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San Iker Casillas bis zum Karriereende

(Grafiken: Erstellt von Cavanis Friseur / © Footyrenders)

Iker Casillas verkündete jüngst sein Karriereende. Als Hommage an den vielleicht besten Torhüter seiner Generation veröffentlichen wir noch einmal jenen Text, der ursprünglich nur für unsere Supporter auf Patreon erstellt worden war.

Wir wünschen jeder Leserin und jedem Leser viel Vergnügen mit dem Text und verneigen uns zum Karriereende vor Iker Casillas.


An den 15. Mai 2002 erinnern sich viele Madridistas. Die Nacht von Glasgow, in der die Königlichen gegen Bayer 04 Leverkusen zum neunten Mal den Henkelpott gewannen.

Diese abgefälschte Flanke, dieser Volley von Zinédine Zidane.

Ein Tor so schön, dass es eine noch größere Geschichte überstrahlte, die sich während des Finals ereignete. Nach nicht einmal 70 Minuten verletzte sich Real-Keeper César Sánchez so schwer, dass er ausgewechselt werden musste.

Dessen Platz im Tor nahm ein 20-jähriger Milchbubi ein, der sich kurz vor der Einwechslung seine Ärmel am Trikot abschnitt, weil sie zu lang für ihn waren.

Ja gut, Milchbubi…ich selbst war damals gerade so dem Kindergartenalter entwachsen und freute mich auf meine Einschulung.

Trotzdem habe ich an diese Partie noch eine sehr gute Erinnerung und bin seit dem ein glühender Fan von Iker Casillas.

Die frühen Jahre mit Iker Casillas: Es waren andere Zeiten

Casillas beeindruckte mich in dieser Partie nachhaltig. Seine Unerschrockenheit und seine pfeilschnellen Reflexe weckten erst in zweiter Linie mein Interesse am spanischen Schlussmann. Viel mehr war ich einfach total fasziniert vom kurzärmligen Trikot.

Gut, seine heroischen Paraden gegen Leverkusen waren auch nicht zu verachten und brachten einen befreundeten Bayer-Fan meiner Eltern zum Verzweifeln. Von da an war Iker Casillas mein Held.


Hier findet ihr weitere Porträts, Reportagen und Analysen von Cavanis Friseur


Ich wollte mehr von ihm sehen, wollte sehen wie er durch die Luft hechtet, Bälle abwehrt und natürlich das kurze Trikot trägt.

Allerdings, und das war damals echt ein Problem, gab es weder DAZN noch YouTube, wo man die spanische Liga hätte verfolgen können. Premiere hatten wir auch nicht. Jaja, Opa redet wieder vom Krieg.

Da kam die Weltmeisterschaft 2002 in Japan und Südkorea gerade recht. Spanien hatte sich qualifiziert und Casillas war im Kader, was damals aber in den Hintergrund rückte, weil ich wie gefesselt von den Leistungen Oliver Kahns war. So schnell kann es also gehen. Diese kindliche Ignoranz.

Casillas Wallpaper

Dabei war die Story um Casillas bei der WM 2002 doch besser als jedes Drehbuch. Der junge Madrilene sollte hinter der Nummer 1 Santiago Cañizares zur WM fahren.

Der damalige Schlussmann Valencias wollte vor dem Turnier im Hotel mit Aftershave seine Haut pflegen. Die Aftershave-Flasche fiel auf seinen Fuß und dieser entzündete sich aufgrund der Scherben so stark, dass Cañizares nicht mitreisen konnte.

Stattdessen ging Iker Casillas als Nummer 1 ins Turnier. Am 16. Juni 2002, dem Tag des Achtelfinals gegen die Iren, wurde der Mythos San Iker geboren.

Nachdem er sein Team in der regulären Spielzeit mit heroischen Paraden im Spiel hielt, avancierte er im Elfmeterschießen zum Helden.

Sowohl David Connolly als auch Kevin Kilbane scheiterten vom Punkt an San Iker. Spanien stand im Viertelfinale, in welchem man später gegen Gastgeber Südkorea ausschied.

Bei den folgenden Großturnieren 2004 und 2006 hatten die Spanier vor allem wegen des Keepers mit dem kurzen Trikot meine Sympathien sicher.

Schließlich schnitt ich mir sämtliche Artikel und Bilder aus Zeitungen und Magazinen aus, auf denen Iker Casillas zu sehen war. Es waren andere Zeiten.

