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George Best – Ein Fußballfilm wie noch nie

Runterkommen in Coronazeiten: Ein ungewöhnlicher Film über das Fußballgenie sorgt beim Betrachter für Entschleunigung

„Ich habe viel von meinem Geld für Alkohol, Frauen und schnelle Autos ausgegeben. Den Rest habe ich verprasst.“

Kein Artikel über den Fußballer George Best (1946 – 2005) kommt ohne dieses Zitat aus. Legendär geworden ist der Nordire wegen seiner Dribblings, Erfolge und Eskapaden. Ein bewegtes Leben – doch paradoxerweise gibt es ausgerechnet über den wilden George einen Film, der sich in Coronazeiten als ideale Einstimmung aufs Runterkommen anbietet.

 

Viele Zuschauer beschwerten sich

„Fußball wie noch nie“ heißt der Film, in dem der Regisseur Hellmuth Costardt die Kameras ausschließlich auf den Offensivspieler richten lässt. 90 Minuten verfolgt sein Drehteam im September 1970 das Spiel von Manchester United gegen Coventry City.

Am Ende gewinnt Bests Mannschaft 2:0, doch für den Film ist das unerheblich. Der TV-Zuschauer sieht kein normales Fußballspiel, entsprechend hagelt es nach der Ausstrahlung zur besten Sendezeit reichlich Beschwerden.

 

Der Mann mit dem Lächeln

Am Anfang eine Seitenaus-Fahne, ein paar Fußballer laufen auf den Platz, dann das Trikot mit der Nummer 11, dessen Träger sofort von einem Fotografen gestoppt wird: George Best, der als 17-Jähriger bei Manchester United debütierte, ist der Star des Films und der Fans.


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Egal, ob er in den freien Raum läuft, hoffend, dass ihn ein Pass seiner Mitspieler erreicht, oder ob er – die Hände in die Hüften gestemmt – das Spielgeschehen verfolgt: Meist ist ein Lächeln in seinem Gesicht zu sehen. Kein Ehrgeizling, sondern ein technisch begnadeter Instinktfußballer und Ballkünstler.

 

Star, aber kein Bestimmer

Die Zahl der Ballkontakte hält sich vor allem am Anfang in Grenzen. Doch in dem Film erweist sich George Best als ein Spieler, der auch in der vermeintlichen Passivität stets lauert. Leicht geduckt wartet er auf seine Beute – auf die Chance, die irgendwann kommen wird.

In Texten über den Nordiren ist mitunter zu lesen, er sei ein Egoist gewesen. Der Film, der allerdings fast ohne eine Gesamtübersicht übers Spielfeld auskommt, zeigt ein anderes Bild.

Bests Körpersprache offenbart ihn als Teamplayer, sie ist frei von Starallüren und Bestimmer-Attitüde – kein Lamentieren, kein böser Blick in Richtung Mitspieler, wenn ein Ball mal nicht ankommt.

 

Kameras sind stets auf George Best gerichtet

Dass der Film dennoch nicht als liebevolle Würdigung eines Fußball-Genies in die bundesdeutsche TV-Geschichte einging, ist die Konsequenz seiner Radikalität. Die Kameras sind nicht da, wo der Ball rollt oder fliegt, sondern stets auf George Best gerichtet. Ob sein Pass ankommt oder nicht, lässt sich oft nur aus den Reaktionen des Stadion-Publikums ableiten.


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Um die Kompromisslosigkeit des Films wirklich begreifen zu können, muss man ihn in seinen gesamten 90 Minuten gesehen haben. Am Anfang glaubt der Betrachter, dass es nach all den Einzel-Einstellungen bald endlich losgeht mit der „richtigen Übertragung“ – doch Fehlanzeige. Die Ungeduld wächst und irgendwann erkennt der resignierende Zuschauer, dass sich die Monotonie der Einzelszenen fortsetzt.

Wenn dieser Punkt erreicht ist, bleiben genau zwei Möglichkeiten: fluchend den Fernseher ausschalten oder aber den Zauber eines ganz besonderen Spiels und Spielers auf sich wirken lassen. Fußball nicht als Ergebnissport, sondern als eine Art Dauerschleife, als Aneinanderreihung von großen und weniger großen Spielszenen.

