Der Boxing Day ist seit Jahren das Spektakel schlechthin im Englischen Fußball. Während man sich vor dem Sofa der Besinnlichkeit der Weihnachtszeit hingibt, fliegen auf dem Rasen die Fetzen. So auch am 26.12.2012, als Newcastle im Old Trafford gastierte. 

Kurz zur historischen Einordnung: Die Red Devils, damals noch von Sir Alex Ferguson trainiert, hatten aufgrund der Niederlage Man Citys gegen Sunderland die Chance, den Abstand auszubauen. Gebeutelt von personellen Problemen (Rooney, Young und Welbeck fehlten) wollte man nach dem Unentschieden gegen Swansea drei Tage zuvor nicht erneut Punkte im Titelrennen abgeben.

Newcastle wurde zu diesem Zeitpunkt von Alan Pardew trainiert und hatte Spieler wie Demba Ba und Papiss Demba Cissé in ihren Reihen, die zusammen bis dahin knapp 20 Treffer erzielt hatten. Durch die zusätzliche Belastung in der Europa League lief man personell jedoch auf der Felge und stand zum Boxing Day nur auf Platz 15.

Das Spiel begann jedoch überaus positiv für die Magpies, als Mittelstürmer Perch einen Abpraller des jungen und durchaus umstrittenen De Geas abstauben konnte. Dem Treffer ging ein Fehler Carricks voraus, der den Ball im Mittelfeld leichtfertig vertendelte. Zudem blickte Routinier Ferdinand beim Abschluss Bas nur auf den Schützen und passte seine Körperposition nicht an, um den Abpraller vor Perch zu bekommen. Im Übrigen war es Ferdinand, der nach dem Treffer am wildesten auf seine Vorderleute schimpfte.

United schüttelte sich kurz und kam durch Jonny Evans in der 25. Minute zum Ausgleich. Van Persie brachte den Ball per Freistoß in die Box, wo Giggs das Spielgerät per Kopf gefährlich machte und der Nordire Chicharitos Schuss abstaubte. Nur drei Minuten später schnürte Evans den Doppelpack – leider traf der ins eigene Netz. Danny Simpson brachte eine scharfe Hereingabe von der rechten Seite, die der United-Verteidiger per Grätsche an De Gea vorbeibrachte. Die Szene wurde im Anschluss heiß diskutiert, da Linienrichter James Collin zunächst auf Abseits von Cissé entschied, während Mike Dean das Tor gab.

Letztlich wurde der Treffer völlig zurecht gegeben und die Gäste gingen mit einer Führung in die Pause. Sämtliche Schiedsrichter bekamen auf dem Weg in die Kabine den Zorn Fergusons spüren. Hier wurde Fergies Spitzname „Föhn“ einmal mehr beeindruckend demonstriert.

In Hälfte zwei wurde das Spiel dann aber völlig verrückt. Evra brachte United in der 58. Minute wieder zurück in die Partie: Nach einer Ecke gelangte der Ball zum Kapitän, der an der Strafraumgrenze lauerte und überlegt in die von Krul aus linke untere Ecke traf. United schien das Spiel gedreht und das Momentum auf ihrer Seite zu haben. Dann kam Cissé.

Der Senegalese sprintete in der 68. Minute mustergültig auf den ersten Pfosten durch, wo er die flache Hereingabe des eingewechselten Gabriel Obertans trocken mit dem linken Fuß verwertete. Es schien so, als könne Newcastle zum ersten Mal seit 1972 die Red Devils schlagen. Von diesem Gedanken angetrieben verbarrikadierte man viel zu früh den eigenen Strafraum, ließ sich mit jeder Minute zurückdrängen. Dass van Persie drei Minuten später den erneuten Ausgleich erzielte, war dabei nur eine erste Folge dieser strategischen Umstellung.

Alan Pardews Mannen schienen sich auch mit einem Unentschieden anfreunden zu können. Man verteidigte leidenschaftlich den Strafraum und kam hätte durch Sammy Ameobi noch den Lucky Punch setzen können. De Gea sah man die Erleichterung an, als der Ball dann doch in seinen Armen landete. Fergies Puls war aufgrund der Szene in Hälfte eins ohnehin schon bei 180, was ein nicht gegebenes vermeintliches Handspiel Coloccinis aus kurzer Distanz nicht besser machte. Bei United hatte man den Kaffee sprichwörtlich offen.

Wäre da nicht Javier Hernández, seines Zeichens hyperintelligenter Mittelstürmer und Bewegungsgenie. Der Mexikaner stahl sich im Rücken der Newcastle-Verteidiger davon, als Carrick aus dem Halbfeld flankte. In der Manier eines echten Killers in der Box, ließ er den Ball kurz aufspringen und versenkte ihn anschließend im Fallen an Krul vorbei. Aus technischer Sicht war diese Aktion nicht weniger herausragend als Chicharitos Bewegungsspiel in dieser Szene. Fergie herzte indes seinen Assistenten Mike Phelan.

United machte damit einen riesen Schritt in Richtung Titel. An Sir Alex‘ letztem Boxing Day sicherten sich die Red Devils einen enorm wichtigen Dreier. Es war der 24 Sieg, den sie nach einem Rückstand in dieser Saison einfahren konnten. Eine beeindruckende Demonstration des berühmten Mythos, den sich United über die Jahre aufbaute.

Tür 13 öffnet sich morgen bei turus.net.

Der Fußball-Weihnachtskalender ist ein gemeinsames Projekt von@berlinscochise, Zebrastreifenblog, Cavanis Friseur, turus.netNachspielzeiten und 120minuten.

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Written by Sascha
Ist für Taktikanalysen, Scoutingberichte und schlechte Wortspiele zuständig. Eigene Grammatik ist so ausbaufähig wie Swanseas letztjährige Tabellenplatzierung – und entsprechend ist hier keine Aussicht auf Besserung.