Fledermäuse auf Achterbahnfahrt

Valencia

Die letzten großen Erfolge des FC Valencia liegen nun schon über zehn Jahre zurück. 2000 und 2001 stand das Team um den damaligen Superstar Gaizka Mendieta im Finale der Champions League. Nach dessen Abgang wirbelten in der Offensive Spieler wie Vicente oder Pablo Aimar, auf der Doppel-sechs agierte das bei Spielmachern berüchtigte Duo Albelda-Baraja und man konnte 2002 die spanische Meisterschaft, sowie 2004 Meisterschaft, UEFA-Pokal und UEFA Super Cup gewinnen.

All diese Erfolge basierten auf Schulden. Ebenso wie diverse andere Fußballvereine, andere Unternehmen, sowie ein Großteil der weltweiten Volkswirtschaften hatte auch der FC Valencia Kredite aufgenommen und mit geliehenem Geld gewirtschaftet. Nun wird dem spanischen Fußball oft ein Schuldenproblem nachgesagt, doch das ist nur eine halbe Wahrheit. Schulden haben tatsächlich viele Vereine – Probleme damit allerdings nur wenige. Kredite lassen sich abbezahlen, das geliehene Geld wird investiert und sollte im Idealfall Rendite bringen, alles kein Problem. Außer natürlich, es kommt etwas Unvorhergesehenes dazwischen, was die Kreditwürdigkeit in Frage stellt und einen tief in den Schuldensumpf zieht. In den meisten Fällen aus dem spanischen Clubfußball war dies der Abstieg aus der ersten Liga. Nicht wenige Vereine hatten zu knapp kalkuliert und in der Zweitklassigkeit nicht mehr die Einnahmen, um ihre zu Erstligazeiten aufgenommenen Kredite zu bedienen. Einige wurden sofort sportlich durchgereicht, ein paar wurde auch die Lizenz entzogen. Trauriger Höhepunkt ist hier die Geschichte von Real Murcia, die 2008 aus der ersten und 2010 aus der zweiten Liga abstiegen, sich trotz finanzieller Probleme zurückkämpften und sich 2014 als Dritter sportlich sogar für die Aufstiegsplayoffs in die Primera qualifizierten, doch wegen Lizenzentzug erneut den Weg in die Drittklassigkeit antreten mussten. Aktuell droht CA Osasuna diesem Beispiel zu folgen. Der Traditionsclub musste nach dem Abstieg aus finanziellen Gründen einen Großteil seiner Spieler ziehen lassen und kämpft nun in Liga zwei um den Klassenerhalt. Doch der FC Valencia ist bekanntlich nicht abgestiegen. Nein, im Falle von Valencia lautete das unerwartete Ereignis Spanische Immobilienkrise.

Der Weg in die Krise

2007 legte der Verein den Grundstein für ein neues, moderneres Stadion, das Nou Mestalla. Das alte Mestalla sollte noch als Spielort herhalten, bis das neue fertig ist, und dann verkauft werden. Aufgrund der zentraleren Lage des alten Geländes zählte der Verein darauf, einen Großteil der Neubaukosten durch den Verkauf decken zu können. Auf dieser Basis wurden auch die Kredite bewilligt, die einen Baubeginn möglich machten.

Als die Krise 2008 kam, erwischte sie die Region Valencia besonders hart. Die Immobilien- und Grundstückpreise sanken auf ein Bruchteil herab und der FC Valencia hatte keinerlei Sicherheiten mehr für die Stadionkredite zu bieten. Ohne die fest eingeplanten Einnahmen aus dem Stadionverkauf war man nicht mehr kreditwürdig, die Zinsen stiegen, kurz, der FC Valencia war in der Schuldenfalle angelangt.

 

Sparen ist Gebot der Stunde

Februar 2009 wurden die Arbeiten am neuen Stadion eingestellt und es wurde zu einer der vielen unvollendeten Bauruinen, die man zu dieser Zeit in Valencia sah und immer noch sieht. Doch selbstverständlich war das nicht genug, es waren bereits beträchtliche Gelder geflossen. Der neue Vorstand um Präsident Llorente verordnete strikten Sparkurs. Beginnend mit Raul Albiol, der schon 2009 für 15 Millionen Euro nach Madrid wechselte, sollte Geld vor allem durch den Verkauf von Top-Spielern in die Kassen gespült werden. Dabei hatte sich gerade in der Saison 2009/2010 eine neue Offensive herausgebildet. Anstelle der ehemaligen Stars wie Joaquin oder dem Dauerverletzten Vicente begeisterte eine neue Spielergeneration die Liga.

