Götterdämmerung am Vesuv

Nach zehn Spieltagen steht der SSC Neapel mit acht Siegen, einem Unentschieden und 29:7 Toren an der Spitze der Serie A. Eine herausragende Quote, die sehr an jenen Saisonauftakt der Roma 2013 erinnert. Die Hauptstädter legten damals zehn Siege in Folge hin und galten als heißer Anwärter auf den Scudetto. Zum Titel reichte es damals trotzdem nicht, weil Juventus mit 102 erreichten Punkten eine absolut perfekte Saison hinlegte. Auch in diesem Jahr schickt sich mit den Neapolitanern wieder ein Team an, welches Juves Dominanz in der Serie A endlich durchbrechen will. Seit Diego Maradona soll der Titel endlich wieder an den Vesuv wandern. 

 

Der Trainer

Über Maurizio Sarri gibt es etliche Anekdoten, mit denen man vermutlich ein ganzes Buch füllen könnte. Der exzentrische Italiener begann seine Karriere in der achten Liga Italiens, auf den Fußballplätzen der Toskana. Der gelernte Banker entschloss sich 2001, seinen „Nebenjob“ endgültig ad acta zu legen und sich voll und ganz dem Fußball zu widmen. Zu Beginn seiner Trainerlaufbahn pendelte Sarri noch zwischen beiden Welten hin und her. Wickelte Tagsüber Finanzgeschäfte ab, um anschließend im feinen Zwirn das Training des Achtliga-Clubs US Stia zu leiten. Es blieb ihm schlichtweg keine Zeit zum Umziehen. Seine Art zu trainieren war damals schon ähnlich zu seiner heutigen Arbeit auf Disziplin, taktisches Feingefühl und harte Arbeit ausgelegt.

Sarri (r.) inmitten seiner Spieler

Bei seiner ersten Station 1990 wie heute fast drei Dekaden später predigt er seinen Spielern ein, sie sollen stets vertikal spielen. „Dann lieber einmal nach hinten, aber niemals quer.“ Mit diesem Satz über seine Spielweise beschrieb sich Sarri selbst wohl am treffendsten. Als Persönlichkeit ist er unkonventionell: Während seine italienischen Trainerkollegen häufig den maßgeschneiderten Anzug tragen, sieht man den 58-Jährigen regelmäßig mit Dreitagebart, Brille und Trainingsanzug teils wildgestikulierend am Spielfeldrand stehen. Er wirkt wie einer dieser kauzigen Lehrer, bei denen man in der Schule nie so recht wusste, ob im nächsten Moment ein Schlüsselbund geflogen kommt oder er einfach desinteressiert in seinem Stuhl sitzt und die Schüler sich ja leise beschäftigen sollen.

Dabei ist Sarri bei seinen Spielern durchaus beliebt. Selbst Napoli-Ikone Maradona, der ihn in seiner ersten Saison nach drei Spielen ohne Sieg noch belächelte, schwärmt mittlerweile vom Italiener. Sarri ist ein akribischer Arbeiter, der einen attraktiven Fußball spielen lässt. Anders als sein Vorgänger Rafa Benitez vermeidet er personelle und formative Rotationen. Er lässt stets im 4-3-3 spielen und greift dabei auf einen bestimmten Stamm an Akteuren zurück. Während die Offensive in 99% der Fälle aus Insigne, Mertens und Callejon besteht, stehen Sarri auf den drei Mittelfeldpositionen fünf bis sechs Spieler zur Verfügung, denen er gleichmäßig Spielzeiten gibt. Der unter Benitez oft unzufriedene Marek Hamšik, immerhin eine der größten Club-Ikonen seit „D10S“ Maradona, ist der Anker im Mittelfeld.

Wirkliche personelle Wechsel nimmt Sarri selten vor, was vielerorts die Frage aufwirft, wie die tägliche Trainingsarbeit am Vesuv aussehen muss. Schließlich ist der Spielplan der Azzurri mit drei Wettbewerben ordentlich ausgelastet. Zunächst mal ordert sich Sarri zu jedem Training einen Espresso, den er am Rande des Feldes zu sich nimmt, während er seine Spieler beobachtet. Zusammen mit seinem Fitnesstrainer Francesco Sinatti gestaltet er die Einheiten stets spielorientiert. Der Ball ist permanent dabei. Ebenso eine Drohne, die die Einheit von oben filmt, um dem Trainerteam Aufschlüsse über Positionierungen der Spieler während der Trainingsspiele zu geben. Sarri kann aber auch anders: Während seines Einstellungsgesprächs bei Napoli soll er bei Präsident De Laurentiis gebeten haben, ein einwöchiges Athletik-Trainingslager zu veranlassen, um seine Spieler für seine Spielweise fit zu bekommen. Mit seiner Trainings- und Belastungssteuerung schafft er es zweifellos, das zu stärken, was für ihn im Vordergrund steht: die Leistung der Mannschaft.