 

Zwei spielentscheidende Momente

Zum Glück für den Regisseur hat die konsequente Fokussierung auf einen Akteur zwei spielentscheidende Momente. Kurz nach der Halbzeitpause nimmt George Best vor dem Strafraum einen Ball an, umdribbelt den Torhüter und schließt mit links ab. Dem Jubel ist zu entnehmen, dass ein Tor gefallen ist.

Nach dem Treffer agiert Best besonders elanvoll. In der 60. Minute ein Schuss, und dann – wenngleich verzögert – erneuter Jubel. Offenbar hat der Torhüter Bests Schuss gehalten, doch Bobby Charlton verwandelt danach. Zumindest wird er beglückwünscht.

Viele Fernsehzuschauer sind bei der Erstausstrahlung im Jahr 1971 nicht so weit gekommen. Ähnlich erging es fast allen Spielern des 1. FC Köln, die ins WDR-Studio zu einer Vorpremiere eingeladen waren.

Nach 20 Minuten seien die meisten gegangen, erinnert sich ein Zeitgenosse. Nur Wolfgang Overath, der spätere Weltmeister, blieb bis zum Schluss. Ihm gefiel, was er sah.

 

Ein Prösterchen auf George Best

Wer ahnt, was ihn erwartet, findet in dem Film ein geeignetes Instrument zur Entschleunigung. Und wenn die Corona-Kontaktsperre vorbei ist, empfiehlt es sich, den Film ein zweites Mal zu sehen – und zwar erwartungsfrei, gemeinsam mit Freunden und dem einen oder anderen Bier samt Prösterchen auf George Best.


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Schließlich stellt sich bei aller Radikalität des Films aber auch die Frage, ob das Konzept auch ohne den Star aufgegangen wäre.

Zum Beispiel, wenn der Regisseur die Kameras auf einen Rumpelfußballer hätte halten lassen, auf jemanden, dem jeder zweite Ball wegspringt. Die Antwort: Dann hätte der Film bei den Zuschauern wohl nicht so sehr Zorn erzeugt, sondern vor allem Spott.

 

Huldigung an einen Pop-Star

So ist „Fußball wie noch nie“ eine Huldigung an an einen außergewöhnlichen Sportsmann geworden, Fußball-Genie und Pop-Star zugleich.

Bests selbstbewusste Unangepasstheit passt zum rebellischen Sound der 60er Jahre, die frühe Vergeudung seines Talents markiert die Schattenseiten des Hedonismus.


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Mit gerade einmal 27 Jahren muss der trunksüchtige Frauenheld Manchester United verlassen. Er sollte danach nie wieder auf die Beine kommen. Auch wurden Vorwürfe laut, er habe seine Frauen geschlagen.

 

100.000 Menschen nehmen bei der Trauerfeier Abschied

Doch trotz mancher Schattenseite haben die Nordiren ihren George geliebt. 100.000 Menschen standen am Straßenrand, als sein Leichnam durch Belfast gefahren wurde. An einem regnerischen November-Tag des Jahres 2005 nahmen die Fans so Abschied von einer Fußball-Legende.

Neben großen Spielen auf dem Fußball-Platz sind unter anderem zwei Zitate geblieben, die jedes auf eine andere Weise Fußballerspruch-Geschichte geschrieben haben. Am bekanntesten geworden ist jener anfangs zitierte Ausspruch über seinen großzügigen Umgang mit Geld.

Weniger selbstspöttisch, sondern in der ungewohnten Rolle des Mahners äußerte sich der alkoholkranke Star, als er wusste, dass der Tod naht. Auf seinen Wunsch druckte eine britische Boulevardzeitung ein Foto von ihm ab – verbunden mit der Botschaft: „Sterbt nicht wie ich!“

Hellmuth Costard: Fußball wie noch nie.

Der Autor Hartmut Horstmann in der Zeit, als George Best einer der besten Stürmer der Welt war. Foto: Sigrid Horstmann

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