Blackpool FC – Fall ins Ungewisse

Blackpool

Wir schreiben den 22.05.2010. Gegen 16:45 Uhr bringt Brett Ormerod den FC Blackpool in der Nachspielzeit der ersten Hälfte im Championship Play-Off Finale gegen Cardiff City mit 3:2 in Führung. Die Seasiders retten den Spielstand über die Zeit und dürfen sich zum ersten Mal in der Klubgeschichte Premier League-Verein nennen. Für den kleinen Klub von der Küste Nordenglands ein wahres Märchen.

Vor allem ein bemerkenswertes, das Trainer Ian Holloway da vollbracht hat. Der charismatische Engländer übernahm die Seasiders im Sommer 2009 und führte den in den vergangenen Jahren gegen den Abstieg spielenden Klub gleich in die Play Offs. Bemerkenswert deshalb, weil Blackpool weder auf große Sponsoren – noch TV-Deals zurückgreifen konnte und deshalb jeden Pence einzeln umdrehen musste. So konnte man auch im Sommer vor der Premier League-Saison nur auf ablösefreie Spieler zurückgreifen – es musste wie in der Vorsaison über das Kollektiv und die Kampfbereitschaft gehen. Und die Tangerines nahmen den Kampf an: An der Spitze der Highlights dieser Saison steht sicherlich das Double über den FC Liverpool. Auch sonst brachte der FC Blackpool oft sehr gute Leistungen auf den Platz, die sich schlussendlich allerdings nicht in den Ergebnissen widerspiegelten. So stand genau ein Jahr nach dem Play Off-Erfolg gegen Cardiff der Abstieg fest. Definitiv keine Überraschung, so rechnete eigentlich jeder mit einem sofortigen Wiederabstieg der Seasiders, die Qualität war einfach nicht vorhanden. Doch sie hinterließen Eindruck, allen voran Charlie Adam, der nach der Saison zum FC Liverpool wechselte.

Zurück in der Championship gab man sich jedoch nicht mit dem einmaligen Erlebnis Premier League zufrieden, man wollte wieder zurück. Mit einer Vielzahl an jungen Spielern, u.a. Matt Phillips und Tom Ince, schafften die Seasiders nach einer Reihe von beeindruckenden Comeback-Siegen erneut den Einzug ins Play Off-Finale. Die Tugenden von großer Moral, Willensstärke und Kampfbereitschaft hatten sie wieder in die Erfolgsspur geführt. Doch eine Wiederholung des Märchens endete diesmal im Wembley Stadium, die Seasiders bissen sich an den Hammers von West Ham United die Zähne aus.

Eine Enttäuschung, aber nach den euphorischen Spielzeiten der Vorjahre schien immer noch alles möglich zu sein. Der verpasste Aufstieg hatte jedoch seine Spuren hinterlassen, das Gefühl alles schaffen zu können war verflogen. Nicht zuletzt bei Trainer Holloway, der noch in der Hinrunde den Hut nahm. Den Tränen nahe gestand er: „Im ersten Jahr sind wir aufgestiegen, hatten ein großartiges Jahr in der Premier League und hätten es beinahe wieder geschafft. Aber in dieser Saison war es eine fast unmögliche Aufgabe mich wieder aufzurichten. Ich hatte einfach nicht mehr diesen Einsatzwillen, diese Positivität.“ Mit Holloways Abgang endete Blackpools Zeit im Traumland, der Klub landete wieder da, wo er ’sein sollte‘ – im Mittelfeld der Championship. Während der Trainerverschleiß in den folgenden Jahren stark anstieg und man immer mehr in der Bedeutungslosigkeit des englischen Ligasystems versank, kristallisierte sich vor allem ein Problem heraus, das den Klub von weiteren Märchen abhielt: Die Oystons.

Der Kopf des Oyston Clans – Owen Oyston, ein englischer Geschäftsmann – kaufte den FC Blackpool bereits im Jahre 1988. Nachdem er 1996 wegen Vergewaltigung für 3,5 Jahre hinter Gitter musste, übernahm seine Frau die Geschäfte des Klubs, ehe der Sohn – Karl Oyston – 1999 zum Präsident ernannt wurde, eine Rolle, die er heute noch ausführt. Die Übernahme der Oystons brachte sportlich zuerst keine Veränderungen, der Klub war bis zum Aufstieg in die Championship 2007 Dauergast in der 3. und 4. englischen Liga. 2006 hatte man sich noch finanzielle Hilfe in Form eines Investments des lettischen Geschäftsmanns Valeri Belokon geholt, welche sowohl in Stadion, als auch neue Spieler fließen sollten.

