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Die große Ungewissheit – Tour de France 2020 Preview

(Grafiken: Erstellt von Cavanis Friseur / © Footyrenders)

Im Radsport ist sie das Maß der Dinge, der wichtigste Wettbewerb vor dem mit den besten Radfahrern der Welt – das macht die Tour de France aber nicht immun gegen die Corona-Auswirkungen, die auch den Radsport-Kalender kräftig durchgewirbelt haben: So startet die Tour 2020 knapp zwei Monate später als geplant erst am 29. August.

Die beiden ebenfalls wichtigen Drei-Wochen-Rennen, der Giro d’Italia und La Vuelta, wurden weit in den Oktober geschoben – und finden zum ersten Mal parallel statt.

Die Strecke

„Brutal“, so bezeichnete der viermalige Tour-Sieger Christopher Froome den Kurs der Frankreich-Rundfahrt 2020 nach dessen Vorstellung. Tour-Direktor Christian Prudhomme fasste das Profil mit anderen Worten zusammen: „Die Berge werden im Mittelpunkt stehen“.

Tatsächlich wird die 107. Auflage der Tour wohl ein Fest für die zahlreichen Berg-Spezialisten im Fahrerfeld werden: Bereits die zweite Etappe führt die Fahrer in den maritimen Alpen nahe Nizza auf eine Höhe von über 1500 Metern.

Eine wichtige Veränderung gegenüber der Rundfahrt 2019 stellt auch die Verteilung der kategorisierten Anstiege auf die Etappen dar: Im vergangenen Jahr konnten sich die Teams um Klassement-Favoriten wie Egan Bernal auf wenige, extrem anspruchsvolle Etappen konzentrieren.

In diesem Jahr wird dagegen wohl auch die Konstanz eine größere Rolle spielen. Die zu bewältigenden Anstiege und Bergpässe sind in diesem Jahr gleichmäßiger auf die Etappen verteilt, eine schlechte Tagesform kann in diesem Jahr also schnell die Chancen auf das gelbe Trikot zunichtemachen.

Acht Etappen sind dieses Jahr als Bergetappen ausgewiesen, dazu kommen drei hügelige Etappen – und nur ein einziges Zeitfahren, dass ebenfalls mit einem Anstieg abschließt.

Bei ebendiesem Zeitfahren wird es wohl auch zum finalen Showdown um das Maillot Jaune kommen. Als vorletzte Etappe birgt dieses das Potential mit sich, die Gesamtwertung kurz vor dem Ende kräftig durcheinanderzuwirbeln.

Als Königsetappe gilt in diesem Jahr die 17. Etappe, die von Grenoble über den Anstieg zum Col de Madeleine zum „Tour-Debütanten“ Col de la Loze führt: Die Fahrer erwartet dabei eine 21,5 Kilometer lange Strecke zur Spitze des Berges in 2304 Metern Höhe – mit einer durchschnittlichen Steigung von 7.8%.


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Die Sieger der letzten Jahre

Ähnlich wie die eine oder andere Liga im europäischen Spitzenfußball wird auch die Tour de France seit Jahren von einem Team dominiert: Ineos (früher Sky) konnte mit vier verschiedenen Fahren von den letzten acht Auflagen der Rundfahrt sieben gewinnen.

Einzig dem Italiener Vicenzo Nibali gelang es 2014, diese Dominanz zu durchbrechen – dabei profitierte dieser aber auch von der verletzungsbedingten Aufgabe von Christopher Froome.

Auch wenn die Konkurrenz in den letzten Jahren aufgerüstet hat, stellt Ineos auch 2020 mit dem Kolumbianer und Vorjahressieger Egan Bernal den Top-Favoriten.

Die beiden Sieger der Jahre zuvor – die Briten Geraint Thomas und Christopher Froome – werden dagegen in diesem Jahr nicht bei der Tour antreten und von Ineos stattdessen bei der Vuelta und beim Giro eingesetzt.

Grund dafür dürfte die miserable Form der beiden Radrennfahrer in den vergangenen Wochen gewesen sein – mit riesigen Problemen wären sie für Bernal bei der Tour wohl keine große Hilfe gewesen.

Ebenjener Bernal schied beim letzten Vorbereitungs-Rennen, der Dauphine-Rundfahrt, aber mit Rückenproblemen aus – es ist unklar, ob der Kolumbianer in Top-Form zur Tour anreisen kann.


