Der Gentleman aus Portugal

Dier
Es könnte kaum besser laufen für die Spurs. Spätestens nach dem 4:1-Achtungserfolg gegen Manchester City war jedem Premier League-Fan klar, dass auch Tottenham diese Saison zu einem der Topklubs in der Liga gehört. Während man in der Vorsaison noch ein paar Probleme hatte, scheinen diese nun Großteils beseitigt zu sein. Die Spurs haben eine fantastische Vorbereitung hinter sich und ernten nun die Lorbeeren für die harte Arbeit. Und für die viele Lauferei. Kaum eine andere Premier League-Mannschaft ist fitter, dies macht sich sofort auf dem Platz und somit bei den Ergebnissen bemerkbar. Doch, das ist nicht die einzige gravierende Änderung bei dem Klub aus der Hauptstadt.

Vor allem der junge Eric Dier wird von den Fans gelobt. Und das auch zurecht. Der 21-jährige Engländer kam vorigen Sommer für rund sechs Millionen Euro von Sporting Lissabon nach London. Stets war er in der Innenverteidigung zu finden, doch neben dem offensiveren Nabil Bentaleb und dem Kämpfer Ryan Mason schien es keine Alternativen zu geben, also entschied sich Trainer Pochettino für ein Experiment, welches ein erfolgreiches Ende nehmen sollte. Nicht nur der erst 19-jährige Neuzugang Dele Alli konnte überzeugen, sondern auch der Innenverteidiger in seinem neuen Terrain. Während Alli mit seiner Technik und seiner Schnelligkeit als Box-to-Box-Player für Gefahr sorgt, ist Eric Dier für den Spielaufbau und die Defensivarbeit zuständig. Dabei kommt ihm seine Ausbildung in Portugal entgegenkommen.

Da seine Mutter 2001 im Rahmen der Europameisterschaft 2004 einen Job in Portugal angeboten bekam, zog der damals erst 6-Jährige von Cheltenham in die südlichste Region Portugals, Algarve, ehe es ein Jahr später in die Hauptstadt ging. Bereits in der Volksschule fiel seinem Turnlehrer sein Talent auf. Glücklicherweise hatte er Kontakte zu Talentscouts von Sporting. Acht Jahre lang verbrachte er in Jugendakademie in der Hauptstadt Portugals. „Es wird einem nicht nur das Fußballspielen beigebracht, man wird dort förmlich zum Mann gemacht. Auch Benehmen ist sehr wichtig. Händeschütteln, Leute grüßen, sein Zimmer aufräumen.“ Während seine Eltern 2010 zurück nach England kehrten, unterschrieb der damals 16-Jährige seinen ersten Profivertrag bei Sporting, trotz Angebote vieler großer englischer Vereine, unter anderem seines Lieblingsvereins Manchester United. Nur ein halbes Jahr später folgte ein Kurzaufenthalt in England, als er bis Saisonende an Everton verliehen wurde. Doch der „Engländer“ hatte Probleme mit seiner eigenen Kultur. Der Lebensstil, das Wetter, der Ort, die Leute, sogar die „neue“ Sprache, vor allem der Scouse-Dialekt, aber auch der viel aggressivere, robuster Spielstil, machten dem Talent zu schaffen. Er wollte nur noch weg und fühlte sich nicht zu Hause. Deshalb kam Dier anfangs nur für Evertons U18 zum Einsatz. Aber Dier wollte letztendlich nicht einfach aufgeben. Er wollte es wie Ronaldo machen und der portugiesischen Schule mit der englischen Härte einen Feinschliff geben. Er war davon überzeugt, dass 50 Prozent portugiesisch und 50 Prozent englisch die perfekte Mischung seien. Deshalb verlängerte er seinen Leihvertrag bei den Toffees um ein weiteres Jahr. Doch vor allem die Anstellung von Allen Irvine als Akademieleiter war ein entscheidender Faktor für Dier, da dieser viele Änderungen vornahm, wie beispielsweise Trainings mit den Profis.

