Am Donnerstag trifft SK Slavia Prag im Viertelfinale der Europa League auf Chelsea London. Nach den spektakulären Partien gegen Sevilla ist die Lust auf das erste Viertelfinale auf internationaler Ebene seit knapp 20 Jahren groß. Dabei ist der Verein immer wieder von Chaos auf der Führungsebene geprägt und stand 2011 kurz vor dem Aus.

1892 als erster Prager Club von tschechischen Studenten gegründet, ist Slavia neben Sparta Prag einer der populärsten Vereine des Landes. Während Sparta als Arbeiterverein gilt, ist Slavia immer ein Verein des intellektuellen Bürgertums gewesen, wo auch der Grundstein für die tiefe Rivalität der beiden Clubs liegt.

Die Slavia-Fans nagen zudem am Ruf des ewigen Zweiten, mitunter weil Slavia bis zur Saison 1995/96 49 Jahre keine Meisterschaft gewonnen hatte und oft im Schatten des Rivalen Sparta stand.

Kein Stadion, kein Geld

Der Verein war immer von Geldproblemen geprägt und hatte, nachdem das berühmte Stadion Eden 2005 abgerissen wurde, gut drei Jahre lang nicht einmal ein eigenes Stadion. Mit dem Einstieg der britischen Investorengruppe ENIC 1997, die ein Drittel der Anteile übernahm, war der Grundstein für Veränderung gelegt.

ENIC sollte Hauptanteilseigner werden und im Gegenzug sich am Bau des neuen Stadions beteiligen. Das Interesse der Investoren an Slavia Prag verlor jedoch schon ein Jahr später schlagartig an Gewicht.

Die UEFA Regularien sehen (noch heute) vor, dass nicht mehr als ein Verein desselben Hauptanteilseigners für die Champions League und die Euro League zugelassen werden dürfen. Weil ENIC damals unter anderem Anteile von Tottenham Hotspur, FC Basel und AEK Athen besaß und Slavia in der UEFA-Rangliste vor den Vereinen stand, hätten diese nicht auf europäischer Ebene spielen dürfen.

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ENIC klagte dagegen und verlor vor dem internationalen Sportschiedsgericht den Rechtsstreit. Seitdem gab es immer wieder Differenzen zwischen Verein und den englischen Investoren, bis 2006, als ENIC die Anteile schlussendlich wieder verkaufte und zudem von Slavia die bisher investierte Summe von 4,2 Millionen zurück forderte. Das neue Stadion, die “Synot Tip Arena” wurde 2008 eröffnet. Mittlerweile heißt das Stadion “Sinobo Stadium”.

Lizenzentzug abgewendet

Die Geldnot erreichte im Mai 2011 einen Höhepunkt. Denn nach dem Ausstieg der ENIC Group war nicht einmal den Verantwortlichen bewusst, wem der Verein eigentlich gehörte. Zudem wurden Gehälter monatelang nicht bezahlt, sodass die Fans vor dem Pokalspiel gegen Olmütz Proteste ankündigten.

Hatten sich anfangs noch eine Vielzahl an Fans friedlich mit Banner im Mittelkreis positioniert, so eskalierte die Situation in der Halbzeit beim Spielstand von 1:1, als der damalige Vereinsdirektor Miroslav Platil vor die Fans trat. Gegenstände flogen auf das Spielfeld, Fans stürmten das Feld. Das Spiel wurde abgebrochen und später am grünen Tisch mit 3:0 zugunsten für Olmütz entschieden.

Gründe für die Proteste hatten die Fans allemal. Wegen fehlender Informationen zur Eigentümerstruktur, zur Schuldensituation und zur Finanzierung der nächsten Saison erteilte der tschechische Fußballverband FACR Slavia für die Saison 2011/12 keine Lizenz. Slavia hatte nun eine Woche Zeit gegen die Entscheidung Revision einzulegen.

Wenn die tschechische Investmentgruppe Natland nicht im letzten Moment die fälligen Verbindlichkeiten übernommen hätte, wäre dies das Aus für den Traditionsklub gewesen. Die ENIC Group, die Natland Group und der Unternehmer und Ex-Verkehrsminister Aleš Řebíček, der ebenfalls ein Drittel der Anteile besaß, äußern sich damals nicht über den genauen Ablauf des Deals. Anschließend dümpelte die Mannschaft im Mittelfeld herum. Trotz der stabilen finanziellen Situation war der Glanz früherer Jahre verschwunden.

Kommunismus rettet Antikommunismus

Eine neue, bis heute anhaltende Zeitrechnung begann, als der Geschäftsmann Jiří Simane und der ehemalige Verteidigungsminister Jaroslav Tvrdik 2015 Slavia übernahmen. Während Simane mit 40% der Anteile neuer Präsident wurde, ließ Tvrdik seine Verbindungen in die Politik, genauer gesagt nach China, spielen.

