Pep Guardiola ist dafür bekannt, dass er stets mit taktischen Finessen aufwartet, die im Prinzip leicht erscheinen und in der Praxis nur unter bestimmten Umständen umsetzbar sind. So hatte er bei Barça mit Lionel Messi den perfekten Spieler, um das taktische Konzept der falschen Neun wiederzubeleben. Während seiner Zeit in München etablierte er die hereinkippenden Außenverteidiger, die als zusätzliche zentrale Mittelfeldspieler agierten. Bei Manchester City hat Guardiola mit Kevin De Bruyne einen genialen Mittelfeldspieler, der als freies Radikal agieren kann und seiner Mannschaft somit die Möglichkeit gibt, flexibel ins letzte Drittel einzudringen. Die eigentliche Revolution ereignet sich in dieser Saison jedoch im ersten Spielfelddrittel. Dort ist seit diesem Sommer Ederson ihr Keeper.

Guardiola nutzt ihn im Grunde nicht als Torhüter. Der 24-Jährige kassierte in dieser Saison nicht mal 30 Schüsse auf sein Tor, wovon er 15 parierte (12 innerhalb des Strafraums, 3 außerhalb). Im Schnitt versucht der Gegner pro Partie 5,8mal auf Edersons Tor zu schießen. Zum Vergleich: Liverpool muss im Schnitt zwei Schüsse mehr hinnehmen und Tottenhams Lloris musste bisher 22 Schüsse entschärfen. Er ist Hauptberuflich kein Torhüter sondern ein zusätzlicher Feldspieler – nur eben mit Handschuhen.

Die reine Torhüterarbeit kann man bei ihm nicht so klar einschätzen, da er auch vielfach Chancen durch gute Antizipation im Keim erstickt. Er steht logischerweise oft weit vor seinem Tor und läuft Pässe in die Tiefe ab. Kollisionen wie gegen Sadio Mané hindern ihn nicht daran weiterhin mutig in diese Duelle zu gehen.

Seine aktive Teilnahme am Ballbesitzspiel spiegelt sich in seinen Statistiken wieder: Bisher spielte er 236 Pässe – mehr als zum Beispiel Alexis Sánchez oder Gylfi Sigurdsson und gleichzeitig zweitbester Wert hinter Huddersfields Lössl (254). Diese hatten im Schnitt eine Länge von 28 Metern und eine Erfolgsquote von 87%, absoluter Spitzenwert unter Torhütern. Betrachtet man die Passquoten sämtlicher Spieler mit mindestens 100 Pässen, übertrifft Ederson sogar Spieler wie Eriksen (82%) oder Fábregas (80%).

Sicherlich ist diese Statistik mit Vorsicht zu genießen, schließlich hat man als Keeper weniger Gegner- und Zeitdruck und kann sich vorrangig auf Kurzpässe zu den naheliegenden Verteidigern konzentrieren. Der Brasilianer hebt sich dahingehend jedoch klar vom Durchschnitt ab: Vielfach überspielt er mit präzisen Pässen die erste Pressinglinie des Gegners. Dabei kann er die Bälle sowohl auf einen Mittelfeldspieler chippen, als auch scharf durch zwei Stürmer hindurchpassen.

Vielfach hält Ederson aber auch den Ball etwas länger, um den Gegner anzulocken und anschließend mit einem scheinbar einfachen Pass das gegnerische Pressing auszuhebeln. Dieses Anlocken des Pressings mit entsprechender Folgeaktion ist eine enorm unterschätzte Qualität bei Torhütern. Citys Neuzugang hat in diesen Szenen eine unfassbare Ruhe und kann Bälle sowohl links als auch rechts sauber an den Mann bringen. Meist sogar noch in den starken Fuß des Mitspielers.

Damit generiert Guardiolas Team bereits in der ersten Linie eine Überzahl, die ähnliche Auswirkungen wie die falsche Neun bei Barça hatte: City kann dank ihres Torspielers De Bruyne oder Silva in höheren Zonen behalten, da sie sich nicht fallen lassen müssen, um Überzahl in Ballnähe zu erzeugen. Sie können schlichtweg mit Ederson, den beiden Innenverteidigern gegebenenfalls einem Sechser das Spiel von hinten aufziehen und haben dabei eine Überzahl im zweiten Drittel, sobald der Gegner hoch anläuft.

Sollte es für sie nicht möglich sein flach von hinten heraus aufzubauen, ist der 24-Jährige in der Lage mit hoher Präzision extrem weit abzuschlagen. Auffällig sind dabei seine verhältnismäßig sehr muskulösen Oberschenkel, die ihm die nötige Power bei seinen Pässen geben. Insofern ist Ederson für City und Pep Guardiola in jeder Hinsicht eine Bereicherung. Werden derzeit Ter Stegen und De Gea als Beste ihres Fachs tituliert, sollte der Brasilianer definitiv in einem Atemzug mit beiden genannt werden. Er avancierte in seinem ersten halben Jahr auf der Insel zu einem herausragenden Keeper. Das liegt in großen Teilen an Pep Guardiola, der seinen Keeper als elften Feldspieler nutzt und ihm Verantwortung im Spielaufbau überträgt.

 

Tür 11 öffnet sich morgen an dieser Stelle.

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Written by Sascha
Ist für Taktikanalysen, Scoutingberichte und schlechte Wortspiele zuständig. Eigene Grammatik ist so ausbaufähig wie Swanseas letztjährige Tabellenplatzierung – und entsprechend ist hier keine Aussicht auf Besserung.