Zurück in seiner Heimat Portugal kämpfte er sich nach guten Leistungen in der B-Mannschaft Sportings in die Kampfmannschaft. Bereits wenige Wochen nach seinem Debüt für die Profimannschaft sollte er sein erstes und einziges Tor für die Portugiesen erzielen. Nach 26 Einsätzen in zwei Profijahren bei den Leões verließ er Portugal und heuerte 2014 bei den Spurs an. Zurück in England konnte er bereits in seiner ersten Saison überraschen. Für viele nichts Besonderes, doch vor allem für Dier eine große Überraschung: „Viele vergessen, dass ich sowas wie ein Fremder bin …“

Nach einem Jahr als Innen- und Außenverteidiger bei den Londonern, kam er diesen Sommer erstmals in England als Mittelfeldspieler zum Einsatz. Trotz anfangs großer Kritik, dass auf lange Sicht dieses Experiment scheitern werde, bekommt Pochettino nun selbst von seinen Kritikern Lob für diese Entscheidung. So sagte beispielsweise Ex-Spurs-Tormann Erik Thorstvedt, dass Dier ideal für diese Position sei und Pochettino Recht hatte. „Ich glaube Dier wurde nicht in seine neue Position gebracht, wegen dem, was mit dem Ball macht, sondern viel mehr für das, was er ohne macht. Er gibt der Mannschaft eine gute Balance in der Defensive.“

Doch während vor allem Pochettino Lob erntet, bräuchte man nur einen Blick in die Vergangenheit zu machen, denn bereits 2013 kam Dier unter „O professor” Jesualdo Ferreira als Sechser zum Einsatz. Aber der Versuch schien zu scheitern, der damals 19-jährige Engländer wusste nicht, was er tun sollte, beschrieb sich selbst in einem späteren Interview als ein “kopfloses Huhn, das nicht wusste, wo es hinlaufen sollte”. Jesualdo Ferreira verlor nach nur zehn Minuten die Nerven, rief den Jungen zu sich an die Seitenlinie, schrie ihm förmlich seine Anweisungen in die Ohren, doch der Portugiese wurde erhört und Dier spielte eines der besten Spiele seiner Karriere.

Doch weshalb wurde diese Idee wieder verworfen? Nach einer Verletzung war damals die Saison für Eric Dier bereits beendet, bei seinem nächsten Einsatz kam er aufgrund mangelnder Alternativen als rechter Verteidiger zum Einsatz und erzielte nur wenige Minuten später den Siegtreffer. Der Jungspund brachte gute Leistungen, ein Positionswechsel war deshalb nicht vonnöten.

Aber was macht den Engländer nun so gut? Bereits in der Innenverteidigung der Spurs machte Dier eine gute Figur. Obwohl er am Platz hart spielt, ist er ein absoluter Gentleman. Nach dem Capital Cup-Finale gegen Chelsea, das die Spurs mit 2:0 verloren, überzeugte vor allem der junge Eric Dier mit seinem konsequenten Zweikampfverhalten. “Ich glaube ,ich hatte Diego Costa gut im Griff. Er ist so ein Typ zu dem man nett sein muss. Ich sehe immer nur Leute, die versuchen gegen ihn zu kämpfen. Ich bin mir nicht sicher, ob das der richtige Weg ist. Am Anfang wollte ich sichergehen, dass er weiß, dass ich nicht auf sein Spiel einsteigen werde, danach kam er mir okay vor. Wir sprechen beide Portugiesisch und haben viel gequatscht. Es war aber alles lustig. Es gab von keine Boshaftigkeiten.”

