Marcelinos Eleven

Villarreal

„Das System ist nicht wichtig“, sagte vor nicht allzu langer Zeit kein Geringerer als Bayern-Coach Pep Guardiola. Schon seit einigen Jahren versuchen Taktik-Interessierte dem Rest der Fußballwelt beizubringen, dass ein Fußballsystem aus mehr besteht als aus einer Zahlenkombination. Spieler haben sich innerhalb ihrer Rolle flexibel zu bewegen, ob man dann hinterher 4-3-3, 4-2-3-1 oder 4-1-4-1 darauf schreibt, ist eher sekundär. Es gibt allerdings einige Trainer, denen ein Lieblingssystem zugeschrieben wird, das offensichtlich zu ihrer Auffassung des Spieles passt. Und es gibt Marcelino García Toral, Coach des Villarreal C.F. Marcelinos Team spielt im 4-4-2. Und wenn Marcelino im 4-4-2 spielen will, dann nimmt er das ernst.

Eine halbe Stunde vor Spielbeginn, die startenden Feldspieler von Villarreal betreten den Stadion-Innenraum. Zwei tragen schwarze Leibchen, vier grüne, vier keine, bereits für das allseits beliebte Aufwärmspiel vier gegen vier mit zwei Springern, das auch bald begonnen wird. Besonders ist hierbei nur: ein Team besteht aus der Viererkette, das andere aus den Stürmern und Flügelspielern, die Springer sind die zentralen Mittelfeldspieler Manu Trigueros und Bruno Soriano – jedes mal. Nach diesem Spiel wird Aufstellung genommen – im 4-4-2 auf engem Raum – und der Ball durch die eigenen Reihen laufen gelassen, minutenlang, ohne Gegner, stets mit nur einem Kontakt und ohne die zugewiesenen Positionen zu verlassen.

Diese Eindrücke lassen erahnen, wie das Spiel aussieht, das Marcelinos Team im Anschluss dann aufzieht. Gegen den Ball steht man wie viele Teams sehr eng in zwei Viererketten, die dementsprechend weit verschieben. Hohes Pressing wird nicht von Grund an gespielt, stattdessen wird erst nachgesetzt, wenn der Gegner seine erste Angriffswelle abbrechen und zurück spielen muss. Dann wird allerdings bis auf den Torhüter gepresst, um den Gegner zu ungezielten langen Bällen zu zwingen. Bei Ballgewinn werden die Ketten allerdings, anders als bei Teams, nicht aufgegeben, sondern nur aufgeweitet und es wird versucht, mit einstudierten Kombinationen schnell in Richtung gegnerisches Gehäuse zu gelangen. Die eindeutigen Positionierungen und festen Abläufe helfen dabei, Passstafetten mit häufig nur einem Kontakt aufzuziehen, was diese schwer zu verteidigen macht. Dass diese Angriffe mit hohem Risiko eines Ballverlustes gespielt werden, ist insofern zu verkraften, als dass die Verteidigungsordnung dabei kaum verlassen wird und dadurch bei Ballverlust schnell wieder hergestellt werden kann.

Das U-Boot im Detail

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Marcelinos Elf in diesjähriger Stammbesetzung

Das Grundgerüst des Teams ist das gleiche wie vergangene Saison, Abwehrkette und Mittelfeldzentrale sind eingespielt und bilden die Grundlage für die zweitbeste Defensive der Liga. Im Angriff hingegen wurden vergangenen Sommer alle vier Angreifer ziehen gelassen und durch vier neue Akteure ersetzt. Auch Topvorbereiter Denis Cheryshev verließ den Verein und kehrte zu Real Madrid zurück, seine Rolle auf Linksaußen übernahm Youngster Denis Suárez, der aus Barcelona kam und die Submarinos bereits im Sommer wieder verlassen könnte, die Katalanen haben eine Rückkaufoption. Der U21-Nationalspieler genießt verhältnismäßig viele Freiheiten und soll vom Flügel aus für Kreativität sorgen. Auf der Gegenseite spielt Jonathan dos Santos eine gänzlich andere, eher Balance gebende Rolle. Der gelernte zentrale Mittelfeldakteur ist alles andere als ein klassischer, das eins gegen eins suchender Flügelflitzer, sondern wird von Marcelino wegen seiner Defensivfähigkeiten, vor allem aber auch seiner Technik geschätzt. Jonathan ist in der Lage, auch unbequeme Zuspiele ausgesprochen sauber zu verarbeiten und so ist es häufig der Mexikaner, der in hektischen Situationen der Mannschaft hilft, sich aus Drucksituationen zu befreien und den Übergang vom Umschalt- zum Ballbesitzfußball einzuleiten.