2010 verließen mit Eigengewächs David Silva (ca. 30 Millionen Euro, Manchester City) und David Villa (40 M, FC Barcelona) bereits die zwei begehrtesten Akteure den Verein. Juan Mata übernahm die Führungsrolle in der Saison darauf und verließ den Verein folgerichtig 2011 (26 M, FC Chelsea). Páblo Hernandez konnte als letzter im Bunde diese Lücke nicht mehr füllen, doch auch er verließ 2012 den Club (7 M, Swansea City), ebenso wir der neue spanische Nationalverteidiger Jordi Alba (14 M, FC Barcelona). Ein Teil der eingenommenen Summen wurde reinvestiert, um die Lücken einigermaßen zu füllen, der Großteil jedoch musste für Kreditzahlungen verwendet werden. Man konnte dadurch den Schuldenberg zwar zwischenzeitlich leicht abbauen, doch gingen mit dem Abgang der Leistungsträger auch Einnahmen verloren, sodass die Lage insgesamt nicht weniger angespannt wurde.

Auf der Suche nach einem Investor

Im Sommer 2013 mussten die Verantwortlichen eingestehen, dass man es trotz aller Bemühungen nicht schaffen werde, sich eigenständig aus der Krise zu manövrieren, und man sich auf die Suche nach einem externen Investor mache. Auch dass der 2010 als Nachfolger für Villa verpflichtete Roberto Soldado den Verein gen Tottenham verließ und nochmals 30 Millionen Euro in die Kassen brachte, änderte nichts an der Situation. Was folgte war eine Saison voller Ungewissheit, in der der FC Valencia und seine Suche nach einem Investor beinahe täglich neue Schlagzeilen produzierte. In der Zwischenzeit war nämlich eine landeseigene Stiftung eingesprungen, hatte Anteile am Verein erworben und für Kredite gebürgt, um den Club zumindest vor allzu hohen Zinsen zu bewahren. Dies war in der Krise überlebenswichtig für den Verein, machte die Situation nun aber nicht einfacher. Denn mit dem Vereinspräsidium um den neuen Präsidenten Amadeo Salvo, dem Hauptgläubiger Bankia, selbst stark angeschlagen durch die Immobilienkrise und Aurelio Martínez, Präsident der Fundación, dem wiederrum die valencianische Landesregierung im Nacken saß, ja keine Steuergelder zu verschwenden, saßen etwas viele Parteien mit unterschiedlichen Interessen am hypothetischen Verkaufstisch des Vereins. Hypothetisch deshalb, da die Parteien häufig unabhängig voneinander und parallel Verhandlungen führten – mit verschiedenen Interessenten. Dieser absurde Prozess, in dem Bankia und die Clubseite eine Unternehmensberatung beauftragten, um die Angebote einzuholen (jeweils eine andere, versteht sich) und sich zumeist nicht einmal über den Stand der Verhandlungen informierten, gipfelte am 24. Januar 2014 in einer der spektakulärsten Mitgliederversammlungen aller Zeiten. Vor über 7000 Mitgliedern hielt Präsident Salvo im Estadio Mestalla eine einstündige „Kampfrede“ gegen Bankia und deren Informationspolitik. Immer wieder unterbrochen von Sprechchören und Ovationen, ließ er sich die absolute Unterstützung der Vereinsmitglieder bestätigen. Er betonte dabei, dass Bankia keinerlei Anteilsrechte am Klub habe und daher lediglich die Schulden des Vereins weiterverkaufen könne. Darauf würde man es aber ankommen lassen und nötigenfalls mit neuen Gläubigern verhandeln, bevor man sich auf einen von Bankia ausgehandelten Investorendeal einließe.

