Unser Wort zum Start der Premier League

Wort zur PL
André Nückel

Die anstehende Premier League-Saison verspricht eine andere zu werden, als wir sie in den letzten Jahren gesehen haben. Der Grund dafür ist einfach: nicht mehr die Spieler sind die Stars. Mit Arsène Wenger, Jürgen Klopp, Antonio Conte, Claudio Ranieri, Mauricio Pochettino, Jose Mourinho und allen voran Pep Guardiola stehen die Scheinwerferfiguren diesmal neben dem Platz. Eine ganz neue Situation für die vermeintlich beste Liga der Welt.

Sportlich wird das englische Oberhaus über kurz oder lang einen Sprung zurück in die Elite Europas machen. Vorbei die tristen und partiell überforderten Auftritte auf der internationalen Bühne. Vor allem im taktischen Bereich werden wir Fans eine Versatilität geboten bekommen, die vor allem Freaks wie unseren Sascha in fanatische Analysen stürzen lassen. Aber welche Auswirkungen hat das auf Rest der Liga?

Beginnend mit dem wichtigsten Aspekt, die monetären Unterschiede sind zwar auch zwischen Manchester United und den Rückkehrern aus Middlesbrough immens, aber im kontinentalen Vergleich bleibt die Finanzkraft dank Investoren und TV-Deals unantastbar. Horrende Ablösen und üppige Gehälter können in nahezu jedem Klub gestemmt werden. Vielmehr konzentriert sich der Lerneffekt auf die tägliche Basis, auf das, was die Trainerfüchse in den Einheiten aus ihrem Team rausholen und ihm beibringen. Die Variabilität einer Guardiola-Truppe oder das Verteidigen bis zur Besinnungslosigkeit von Mourinhos Schützlingen wird vor allem Watford und Co. dazu zwingen, noch intensiver das eigene Potenzial zu maximieren.

Das Wetteifern um des Rätsels Lösung wird entsprechend der gigantischen Fähigkeiten der bestimmenden Individualisten spannender denn je sein, aber es droht eine Zweiklassengesellschaft. So schön und romantisch die Story rund um Leicester City auch sein mag, sie ist Vergangenheit. Ab dem 13. August wird es bereits als Erfolg zu werten sein, wenn ein Durchschnittsteam aus Stoke im Dunstkreis der Europa-League-Plätze rangiert– leider.

Der Leistungsdruck hat zwar genügend Vorteile für alle Beteiligten, aber aufgrund der Namen, die sich mittlerweile in der Top Fünf oder Sechs oder Sieben aufhalten, sind sagenumworbene Feel-Good-Stories eben genau das: sagenumworben. Nichtsdestotrotz ist die Vorfreude gigantisch. Wie wird beispielsweise das erste Seifenblasenkonzert von West Ham United im Olympiastadion sein? Können Troy Deeney und Odion Ighalo diesmal gemeinsam 30 Tore knipsen (letzte Saison 29)? Wie schlägt sich Chelsea nach der  Seuchen-Runde?  Und natürlich: Ist der Meister mehr als eine Eintagsfliege?

Aus deutscher Sicht richten sich unsere Blicke natürlich gen Anfield, wo Klopp erstmals eine komplette Vorbereitung mit seinem LFC absolvieren und den Kader nach seinen Wünschen strukturieren konnte. Zwar fordert mich jetzt die Fanbrille zu den nachfolgenden Sätzen auf, aber ich kann mir durchaus vorstellen, dass die Scouser ihre Durststrecke beenden werden. Kein Team trainiert mehr, niemand intensiver oder länger. Liverpools Dienstreisen finden diesmal nur auf der Insel statt, sodass die Fokussierung komplett auf die Meisterschaft gerichtet ist. Manche werden zwar behaupten, dass dies im Widerspruch zu dem vorher Geschriebenen steht, aber das ist nicht der Fall. Natürlich wäre es eine überwältigende Geschichte, keine Frage, doch ist der Anspruch immer noch der, zu den besten Vereinen zu gehören. Nicht mehr, nicht weniger.


