Jimmy Floyd Hasselbaink und die Gemüsesuppe

Hasselbaink
Die meisten von euch dürften die Queens Park Rangers als einen reichen Verein kennen, der jedes Jahr mehr und mehr Schulden anhäuft. Voriges Jahr verstieß QPR gegen das ligainterne Financial FairPlay und war beinahe dazu gezwungen in die Conference National, die 5. Liga Englands, abzusteigen. Der Verein hatte in der Saison zuvor 82 Millionen Euro an neuen Schulden angehäuft, doch das Financial FairPlay sieht vor, dass kein Verein pro Saison mehr als zehn Millionen Euro Minus mache dürfe. Bekanntheit bekam man vor allem damit, dass der Verein höhere Gehaltsausgaben hatte als der damalige Champions League-Finalist Borussia Dortmund. Wie viele sicherlich mitbekamen stieg der Verein aus der Premier League ab.

Was viele aber sicher nicht mitbekamen ist, dass man mit der Anstellung von Neo-Trainer Chris Ramsey und dem Abstieg einen neuen Weg ging. Ramsey überzeugte Chairman Tony Fernandes, der seit Sommer nur mehr Co-Chairman des Vereins ist, dass man Spielergehälter der Altstars einsparen müsse und diese durch talentierte Spieler aus unteren Ligen ersetzen könne. Topspieler wurden verkauft oder verliehen, die meisten Verträge, vor allem die der Großverdiener, liefen aus. Die Spieler wurden durch Talente aus den unteren Ligen Englands oder aus Europa ersetzt. Man ging einen neuen Weg, eine Mischung aus Talenten und Stars, auch mit dem neuen Trainer Chris Ramsey, der zwar den Abstieg aus der Premier League nicht verhindern, aber die Fans für sich gewinnen konnte.

Doch der Umbruch war zu groß für den 53-Jährigen. Der Verein steckte nach 11 Spieltagen im Mittelfeld fest, der Verein entließ den Trainer im Oktober und ersetzt ihn durch Neil Warnock, doch er sollte keine Dauerlösung sein. Vor wenigen Tagen wurde mit Jimmy Floyd Hasselbaink eine absolute Legende als Ersatz verpflichtet. Viele von euch werden sich jetzt denken „schon wieder ein Ex-Star, der sich als Trainer versucht“, manche werden sogar schmunzeln. So auch ich, als Burton Albion, damals Viertligist, den Holländer als Trainer vorstellte. Aber ich sollte eines Besseren belehrt werden.

Der damals 42-Jährige wurde von Royal Antwerp geholt, einem belgischen Zweitligisten, mit denen er nach 34 Spieltagen auf Platz sieben landete. Der englische Viertligist beendete die letzten zwei Saisons auf Play-Off-Plätzen, doch scheiterte am Ende stets. Davor waren die Brewers eher im unteren Bereich der Tabelle zu finden. Unter Jimmy Floyd Hasselbaink sollte es jedoch endlich mal klappen. Er sollte eine Verlierermannschaft in eine Siegermannschaft verwandeln und endlich die Aufstieg fixieren. Und seine Saison verlief dabei mehr als nur gut …

… dabei ging die ersten Tage alles schief was nur schiefgehen konnte. Bereits im ersten Training verletzt sich ein Spieler schwer. Bei einem Pressball im Training brach sich der Tormann den Fuß, Hasselbainks erste Trainingssession damit vorzeitig unterbrochen. Vier Tage nach diesem Vorfall stand der Mannschaftsbus vor dem Spiel gegen die Wycombe Wanderers im Stau und verspätete sich. Anstatt sich in Ruhe vor dem Spiel umzuziehen, massiert zu werden und die Aufstellung zu besprechen, wurde die Aufstellung im Bus ausgeschrien. Während der Fahrt musste der Holländer lautstark die Aufstellung und die taktische Anweisung ansagen. Doch als würde das nicht reichen, hatte der Trainer ein weiteres Problem: Da es farbliche Unterschiede bei der Wäsche gab, durften die Spieler die Stutzen nicht tragen. Der Holländer war bei seinem ersten Spiel bei seinem neuen Verein gezwungen den Gegner wegen alter Stutzen zu fragen. Das Spiel wurde am Ende schließlich mit 1:3 gewonnen und nahm doch ein gutes Ende für den Ex-Leeds und -Chelsea-Star.

