„Wo viel Licht ist, ist starker Schatten.“
– Johann Wolfgang von Goethe in Götz von Berlichingen

Cristiano Ronaldo kennt jedes Kind. Er ist einer, der den Fußballsport in den letzten 15 Jahren geprägt hat wie kaum ein anderer. Er ist ein echtes Idol, eine kräftig leuchtende Galionsfigur.

Seine Vita ist bekannt – und während seiner Karriere stellte er immer wieder großartige andere Fußballer durch seine außergewöhnlichen Fähigkeiten in den Schatten, an die zweite Stelle.

Sei es Paulo Dybala bei Juventus Turin oder Karim Benzema in Madrid: Wenn CR7 im selben Team spielt, sind die meisten Blicke auf ihn gerichtet. Einer, der diese Erfahrung sowohl im Verein als auch in der Nationalmannschaft machte, ist Nani.

Dabei sind auch Spieler wie diese wichtig für jede erfolgreiche Mannschaft – nur neigen sie im Gegensatz zu den ganz großen Fußballern dazu, missverstanden und missinterpretiert zu werden.


Dies ist ein Gastbeitrag von Simon

Das Vorbild

54 Tage trennten Nani von dem Traum eines jeden Kindes: Einmal gemeinsam mit dem großen Idol der eigenen Kindheit auf dem Fußballplatz zu stehen.

Als Luís Figo am 8. Juli 2006 bei der WM sein allerletztes Länderspiel für Portugal absolvierte, saß Luís Carlos Almeida da Cunha, kurz Nani, wahrscheinlich noch zu Hause vor dem Fernseher. Es war das Spiel um Platz 3 gegen Deutschland, das sogenannte „kleine Finale“ – drei Tage nachdem die portugiesische Auswahl (wie so oft bei großen Turnieren) im Halbfinale gescheitert war.

Es war Figos 127. Länderspiel, was ihn zum damaligen Rekordspieler Portugals machte. Der rechte Flügelstürmer war zu seiner Zeit immer das offensive Gesicht der Nationalelf, ein torgefährlicher Offensivpieler mit einer besonderen Spezialität: Er war der Mann für den tödlichen Pass, ein hervorragender Vorbereiter und Flankengeber.

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Das beeindruckte Nani schon in Kindheitstagen schwer. Der langjährige Man Utd-Akteur absolvierte in seiner Nationalmannschafts-Karriere 112 Einsätze, 15 weniger als Figo. Auch hier lag der Flügelspieler mit kapverdischen Wurzeln also nicht weit von seinem Vorbild.

Er wird es aber verschmerzen können – schließlich gelang ihm mit der portugiesischen Seleção etwas, das Figo oder auch dem großen Eusébio nie vergönnt war.

 

Die Titel – Pt. 1

10. Juli 2016, knapp 10 Jahre nach Luís Figos letztem Spiel für Portugal. An diesem Abend treffen im Stade de France Portugal und Gastgeber Frankreich im EM-Finale aufeinander.

Die Franzosen sind haushohe Favoriten gegen eine portugiesische Seleção, die von den sechs vorhergehenden Turnierspielen nur eines in 90 Minuten für sich entscheiden konnte.

Die Innenverteidigung aus José Fonte und Pepe ist für viele Experten zu alt und zu langsam, um die Offensive der Franzosen um Griezmann und Payet in Schach zu halten. Doch an diesem Abend schreibt die portugiesische Nationalmannschaft Geschichte und gewinnt den ersten Titel ihrer Geschichte.

Der Superstar CR7 muss zwar nach 26 Minuten verletzungsbedingt ausgewechselt werden, trotzdem (oder gerade deshalb) wächst die Mannschaft an diesem Abend über sich hinaus und gewinnt mit 1:0 nach Verlängerung.

Für Nani wird das Spiel umso besonderer, als Cristiano Ronaldo ihm unter Tränen die Kapitänsbinde anvertraut. Auf einmal ist Nani, der sich sonst immer in den Dienst der Mannschaft stellt, ein Star ohne Allüren, knapp 90 Minuten lang der Kapitän und Anführer einer Mannschaft, die am Ende Europameister wird.

 

Cristiano Ronaldo – Pt. 1

Am Ende ist es natürlich trotzdem Cristiano als etatmäßiger Kapitän der erste Portugiese, der den Coupe Henri-Delaunay in die Höhe streckt.

Zwischen ihm und Nani gibt es viele Gemeinsamkeiten: Beide sind Portugiesen, hatten eine harte Kindheit und starteten ihre Senioren-Karriere bei Sporting Lissabion. Sie verbrachten eine gemeinsame Zeit bei Manchester United, spiel(t)en für Portugal und sind schnelle, dribbelstarke und torgefährliche Angreifer.

Doch wer ein bisschen genauer hinsieht, entdeckt auch die Unterschiede schnell: Für Ronaldo ging es immer weiter bergauf, während die Zeit bei den Red Devils unter Sir Alex Ferguson für Nani wohl die beste Zeit seiner Vereinskarriere war.