Ein harter, zweikampfstarker Gentleman inmitten der Londoner Verteidigung, der weniger mit technischer Klinge, dafür mit Geschwindigkeit überzeugt. Doch mit den Neuzugängen Toby Alderweireld und Kevin Wimmer war kein Platz mehr für den Engländer oder zumindest sank seine Chance auf Einsatzminuten. Während Experten und Fans einen starken Neuzugang im defensiven Mittelfeld forderten, war Mauricio Pochettino bereits klar mit Eric Dier den passenden Mann parat zu haben. Im Mittelfeld agiert der 21-Jährige als vertikaler und sehr hoch agierender Sechser. Aufgrund seiner Laufarbeit und seiner Geschwindigkeit könnte er als eine Mischung aus abkippender Sechser und Box-to-Box-Player bezeichnet werden. Im Spielaufbau kippt er zwischen die beiden Innenverteidiger und versucht das Spiel aufzubauen, dabei versucht er mit viel Tempo ins zweite Drittel vorzustoßen und mit langen Pässen auf die Flügel das Spiel einzuleiten. Von dort sollen Erik Lamela und Heung-Min Son für Gefahr auf den Flügeln sorgen. Bei gegnerischen Ballbesitz agiert Dier als zusätzlicher Innenverteidiger ist aber auch am Flügel zu finden, um mit perfekt abgestimmten Grätschen Flanken des Gegners zu verhindern. Mit seiner Geschwindigkeit und seinen konsequenten Tacklings sorgt er im ersten Drittel für viele Ballgewinne der Spurs und leitet so oft Konter über seinen Mittelfeldkollegen Dele Alli ein.

Zusammen mit Hugo Lloris, Toby Alderweireld, Jan Vertonghen, Kyle Walker und Danny Rose bildet er eine der besten Defensiven der Liga. Dabei ist der neue Sechser definitiv ein Mann der Extremen. Trotz seiner Größe von 1,88 Meter ist der Engländer mit 63 Kilo (sofern man der Angabe der Premier League und vielen anderen glauben mag … Hier die Quelle) ein Leichtgewicht, dennoch gewinnt er 83 Prozent seiner Zweikämpfe und fast jedes Kopfballduell. Obwohl er beim Spielaufbau viele riskante, lange Pässe spielt, kommen beeindruckende 86,6 Prozent an den Mann. Ebenso verhält er sich nicht wie ein 21-jähriges Talent, nein, er agiert in den ersten Premier League-Monaten wie ein erfahrener Spieler. Das hat er womöglich in der portugiesischen Akademie gelernt. „Sie [die Jugendakademie in Lissabon] sind stolz darauf, dich zu einer höflichen, respektvollen Person erzogen zu haben. Sie würden niemals wütend auf dich sein, wenn du einen Pass nicht an den Mann gebracht hast, aber sie wären es, wenn du jemand nicht respektierst. Es gab keine Schreierei. Ich habe gehört, dass das in England öfters der Fall ist. Für Portugiesen ist man ein guter Spieler, wenn man Verständnis für Spieler zeigt und ihre Fehler korrigiert. Als ich das erste Mal nach England kam, um zu spielen, sah ich Trainer, die ihre Wut an Spielern ausließen, wenn sie einen Fehler macht und pickten das ganze Spiel darauf herum. In Portugal sitzt der Trainer nur auf der Bank und sagt kein Wort. Wir sollten einfach nur spielen. Es lag an uns Fehler zu machen und selbst daraus zu lernen. So versteht man das Spiel viel besser. Meiner Meinung nach erkennt man einen schlechten Spieler daran, dass er den gleichen Fehler erneut macht.“

Die Spurs haben einen jungen, modernen Mittelfeldspieler, der auf dem Platz die nötige Härte mit sich bringt, doch zugleich ein fairer Sportsmann und reifer Spieler ist. Mit seinen Leistungen konnte er zuletzt nicht nur in der Premier League aufzeigen, sondern auch in der Europa League, weshalb er zuletzt auch in den Kader für die Englische Nationalmannschaft berufen wurde. Zusammen mit Dier und Pochettino erleben die Spurs endlich wieder ein Hoch – und das obwohl sie den durchschnittlich jüngsten Kader und die jüngste Startelf der Liga haben. Eric Dier ist der Beweis dafür, dass es nicht reicht, fußballerische Talente zu haben, sondern man auch mental gut ausgebildet sein muss, was vielen englischen Toptalenten zu fehlen scheint. Mit Mauricio Pochettino hat Tottenham einen für englische Verhältnisse sehr modernen Trainer, der sicherlich noch viel aus dieser Mannschaft rausholen kann. Sofern die Spurs ihre verletzten Spieler gut ersetzen können, könnten sie diese Saison absolut überraschen und sich doch noch in die Champions League kämpfen.

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