Iker Casillas und der Grund wieso ich Real Madrid-Fan wurde

Mittlerweile war ich etwas zurechnungsfähiger und erkannte nun noch mehr, welch brillanter Torhüter er war. In den Champions League-Spielen hielt ich fortan zu Real Madrid und klapperte den Video-Text und die damalige Zeitschrift GIGA Sport nach Ergebnissen Real Madrids ab.

Katalysiert wurde das Ganze noch von den spanischen Freunden meiner Eltern, die bekennende Madridistas waren. Irgendwann bekam ich dann mein erstes originales Casillas-Trikot, logischerweise kurzärmlig.

Auch ich selbst spielte angeregt vom spanischen Schlussmann in den Sommermonaten und bei Hallenturnieren mit einem kurzärmligen Trikot und fühlte mich dadurch elitär. Die wenigsten aus meiner Mannschaft kannten Casillas.

Umso ärgerlicher war es, dass Real Madrid in den folgenden Jahren international eher dürftig spielte. Daran änderte auch das Team um Zidane, Beckham und Ronaldo nichts. Immerhin war La Roja erfolgreicher.

Zum Karriereende von Iker Casillas: Identifikationsfigur und Anführer

In all dieser Zeit hielt Casillas Real Madrid die Treue, schließlich spielte er seit Kindheitstagen bei Los Blancos.

Er durchlief die Jugendakademie La Fábrica und stieß über die Castilla in die erste Mannschaft Reals. Der spanische Keeper war ein one club player.

Schon im Jugendalter trauten die Verantwortlichen der Madrilenen Casillas viel zu. Als sich im November 1997 vor dem Champions League-Auswärtsspiel gegen Rosenborg Trondheim sowohl Bodo Ilgner als auch Santiago Cañizares verletzten, sprang in einer Schule in Móstoles eine Tür auf.

Iker Casillas Career Stats

Der Schuldirektor forderte den 16-jährigen Iker Casillas auf, seine Sachen zu packen und zum Flughafen zu fahren, die Mannschaft wartete dort auf ihn. Er sollte als Ersatzkeeper mit nach Trondheim fliegen.

Im einen Moment war er noch im Zeichenunterricht, ein paar Stunden später saß er mit Weltstars wie Clarence Seedorf und Fernando Morientes bei der Mannschaftsbesprechung. Trainer war damals übrigens Jupp Heynckes.

Nach über 20 Jahren und über 700 Pflichtspieleinsätzen für Real Madrid sowie 167 Einsätzen für die spanische Nationalmannschaft ist es Casillas, zu dem die Spieler aufblicken. In Madrid hat er Legendenstatus. Daran änderten auch die Machtkämpfe mit José Mourinho nichts.

Dass er im Zuge dessen damals angeblich Interna an die Presse weitergegeben haben soll, wird jedoch innerhalb der Fanszene kritisch bewertet. Doch nach dem Gewinn von La Décima im Jahre 2014 rückte dies ein wenig in Vergessenheit.

Iker Casillas und die letzten Jahre in Madrid: Der Anfang vom Ende

Nicht in Vergessenheit geraten ist bei mir das Rückspiel im Viertelfinale der Copa del Rey 2012/13. Real gastierte im Mestalla und Casillas wurde beim Klärungsversuch seines Mitspielers Álvaro Arbeloa die Hand gebrochen.

Seitdem war San Iker nicht mehr so unfehlbar wie zuvor und Unsicherheiten auf der Linie häuften sich. Klar: Sein Umgang mit Flanken war seine ganze Karriere hinweg nie auf Spitzenniveau, was aber vorrangig seiner geringen Körpergröße zuzuschreiben ist.

Bei Flanken und Ecken war er mitunter unsicher im Herauslaufen, das zeigt die „Arbeloa-Szene“ sehr gut.

Man sollte aber nicht den Fehler machen, ihm eine schlechte Strafraumbeherrschung zuzuschreiben. Er war ein sehr aufmerksamer Schlussmann, der Steckpässe aufgrund seiner Schnelligkeit und seinem Mut abfing.

Seine Fähigkeiten auf der Linie waren unbestritten und werden es auch nach dem Karriereende von Iker Casillas noch immer bleiben.

Der Spanier war trotz 1,82m Körpergröße nur schwer zu überwinden. Seine Explosivität im Linienspiel war hierfür ausschlaggebend. Doch dies ist nur eine Facette seines Spiels gewesen.

