Juves Entwicklung unter Allegri

Juve Stadium
Borussia Dortmund verzweifelte im Achtelfinale der UEFA Champions League im eigenen Stadion an der Defensive der Italiener und konnte letztendlich nie gefährlich werden. Erstmal seit drei Jahren steht Juventus dadurch wieder in der Runde der letzten Acht, was auch der sehr guten Entwicklung der Mannschaft unter dem neuen Trainer Massimiliano Allegri zu verdanken ist.

Es sei die schwerstmögliche Herausforderung, „gegen eine italienische Mannschaft zu spielen, der ein Unentschieden reicht“, sagte Jürgen Klopp in der Pressekonferenz vor dem Achtelfinalrückspiel gegen Juventus. Damit bestätigt Klopp zwar einige Klischees über den italienischen Fußball, im Falle von Juve hatte er mit seiner Aussage aber durchaus Recht, wie seine Mannschaft später schmerzlich feststellen musste.

Juventus konnte das Hinspiel knapp mit 2:1 für sich entscheiden, dank Chiellinis Ausrutscher erzielten die Dortmunder zwar ein Auswärtstor, die Ausgangslage kam den Italienern aber mehr entgegen. Denn bereits unter Antonio Conte fühlte sich die Mannschaft auch ohne Ball sichtlich wohl. Unter seinem Nachfolger Max Allegri wird statt einem 3-5-2/5-3-2 mit einer 4-3-1-2-Grundformation gespielt, doch schwächer wurde man in der Defensive dadurch nicht.

Dortmund dagegen hatte unter Klopp eigentlich durchgehend kein richtiges Rezept gegen solch tiefstehende, kompakte Gegner und auch am Wochenende zuvor zeigten sich beim Spiel in Köln große Probleme im Spielaufbau gegen das defensive 4-4-2 von Peter Stöger. Mit einer 2:1-Niederlage ins Rückspiel gegen Juventus zu gehen, war daher eine schwierige Situation für den BVB.

Massimiliano Allegri stellte seine Mannschaft in einem 4-3-1-2 auf und legte also wie gewohnt einen sehr großen Fokus auf die Kontrolle des Zentrums. Dortmund fand lediglich am Flügel Platz für seine Angriffe vor, wurde dabei aber nicht gefährlich. Nach 27 Minuten musste Allegri Paul Pogba verletzungsbedingt vom Platz nehmen, aufgrund einiger Verletzungen und dadurch mangelnden Alternativen für das Mittelfeld brachte er Innenverteidiger Andrea Barzagli und stellte auf das altbekannte 5-3-2 um. Eine etwas defensivere Variante, die Dortmund mehr Ballbesitz und Dominanz ermöglichte, Juventus konnte den Gegner aber weiterhin gut lenken. Zudem zeigte Juveimmer teilweise interessante Rythmuswechsel, die Gäste ließen sich nicht durchgehend hinten reindrängen, sondern pressten auch immer wieder recht hoch. Mal konterte die Alte Dame schnell, mal war man darauf bedacht den Ball sicher in den eigenen Reihen zu halten.

Juventus beeindruckte. Zwar schwächelt Dortmund in der Liga ein wenig, die Spiele in der Champions League haben aber gezeigt, dass Klopps Mannschaft immer noch viel Qualität besitzt. Doch in solch einer wichtigen Partie, noch dazu zu Hause vor der berühmten gelben Wand, konnte Dortmund nicht nur keinen Treffer erzielen, sondern hatte in 90 Minuten nicht einmal eine vernünftige Torchance und konnte keinen Torschuss verbuchen. Das Spiel zeigte natürlich zum einen die derzeitigen Probleme der Borussen, doch vor allem auch die Stärke Juves unter Max Allegri.

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Nachdem Antonio Conte nach der letzten Saison überraschenderweise seinen Rücktritt bekanntgab, wurde mit Massimiliano Allegri schnell ein Nachfolger gefunden. Bei den Fans war die Trauer um Conte groß, die Angst vor Allegri aber vermutlich noch größer. Aufgrund seiner letzten Saison, als er bei Milan vorzeitig entlassen und durch Clarence Seedorf ersetzt wurde, hatte er bei vielen Fans in Italien einen wirklich schlechten Ruf. Die Entscheidung Allegri einzustellen, brachte dem Klub deswegen enorm viel Kritik ein, viele Fans erwarteten schwächere Leistungen als unter Conte und machten Roma zum neuen Favoriten auf den Meistertitel.