Doch ein ganz besonderer Moment hatte es dem Holländer angetan. Am 4. November, einige Tage vor seiner Anstellung, verstarb eine 17-jährige Spielerin der Damenmannschaft. Vier Tage nach dem ersten Spiel seiner Mannschaft wurde eine Trauerfeier vom Verein abgehalten, an dem alle Spieler und Fans teilnahmen. „Es war traurig. Ich hatte zu dem Zeitpunkt selbst eine Tochter in diesem Alter. Die Eltern so zu sehen hat mich traurig gemacht. Dass der Verein aber für seine Fans und Mitglieder da ist, zeigte mir, dass dieser der richtige für mich ist. Dieser traurige Tag berührte mich. Noch heute hängt ihr Armband in meinem Büro. Es erinnert uns alle an die wichtigen Dinge im Leben.“

Die Infos, die er über diesen Job zuvor erhielt, sollten sich damit bestätigen. Bevor er den Trainerjob bei Burton annahm erkundigte er sich gründlich. Von der neuen Pirelli Road bis hin zu Chairman Ben Robinson – der 43-Jährige wollte alles über den Verein wissen. Ein Familienverein und ein Sprungbrett für Trainer, die sich hier ohne Sorgen entwickeln können – Hasselbaink hatte den idealen Verein für sich gefunden. Aber er wolle auch den Verein nach vorne bringen und langfristig zu einer guten Mannschaft machen.

Der 11. der ewigen Torschützenliste der Premier League und ein Viertligist. Selbst der Chairman des Vereins war verwundert. „Ja. JA. Das ist der richtige Verein für mich und ich will ihn trainieren“, soll Hasselbaink damals während der Vertragsverhandlungen gesagt haben. Außerdem sehe der heute 43-Jährige seine erfolgreiche Zeit anders als andere. „Ich habe bei einer Weltmeisterschaft (Anm. d. Red.: Frankreich 1998) gespielt, aber ich sah mich nie als großen Spieler. Ich war nie ein technisch begabter Spieler wie Gianfranco Zola, Eidur Gudjohnsen oder Dennis Bergkamp. Ich konnte nicht das machen, was sie machten. Ich sehe mich nicht in einer Reihe mit Thierry Henry, aber ich habe stets sehr hart gearbeitet. In jedem Training, bei jedem Spiel.“

Doch Hasselbaink war nicht immer so ehrgeizig. In seiner Jugend war eher ein Problemkind und als Jugendlicher in einer Gang von Kriminellen, die beispielsweise Konzertbesucher ausraubte. Bis er schließlich mit 16 Jahren in eine Jugendstrafanstalt kam, die seine Einstellung um 180 Grad drehen sollte. Der heute 43-Jährige hatte damals daraus gelernt. Seine Kinder sollten es besser haben, keine Kindheit ohne Vater, keine Kriminalität. Selbst nach Niederlagen, hat sich der Familienvater geschworen, dass er bis zur Haustür schlecht drauf sein dürfe, doch sobald er das Haus betrete normal sein würde, da es den Kindern gegenüber nicht fair wäre mies gelaunt zu sein. „Es ist wie eine Art Therapie. Selbstbeherrschung.“

Der Holländer weiß die Dinge nun zu schätzen. Er denkt an seine vorigen Vereine und über deren Lage, wie sich die Fans fühlen müssen und auch seine ehemaligen Kollegen. Hasselbaink ist ein bodenständiger Mann mit Herz und das macht ihm wahrscheinlich zu solch einem guten Trainer. Der Holländer hat selbst viel erlebt, weiß wie es ist ein Jugendlicher mit Problemen, aber auch ein gestresster Familienvater zu sein und daher auch mit eben solchen Situationen umzugehen.

Er interessiert sich für seine Spieler, eine Fähigkeit, die von großem Vorteil sein kann in dieser Branche. „Ich kenne viele Kulturen, habe an vielen verschiedenen Orten gelebt. Ich spreche Spanisch, Portugiesisch, Holländisch und Deutsch. Ich interessiere mich über die muslimische Kultur, über das Christentum, … das hilft mir. Das unterscheidet mich glaube ich von vielen anderen Trainer. Wenn man in dieser Branche arbeiten will, dann muss man Leute kennen, Sprachen können und wissen wie Menschen funktionieren. Ich habe eine holländischen Jungen mit marokkanischen Hintergrund, also haben wir für ihn Halal-Fleisch besorgt.“

„Ich möchte alles über einen Spieler wissen, bevor ich ihn verpflichte. Ein Trainer hat mir eine wichtige Lektion beigebracht: „Jimmy, du musst deine Spieler lieben“ – und ich liebe meine Spieler. Ich liebe es, mit ihnen Essen zu gehen, mit ihnen zu reden.“

„Meine Spieler sind sehr gut organisiert und sehr diszipliniert. Ich liebe Leeds United. Sie wollen, dass ihre Spieler kämpfen und als Team arbeiten. Deshalb haben sie auch mich damals geliebt. Ich will auch, dass meine Mannschaft so ist.“ Auch wenn auf dem Feld nicht immer alles gelingt, Hasselbaink bleibt – im Unterschied zu seinen aktiven Jahren als Spieler – stets ruhig und schreit seine Spieler nicht an. Er weiß, dass es einfach ist, einen Spieler zu schimpfen, wenn man nicht sieht wie sehr er sich Woche für Woche im Training reinhaut, doch er sieht wie sie kämpfen. Seine Spieler geben alles und das macht ihn stolz. „This is my Barcelona“ sagte er stolz. Seine organisierte Mannschaft führte er diese Saison zur Meisterschaft in der League Two. Bereits Monate später sollte der Verein erstmals in der Vereinsgeschichte an der Tabellenspitze der League One, der dritten Liga, stehen.