Casillas hatte diesen unerschütterlichen Glauben daran, Schüsse zu blocken und den Ball irgendwie abzuwehren. Sinnbildlich dafür stehen seine Paraden gegen Sevilla aus der Saison 2009/10.

Im Grunde hatte er in beiden Fällen keine Chance mehr auf den Ball und versuchte es dennoch.

Das versuche ich auch immer meinen Torhütern im Torwarttraining mitzugeben: Irgendwie versuchen, sich noch nach dem Ball zu hechten, die Hand dahinter zu bekommen. Mit ein bisschen Glück kann man ihn vielleicht doch noch abwehren.

Das Quäntchen Glück, das bei Iker Casillas immer mitspielte

Und auch in Casillas‘ Karriere spielten Glück und Zufall eine große Rolle. Angefangen bei diversen Nominierungen bis hin zu einzelnen Paraden, die auch anders hätten ausgehen können.

Je öfter ich mir die erste 1-gegen-1-Situation aus dem WM-Finale 2010 gegen Robben anschaue, desto mehr wird mir dies bewusst.

Im direkten Duell mit den Stürmern war der ehemalige Madrilene nämlich keineswegs technisch sauber. Gegen Robben hatte er Fortune, dass angeschossen wurde. Im 1-gegen-1 sollte der Torhüter im Normalfall derjenige sein, der reagiert statt zu spekulieren.

Casillas entschied sich (eigentlich) zu früh für eine Seite und hatte wie gesagt Glück, dass er noch den Fuß an den Ball bekam.

Dies soll seine Leistung in diesem Spiel keineswegs schmälern, schließlich verhielt er sich vorher perfekt, indem er lange wartete und die richtige Distanz zu Robben wählte.

Aber genau das zeichnete den Spanier in seiner Karriere aus: Situationen nutzen, egal wie. Am Ende fragt keiner mehr danach, ob er die richtige Technik wählte oder nicht.

Aber selbst Casillas war nicht immer vom Glück verfolgt.

Als 14-Jähriger hat er beispielsweise seinem Vater, der gerne auf Fußballspiele gewettet hat, versichert, dass er den Wettschein beim Wettbüro abgegeben habe.

Dem jungen Iker trieb es dann die Schamesröte ins Gesicht, als alle 14 Spiele auf dem Wettschein richtig waren und sich herausstellte, dass er vergessen hatte diesen abzugeben.

So schnell können sich über eine Million Euro Wettgewinn in Luft auflösen.

Ob nun Casillas‘ Erfolge und Fähigkeiten zu großen Teilen dem Glück zuzuschreiben sind oder nicht, war mir immer egal. Für mich war er über seine gesamte Karriere hinweg ein fairer Sportsmann, der von Mit- und Gegenspielern respektiert wurde.

Das wird sich auch nach dem Karriereende von Iker Casillas nicht ändern.

Und obwohl ich in meiner Kindheit ein fast noch größerer Bewunderer von Oliver Kahn war, hatte San Iker immer seinen eigenen Flair.

Anders als Kahn war er vollkommener in seiner Gesamtbetrachtung. Gewonnene Finals waren ebenso dabei und wie tragische Momente.

Casillas war zudem spektakulärer als sein guter Freund Gianluigi Buffon. Beide haben hochdekorierte Karrieren hinter sich und dennoch hielt ich den Spanier immer für den besseren Keeper.

Seine Art und Weise Bälle zu halten und wie ein Pfeil durch die Luft zu fliegen sucht auch heute noch seinesgleichen.

Selbst in der heutigen Zeit würde er sich als junger Keeper noch durchsetzen und einen ähnlichen Karriereweg einschlagen können. Immerhin könnte ich diese Karriere dann deutlich einfacher verfolgen…


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Sascha
Hat genauso eine Daseinsberechtigung wie Torrichter während der Champions League Spiele. Passionierter Schachtelsatzschreiber. Gilt intern nicht umsonst als L’Akquisiteur – wenn nicht da, dann zumindest bei sich selbst. Man soll sich immerhin treu bleiben wie Javier Pinola den Überresten seiner Haare. Glaubt noch immer, dass in Enes Ünal ein Weltklassestürmer schlummert, den aber nicht einmal Houdini hervorzaubern könnte. Einziges Vorbild von Max Dettmer.

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