Die Trauer um den Abgang von Antonio Conte war verständlich, schließlich übernahm der jetzige Nationalteamtrainer eine schwächelnde Alte Dame, die zuvor nur zwei Mal auf Platz Sieben landete, und führte sie zurück an die Spitze des italienischen Fußballs. Unter Antonio Conte wurde Juventus drei Mal in Serie überlegen Meister. Juventus war das Maß aller Dinge und brach etliche Rekorde, doch fußballerisch entwickelte sich Juventus zuletzt nur wenig weiter. Contes Fußball war erfolgreich, allerdings auch stets derselbe. Doch eine Mannschaft so lange an der Spitze zu halten ist nicht einfach, um nicht ausrechenbar zu werden sind Veränderungen nötig, zudem ist es auch eine Kopfsache. Der großartige Constantin Eckner von Spielverlagerung schrieb dazu kürzlich in Bezug auf Dortmund und die Ära Klopp Folgendes:

„Der frühere ungarische Spitzentrainer Béla Guttmann sagte einst, dass die Entwicklung einer Mannschaft vor allem auf hohem Niveau nach drei Jahren stagniert. Die Ideen des Trainers würden sich abnutzen. Das Team verliere an Schwung. Arrigo Sacchis Milan oder Pep Guardiolas Barcelona schienen jene These später als prominente Beispiele zu bestätigen. Das bekannteste Gegenbeispiel ist hingegen Alex Ferguson und sein Engagement bei Manchester United.“

Um wie Ferguson über längeren Zeitraum erfolgreich zu sein, benötigt es laut Eckner taktischer Weiterentwicklung und Umbrüche in der Mannschaft. Ob Antonio Conte dafür der richtige Trainer gewesen wäre, ist nicht zu sagen (wobei er ja scheinbar seit längeren mit einer Systemumstellung auf ein 4-3-3 liebäugelte), jedenfalls wiegte sein Rücktritt auch durch diesen Punkt gar nicht so schwer, wie man anfangs dachte. Conte machte Platz, nötige Veränderungen kamen daher durch einen neuen Trainer in die Mannschaft.

Max Allegri machte bereits sehr früh klar, dass er den Weg von Conte nicht strikt weitergehen werde. Es war allerdings kein radikaler Bruch wie zum Beispiel in Neapel, als Walter Mazzarri, der vor allem auf ein dynamisches Umschaltspiel setzt, durch Rafa Benitez und seinen Ballbesitzfußball ersetzt wurde. Allegri ging den grundsätzlichen Weg seines Vorgängers weiter und nahm nur kleine Änderungen vor. Nachdem er zu Saisonbeginn noch mit dem alten 3-5-2 spielen ließ, stellte er nach wenigen Runden auf ein 4-3-1-2 um, das er bereits bei seinen bisherigen Stationen bei Milan und Cagliari bevorzugt einsetzte. Ein richtiger offensiver Mittelfeldspieler wurde dafür zwar nicht geholt, aber dennoch machte Juve am Transfermarkt eine sehr gute Figur. Denn entgegen aller Gerüchte und Befürchtungen der Fans konnten sowohl Paul Pogba, als auch der stark umworbene Arturo Vidal in Turin gehalten werden. Zudem konnte sich die Alte Dame mit Morata, Evra, Romulo und Pereyra ganz gut verstärken und holte mit Kingsley Coman ablösefrei ein großes Talent von Paris Saint-Germain.

Allegris Systemumstellung war alleine schon vom Personal her sinnvoll. Zum Beispiel ist Stephan Lichtsteiner im neuen System etwas besser eingebunden. In der Liga fielen gegen schwächere Gegner, die sich gegen Juventus oft weit zurückzogen oder einfach hinten reingedrückt wurden, immer wieder seine teils eklatanten technischen Mängel auf, da er als rechter Flügelspieler im 3-5-2 weitaus mehr für die Offensive tun musste. Im 4-3-1-2 ist der defensiv und vor allem läuferisch herausragende Lichtsteiner zwar immer noch der grundsätzlich einzige Außenbahnspieler auf seiner Seite, erhält aber von Claudio Marchisio ständig Unterstützung und ist als rechter Außenverteidiger sicher besser aufgehoben.