Mit wem letztlich alles verhandelt wurde, ist nicht abschließend bekannt, die Medien spekulierten in dieser Zeit über Interessenten aus Arabien und Russland, wohlhabendster Interessent soll Wang Jianlin und seine „Wanda Group“, ein Großunternehmen, das vor allem in der Tourismus- und Immobilienbranche tätig ist, gewesen sein. Der Chinese verfolgt das erklärte Ziel, Wanda zu einer weltweiten Marke zu machen und hätte im FC Valencia in erster Linie eine Marketingplattform gesehen. Im Gegensatz dazu stand die US-Amerikanische Investmentgesellschaft Cerberus. Diese war lange Zeit Favorit der Bankia und einer der Hauptgründe, warum der Verein den Plänen der Bankia äußerst ablehnend gegenüber stand. Cerberus wurde nachgesagt, keinerlei Interesse am Sport oder dem Verein zu haben und nach dem Ziehen eines größtmöglichen Gewinns aus dem Club wieder verschwinden zu wollen, ein Szenario, dass von Seiten des Vereins als Worst-Case betrachtet wurde. Favorit von Präsident Salvo war von Beginn an der singapurische Geschäftsmann Peter Lim. Dieser hatte den Vorteil, schon zuvor im Fußballgeschäft involviert gewesen zu sein und die Vertragsrechte an Spielern wie Rodrigo und André Gomes zu besitzen, die eine potentielle Verstärkung für den FC Valencia darstellten. Sein gutes Verhältnis zu Spielerberater Jorge Mendes sollte weiterhin dazu beitragen, Spieler zu den „Ches“ zu lotsen. Neben diesen Investitionen und einer teilweisen Schuldentilgung plante Lim zudem eine Weiterführung der immer noch eingestellten Bauarbeiten am Nou Mestalla, um dieses bis zum 100-jährigen Vereinsjubiläum 2019 fertig zu stellen. Letztlich gelang es Salvo, sich die Unterstützung der Fundación zu sichern und den Verein wie geplant an Lim zu verkaufen. Der Verkauf wurde am 17.Mai 2014 abgesegnet, Lim übernahm 70% der Vereinsanteile. Lim zahlte sofort alles aus, was die Fundación in den Verein gesteckt hatte, ohne jedoch auch nur einen Teil der Schulden bei Bankia zu tilgen. Die Verhandlungen mit der Bankengruppe zogen sich noch bis Juni, erst dann, ein Jahr nach Beginn der Investorensuche, hatte der Verein Planungssicherheit und die aufregende Investorensuche ein Ende.

Das Übergangsjahr aus sportlicher Sicht

Doch auch sportlich war die Saison alles andere als ruhig verlaufen. Die unsichere Finanzlage mit einer Mischung aus aktueller Knappheit und der Aussicht auf mögliche zukünftige Investitionen machte die Transferpolitik einigermaßen kompliziert. Schon vor Saisonbeginn verließen neben Soldado weitere wichtige Akteure wie Fernando Gago und Tino Costa den Verein, Linksverteidiger Aly Cissokho wurde verliehen. Verpflichtet wurden vor allem zwei neue Stürmer. Doch Dorlan Pabón und Hélder Postiga floppten außerordentlich und wurden bereits im Winter wieder verliehen, ebenso wie Adil Rami, Andrés Guardado und Éver Banega, alle drei ehemalige Stammspieler. Große Namen wurden gehandelt, die die Mannschaft schon im Winter verstärken sollten, da man zu diesem Zeitpunkt schon mit den Millionen eines Investors gerechnet hatte. Die Verhandlungen zogen sich bekanntlich noch deutlich länger hin, doch während der gesamten Wintertransferperiode war die Hoffnung auf eine schnelle Einigung und die sich daraus ergebenden Investitionsmöglichkeiten da. Als diese nicht kam, mussten kurz vor Torschluss plötzlich kostengünstige Alternativen wie Felipe Senderos oder Seydou Keita gefunden werden, um die Abgänge aufzufangen. Profiteure dieser Entwicklungen waren in Folge vor allem die eigenen Nachwuchskräfte. Juan Bernat, Fede Cartabia und Paco Alcácer schafften in dieser Saison den Durchbruch und wurden zu Leistungs- und Sympathieträgern; Dani Parejo führte die Mannschaft mit 24 Jahren bereits als Kapitän aufs Feld. Dieses junge Team zeigte teilweise begeisternde Auftritte, insbesondere in der Europa League. Das Viertelfinal-Rückspiel, als man den FC Basel nach einer 0:3 Niederlage im Hinspiel dann zuhause mit 5:0 nach Verlängerung besiegte, wozu Paco drei Treffer beisteuerte, war sicherlich der Saisonhöhepunkt der Ches. Auch im Halbfinale lieferte man gegen den späteren Sieger Sevilla nach einem 0:2 im Hinspiel eine beeindruckende Aufholjagd im eigene Stadion ab, musste sich jedoch nach dem Anschlusstreffer Sevillas in der 94. Minute aufgrund der Auswärtstorregel geschlagen geben. Nichtsdestotrotz sorgten die internationalen Auftritte in dieser Saison in Valencia für eine nicht für möglich gehaltene Euphorie und Identifikation mit der Mannschaft. In der Liga lief es allerdings deutlich weniger gut. Trotz ein paar starken Auftritten mit Siegen unter anderem im Nou Camp, verlief die Saison nicht gerade erfolgreich und war immer wieder von Perioden durchzogen, in denen die Mannschaft ihr Potential nicht abrufen konnte. Nur 49 Punkte aus 38 Spielen waren das Ergebnis. Diese reichten zwar aufgrund der Tabellenkonstellation zu einem achten Platz, damit jedoch eben nicht zu einer erneuten Qualifikation für den Europapokal.

