Ror Wolf – Besessen bis zum Schlusspfiff

Wie Fans und Reporter den Fußball in den 70ern erlebten: Eine Erinnerung an die Hör-Collagen des Schriftstellers Ror Wolf (1932 – 2020)

Auch im Fußball gebe es so etwas wie Gesetze, philosophiert der österreichische Radiokommentator Edi Finger. Denn soeben hat Rummenigge das 1:0 für Deutschland geschossen, doch 70 Minuten später werden alle Naturgesetze des Ballsports außer Kraft gesetzt.

Österreich gewinnt gegen Deutschland – das Stichwort Cordoba reicht immer noch, um deutsche Fußball-Patrioten mit einem tief sitzenden Trauma zu konfrontieren.

Der vor kurzem gestorbene Schriftsteller Ror Wolf hat daraus eine spannende Hör-Collage gemacht. Auch wenn der Zuhörer das Ergebnis längst kennt, beim Wiederhören schlägt das Herz immer noch schneller.

„Es gibt keine Schiedsrichter mehr”

Ror Wolf (1932 – 2020) war einer der ersten deutschen Fußball-Intellektuellen. Kein Schlaumeier, der fremdwortgespickte Fußball-Theorien zum besten gab, sondern jemand, der den Sport in seine künstlerische Arbeit aufgenommen hat. Auch kein Besserwisser, der sich daran ergötzt hat, sich über Fußballer und manche ihrer legendär gewordenen Verbal-Aussetzer lustig zu machen.

Viele Namen, die in den Hör-Collagen aus den 70ern fallen, werden jungen Fußball-Fans nicht mehr viel sagen. Wer erinnert sich noch an Erwin Kostedde oder an Heinz Flohe? Andere sind in neuer Funktion nach wie vor präsent – so wenn ein Radiokommentator sagt: „Eine Bombe von Rummenigge und sofort brennt der Hut.“

Quelle: Bundesarchiv, B 145 Bild-F078338-0020 / Wegmann, Ludwig / CC-BY-SA 3.0

Ror Wolf war ein Fan des Fußballs und der Radioübertragungen. In einigen seiner Collagen mixt er Reportersprech mit Aussagen der Fans. Beim Training nahm er die Fachsimpeleien der Rentner auf, die das Geschehen auf dem Platz verfolgten.

Bis heute zu den Klassikern zählen die Schiedsrichter-Abrechnungen. Das sei nun wirklich der blindeste Schiedsrichter, den er seit langem erlebt habe, behauptet ein empörter Kommentator.

Immer wieder neue Reporter-Schelten reiht Wolf aneinander – dazu passen die Gedanken der Fans. In Deutschland gebe es doch überhaupt keine Schiedsrichter mehr, meint einer: „Das sind doch alles Luftpumpen.“ Ein Nebenmann fügt hinzu: „Es müsste mal ein Schiedsrichter zusammengeschlagen werden, bis der DFB endlich aufwacht.“ Hier schaut Ror Wolf dem Fußballvolk aufs Maul – ein Fußballvolk, das beim Training in den 70er Jahren offenbar nur aus Männern im reiferen Alter bestand.

 

Cordoba-Collage ist der Höhepunkt

Zu den Highlights zählen die Collagen, die sich vor allem aus Reportagen zusammensetzen. Was für Sätze für die Ewigkeit! „Ein ganz weißer Ball wartet darauf, bewegt zu werden“, kündigt ein Sprecher den Beginn der Fußball-WM 1974 an. In der Collage wird der Fan mit bis ins Endspiel genommen, das Deutschland ja bekanntlich gegen die Niederlande gewann.

Deutschland als Weltmeister – das war damals die Bundesrepublik. Unvergessen das WM-Spiel samt Niederlage gegen die Auswahl der DDR.

Vier Jahre später Cordoba, die vielleicht stärkste Zusammenstellung von Ror Wolf. Cordoba, der Austragungsort jenes WM-Duells zwischen der Bundesrepublik und Österreich, das 1978 nationale Fußball-Geschichte schrieb – für die Gewinner das Spiel aller Spiele, für die Verlierer die Apokalypse.

In Wolfs Collage entfaltet das Wechselspiel der österreichischen und deutschen Kommentare seine besondere Wirkung, weil der Hörer das Ergebnis bereits kennt. So äußert sich der österreichische Sprecher entnervt über den Mittelstürmer seines Teams: „Der Krankl spielt ja heute für Deutschland, sonst hätte der längst ein Tor machen müssen.“

Keine geringe Fehleinschätzung, wie man heute weiß – denn im weiteren Verlauf avancierte der Gescholtene mit zwei Toren zum österreichischen Nationalhelden.

 

Liebe zur Hörfunkreportage

Ror Wolf war ein Besessener. Tonbandaufnahmen aus dem Stadion vermischte er in aufwändiger Arbeit mit unzähligen Radiomitschnitten, bis sie einen mitunter enormen, vielstimmigen Drive bekamen. Für Menschen, die mit der Digitalisierung aufgewachsen sind, ein nicht mehr nachvollziehbarer Aufwand.

Zu dieser Besessenheit passt die Liebe zur emotionalen Hörfunkreportage, die den Zuhörer mitreißen soll, deren Worte sich im besten Fall regelrecht einbrennen. Nein, ein Fan des modernen Videobeweises und der damit verbundenen Euphorie-Verzögerung war Ror Wolf mit Sicherheit nicht.

Sein Credo fürs Radio und gegen die TV-Übertragung lautete: „Das Absaugen sämtlicher Emotionen ist ein klares Foul. Ich pfeife auf Zeitlupe und MAZ.“

Übrigens: Die Ton-Collagen sind auch in Buchform erhältlich: “Das nächste Spiel ist immer das schwerste.“

Ein Text von Hartmut Horstmann. Sieht sich als Fußball-Experte. Doch andere Experten teilen diese Ansicht nicht.

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