Personell gesehen war die Systemumstellung vor allem im Mittelfeld sehr wichtig. Denn unter Antonio Conte reifte Paul Pogba zum vierten Mittelfeldstar der Mannschaft heran, doch im 3-5-2 war lediglich für drei von ihnen Platz. In der neuen Mittelfeldraute können Andrea Pirlo, Paul Pogba, Claudio Marchisio und Arturo Vidal gleichzeitig spielen und bilden eine der stärksten Mittelfeldreihen der Welt. Der auch nicht jünger werdende Pirlo kann dabei weiterhin als Ballverteiler vor der Abwehr oder nun auch vermehrt zwischen der Innenverteidigung agieren und hat durch die drei sehr dynamischen Kollegen Pogba, Marchisio und Vidal ausreichend Unterstützung.

Durch die Mittelfeldraute kann Juventus die Stärken der Mittelfeldspieler nun besser ausspielen. Der Fokus liegt klar auf der Dominanz im Zentrum, mit den vier Mittelfeldstars können die Turiner sehr gut kombinieren und die Bewegungen der Spieler sind bereits sehr gut aufeinander abgestimmt. Einen klassischen Zehner gibt es in der Mannschaft zwar keinen, Vidal spielt im chilenischen Nationalteam aber eine ähnliche Rolle und interpretiert seine Position bei Juventus recht eigen und lässt sich gerne auch sehr tief zurückfallen, was durch intelligente Bewegungen von Pogba und Marchisio ausgeglichen wird.

Durch die zudem ohnehin äußerst spielstarke Innenverteidigung, der die Umstellung auf eine 4er-Abwehr in dieser Hinsicht vermutlich auch entgegenkommt, ergibt sich im eigenen Ballbesitz eine sehr spielstarke Mannschaft, die oft starke Kombinationen zeigt und sich gegenüber der Ära Conte durchaus weiterentwickelt hat. Das merkten auch die Dortmunder, die im Rückspiel im Pressing kaum Zugriff hatten. Juventus konnte den Ball teilweise sehr gut in den eigenen Reihen halten, spielte aber auch gefährliche Konter. Auch in puncto Umschaltspiel hat sich Juventus nämlich weiterentwickelt, aufgrund der anderen Staffelung funktioniert dies im 4-3-1-2 etwas besser als im 3-5-2. Mit Pereyra und Morata verstärkten zudem zwei Spieler die Mannschaft, mit denen sich gut Kontern lässt und die gegenüber Vidal und Llorente auf ihren Positionen sehr interessante Alternativen darstellen und es Allegri ermöglichen je nach Gegner und Ausrichtung zu variieren.

Wie sich gegen Dortmund zeigte, ist die Defensive aber weiterhin das Prunkstück der Bianconeri. Durch die Systemumstellung haben sich hier zwar die Abläufe ein wenig verändert, die Spielidee ist jedoch die gleiche geblieben. Wie unter Conte geht es vor allem darum das Zentrum zu kontrollieren und den Gegner auf Außen zu leiten, wo er viel zu schwerer zu Chancen kommt und man leichter den Ball gewinnen kann.

Unter Allegri ist Juventus in der Defensive noch flexibler geworden, man kann nun zwischen 5-3-2 und 4-3-1-2 wechseln und auch die Höhe der Abwehr variiert sehr. Juve wechselt hier gerne sehr geschickt den Rhythmus. In der Regel spielt die Mannschaft ein Mittelfeldpressing und lässt dem Gegner etwas Platz im Aufbau, gerne zieht man sich auch weiter zurück, um später plötzlich ganz vorne zu attackieren. Das höhere Pressing hat dabei noch kleine Schwächen, funktioniert für italienische Verhältnisse aber sehr gut. Erwähnenswert ist auch die Arbeit der Stürmer, die öfters sehr tief in die eigene Hälfte zurückkommen um in der Defensive zu helfen.

roma

Auch die Roma verzweifelte vor kurzem an Juves Defensive.

Während Juventus unter Antonio Conte in der Champions League noch ziemlich erfolglos blieb, stellte Allegris Mannschaft gegen Dortmund recht eindrucksvoll seine Qualität unter Beweis. Juventus hat im Sommer seine Stars halten können und einen sehr guten Nachfolger für Antonio Conte gefunden. Mit dem zuvor gerne verspotteten Max Allegri hat sich die Mannschaft bisher sehr gut weiterentwickelt, vor allem ist sie nun auch flexibler geworden. Allegris neues System ist kein Bruch mit dem Fußball von Conte, sondern eine passende Weiterentwicklung, die gut umgesetzt wird. Dadurch steht Juventus nun verdientermaßen im Champions-League-Viertelfinale, hat dort gegen Monaco gute Chancen auf ein Weiterkommen, und steht in der Liga erneut vor dem Gewinn der Meisterschaft.

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