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Die Herausforderer

Ähnlich wie schon im vergangenen Jahr dürfte die größte Gefahr für die Dominanz Ineos auch in diesem Jahr vom niederländischen Team Jumbo-Visma ausgehen. Mit Tom Dumoulin (Zweiter 2018) und Primoz Roglic (Vierter 2018) stehen dort gleich zwei mögliche Kandidaten für das Gesamt-Klassement im Aufgebot.

Ein dritter Top-Fahrer wäre der Niederländer Steven Kruijswijk gewesen. Dieser brach sich in der unmittelbaren Vorbereitung allerdings die Schulter und fällt damit für die Frankreich-Rundfahrt aus.

Ergänzt wird das niederländische Team durch den deutschen Zeitfahr-Spezialisten Tony Martin, den Klassiker-Experten Wout van Aert und Edelhelfer George Bennett.

Bei diesem Team ist vor Tour-Start mehr als unklar, welcher Fahrer am Ende um die oberen Plätze konkurrieren wird. Primoz Roglic reist angeschlagen an, war vor einem kleinen Sturz allerdings der beste Radfahrer der bisherigen Saison.

George Bennett und Tom Dumoulin konnten dagegen ihre Vorbereitung wie geplant absolvieren und bereits im Tour-Vorfeld mit guten Ergebnissen auf sich aufmerksam machen.

Im vergangenen Jahr war von den drei Klassement-Fahrern nur Steven Kruijswijk für das Team bei der Tour angetreten. Dumoulin war zu diesem Zeitpunkt verletzt und noch bei seinem alten Team Sunweb unter Vertrag.

Roglic dagegen ließ die Tour aus – wurde aber Dritter beim Giro d’Italia und unterstrich auch durch seinen Sieg bei der Vuelta seine Ambitionen, in Zukunft um das maillot jaune zu fahren.

In der vergangenen Saison galt ein anderer noch als Geheimfavorit – doch nach seinem vierten Platz 2019 dürfte sich das für Emanuel Buchmann erledigt haben. Auch sein Team bora-hansgrohe hat in den letzten Jahren kräftig aufgerüstet.

Neben Peter Sagan, Elite-Sprinter und zuletzt Serien-Gewinner des grünen Trikots, stehen im deutschen Team auch einige Helfer für Buchmann im Aufgebot. Der deutsche Meister Maximilan Schachmann ist ebenso Teil des Teams wie Gregor Mühlberger und Neuzugang Lennard Kämna, zwei junge und ausgewiesene Berg-Experten.

In der Tour-Wertung zum besten Nachwuchsfahrer (weißes Trikot) belegten diese beiden im vergangenen Jahr Platz 5 (Mühlberger) und Platz 7 (Kämna). Insbesondere Mühlberger erwies sich bei der Tour de France 2019 schon als hilfreicher Unterstützer Buchmanns auf den anspruchsvollsten Bergetappen.

Auch bora-hansgrohe ist allerdings unmittelbar vor der Tour de France von Verletzungen heimgesucht worden. Mühlberger und Buchmann stürzten auf derselben Dauphine-Etappe wie die Jumbo-Visma-Fahrer Roglic und Kruijswijk, scheinen aber zur Tour wieder fit zu werden.

Maximilian Schachmann wird trotz eines Schlüsselbeinbruches ebenfalls an der Tour teilnehmen – die Verletzung hatte er sich vor knapp zwei Wochen während eines Rennens in der Lombardei zugezogen.


 

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Fahrer in Lauerstellung

Hinter diesen drei Teams tummeln sich einige weitere Fahrer im erweiterten Favoritenkreis: Da wäre zum einen Nairo Quintana, der mit seinem neuen Team Arkéa-Samsic einen neuen Angriff auf die Gesamtwertung starten will.

Assistieren könnte ihm dabei der französische Meister Warren Barguil, Zehntplatzierter des Vorjahres – und auch Quintanas jüngerer Bruder Dayer steht im Aufgebot des Teams.

Der Franzose Thibaut Pinot, der letztes Jahr während der 19. Etappe aufgeben musste, wird wieder auf das gelbe Trikot schielen und sich mithilfe seines Counter-Part David Gaudu an die Fersen der absoluten Topfahrer heften.

Auch Romain Bardet wird sich wieder steigern wollen – nach den 2. Platz 2016 und dem dritten Platz 2017 erreichte er 2019 nur den 15. Platz im Tour-Klassement und enttäuschte damit viele französische Radsport-Fans.