 

Der Kader

Diese ist nämlich seit Sarris Ankunft permanent gestiegen, was in großen Teilen natürlich am Trainer liegt, aber auch in der strategischen Zusammensetzung der Mannschaft. Im Tor hat man mit Pepe Reina einen erfahrenen Keeper, der mit 35 Jahren nach wie vor zu den zehn besten Torhütern zählt. Noch immer ist er blitzschnell auf der Linie und verfügt über ein sehr starkes Passspiel. Er ist der Rückhalt in der Napoli-Defensive und für seinen Trainer gibt es keinerlei Gründe, an ihm zu zweifeln. Vor Reina hat man mit Koulibaly einen technisch und athletisch hervorragenden Innenverteidiger, der vor einem Jahr seine vielleicht stärkste Phase hatte. Seit dem Jahreswechsel ist er jedoch nicht mehr so konstant, aber dennoch ein enorm starker Mann in der Defensive. Neben ihm gesellt sich mit Raúl Albiol ein Routinier, der für Sarri so etwas wie ein verlängerter Arm auf dem Feld. Seine Verpflichtung wurde damals mit einem Naserümpfen hingenommen, aber der Spanier ist seit seinem Wechsel der Fixpunkt in der Napoli-Defensive. Zudem ist er ein hervorragendes Beispiel dafür, dass sich auch Spieler im hohen Alter noch weiterentwickeln können. Flankiert werden beide von den dynamischen Außenverteidigern Hysaj und Ghoulam, die offensiv wie defensiv überzeugen.

Im Mittelfeld zieht Jorginho die Fäden. Er ist für den Spielaufbau der Partenopei essenziel. Er besitzt ein herausragendes strategisches Gespür, das ihn gepaart mit seiner sauberen Technik und seinem Bewegungsspiel zu einem Regista macht, wie man es von Pirlo oder Alonso kannte. Vor ihm spielen mit Allan und Hamšik zwei Akteure, die sich bestens ergänzen: Während ersterer ein klassischer Box-to-Box-Mittelfeldspieler ist, der sich zwischen den Strafräumen mit seiner Pferdelunge austobt, ist Hamšik eher der filigrane Part. Er selbst sieht Iniesta als sein großes Vorbild an und gewisse Ähnlichkeiten sind zum Spanier sind durchaus vorhanden. Beide sind Ikonen in ihrem Verein, zeichnen sich durch eine ballsichere und offensive Spielweise aus. Dieses Mittelfeldtrio aus Jorginho, Hamšik und Allan ergibt eine sehr balancierte Mischung, die für 4-3-3-Formationen unabdingbar ist: Ein Spielmacher, ein Arbeiter zwischen den Strafräumen und ein Kreativer, der die Offensive unterstützt.

Die Offensivpositionen werden wie bereits erwähnt fast immer vom selben Personal begleitet. Mittelstürmer Mertens war zu Beginn der letzten Saison noch eine Notlösung, die sich in unfassbarer Geschwindigkeit zur 1a-Lösung mauserte. Der gelernte Flügelstürmer nutzte die Verletzung Miliks aus, indem er Tore wie am Fließband erzielte. Seine Spielintelligenz gepaart mit seinem Killerinstinkt vor dem Tor sorgte für 49 Torbeteiligungen im letzten Jahr. Insigne war an 32 Treffern direkt beteiligt, Callejón an 34. Zusammen erzielten sie zu dritt wettbewerbsübergreifend 71 Tore in 49 Spielen.

Man sieht also: Napolis erster Anzug sitzt. In der Defensive sind die Alternativen noch im Rahmen: Routinier Maggio ist der Backup für die Rechtsverteidigerposition, Rui ist der Backup für Ghoulam. Rui kam für kleines Geld von der Roma und Sarri weiß, was er an ihm hat, spielte er schließlich bereits bei Empoli unter ihm. In der Innenverteidigung können Tonelli und Chiriches in die Bresche springen, wenngleich hier ein Qualitätsverlust zu erkennen ist. Im Angriff ist man vergleichsweise dünn besetzt; nach Miliks erneutem Kreuzbandriss sind nur der 32-Jährige Giaccherini und Neuzugang Ounas echte Alternativen in der Offensive. Letzterer ist ein hochveranlagter Dribbler, der sich mittel- bis langfristig im Team etablieren wird. Im Mittelfeld ist man hingegen sehr breit aufgestellt. Neben den Stammkräften hat man mit Diawara, Zielinski und Rog drei herausragende Talente, die man ohne große Bedenken in die Mannschaft werfen kann.