Der Energiekonzern CEFC Energy war damals dabei, eine tschechische Airline zu kaufen. Tvrdik, damals stellvertretender Vorsitzender des Verwaltungsrats für Europa bei CEFC, überredete die Führung in China, Slavia gleich mit zu übernehmen. Simane prahlte sogar öffentlich damit, es hätte ein Anruf bei Tvirdik genügt, um Slavia zu frischem Geld zu verhelfen. CEFC übernahm 60% der Aktien und ließ die Konzerninteressen von China aus durch Tvrdik vertreten.

Mit CEFC als Investor im Rücken war Slavia auf einen Schlag nicht nur schuldenfrei, sondern verfügte auch über enorme finanzielle Mittel. Jedoch hielt die Ruhe auf der Führungsebene nicht lange an. Tvrdik, ein spezieller Charakter und eigentlich nur im Aufsichtsrat tätig, drängte sich immer wieder in der Vordergrund.

So postete er 5 Stunden vor einer Partie gegen Olmütz sogar die Mannschaftsaufstellung via Twitter, weil er in China die Zeitumstellung vergessen hatte. Wegen der anhaltenden Auseinandersetzung mit dem Chaoten Tvrdik, trat Simane 2016 als Präsident zurück und ließ sich durch den Mittelsmann Tvrdik von CEFC auszahlen.

Mittlerweile gehört Slavia zu 97% CEFC.

Als der Slavia Prag Investor im April 2017 schlussendlich auch das Stadion übernahm, stand Tvrdik wieder im Mittelpunkt der Aufregung. Wegen der erfolgreichen Übernahme veranstaltete Tvrdik ein große Party. Die Mannschaft, die einen Tag später gegen Jablonec spielte, war dabei pikanterweise auch anwesend.

Die ließ sich jedoch den Kater nicht anmerken, gewann das Spiel mit 2:0 und erreichte wenige Wochen später, nach achtjähriger Durststrecke, den ersten Platz. Weil einen Tag später im heimischen Stadion ein Rammstein-Konzert stattfand, feierte Slavia die Meisterschaft sogar im Stadion des Erzrivalen Sparta.

Das Dilemma der Fans

Für die Fans, die stolz auf ihre anti-kommunistische Vergangenheit sind, und von denen viele bei den Partisanen kämpften, war die Übernahme durch die kommunistisch geprägten Chinesen ein Eklat. Zum Höhepunkt kommt es, als das Logo der Investoren, darin enthalten die kommunistischen Sterne Chinas, auf den Trikots Slavias prangte. Die Proteste waren so groß, dass nach kurzer Zeit der Schriftzug zu “CEFC Energy” abgeändert wurde.

Generell ist das Verhältnis der Fans zu CEFC gespalten. Auf der einen Seite pumpt der Konzern beträchtliche Summen in den Verein und verhilft Slavia zu neuem Ruhm. Auf der anderen Seite scheint es, als würden politische Kontakte und die Imagepflege bei der Bevölkerung im Vordergrund stehen. Sie soll den Eindruck vermitteln, dass CEFC in Tschechien etwas aufbauen möchte und längerfristig plant.

Besitzer Ye Jianming selbst sagt dazu, dass sich das Investment in Slavia keineswegs lohnen würde, Slavia jedoch, wie Skoda, eine tschechischen Traditionsmarke war, die es damals zu retten galt. Aufgrund des anhaltenden Erfolges, sind die Protest-Stimmen leiser geworden, wenn sich die kritischen Fans nicht ohnehin schon vom Verein abgewendet haben.

Slavia schmeißt das Geld zum Fenster hinaus

Denn mittlerweile ist Slavia Prag so etwas wie das Bayern München Tschechiens. Mehrere A-Nationalspieler Tschechiens spielen momentan bei Slavia Prag, da einheimische Talente, aufgrund der verlockenden Gehälter, den Ligakonkurrenten förmlich vor der Nase weggekauft werden.

Insider berichten, dass Jan Sykora vor seinem Wechsel zu Slavia sogar schon das Trikot des Rivalen Viktoria Pilsen in der Hand hielt, als Tvrdik anrief und ein wesentlich höheres Gehalt bot. Sykora wechselte anschließend für eine Ablöse von 900.000€ zu Slavia Prag.

Statt das vorhandene Geld in Akteure mit Potenzial zu investieren, wurden wahllos neue Spieler verpflichtet, die es nicht lang in Prag aushielten – ein prominentes Beispiel ist dafür Halil Altintop, der anschließend seine Fußballschuhe direkt an den Nagel gehängt hat.

Zudem muss Slavia, aufgrund der besseren Perspektive, immer wieder seine Talente ins Ausland abgeben. So wechselten die Tschechen Jiri Pavlenka (Werder Bremen) und Antonin Bartak (Udinese Calcio) vor der Saison 2017/2018 für jeweils 3 Millionen in eine der besten europäischen Ligen.