Sascha Felter
Ich denke, dass die Premier League sich in diesem Jahr vor allem taktisch enorm weiterentwickeln wird. Mit Guardiola, Conte, Klopp, Koeman, Pochettino und mit Abstrichen Mourinho, steht die Liga womöglich vor dem Umbruch, der seit Jahren überflüssig ist. Es bleibt daher zu hoffen, dass Conte, Guardiola & Co. in Ruhe arbeiten und die taktische Revolution vorantreiben können. Gibt man Conte die nötige Zeit, ist es durchaus möglich, dass Chelsea wieder im Orchester der Großen mitspielt und sich nicht wie im letzten Jahr mit Straßenmusik in einer versifften Gasse zufriedengeben muss.

Die Manchester-Derbys versprechen ebenfalls einiges an Spannung. Pep trifft auf seinen ewigen Widersacher José. Und Pep trifft auch auf Jürgen. Und Jürgen trifft ebenso auf José, ein Duell, dass hoffentlich wieder etwas Glanz in die alte Bude bringt, die sich Derby nennt. Die Duelle bieten künftig neben der Spannung hoffentlich auch spielerische Höhepunkte. Tottenham wird dank kluger Verpflichtungen im Sommer im Titelkampf ebenfalls ein gehöriges Wörtchen mitzureden haben. Bei Arsenal wird man dagegen nach einem wie immer unspektakulären Transfersommer gut in die Saison starten, im Herbst von der Spitze aus grüßen und spätestens zum Boxingday Ramsey und Sanchez verlieren, nur um sich am Ende für die Qualifikation an der Champions League abzufeiern. Arsene knows.

Aufgrund dieser höheren Leistungsdichte, einem wiedererstarkten Chelsea und diversen Transfers, wird es in dieser Saison wohl keine Überraschung á la Leicester City geben. Die beiden Manchester-Clubs, Chelsea, Tottenham, Arsenal und Liverpool werden sich um die obersten Plätze streiten. Everton, West Ham und Leicester sehe ich im erweiterten Kreis. Bezüglich Southampton hege ich aufgrund der Abgänge Pellés, Wanyamas und Koemans noch ein wenig Skepsis. Als ich im Zuge einer Recherche das Wikipedia-Profil der Saints aufrief und feststellen musste, dass David Moyes dort als Trainer eingetragen wurde, hat es mich fast vom Stuhl gehauen. Zum Glück war hier nur ein Typ mit ziemlich schwarzem Humor am Werk – Claude Puel ist der Coach. Immerhin.  Burnley, Bournemouth und Watford werden es dieses Jahr schwer haben, ebenso Swansea City. Middlesbrough traue ich eine solide Saison, fernab der Abstiegsplätze zu.

Insgesamt blicke ich, der beileibe kein großer Verehrer der Premier League ist, optimistisch in die neue Saison. Und das will was heißen! Die vielen neuen Trainer könnten die eingerosteten Denkweisen, wie sie auf der Insel vorherrschen, auf Vordermann bringen und seit Jahren wieder zeitgemäßen Fußball spielen lassen. Fernab vom inkompakten Gebolze ohne strategischen Bezug. Vielleicht kommt aber auch alles ganz anders …


Philipp Guggenberger
Guardiola. Conte. Wenger. Klopp. Pochettino. Koeman. Bilic. Ranieri. Mourinho. Seit dieser Saison findet man die Stars der Premier League nicht mehr nur auf dem Rasen, die gewonnene Präsenz an internationalen Klassetrainern macht die Premier League noch ein Stück interessanter. Vor allem auch, weil es für die Topklubs teils sehr unterschiedliche, unvorhersehbare Ausgangspositionen gibt.