Im letzten Jahr überraschte Julian Alaphilippe als bester Franzose in der Gesamtwertung: Der nicht gerade als Berg- oder Klassement-Experte bekannte Alaphilippe trug das gelbe Trikot insgesamt 14 Etappen lang, musste es kurz vor Tour-Ende aber noch abgeben und wurde schließlich Fünfter.

Das Alaphilippe diesen Erfolg in diesem Jahr bestätigt oder sich gar noch verbessert, scheint eher unwarscheinlich: Bereits 2019 wurde ihm sein zu schwaches Team zum Verhängnis.

Außerdem profitierte er auch vom jetzt nicht mehr vorhandenen Überraschungseffekt: Da ihn für das Gesamtklassement niemand auf dem Zettel hatte, konnte er sich auf den ersten Etappen der Tour 2019 teilweise Vorsprünge im Minutenbereich erfahren.

Und auch im Team Bahrain-McLaren sind mit den beiden Neuzugängen Mikel Landa und Wout Poels zwei Klassement-Fahrer vertreten. Landa belegte bei den letzten drei Auflagen einstellige Plätze, Poels fungierte lange Zeit bei Team Ineos als Edelhelfer.

Die Geheimfavoriten

Durch verschiedene Trainingsbedingungen aufgrund der Corona-Situation und den wohl hügeligsten Streckenverlauf in der jüngeren Tour-Geschichte bietet diese Tour de France extrem viel Überraschungspotential – ein Fahrer aus der zweiten Reihe in hervorragender Form könnte es weit nach vorn schaffen.

Rigoberto Urán, mittlerweile 33 Jahre alt, fehlt in seiner Trophäensammlung immer noch eine Grand Tour. Mit seinen zweiten Plätzen beim Giro (2013 und 2014) und der Tour de France 2017 scheinen seine besten Zeiten zwar hinter ihm zu liegen, vergessen sollte man ihn trotzdem nicht.

Mit 40 Jahren ist der Spanier Alejandro Valverde längst eine Radsport-Koryphäe. Ein Tour-Sieg fehlt ihm zwar in seiner Vita – dass er dies nun mit 40 Jahren nachholt, scheint extrem unwahrscheinlich. Bei der Vorjahresauflage erreichte er aber immerhin noch eine Top-Ten-Platzierung.

Der Brite Adam Yates befindet sich mit seinen jungen 28 Jahren im besten Radsport-Alter und könnte für eine Überraschung sorgen. 2016 wurde Yates Vierter. Der Sportdirektor seines Teams Mitchelton-Scott kündigte aber an, sein Team wolle nach 4 Etappensiegen 2019 auch dieses Jahr primär auf das Gewinnen einzelner Etappen fahren.

Auch der Australier Richie Porte (Fünfter von 2016) mit Trek-Segafredo, Fabio Aru mit UAE Team Emirates und der Ire Dan Martin (drei Top-Ten-Platzierungen bei der Tour de France zwischen 2016 und 2018) aus dem Team Israel Start-Up Nation könnten unter Umständen weit nach vorne fahren, sollten die Favoriten schwächeln.


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Sprint-, Nachwuchs- und Berg-Trikot

Bei den anderen zu vergebenen Trikots sind die Favoriten schnell geklärt: Das Sprint-Trikot wird Peter Sagan sehr wahrscheinlich erfolgreich verteidigen – die hügeligen Etappen kommen dem Slowaken deutlich mehr entgegen als vielen seiner Sprinter-Konkurrenten.

Generell ist Sagan im Kampf um das grüne Trikot ähnlich dominant wie Team Ineos im Gesamtklassement: In den letzten acht Jahren konnte Sagan diese Wertung sieben Mal gewinnen. Seine größten Konkurrenten dürften neben Caleb Ewan dir Italiener Elia Viviani und Sonny Colbrelli werden.

Das weiße Trikot dürfte sich Egan Bernal back-to-back sichern – letztes Jahr brachte der Kolumbianer in dieser Wertung mehr als 24 Minuten auf seinen ersten Verfolger David Gaudu ins Ziel. Enric Mas ist ein weiteres, vielversprechendes Radfahr-Talent, der Spanier steht aktuell bei Movistar unter Vertrag.

Immer schwer vorauszusehen ist der Sieger des Bergtrikots: Durch Etappensiege bei Berg-Etappen gewann z. B. Froome als Gesamtsieger auch das gepunktete Jersey 2015.

