Damals war die Welt noch in Ordnung


Boris text
Nach dem üblichen überteuerten Bier in der Innenstadt und einer langen U-Bahnfahrt zum Stadtrand von Paris, schien das diesjährige Frankreich vs Deutschland nichts au
ßergewöhnliches an sich zu haben. Schließlich sind Freundschaftsspiele zwischen diesen beiden Ländern häufig, vor allem rund um den 11. November, um mit den offiziellen Gedenkfeiern des Ersten Weltkriegs zusammenzufallen.

Ein weiterer vertrauter Anblick bei der Ankunft am Stade de France sind lange Warteschlangen vor jedem Block. Das Personal gilt als weniger erfahren als die Sicherheitskräfte der ordentlichen Fußballstadien (und vor allem in Anbetracht der unterschiedlichsten Veranstaltungen die im Stade de France organisiert werden) und neigen also eher dazu, langsamer zu sein, um die große Menschenmenge des 80.000-Sitzer-Stadions zu verarbeiten. Mein erster Tweet des Abends – sehr ironisch – galt der 50 Meter-Warteschlange vor unserem Block, wegen der ich möglicherweise den Beginn des Spiels verpassen würde. Halb so schlimm, ich saß auf meinem Platz just in dem Augenblick, wo die Hymnen begannen.

Was wir in dem Moment nicht wussten: die Sicherheitsvorkehrungen waren verschärft, und das hat wohl vielen Menschen das Leben gerettet.

Die Atmosphäre fühlte sich im Stadion recht friedlich an. Der deutsche Auswärtsblock war eher klein und während der Partie nicht sehr aktiv, es gab daher keinerlei Provokationen zwischen den Fans. Die Heimfans, in der Regel eher ruhig (außer der Marseillaise und ein paar Laola-Wellen), haben sich wirklich verbessert: es gibt jetzt einen Stimmungsblock in der Nordkurve mit Fahnen und Gesängen, wie wir es beim Vereinsfußball gewohnt sind zu sehen. So ergab sich ein besserer Gesamteindruck als sonst, was die Unterstützung von französischer Seite aus angeht.

Aus sportlicher Sicht war das Spiel nicht wirklich mitreißend. Beide Teams zeigten große Schwächen im Zusammenspiel, vor allem Deutschland ist kollektiv wirklich an einem Tiefpunkt angelangt. Auf beiden Seiten gab es lange Zeit kaum Chancen. Natürlich ist es schwer aus einem Testspiel Schlüsse zu ziehen, mit solch einer geringen Motivation bei den Spielern. Aber es sieht schon so aus, als würden beide Mannschaften nicht allzu hohe Erwartungen für die kommende Euro aufweisen.

Aber …

Das ganze sportliche Geschehen wurde natürlich von den Ereignissen in der Stadt und in der Nähe des Stadions überschattet. Nach 15 Minuten in der Partie war eine sehr laute Explosion im Stadion zu hören, gefolgt von einer Weiteren ein paar Minuten danach. Ich erzählte einem Freund neben mir „Mann, das war aber ein Riesenböller…“, und das war ja auch das, was jeder in diesem Moment dachte. Es gab im Stadion keine Panik oder auch nur den Hauch einer Reaktion, und es wurden auch keine Infos von den Offiziellen gegeben, damit sich keine Panik ausbreitet. Bald kamen aber auf Twitter Gerüchte auf… in der Halbzeit machten diese die Runde, die Zuschauer verglichen die Nachrichten, die sie auf ihren Handys empfangen hatten; nichts war zu dem Zeitpunkt klar, die einen meinten dass in einem Restaurant ein Gaskanister explodiert war, andere, dass Granaten in der Nähe der Stadiontore geworfen wurden.

Die zweite Hälfte ging ganz normal los, offenbar hatten die Spieler auch keine Kenntnis von den Ereignissen außerhalb des Stadions. Frankreich, das kurz vor der Pause in Führung gegangen war, erweiterte diesen Vorteil später in der zweiten Hälfte; die Fans bejubelten außerdem das Comeback von Ben Arfa und Gignac in der Nationalmannschaft.

