Viele staunten nicht schlecht, als Everton im vergangenen Sommer knapp 50 Millionen Euro für den damals 28-jährigen Gylfi Sigurdsson ausgab. Seine Quote bei Swansea City war durchaus beeindruckend: In seiner letzten Saison legte er 13 Treffer auf und war neunmal selbst erfolgreich. Die Ablöse sorgte dennoch für viel Unmut.

War der Isländer nur so erfolgreich, weil er aus einem Haufen bestenfalls durchschnittlicher Spieler herausstach? Wurden seine Scorerpunkte durch die vielen Standardsituationen verzerrt? Und noch viel wichtiger: Welche Rolle kann Siggy bei der WM für sein Land einnehmen?

Im Alter von gerade einmal 15 Jahren verließ Gylfi Sigurðsson seine Heimat Reykjavík, um sein Glück bei Reading zu suchen. Er erhielt im Oktober 2005 ein Stipendium, weshalb er drei Jahre lang in der Jugend spielte und anschließend mit fünf weiteren Spielern Profiverträge vorgelegt bekam.

Zwei Kurzeinsätzen folgte eine Leihe nach Shrewsbury Town, wo er innerhalb eines Monats fünfmal zum Einsatz kam. Ende Februar folgte eine Leihe zu Crewe Alexandra (es wird immer exotischer), um Spielpraxis zu sammeln.

Der endgültige Durchbruch gelang ihm dann in der Saison 2009/10, als er in 44 Partien 20 Treffer und zehn Vorlagen verbuchen konnte. Der Isländer erarbeitete sich hier bereits den Ruf des Standard-Speziallisten. Vom Punkt aus war er ebenfalls kalt wie eine Eisscholle: Sieben Treffer vom Punkt, darunter einer im FA-Cup bei Liverpool in der 92. Minute.

Diese Spielzeit ebnete ihm den Weg zu dem Spieler, der er heute ist. Über Hoffenheim und dem Intermezzo bei den Tottenham Hotspur ging es nach Swansea. 67 direkte Torbeteiligungen in 131 Spielen ist seine Bilanz nach dreieinhalb Jahren bei den Walisern.

Gylfi Sigurdsson im EM-Spiel gegen Ungarn (Foto: Chensiyuan/Wikimedia cc-by-sa3.0)

Vorrangig wurde er als Zehner eingesetzt, der in Ballbesitz einige Freiheiten genoss. In seinem letzten Jahr kam er aufgrund diverser strategischer Anpassungen der Schwäne häufig als Linksaußen zum Einsatz.

Seit seinem Wechsel an die Mersey kam der Ex-Hoffenheimer in 27 Liga-Partien zum Einsatz. Direkt in seinem ersten Pflichtspiel für Everton gelang ihm ein Traumtor, als er, durchaus glücklich, kurz hinter der Mittellinie traf. Insgesamt sprangen in einer schwierigen Saison nur vier Tore und drei Vorlagen heraus.

Wenn der Isländer spielte, dann meist über die komplette Spielzeit (2.262 Spielminuten). So wirklich überzeugend war die gesamte Saison der Toffees nicht und folglich auch nicht für Sigurdsson.

Ich glaube es gibt eine große Diskrepanz zwischen dem, was man sich von ihm verspricht und dem, was der tatsächlich liefert. Sicherlich sind die blanken Torbeteiligungen gerade aus seiner Swansea-Zeit durchaus beeindruckend, diese werden jedoch durch die Standardsituationen arg verzerrt.

Aus dem Spiel heraus nimmt Sigurdsson nämlich nicht den riesen Einfluss auf sein Team, wie es die Zahlen suggerieren. Vielmehr ist es sogar so, dass er sich oft Pausen nimmt und kaum am Spiel teilnimmt.

Das mag bei Underdog-Teams funktionieren, die ihr Heil in ruhenden Bällen suchen. Dies ist auch ein Grund, wieso der Everton-Transfer durchaus kritisch zu sehen ist. Wenn sein Team das Spiel machen muss, ist er weniger wertvoll und versteckt sich zu oft. Auf Nationalmannschaftsebene kann dies aber eine Chance für ihn sein. 2016 überzeugten die Isländer mit ihrem Underdog-Fußball, der auf ruhenden Bällen fußte.

Mit dieser Spielweise gelangten die Nordeuropäer bei ihrer ersten WM nicht wirklich zu Erfolgen. Nach dem Achtungserfolg gegen Argentinien folgte eine Niederlage gegen Nigeria. Sigurðsson selbst verschoss in diesem entscheidenden Gruppenspiel einen Elfmeter, der zum 1:2 hätte führen können. Umso beachtlicher, dass er in der letzten Partie gegen Kroatien den Ball unter die Latte ballerte.

Generell verlief das Turnier für Siggy eher durchschnittlich. Im Schnitt spielte er 1,7 Keypasses und hatte eine Passquote von 76,6%. Vergleichbare Spieler waren hier bei mindestens 2,5 Keypasses. Dies liegt vor allem daran, dass der Everton-Star vorrangig durch Freistöße und Ecken auffällig wurde. Aus dem Spiel heraus erspielte er selten Chancen. Dafür verbuchte er im Schnitt die achtmeisten Dribblings (3,7), was zeigt, dass er in engen Szenen durchaus Verantwortung übernommen hat. Drei Schüsse pro 90 Minuten unterstreichen dies ebenfalls. 

Den Isländern hat man vor dem Turnier in einer komplizierten Gruppe bestenfalls Außenseiterchancen ausgerechnet. Dass sie bis zum Schluss doch noch hoffen konnten, lag nicht zuletzt an Sigurðsson Elfmeter gegen Kroatien. Manchmal liegen im Fußball Glück und Pech ganz nah beieinander. Für ihn und sein land gilt es ab September sich für die EURO zu qualifizieren.


 
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DAZN WM 2018

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Written by Sascha
Ist für Taktikanalysen, Scoutingberichte und schlechte Wortspiele zuständig. Eigene Grammatik ist so ausbaufähig wie Swanseas letztjährige Tabellenplatzierung – und entsprechend ist hier keine Aussicht auf Besserung.