Mit Trainer Trpišovský ganz nach oben

Erst seit der Verpflichtung des aktuellen Trainers Jindřich Trpišovský lässt sich ein Konzept – in der Transferpolitik und in der Spielweise – erkennen. Slavia investierte vor der Saison 18/19 rund 12 Millionen Euro in vielversprechende Talente, wie in den Defensivspieler Alex Kral und in Schlüsselspieler, wie Stürmer Peter Olayinka von KAA Gent.

Trpišovský ist einer der wenigen tschechischen Trainer mit einer erkennbaren Handschrift, die er bei seiner Vorstellung mit “jeder muss angreifen und jeder muss verteidigen” treffend zusammenfasste.

Unter ihm spielt Slavia Prag ein 4-2-3-1, was im Spiel zu einem 3-4-3 variieren kann. Will man sich um ein berühmtes Pendant bemühen, so liegt der Vergleich zu Jürgen Klopp sicherlich nicht fern. Wie Klopps Mannschaften, spielt Slavia ein hohes Pressing mit Fokus auf das sofortige Zurückgewinnen des Balles bei Ballverlust. Obwohl das Durchschnittsalter des Kaders über 27 Jahren liegt, besitzt er hohes physisches Potential.

 


In der Verteidigung haben sowohl der Torhüter Ondrej Kolar, als auch die Innenverteidiger gute technische Veranlagungen und initiieren aus der Tiefe Angriffe. Dabei lassen sich auch immer wieder defensive Spieler wie Tomas Soucek oder Box-to-Box Spieler wie Husbauer, Traore oder Kral zurückfallen, um die Verteidiger beim Spielaufbau zu unterstützen.

Onderj Kudela, der Abwehrchef, hat seine Stärke eher im Stellungsspiel, während Michael Ngadeu und Simon Deli ihre Defizite im Stellungsspiel über ein beachtliches Zweikampfverhalten wettmachen.

Auf den Außenbahnen kommt Jan Boril auf der linken und Vladimir Coufal auf der rechten Position eine große Verantwortung zu. Beide sind laufstark und haben ihre Qualitäten mehr in der Offensive, sodass sie bei Angriffssituationen eher die Positionen der Flügelspieler einnehmen, die dann als zusätzliche Angreifer weiter in die Mitte rücken.

Soucek: Trpišovskýs verlängerter Arm auf dem Spielfeld

Der wichtigste Spieler von Slavia ist wohl der Tomas Soucek, der im Mittelfeld schon vor der Abwehr viele Zweikämpfe gewinnt und anschließend die Bälle verteilt. Seine 8 Tore in der laufenden Saison beweisen zudem, dass er auch in der Offensive gewisses Potenzial besitzt. Er ist sich nicht zu schade auch mal auf den Außenbahnen aufzutauchen und ist besonders bei Abschlüssen aus dem Rückraum gefährlich.

Ergänzt wird er dabei durch den schussstarken Josef Husbauer, dem kombinationsstarken Ibrahim Traore oder durch Alex Kral, der mit seinen 20 Jahren zuletzt häufig in der Startelf stand. Kral war es auch, der Slavia im Hinspiel gegen Sevilla durch ein kurioses Schulter-Tor das Unentschieden sicherte.

Auf den offensiven Außenbahnen stechen Miroslav Stoch und Peter Olayinka heraus. Beide sind technisch stark und haben das Potenzial, mit einer Einzelaktion Spiele zu entscheiden.

Die Position des Mittelstürmers wird auf dem Papier (immer noch) von Milan Skoda besetzt. Dem 33-jährige etatmäßigen Kapitän wird nicht mehr die beste Fitness nachgesagt, jedoch schießt er immer wieder wichtige Tore. Setzt Trainer Trpišovský nicht auf den kopfballstarken Skoda, zieht Olayinka ins Zentrum. Die Position des Flügelspielers bekleidet dann Jaroslav Zmrhal, der als Offensivspieler auch viele Zweikämpfe gewinnt.

Die Hoffnung lebt

Nachdem erst die Geldprobleme durch fraglich interessierte Investoren aus China gelöst wurden, ist nun auch der Fußball bei Slavia wieder auf dem richtigen Weg. Derzeit stehen sie mit großem Abstand auf dem ersten Platz.

Denn Trpišovský hat der teilweise zusammengewürfelten Mannschaft eine neue Identität verschafft. Er beweist zudem, dass Slavia sowohl bei tiefstehenden Gegnern im Liga-Alltag, als auch bei spielstarken, technisch besseren Mannschaften als Sieger vom Platz gehen kann.

Legt Slavia gegen Chelsea den gleichen Kampfgeist wie gegen Sevilla an den Tag und ist der Fußballgott gnädig mit den Rot-Weißen, ist das Spiel längst nicht entschieden.

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