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Cristiano wurde spätestens nach seinem Wechsel zu Real Madrid zur Tormaschine, während Nani in England zuürckblieb. “Es geht alles um Ronaldo. Du musst er sein! Spielst du genauso? Wirst du dasselbe schaffen?” – das sagte Nani selbst über die Erwartungshaltung bei Man Utd ihm gegenüber, nachdem Ronaldo den Verein als teuerster Spieler aller Zeiten verlassen hatte.

Viele verstanden dabei nicht, dass er gar nicht sein wollte wie Ronaldo – sondern eher wie sein Vorbild Figo: Ein Vorbereiter, einer für den letzten Pass. Scheinbar neigen solche Spieler wohl dazu, missverstanden zu werden: Man siehe zum Beispiel zu Mesut Özil nach London hinüber.

 

Die Titel – Pt. 2

21. Mai 2008, knapp siebzigtausend Zuschauer haben sich an diesem Abend im Moskauer Luschniki-Stadion eingefunden, um das erste englische Finale in der Geschichte der Champions League zu sehen: Manchester United um Wayne Rooney, Rio Ferdinand und Cristiano Ronaldo trifft auf Chelsea mit Frank Lampard, John Terry und Didier Drogba.

In der ersten Halbzeit fallen zwei Tore: Manchester geht erst durch Ronaldo in Führung, dominiert die komplette erste Hälfte, und vergibt gute Chancen, auf 2:0 zu erhöhen. Kurz vor der Pause kommen die Blues zum schmeichelhaften Ausgleich, Lampard trifft.

In der zweiten Halbzeit dominiert Chelsea, schafft es aber nicht, das Spiel für sich zu entscheiden. So geht es in die Verlängerung. Nach knapp 100 Minuten schlägt dann Nanis Stunde: Der Portugiese wird für Wayne Rooney eingewechselt.

Welche Worte ihm Sir Alex Ferguson zur Motivation mit auf den Weg gab, ist leider nicht übermittelt – vielleicht “Zeig der Welt, dass du besser bist als Cristiano Ronaldo”? Nach 120 Minuten geht es ins Elfmeterschießen.

Ronaldo verschießt als dritter Schütze des englischen Meisters, Nani dagegen behält auch unter Druck als fünfter Schütze die Nerven und trifft. Am Ende pariert Van der Sar im Sudden Death gegen Anelka und sichert United den dritten (und bisher letzten) Champions-League-Titel.

 

Cristiano Ronaldo – Pt. 2

Das Elfmeterschießen an diesem Abend in Moskau ist der einzige Moment in Uniteds gesamter CL-Saison 2007/2008, in der Nani Cristiano Ronaldo übertrumpft.

Beide kommen auf elf Einsätze – während Nani kein einziges Tor gelingt, wird Portugals Rekordtorjäger mit derer acht Torschützenkönig des Wettbewerbs. Nicht nur in diesem Moment, dieser Saison, auch nicht nur bei Manchester United – überall und immer wird Nani in seiner Karriere mit Ronaldo verglichen.

Allerdings kann er häufig die Erwartungen nicht erfüllen, und das aus verschiedenen Gründen: Er hat nicht dieselbe Qualität wie CR7, er ist zudem ein anderer Spielertyp.

Man hat immer den Eindruck, Nani hätte (ebenso wie Nationalelf-Kollege Quaresma) mehr aus seiner Karriere machen können, weil seine Möglichkeiten zunächst eben ähnlich erschienen wie die der ganz Großen.

Immer wieder gab es Vorwürfe à la “Man muss es auch wirklich wollen” – wohl auch, weil neben Cristiano einfach jeder andere Spieler unmotiviert aussieht.

 

Ein (heimliches) Vorbild

Obwohl er ganz sicher nicht zu den besten Spielern der Welt gehört (und nie gehörte), eine Karriere mit ganz verschiedenen Phasen hinlegte und immer wieder im Schatten Ronaldos verschwand, ist Nani für viele Portugiesen etwas, was Figo für ihn war:

Ein Vorbild, ein (heimlicher) Held. Natürlich fällt auch immer der Name Ronaldo im selben Atemzug, wenn über ihn gesprochen wird. Natürlich wollen auf dem Schulhof immer alle Kinder Ronaldo sein – und trotzdem zeigt Nani, dass man es nicht nur als CR7 aus der Armut nach oben schaffen kann.

Es braucht sicher Talent und Wille, aber es reicht auch eine kleinere Portion, um Champions-League-Sieger und Europameister zu werden. Man muss kein Lautsprecher, kein teilweise arrogant anmutender Superstar werden – man kann auch für immer der Mann für den letzten Pass bleiben, der außerhalb des Spielfelds nicht alles presigibt.

Oder, um mit Marie von Ebner-Eschenbach noch einen weiteren Charakterzug Nanis zu beschreiben. “Andere neidlos Erfolge erringen sehen, nach denen man selbst strebt, ist wahre Größe”. Cristiano Ronaldo, Titel, und Nani mittendrin. Zumindest manchmal.


Dies war ein Gastbeitrag von Simon

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