Auch unter Klassement-Fahrern, die in der Gesamtwertung bereits früh abgehängt werden, kann das Berg-Trikot zum neuen Objekt der Begierde werden. So geschehen z. B. bei Rafael Majka 2016, als der Pole das besonders bei französischen Fans beliebte Trikot erringen konnte.

Um die seit 1985 andauernde Durststrecke ohne französischen Sieger bei der Frankreich-Rundfahrt zu kompensieren, sind deswegen besonders französische Fahrer heiß auf das in ihren Augen zweitwichtigste Trikot.

So gewannen 2017 Warren Barguil, 2018 Julian Alaphilippe und 2019 Romain Bardet das Berg-Trikot. Alle drei könnten auch in diesem Jahr wieder Kandidaten sein – dabei aber auch Konkurrenz durch die Klassement-Favoriten bekommen, da auch diese mit 6 Bergankünften fleißig Punkte sammeln könnten.

“Cyclists to watch” und Debütanten

Neben den bereits Tour-erfahrenen Youngstern wie Egan Bernal und Enric Mas gibt es natürlich auch in diesem Jahr einige junge, neue Gesichter im Fahrerfeld.

Der Kolombianer Miguel Angel Lopez ist zwar mittlerweile 26 Jahre alt, trotzdem wird er erst in diesem Jahr sein Tour-de-France-Debüt geben. Gleich beim ersten Versuch könnte für den Südamerikaner eine Überraschung in Form einer Top-15-Platzierung in der Gesamtwertung gelingen.

Von 2017 bis 2019 konnte Lopez beim Giro und der Vuelta immerhin gleich fünf Top-Ten-Plätze einfahren, 2019 gewann er zudem die Volta a Catalunya.

Auch der Slowene Tadej Pogacar wird das erste Mal bei der Frankreich-Rundfahrt an den Start gehen – für sein Team UAE Team Emirates. Mit gerade einmal 21 Jahren ist Pogacar noch sehr jung, mit seinem Grand-Tour-Debüt bei der Vuelta 2019 konnte er aber direkt auf sich aufmerksam machen.

Bei der Spanien-Rundfahrt sicherte sich der Youngster den dritten Platz hinter Primoz Roglic und Alejandro Valverde und verwies unter anderem Nairo Quintana und Rafal Majka auf die hinteren Plätze. Mit drei Etappensiegen bei der Vuelta scheint auch bei der Tour ein Etappensieg im Bereich des Möglichen zu liegen.

Mit Sergio Higuita hat es ein weiterer Kolumbianer in diese Liste geschafft, er ist allerdings knapp vier Jahre jünger als sein Landsmann Lopez. Auch er hat bisher nur eine Grand Tour in seiner Vita zu stehen – bei der letztjährigen Vuelta belegte er den 14. Platz.

Bei den diesjährigen kolumbianischen Straßenrad-Meisterschaften konnte er immerhin Tour-Titelverteidiger Egan Bernal auf den zweiten Platz verweisen.

Und – natürlich kommt auch diese Auflistung nicht um zumindest einen französischen Radfahrer herum. Der 24-Jährige Valentin Madouas, Teil der Mannschaft Groupama-FDJ, wird nach seinem 13. Platz beim Giro 2019 auch zum ersten Mal an der Tour teilnehmen.

Spannung? Überraschung!

Viele Unwegbarkeiten, ein spannendes Strecken-Profil und eine besondere Situation könnten in diesem Jahr zu einer spannenden Tour-de-France-Auflagen führen.

Die beiden Hauptfavoriten sind wohl Egan Bernal (Ineos) und Primoz Roglic (Jumbo-Visma). In der Vorbereitung schienen beide in herausragender Verfassung, ehe sie verletzungsbedingt aber zeitweise auch aus dem Training aussteigen mussten.

Insbesondere dadurch ist unklar, ob beide ihre zuletzt gute Form halten können – oder nicht einer der dahinter lauernden Fahrer die Chance nutzt und sich seinen Platz im Radsport-Olymp sichert.

Wie in jedem Jahr werden die Bilder vor der Kulisse von atemberaubenden Gebirgs-Pässen und wunderschönen Landschaften auch in diesem (Spät-)Sommer die Radsport-Fans in ihren Bann ziehen.

In diesem Sinne: Lasset die Spiele beginnen! Und: Vive la France!


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Simon
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Wenn mich der Journalist bei Fußball Manager früher gefragt hat, von welcher Sportart sich der Fußball etwas abschauen kann, war meine Antwort stets: "Ich bin generell ein sehr sportbegeisterter Mensch."

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