Da wären natürlich die Citizens, die ob Guardiola’s Erfolgen und den bisherigen Einkäufen sicherlich als Titelfavorit gelten. Ob Pep allerdings die Meisterschale schon in seiner ersten Saison in die Höhe Stemmen kann bleibt fraglich, vor allem in der Defensive zeigte sich ManCity in der Vorbereitung verbesserungswürdig. Nach der enttäuschenden Vorsaison wird Chelsea hingegen wieder mit aller Macht versuchen, sich wieder ins Titelrennen einzumischen, vor allem Superstar Eden Hazard brennt auf Wiedergutmachung, war die Saison 15/16 doch wohl die schwächste seiner bisherigen Karriere. Mit Taktikfuchs Antonio Conte sind sie meines Erachtens auch einer der Favoriten für einen CL-Platz. Dass sie in dieser Saison ohne internationale Begegnungen bleiben könnte hierbei hilfreich sein. Eines ist jedoch klar: Chelsea wird wieder eine Mannschaft sein, die aufgrund ihrer starken Defensivarbeit schwer zu schlagen sein wird. Ähnliches wird auch für Ex-Chelsea-Coach Mourinho gelten, dessen Manchester United wohl über vergleichbare Methoden ihren Platz in den Top 4 sichern wollen, auch der Meistertitel scheint alles andere als abwegig. Mit Ibrahimovic, Mkhitaryan und Pogba hat man sich auch auf dem Transfermarkt einigermaßen ausgetobt, mit den ‘Red Devils’ wird wieder zu rechnen sein.

Bleibt noch ein Platz in den CL-Rängen übrig. Da wäre zum einen natürlich Arsenal, bei denen Wenger in seine 21.Saison als Cheftrainer geht, die diesen Platz ja schon seit Jahrzehnten gepachtet haben. Wie üblich haben sich die Gunners bislang nur punktuell verstärkt, wie üblich neigt man gerne dazu, Arsenal etwas zu unterschätzen. Für mich die sicherste Wahl um die Top 4 zu komplettieren. Da haben die Lokalrivalen von der White Hart Lane natürlich etwas dagegen. Letzte Saison lange um den Titel gekämpft, fielen die Spurs schlussendlich noch auf Platz 3 zurück und mussten etwas Lehrgeld bezahlen. Doch nun ist ihre junge Mannschaft ein Jahr reifer und ist womöglich in der Lage, noch besser zu sein. Im Verhältnis zur Konkurrenz haben sie aber auf dem Transfermarkt bislang keine Bäume ausgerissen, während alle anderen (vermeintlich) besser wurden, setzt Mauricio Pochettino eher darauf, seine Mannschaft weiterzuentwickeln. Ein guter Weg, doch ich denke, dass es heuer nicht für die Champions League-Quali reichen wird.

Dann gibt’s da natürlich auch noch Kloppo und seine Reds aus Liverpool. Auch sie genießen den vermeintlichen Vorteil einer Europacup freien Saison, können ihr kräftezehrendes Pressing also für die Liga aufsparen, doch wo geht die Reise hin? Der Kader wirkt immer noch etwas unbalanciert und als leidgeprüfter Liverpool-Fan fällt es mir selbst schwer zu glauben, dass man in dieser Saison tatsächlich so konstant punkten kann, um ganz nach vor zu stoßen, Platz 6 scheint am realistischsten.