Neustart mit Lim

In die aktuelle Saison ging man also ohne die Hoffnung auf große Europapokalabende, dafür aber mit dem neuen Clubeigner Peter Lim. Nun endlich konnten die großen Namen kommen, mit denen der Club schon seit Monaten in Verbindung gebracht worden war. Zuerst waren es Rodrigo und Gomes, an denen Lim ja bereits die Transferrechte hielt, dazu kamen Spieler wie Cancelo, Augusto und Otamendi. Die Tatsache, dass all diese Spieler zuvor in Portugal ihr Geld verdient hatten, ist durchaus auffällig, auch wenn nur Gomes von Mendes vertreten wird. Danach wurde jedoch Cheftrainer Juan Antonio Pizzi überraschend entlassen, obwohl dieser eine den Umständen entsprechend erfolgreiche Rückrunde hingelegt hatte, und durch Mendes-Klient Nuno Espírito Santo ersetzt, was die Beziehungen zwischen Lim und dem Berater nochmals kritisch zum Thema machte. Letztlich blieb der Rückhalt eines Großteils der Fans zu Salvo und Lim jedoch ungebrochen, woran vor allem die wiederaufgenommenen Bauarbeiten des Nou Mestalla ihren Anteil hatten. Der Plan, das Stadium bis 2019, zur 100-Jährigen Vereinsfeier, fertigzustellen, besteht weiterhin. Die neue Mannschaft ist mit der letztjährigen kaum noch zu vergleichen. Von den jungen Wilden blieb nur Paco übrig und dieser bekam mit Álvaro Negredo einen großen Namen als Konkurrenten. Juan Bernat wurde nach München verkauft, wobei mit José Luis Gayá der Nachfolger schon bereit stand und ihn schnell vergessen machte. (Binnen weniger Jahre hat die Nachwuchsschule der Blanquinegros damit drei hervorragende Linksverteidiger herausgebracht, die übrigens interessanterweise im Jugendbereich allesamt offensive Flügelspieler waren.) Cartabia hingegen wurde verliehen, auf seiner Position dreht diese Saison der lange als Fehleinkauf titulierte Pablo Piatti richtig auf. Mit Torhüter Diego Alves, Javi Fuego, Parejo und Paco, der sich erstmal gegen Negredo durchsetzen konnte, blieben insgesamt nur vier Stammspieler aus der vorigen Saison übrig. Doch der Erfolg gibt den Machern dieser neuen Mannschaft recht. Der Saisonstart verlief hervorragend, besonders die beiden jungen Stürmer Paco und Rodrigo sorgten in dieser Zeit für Furore und verdienten sich sogar eine Einladung ins spanische Nationalteam. Gegen Ende der Hinrunde folgte ein kleiner Durchhänger, doch im Winter wurde mit Enzo Pérez, dessen Transfer im Sommer zuvor noch gescheitert war, ein weiterer Benfica-Spieler verpflichtet, der dem Mittelfeld der Fledermäuse einen deutlichen Qualitätsschub geben konnte. Inzwischen hat sich das Team gefangen, liegt auf Tabellenplatz Drei und ist klar auf Champions League Kurs. Natürlich, möchte man sagen, zwei Jahre ohne internationales Geschäft wären ja langweilig. Und langweilig war nichts in den letzten Jahren in Valencia, höchstens ab und zu mal (und selbst das nur selten) ein Fußballspiel.

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