Das ist nie passiert. Viel eher wanderte investiertes und erwirtschaftetes Geld in die Taschen der Oyston Familie – so streiften sie nach dem Jahr in der Premier League gleich elf Millionen Pfund ein, während der Klub weiterhin auf ablösefreie Spieler angewiesen war. So ist es dann auch nicht verwunderlich, dass auch sämtliche, aus Ablösen generierten Einnahmen, wieder nicht den Weg in die Mannschaft fanden. Das Stadion wurde nur ausgebaut, damit es den PL-Statuten entsprach, eine große Sanierung oder ein Neubau blieb aus. Auch der Trainingsplatz wurde bloß mit minimalen Mitteln erhalten. Holloway bezeichnete ihn gar als ‚hell hole‘. Der ehemalige Blackpool-Verteidiger Alex Baptiste hatte ebenfalls keine lobenden Worte für das ‚Squires Gate‘: „Keine Bälle im Training, wir müssen auf dem Strand laufen, weil der Trainingsplatz zugefroren ist, Lecks in der Kabine, kein Essen nach dem Training, es war auf jeden Fall eine Erfahrung!“ Ähnlich präsentierte sich auch der Platz der Bloomfield Road, dem Stadion des FC Blackpool.

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Der ‚Acker‘ der Bloomfield Road vor dem Spiel gegen Nottingham Forest im Februar 2015

 

Doch nicht nur die Plätze wurden sich selbst überlassen, auch der Kader schien nur zusammengestellt zu werden, damit man irgendwie spielen kann. Acht Tage vor dem Start der Saison 14/15 hatte der Klub nur acht (!) Spieler im Kader und keinen Torhüter. Die Pre-Season Tour in Spanien musste wegen Spielermangels abgesagt werden. Grund dafür war ein Patt zwischen Karl Oyston und Trainer Jose Riga, der selber seine Spieler aussuchen wollte. Oyston behielt aber die Oberhand und so ging man mit einem wild zusammengewürfelten Kader in die Saison, mit Mühe und Not konnte man 15 Spieler für das erste Saisonspiel melden, mit dabei zwei 17-jährige, die am Vormittag noch für die Akademie aktiv waren. Wenig überraschend wurde das Spiel verloren. Doch die Kuriositäten nahmen kein Ende: Im September verließ Rigas Assistent Bart de Roover den Klub, nachdem er immer noch keinen gültigen Vertrag erhalten hatte. Riga selbst musste Ende Oktober den Hut nehmen, einer von insgesamt 8 Trainern seit Holloways Abgang. Am Ende der Saison stieg man als eine der schlechtesten Mannschaften in der Geschichte der Championship verdient ab. Dass man dabei Mitte der Saison den geliehenen Torhüter Lewis aus dem Kader strich, weil er ansonsten zu viele Spiele gemacht hätte und eine gewisse Summe an seinen Stammverein Cardiff hätte zahlen müssen, zeigt noch einmal eindrucksvoll, wo die Oystons ihre Priorität setzen. Man könnte ein Buch mit solchen Geschichten füllen.

Die völlige Gleichgültigkeit, mit der Karl Oyston den Verein führt, sieht man auch an seiner Interaktion mit den Fans. Nachdem der Unmut letzterer über die vergangenen Jahre verständlicherweise gewachsen ist und in diversen Protesten gipfelte, kommentiert Oyston das meist nur mit abfälligen Bemerkungen oder Standardparolen. So bezeichnete er einen Fan als ‚retard‘ und bekam von der FA eine Strafe von 40.000 Pfund aufgebrummt. Weiters geht er juristisch gegen Fans vor, die ihn in Internetforen kritisieren und beschimpfen, welche teilweise zu fünfstelligen Geldstrafen geführt haben. Aufgrund dieser Behandlung der Fans, die Art und Weise, wie man den Klub verrotten lässt und sich Geld in die eigenen Taschen steckt, kam es am 30. April 2016 zu einem groß angelegten Protest mit über 3000 Fans – dem Judgement Day 2.

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Gebracht hat es doch alles nichts. Die Oystons lehnen Übernahmeangebote ab und lassen den Klub fallen. Auch Investor und Chairman Valeri Belokon stößt auf taube Ohren, nachdem er bereits mehrfach versucht hat, den Klub selbst zur Gänze zu übernehmen und die Oystons aus dem Klub zu drängen. Er scheint derzeit der einzige Hoffnungsschimmer für alle Fans der Seasiders zu sein, führt er doch ein Verfahren gegen Karl Oyston wegen der Veruntreuung von Vereinsgeldern. Doch selbst ein Urteil gegen Oyston muss nicht zu seiner Absetzung als Chairman führen. Am Ende des Tages wird man darauf hoffen müssen, dass sie selbst die Entscheidung fällen den Klub zu verkaufen.

Am 8. Mai 2016 wurde der Abstieg in die League Two, der vierten englischen Liga, zur bitteren, wenngleich auch erwartbaren Realität. Der FC Blackpool befindet sich im freien Fall und sofern sich die Oystons nicht bald von ‚ihrem‘ Klub trennen, werden die Seasiders bald in den Tiefen des englischen Ligasystems verschwunden sein.

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