Und der Meister? Tja, Leicester City nach ihrer unglaublichen Saison einzuschätzen ist wohl ein Ding der Unmöglichkeit, von Topplatzierung bis Mittelfeld ist da eigentlich alles möglich. Dabei lief der Sommer bislang gut, von seinen Leistungsträgern musste man lediglich Mittelfeldmotor Kante ziehen lassen. Am wahrscheinlichsten halte ich es jedoch, dass sich Leicester mit Everton und West Ham um die Plätze hinter den erwähnten Mannschaften streiten muss. Auch mit den Toffees wird nach der Übernahme von Ronald Koeman wieder zu rechnen sein, können sie ihr Potential voll ausschöpfen ist für sie auf jeden Fall ein Platz in den Europa League-Rängen möglich. Selbiges gilt natürlich auch für die Hammers, wo die gute Arbeit von Bilic sowie das Halten von Spielern wie Payet sicherlich belohnt werden dürfte. Doch man sieht: Es wird eng. Viele gute Mannschaften, wenig internationale Startplätze zu vergeben, es wird spannend zu beobachten, wer sein Potential nutzen kann und wer zurück fallen wird. Aus diesem Grund scheint auch ein Leicester City 2.0 unwahrscheinlich, die Dichte an guten Mannschaften an der Spitze wird immer größer, was es immer schwieriger macht, diese Dominanz zu brechen. Doch das hieß es vor der vergangen Saison auch.


Marco Stein
Endlich geht es wieder los. Die womöglich beste Liga der Welt startet nicht nur in eine neue Saison, sondern auch in ein neues Kapitel. Diese Saison könnte eine der interessantesten der Geschichte sein, zudem ein Wegweiser über die kommenden Jahre. Einerseits hat die Liga erstmals mit Pep, Klopp, Mourinho, Conte, Koeman, Howe und anderen sehr taktik-lastige Trainer, womit man einen Schritt machen würde, den man sich jahrelang verweigerte. Andererseits scheint es so, als würde die Premier League nun ihre Grenzen zu stoßen und die Folgen des Tribalismus und der ständig steigenden Ablösen und Gehälter zu spüren. Die Liga rückt immer näher zusammen, womit der Erfolgsdruck steigt und die Liga immer unberechenbarer wird. Was für den Zuseher natürlich toll klingt, kann böse Folgen haben.

Während Leicester City im Vorjahr die Liga überraschen konnte scheint es diese Saison so eng wie niemals zuvor werden, und dabei meine ich nicht nur den Titelkampf. Für viele gilt Manchester City mit Pep Guardiola als Titelfavorit, ebenso könnte Chelsea nach einem fantastischen Sommer die Premier League-Tabelle dieses Jahr anführen. Aber auch Manchester United, die erneut Unmengen investiert haben, könnte voll einschlagen, auch wenn die Gefahr einer schweren Umstellung aufgrund der Vielzahl an Transfers besteht. Und dann gibt es ja auch noch Tottenham, die mit Pochettino bereits im Vorjahr bewiesen, dass sie zur Elite Englands zählen und diese Saison auf Konstanz anstatt auf große Transfers zu setzen. Aber auch Liverpool ist mir ein kleiner Floh im Ohr, wenn auch die Chancen eher gering sind. Zusammen mit Arsenal werden sich all diese Vereine um die obere Plätze streiten. Auch dahinter gibt es einige Vereine, die für Furore sorgen könnten. Das wären zum einen West Ham mit Slaven Bilic, aber auch Everton mit Ronald Koeman, trotz des schmerzhaften Abganges von John Stones.

Ähnlich könnte es am Ende der Tabelle aussehen. Swansea hat einen schwachen Sommer hinter sich und hat nach einer schlechten Saison mit Williams und Ayew zwei Topspieler abgegeben. Anstatt eines Umbruches kam es jedoch nur zu weniger beeindruckenden Transfers, einzig die Verpflichtung von Borja sorgte für Aufsehen. Swansea nahm viel Geld für den Stürmer in die Hand, man kann für sie nur hoffen, dass er nicht floppt. Neben Swansea sind auch die beiden Aufsteiger Hull City und Burnley meines Erachtens nach große Abstiegskandidaten, während Middlesbrough und Bournemouth es hingegen schaffen könnten wenig mit dem Abstieg zu tun zu haben. Doch wie auf der Spitze gilt auch im Keller: es wird eng.

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