Eine Reduzierung auf ein Umschaltteam wird Marcelinos Team nämlich keinesfalls gerecht, die Mannschaft ist auch in der Lage, den Ball geduldig durch die Reihen laufen zu lassen und aus eigenem Ballbesitz Chancen zu kreieren. Forciert wird dies jedoch vor allem gegen individuell schwächer besetzte Gegner, gegen nominell überlegene oder gleichwertige Teams wird schnelles Umschalten aus einer stabilen Defensive bevorzugt. In Perioden längeren Ballbesitzes wird auch das Kettenspiel nicht vollends aufrecht erhalten, schließlich will man nicht übermäßig ausrechenbar bleiben. In erster Linie rücken die Außenverteidiger mit auf, wobei sie ihre jeweiligen Flügelspieler sowohl hinter- als auch vorderlaufen. Besonders Gaspar wechselt gerne zwischen beiden Varianten, wohingegen Costa für gewöhnlich die Linie hält, um es Denis Suárez zu ermöglichen, in die Mitte zu ziehen, und hauptsächlich einrückt, wenn Samu Castillejo vor ihm spielt.

Zusammen mit den häufig sehr weit auf die Flügel ausweichenden Stürmern gelingt es so immer wieder, über die Flanken durchzubrechen und für gefährliche Hereingaben zu sorgen, aus dem Zentrum ist man mit den passstarken Soriano und Trigueros ohnehin gefährlich. Eine gänzliche neue Rolle hat dabei auch der Top-Neuzugang des Sommers für sich entdeckt. Vor seinen zwei wenig erfolgreichen Jahren bei Tottenham galt Roberto Soldado als klassischer Strafraumstürmer, der aus jeder möglichen und unmöglichen Situation ein Tor erzielen konnte. Für Valencia erzielte er so in drei Jahren 59 Ligatreffer sowie 15 Champions League-Tore in 20 Spielen. Nach seiner Rückkehr nach Spanien ist er von dieser Torquote noch weit entfernt und ließ dabei schon einige Chancen liegen. Dafür jedoch zeigt er sich als ausgezeichneter Ballbehaupter und spielender Stürmer, der seinen Sturmpartner Cedrick Bakambu immer wieder stark in Szene setzte, vier Tore und neun Vorlagen lautet seine ungewöhnliche Bilanz in der Liga, davon legte er gleich fünf Mal für Bakambu auf.

Spieler mit Talent und ein Trainer mit Plan
Marcelinos Team ist mit einigen herausragenden Individualisten gespickt, für Spieler wie Gaspar, Musacchio und Trigueros dürften Europas Top-Clubs im Sommer Schlange stehen, Denis Suárez wird ohnehin nicht zu halten sein und die Treue von Kapitän Bruno Soriano, der mit dem Club einst sogar in Liga Zwei ging, ist ein absoluter Glücksfall für die Submarinos. Die Erfolge der diesjährigen Saison, mit aktuell elf Punkten Vorsprung auf Sevilla, den ernsthaftesten Verfolger im Kampf um Platz vier, aber nur zwei Punkten Rückstand auf Real Madrid, wären jedoch ohne Marcelino und seine klare Spielidee kaum vorstellbar. Die Spielweise des Gelben U-Boots erinnert unter seiner Regie in vielerlei Hinsicht an die der Borussia aus Mönchengladbach unter Lucien Favre, die beiden Aufeinandertreffen in der letztjährigen Europa League waren vor diesem Hintergrund außerordentlich interessant, auch wenn sich die Systeme über weite Strecken gegenseitig neutralisierten.

Um seine Spielidee umsetzen zu können, ist es für Marcelino außerdem wichtig, dass seine Spieler auf einem konstant hohen physischen Niveau agieren, alle drei Tage schickt er seine Spieler nur ungern aufs Feld. So ist es während englischer Wochen nicht ungewöhnlich, dass er auch vor wichtigen Spielen sechs bis sieben Spieler austauscht, wohingegen in Zeiten ohne Englische Wochen nicht bis kaum rotiert wird. Am Ende steht das System eben doch über der individuellen Qualität.

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