Statistik Hasselbaink

Zwar tritt seine Mannschaft sehr organisiert und meist in klassischem 4-3-3 oder 4-5-1 auf, aber mit den typischen holländischen Trainer will er sich nicht vergleichen, zudem seien trotzdem alle auf ihre Art unterschiedlich. „Van Gaal ist ein Perfektionist. Ihm schadet es nicht an Selbstvertrauen. Ich kann verstehen, dass Engländer uns holländische Trainer toll finden, aber ich denke nicht, dass das, was sie tun Zauberei ist. Ich würde nicht ein Handbuch von Holland nehmen und sagen „wir spielen 4-3-3“. Das geht nicht. Wenn du nicht das Spielmaterial dazu hast, was machst du dann? Es ist wie als würde man jeden Freitag eine Gemüsesuppe machen wollen. Wenn du kein Gemüse hast, wie wirst du dann die Suppe machen? Ich bin keiner der sich denkt, dass ich es auf die holländische Art und Weise machen muss. Ich will es auf die Jimmy Art machen.“

Doch wie sieht denn eigentlich die Jimmy Art aus? – Der Holländer analysiert vor jedem Spieltag den Spielstil des Gegners und richtet daraufhin seine Mannschaft ein. Grundsätzlich ist zu sagen, dass er großen Wert auf schnellen Fußball mit vielen Kurzpässen legt und offensiven spielen lässt. Je nach Gegner steht die Verteidigungsreihe höher oder tiefer. Bei gegnerischen Ballbesitz versucht seine Mannschaft das Spiel eng zu machen und von allen Seiten stark zu pressen und den Ball zu gewinnen. Die beiden defensiveren Mittelfeldspieler versuchen mit schnellen Pässen auf die Flügel, den Kontern mit viel Tempo einzuleiten. Vor allem Flügelstürmer Nasser El Khayati erwies sich dabei als einer der Schlüsselstürmer von Hasselbainks perfekt eingespieltem Team. Der Verein hat prozentuell die höchste Passgenauigkeit und das Mittelfeld die meisten Interceptions der Liga – ein Beweis für die starken Pressingleistungen der Mannschaften und die vielen Konterangriffe. Unter Jimmy Floyd Hasselbaink wurden von 50 Spielen 30 gewonnen, mit einer Siegesquote von 60% ist er damit besser als Sir Alex Ferguson und Arsene Wenger.

Die Burton Albions stehen vor dem erstmaligen Aufstieg in die Championship, doch diesen Schritt werden sie ohne den Holländer gehen müssen, da Hasselbaink seit wenigen Tagen nun beim englischen Traditionsverein QPR unter Vertrag steht. Die Brewers wollten dem 43-Jährigen keine Steine in den Weg legen und holten mit Steve Clough bereits einen sehr passablen Ersatz.

Aber auch die Queens Park Rangers haben eine sehr gute Verpflichtung getätigt. Jimmy Floyd Hasselbaink gilt in den unteren Ligen Englands als einer der talentiertesten Trainer, selbst sein Gehalt passt in den neuen Weg den die Hoops im Sommer einschlugen. Der 23-fache Nationalspieler verdiente beim englischen Viertligisten geschätzte 40.000 Pfund (55.000 Euro) im Jahr und ist damit ein absolutes Schnäppchen.

Im November hatte der Verein exakt 248.981.353 Euro an Schulden angehäuft, die Tony Fernandes jedoch beglich. Der Verein ist damit nun – angeblich – schuldenfrei und kann in Ruhe sein Konzept durchführen. Mit einem neuen Trainer an der Spitze, der QPR womöglich schon bald wieder in die Premier League bringen kann. Der Verein verfügt noch immer über viele sehr gute Spieler, einige erfahrene Recken, die vor allem in der Championship immer wieder sehr wichtig sein können, und einige talentierte Spieler, die unter Jimmy Floyd Hasselbaink Ägide besser integriert werden können und zusammen als Team auf jeden Fall noch einmal an den Aufstiegsplätzen kratzen können. Nach 19 Spieltagen fehlen QPR nur noch drei Punkte auf einen Play Off-Platz, der Abstand zur Tabellenspitze 15 Punkte. Am Samstag, dem 12.12., wird Jimmy Floyd Hasselbaink voraussichtlich das erste Mal auf der Trainerbank der Hoops sitzen, aber mit Premier League-Absteiger Burnley wartet ein sehr starker Gegner auf den Championship-Neuling. Doch wenn Jimmy Floyd Hasselbaink bei den Londonern ähnlich erfolgreich startet wie bei Burton, dann könnten die Queens Park Rangers womöglich doch noch nächstes Jahr wieder in der Premier League spielen.

 

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