unabhängig. Bielsa könnte OM sicher durch sein Taktiker-Können, aber auch seine Jugendarbeit und seine Vorliebe zur Datensammlung auf Dauer vorantreiben. Selbst Beobachter anderer Klubs haben den Wunsch geäußert, er solle bleiben, weil er die französischen Trainer in seiner Anwesenheit zum Umdenken anspornt.

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