Etwa 15 Minuten vor dem Ende des Spiels, hatte die Nachricht von den Schießereien in der Innenstadt und die steigende Zahl der Todesopfer auch unsere Ohren erreicht. Das ist auch der Moment, an dem man anfing zu verstehen, dass außerhalb des Stadions Selbstmordattentäter am Werk waren. Einige beschlossen, das Stadion zu diesem Zeitpunkt zu verlassen, aber die meisten im Publikum blieben bis zum Schlusspfiff, alles blieb erstaunlich ruhig im Stadion.

Am Ende des Spiels wurde eine Meldung angezeigt die erklärte, dass die Tore auf der westlichen Stadionseite wegen eines „Zwischenfalls“ geschlossen blieben. Das hat die Zuschauer endgültig in die Gegenwart zurückgebracht : das Bewusstsein, inmitten einer Terrorattacke zu stehen. Der steigende Angstpegel kann wahrscheinlich erklären, dass es auf dem Stadionvorplatz zu tumultartigen Szenen kam. Als die meisten schon aus dem Stadion waren, begann eine massive Panikbewegung, bei der Tausende von Zuschauern begannen ziellos wegzulaufen. Man kann nur spekulieren, was genau dies verursacht hat, aber in einer solchen Lage kann jedes Geräusch für eine zweite Attacke missverstanden werden. Daraufhin stießen manche Zuschauer wieder ins Stadion zurück und blieben sicherheitshalber auf dem Rasen, bis die Situation außerhalb sich zu beruhigen schien.

Trotz der Gewohnheit, große Menschenmengen und Sicherheitsprobleme in einem Fußballstadion zu erleben, fühlt man sich ziemlich hilflos, wenn das Publikum derart panisch zu laufen beginnt. Der Eindruck, dass die Leute rundherum um ihr Leben liefen (obwohl es sich herausstellte, dass es in dem Moment nichts mehr zu befürchten gab) war höchst unangenehm. Das fühlte sich schon etwas anders an, als eine beliebige Rangelei, bei der Außenstehende “nur” versuchen aus dem Weg zu gehen. Ich habe so etwas noch nie so ernsthaft bei einem Stadionbesuch erlebt. Ich konnte nicht anders, als gut 50 Meter zu laufen, bevor ich in der Lage war zu stoppen und mich nach meinen Freunden umzusehen, die von mir getrennt worden waren.

Der Weg zurück in die U-Bahn war auch besonders stressig, weil im Laufe der Zeit immer mehr verwirrende Informationen auf dem Handy auftauchen… An einem gewissen Punkt wurde sogar erwähnt, dass die Angreifer mit der U-Bahn geflohen sind (einige Stationen waren auch tatsächlich gesperrt worden). Man kann sich hier leicht vorstellen, wie die Leute in der U-Bahn bei jedem Halt  aus dem Wagen starrten…

Dieser Abend wird sicher in meiner Erinnerung bleiben, nicht nur wegen meinem persönlichem Erlebnis, sondern auch die ganz schlimmen Bilder die durchgehend auf dem Fernseher liefen. Vergnügungsorte, die jeder in Paris mal erlebt haben sollte, wurden in dieser Nacht zum Kriegsschauplatz. Dass ein paar Monate vor der Europameisterschaft 2016  solche Orte gezielt bedroht werden, ist äußerst bedenklich. Auf der anderen Seite, war eine der wichtigsten Lehren dieser Nacht auch, dass Sicherheitskräfte in dieser Ausnahmesituation eher gut reagierten. Die Sicherheitsmaßnahmen im Stadion, die auf den ersten Blick ein bisschen übertrieben schienen, haben einen Bombenanschlag im inneren des Stadions verhindert. Der Einsatz von Polizeikräften unmittelbar nach dem Spiel war wirklich schnell und massiv, vor dem Stadion und auf dem gesamten Verkehrsnetz, und natürlich am Ort der Geiselnahme im Bataclan. Es fühlte sich zumindest so an, dass die Notfallmaßnahmen gut funktionierten. Nun wünscht man sich, dass sie diese nicht mehr zur Schau stellen müssen.

 

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