 

Die Spielweise

Der eigentliche Grund, wieso die Partenopei seit einiger Zeit so begeistert, ist Sarris Spielweise. Er gilt gemeinhin als der Erfinder des vertikalen Tici-Taca. Also jene Spielweise, mit der man die spanische Nationalmannschaft oder Guardiolas Barça beschreiben will, wird vom Italiener deutlich direkter interpretiert. Die Spieler sollen sich gemäß der Prinzipien des Juego de Posición stets so auf dem Feld positionieren, dass man in Ballnähe eine personelle Überzahl hat. Es gibt jedoch einen fundamentalen Unterschied zu Sarris Positionsspiel und dem „Normalen“ wie es Guardiola & Co. lehren. Während die meisten versuchen, den Zugriff des Gegners durch große Abstände zueinander und eine Besetzung sämtlicher Spielfeldzonen einzuschränken, bewegen sich Sarris Spieler oft in die Nähe des Ballführenden. Damit soll vor allem in unmittelbarer Nähe des Balles eine Überzahl hergestellt werden und der Gegner soll aus seiner Ordnung gezogen werden. Napoli spielt in diesen Szenen nach dem Motto: Anlocken, kurze Direktpässe und dann steil in die Spitze.

Sarri bei einer Mannschaftsansprache

Soweit zur Strategie. In der Umsetzung versucht man das Spiel stets mit flachen Pässen zu eröffnen. Dabei postiert sich Jorginho zentral vor den Innenverteidigern und lenkt das Spiel bereits frühzeitig auf die linke Seite. Hier haben die Neapolitaner mit Ghoulam, Hamšik und Insigne einen sehr spielstarken Flügel. Das Zusammenspiel zwischen ihnen funktioniert deshalb so gut, weil sie zum einen ein hervorragendes Raumgefühl und die Bewegungen untereinander haben. Für jeden der drei scheint in jeder Spielsituation klar zu sein, wer wohin laufen muss: Lässt sich Hamšik fallen, rückt Ghoulam auf und Insigne zieht in die Mitte. Rückt Hamšik auf, zieht Ghoulam in die Mitte und Insigne lässt sich fallen, usw. Zusätzlich sind sie allesamt gute Kicker, die, wie alle Napoli-Spieler, einfach sehr gute Passspieler sind und in engen Räumen genug Ruhe besitzen.

Die linke Seite Neapels ist die Seite, auf der die Chancen vorbereitet werden. Die rechte Seite ist jene, wo der Angriff angeschlossen wird. Hysaj macht viel Dampf über die rechte Bahn und besitzt ein gutes Timing im Aufrücken. Sein Vordermann Callejón ist einer der Besten wenn es darum geht, von außen in den Rücken der Abwehr zu sprinten. Ein typischer Napoli-Angriff sieht genauso aus: Ghoulam, Hamšik und Insigne spielen sich über die linke Seite frei, irgendwann löst Callejón mit einem Lauf auf den langen Pfosten den Pass von Hamšik aus. Kann er diesen Pass unbedrängt spielen, ist der Gegner im Grunde gekillt. Da auch Mertens und Allan in der Gefahrenzone lauern, hat Napoli schlichtweg eine enorme Präsenz in der Offensive.

Sarri hat mit seiner Mannschaft nicht nur Taktik-Hipster beeindruckt – zusammen mit seiner Mannschaft hat er es geschafft, eines der attraktivsten Projekte des aktuellen Fußballs aufzubauen. Neapel sprengt derzeit Klischees über italienische Mannschaften: Im Rückspiel der CL-Qualifikation fuhren sie mit einer 2:0 Führung nach Nizza. Gemeinhin glaubt man, dass Italiener hier destruktiv gewesen wären; Napoli griff 90 Minuten lang an und gewann das Rückspiel mit 0:2. Sie haben auch den italienischen Fußball ein Stück weit verändert. Die Chance auf den Scudetto dürfte in diesem Jahr so groß wie lange nicht mehr sein. Ihr System und ihre Spieler wirken gefestigter als das von anderen vermeintlichen Anwärtern der letzten Jahre. Sie selbst wollen nichts Geringeres als den Titel an den Vesuv zu bringen. Auf die Frage, ob er für den Scudetto das Rauchen aufgeben würde, entgegnete Sarri trocken: „Am liebsten würde ich bei einer Zigarette den Titel feiern.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *