Vor etwas mehr als zwei Jahren hat es der japanische Fußball nach langer Abstinenz wieder geschafft, sich bei deutschsprachigen Sport- und Breitenmedien ins Gedächtnis zu rufen.

Jahre nach der japanischen Welle in der Bundesliga und anderen europäischen Ligen, schien sich die Zugrichtung zu ändern und europäische Größen wechselten in das Land der aufgehenden Sonne.

Wer heute, zwei Jahre später, den japanischen Fußball auch nur peripher verfolgt – dank DAZN oder Rakuten Sports ist das inzwischen so einfach wie noch nie -, kommt um einen Vereinsnamen nicht herum.

Ein Name, der für viel Glanz im asiatischen Vereinsfußball stehen will, ohne von dem Stigma „chinesischer Club mit viel Geld“ betroffen zu sein.

Dabei nimmt der CEO eines japanischen Internetkonzerns fast genauso viel Geld in die Hand, um sein Ziel zu erreichen: Nicht weniger als der größte Club Asiens möchte Vissel Kobe werden.

Dafür unterhält er bereits mehrere große Namen des internationalen Fußballs in seinen Reihen. Was in dieser Gleichung allerdings überhaupt nicht zu stimmen scheint, ist das Ergebnis.

Statt um Titel, kämpft Vissel Kobe um den Klassenerhalt. Statt fußballerischer Dominanz ringt Vissel Kobe um Konstanz.

Doch warum schafft es dieses ostasiatische Mammut-Projekt nicht, diese selbstgesteckten und nach außen kommunizierten Ziele zu erreichen? Dafür lohnt ein Blick auf die Frage woher Vissel Kobe eigentlich kommt.

Die graue Maus aus Mizushima

Wie viele Mannschaften im japanischen Fußball ist Vissel Kobe die professionalisierte Form eines ehemaligen Werkteams, das 1966 gegründet wurde.

In der japanischen Unternehmenskultur nach dem Zweiten Weltkrieg verfolgten viele große und mittelständische Firmen einen ganzheitlichen Ansatz zur Zufriedenstellung der Angestellten, von denen man auch viel verlangte.

Neben einer lebenslangen Festanstellung ermöglichte die gute Wirtschaftslage vielen Firmen ein Gesundheits- und Sportangebot zu schaffen, zu dem auch Mannschaftssportarten wie der Fußball gehörten.

Die lokale Werksmannschaft eines japanischen Stahlproduzenten spielte damals im knapp 200 km von Kobe entfernten Industriegebiet Mizushima, in der Stadt Kurashiki. Erst Mitte der 1980er Jahre gelang der Aufsteig in die zweite Division der damals semi-professionellen Japanese Soccer League (JSL).

Zur Gründung der professionellen J. League Anfang der 1990er Jahre plante die Stadt Kobe mit einem eigenen Team anzutreten, konnte jedoch keinen Verein finden, der bis zum Startschuss im Sommer 1992 die formalen Vorgaben erfüllen konnte und gleichzeitig gewillt war, in die Hafenstadt im Zentrum Japans zu ziehen.

Das Stahlwerk in Mizushima hingegen – die japanische Wirtschaft geriet gerade ins Straucheln – musste kurze Zeit später schließen und in Kooperation mit einem in Kobe ansässigen Unternehmen wurde mit wenigen Jahren Verzug, der Grundstein für die erste Profi-Fußballmannschaft der Stadt Kobe gelegt.

Im Jahr des verheerenden Erdbebens 1995 startete Vissel Kobe in der nationalen Amateurliga Japan Football League, schaffte den Aufstieg aber nicht sofort.

Vielmehr noch musste sich ein Sponsor wegen finanzieller Rückschläge aufgrund des Erdbebens zurückziehen.

Der Aufstieg in die J. League gelang erst zur Saison 1997. Erfolge waren aber fehl am Platz und auch die Zuschauer blieben aus.

Erst mit der WM-Euphorie im Vorfeld des Turniers 2002 profitierte die heimische Liga insgesamt und Vissel Kobe verdoppelte seine Zuschauerzahl von durchschnittlich 7.512 Zuschauern in 2000 auf 13.872 Zuschauer im Jahr 2001.

Finanziell ging es dem Verein aber nie besonders gut und so drohte 2003, keine zehn Jahre nach Gründung Vissel Kobes, bereits die Auflösung des Teams.

Ein Sohn der Stadt

Wenn man von Vissel Kobe spricht, ist das die Zäsur, die primär nur durch eine Person definiert wird: Hiroshi, genannt „Mickey“, Mikitani.

Seines Zeichens CEO eines japanischen Internetunternehmens und von nun an Geldgeber Vissel Kobes.

Hiroshi Mikitani ist Sohn der Stadt Kobe und hat mit diversen Unternehmen inzwischen ein geschätztes Nettovermögen von über fünf Milliarden US-Dollar erwirtschaftet.

Mikitani besitzt den größten Online-Händler Japans und strebt auch mit Vissel Kobe Großes an.

Er kaufte im Dezember 2003 über seine Unternehmensgruppe den Verein und konsolidierte ihn zunächst einmal finanziell.

Es war ein schweres Investment – noch 2005, in diesem Jahr stieg Vissel Kobe ab, machte der Verein über zwei Milliarden Yen Verlust.

Um die Verluste zu verringern wurden die Betriebskosten um die Hälfte reduziert und die „sonstigen“ Einnahmen erhöht, wie aus den öffentlichen Finanzdokumenten der Liga ersichtlich ist.

Die Übernahme hatte auch optisch einen Preis: Das Logo wurde verändert, das schwarz-weiß, azurblaue Design der alten Tage wurde durch ein Bernsteinrotn, welches mit Mikitanis Unternehmen assoziiert wird, ersetzt.

Auch wenn der Verein nach der Saison 2006 wieder in die oberste Spielklasse aufstieg, dauerte es über fünf Spielzeiten, bevor Kobe das erste Mal in der Abschlusstabelle auf einem einstelligen Tabellenplatz landete.

Auf diese passable Saison folgte der zweite Abstieg der Vereinsgeschichte, zusammen mit dem direkten Nachbarn Gamba Osaka.

Doch während der Traditionsclub aus dem Norden Osakas nach dem direkten Wiederaufstieg im Jahr 2014 das nationale Triple holte, blieb Vissel Kobe auf Tabellenplatz elf weiter in der Bedeutungslosigkeit des japanischen Profifußballs hängen.

Mikitani pumpte weiteres Geld in den Verein, konnte weitere Verluste aber nicht verhindern. Um überproportional viel Geld einspeisen zu können wurde Vissel Kobe aus der Unternehmensgruppe heraus an Mikitanis Unternehmen Rakuten verkauft.

Vissel Kobe erzielte in dem Jahr einen außerordentlichen Gewinn von über zwei Millarden Yen, wodurch die Verluste der letzten sechs Jahre aufgefangen werden konnten.

Von 2014 auf 2015 erhöhten sich die Werbeeinnahmen um mehr als das doppelte, während durch moderate Steigerungen in den Ausgaben leichte Gewinne eingefahren werden konnten.

Präsenter als sowieso schon ist dieser Erfolg mit Mikitanis Unternehmen Rakuten verknüpft, welches überall im Vereinsumfeld zu sehen ist.

Sportlich wollte Vissel Kobe mit Nelsinho Baptista Akzente setzen. Der kauzige Brasilianer schien der perfekte Mann, um das Maximum aus seinem Team herausholen zu können, schafft er es immerhin einige Jahre zuvor als Trainer mit einem Aufsteiger, die erste Meisterschaft der Vereinsgeschichte zu holen.

Im Hintergrund wurden einige Deals vorbereitet, die Rakuten weltweit prominent präsentieren sollen.

Für knapp 50 Millionen Euro wird das Rakuten-R mehrere Jahre auf den Trikots der Golden State Warriors zu sehen sein und über 200 Millionen Euro ließ sich Rakuten das Trikotsponsoring des großen FC Barcelona kosten.

„Warum Barcelona?“ könnte man an dieser Stelle fragen, abgesehen von dem offensichtlichen Flair, den einer der größten Fußballvereine der Welt mit sich bringt.

Bodenständiger ist die Erklärung, dass die Stadt Kobe und Barcelona seit dem Jahr 1993 Partnerstädte sind und der FC Barcelona natürlich ein Verein mit weltweit großer Strahlkraft ist.

Für ein Unternehmen, das den heimischen Markt zwar dominiert, international aber nur wenig präsent ist, scheint der FC Barcelona also ein willkommenes Gesicht, um das eigene Unternehmen zu fördern.

Der Prinz kütt

Der Sport als Katalysator für Marketing: Eine Geschichte, die man in Europa heutzutage achselzuckend hinnimmt, im Falle Vissel Kobes aber besondere Züge annimmt.

Vissel Kobe beendete die erste Spielzeit unter Nelsinho Baptista auf Rang 13 und erreichte ein Jahr später mit Tabellenplatz 7 das bislang beste Ergebnis der Vereinsgeschichte.

Für einen Angriff auf die internationalen Ränge, so ein möglicher Gedankengang zu jener Zeit, würden noch Spieler benötigt, die dem Verein in der J. League das gewisse Extra geben können.

Während junge japanische Spieler immer häufiger ihr Glück im Ausland suchten, sind es zumeist drittklassige Brasilianer gewesen, die durch Spielerberater nach Japan vermittelt wurden.

Zwar ist darunter auch einmal ein Talent wie Hulk, doch diesen Einzelfällen stehen viele unbekannte Kicker gegenüber, die entweder in Japan bleiben oder nach kurzer Zeit nach Brasilien zurückkehren.

Vissel Kobe entschied sich einen anderen Weg einschlagen zu wollen und verpflichtete für den Sommer 2017 den deutschen Weltmeister Lukas Podolski.

Lest auch unseren Text “China, die neue Fußballmacht” (Klick aufs Bild)

Sein kolportiertes Gehalt übertraf das seiner Teamkollegen bei weitem, wozu noch weitere Zahlungen von Rakuten selbst kamen. Dadurch sollte der in Deutschland, England und der Türkei beliebte Podolsi zum Gesicht des Unternehmens in Europa werden.

Sportlich begann allerdings eine Talfahrt, die man als westlicher Beobachter so nicht erwartet hatte.

Erreichte Vissel Kobe 2016 ohne Podolski den besten Tabellenplatz der Vereinsgeschichte, startete die Saison 2017 zunächst sogar noch besser. Mit fünf Siegen aus sechs Spielen führte Vissel Kobe zunächst sogar die Tabelle an.

Auch DAZN Deutschland, dessen Unternehmensgruppe die nationalen TV-Rechte an der J. League für die nächsten zehn Jahre besitzt, kündigte mit einem klischee-beladenen Trailer an, den Weltmeister bei seinem „Japan-Abenteuer“ begleiten zu wollen.

Am 29. Juli 2017 war es dann soweit und wie für das deutsche Publikum gemacht, traf Lukas Podolski beim 3:1-Sieg über den späteren Absteiger Omiya Ardija doppelt.

Es folgten vier Niederlagen aus fünf Spielen und Lukas Podolski wirkte nicht nur aufgrund seines Temperaments – auch den Mitspielern gegenüber – wie ein Fremdkörper in Kobes Spiel.

Auch wenn Vissel einzelne Spiele gewinnen konnte, lag es selten am deutschen Weltmeister, dessen Gemütslage Woche für Woche bei DAZN live präsentiert wurde.

Neben dem Platz präsentierte sich Podolski für die Fans nicht wirklich greifbar. Seine Social Media-Aktivitäten nahmen hingegen groteske Züge an.

Während sein Team sich nach einer mäßigen Saison auf den Endspurt im nationalen Vereinspokal vorbereitete, postete der Kölner Fotos aus seiner Heimatstadt.

Nach wochenlangem Rätselraten über Podolskis Verbleib, wurde kurz vor dem Halbfinale bekannt gegeben, dass sich Podolski im letzten Saisonspiel verletzt hatte und zeitnah nach Deutschland aufgebrochen war.

Die Spiele im Kaiserpokal um Weihnachten und Neujahr herum – die letzte Möglichkeit das Ziel asiatische Champions League zu erreichen – verfolgte Podolski nicht vor Ort. Vissel Kobe verlor das Halbfinale am 23. Dezember 2017 mit 1:3 nach Verlängerung.

Nelsinho Baptista, der kurz nach Podolskis Saisondebüt seinen Stuhl räumen musste, wurde zwischenzeitlich durch Takayuki Yoshida ersetzt.

Der Japaner war seit 2008 sowohl als Spieler als auch als Jugendtrainer im Verein tätig gewesen und startete in die Saisonvorbereitung.

Lest auch unseren Text zum Yokohama-Derby. (Klick aufs Bild)

Für die Saison 2018 übernahm Lukas Podolski das Kapitänsamt und um die Integration des Kölners zu verbessern, holte Vissel Kobe den deutschen Trainer Gert Engels in seinen Trainerstab.

Engels arbeitete seit den 1990er Jahren des öfteren als Trainer in Japan, kann im japanischen Vereinsfußball einige Erfolge aufweisen und beherrscht die Sprache.

Gute Voraussetzungen um das Bindeglied zwischen dem neuen Kapitän und dem Rest des Teams zu sein. Zusätzlich kannten sich Yoshida und Engels gut aus ihrer Zeit bei den Yokohama Flügels, die Engels Ende der 1990er Jahre zum letzten Titel der Vereinsgeschichte führte.

Vor der Spielzeit 2018 wurde Vissel Kobes Saisonslogan: „No. 1 Club in Asia“ bekannt gegeben. Eine selbstbewusste Ansage an die Liga und die internationale Konkurrenz.

Ein Iniesta macht noch keinen Meister

Der Saisonstart verlief mäßig. Podolski zeigte sich weiterhin mit einer eher negativen Attitüde auf dem Platz, konnte mit drei Toren in zwölf Spielen aber immerhin zu zwei Siegen beitragen.

Bereits nach sieben Spieltagen folgte die erste Gelbsperre für den Deutschen und Anfang Mai fiel Podolski verletzt für insgesamt drei Monate aus. In der Zeit holte Vissel Kobe 13 Punkte aus acht Spielen.

Vergessen machten Gerüchte um einen Transfer von Andrés Iniesta diese allenfalls passable Saisonleistung.

Internationale Medien berichteten zunächst, dass Iniesta, statt seine Profi-Karriere in Barcelona zu beenden, in Verhandlungen mit einem chinesischen Verein stünde. Von einem Jahresgehalt um die 27 Millionen Euro war die Rede und auch der Vertrieb von Iniestas Wein stünde in den Verhandlungen zur Disposition.

Nicht um einen chinesischen Klub, aber vage Gerüchte um Vissel Kobe gab es schon einige Monate vor diesen Berichten. Doch erst nach dem Ende der europäischen Saison zeigte sich „Mickey“ Mikitani mit Andrés Iniesta in seinem Privatflieger auf Iniestas Social-Media-Kanal.

Für etwas weniger als die kolportierten 27 Millionen Euro Jahresgehalt soll Iniesta seinen Vertrag bei Vissel Kobe unterschrieben haben.

Ein Vielfaches von dem, was Lukas Podolski erhalten soll und Iniestas Wein soll über die unternehmenseigene Logistik bei Rakuten vertrieben werden.

Während man aus China exorbitante Gehaltsvergütung für mittelmäßige Fußballer gewohnt ist, hat dieses Gehalt in einem Sportkonsum-Entwicklungsland wie Japan eine noch höhere Bedeutung.

Selbst in Japans medial viel präsenteren Breitensport Baseball würde Iniestas Gehalt allein das viertteuerste Team der gesamten Profiliga finanzieren.

Um die Marketing-Maschinerie voll ins Laufen zu bekommen, wurde im WM-Stadion von Kobe die „Bar Iniesta“ eröffnet, wo man den Wein des 34-jährigen Superstars kaufen kann.

An Spieltagen eröffnet neben Podolskis persönlichem Marken-Stand ein riesiger Verkaufsstand rund um den spanischen Mittelfeldakteur, dessen Merchandise selbst bei weitgereisten Auswärtsfans sofort zum Verkaufsschlager wurde.

Sportlich wurde das halbwegs funktionierende System von Takayuki Yoshida, der eine Handvoll junger Spieler integrieren konnte, komplett auf Iniesta ausgelegt.

Das große Ziel war nun unter dem spanischen Mittelfeldspieler einen Tiki-Taka-ähnlichen Spielstil in Japan zu etablieren. Doch war die Mannschaft mit Iniesta nicht erfolgreicher als ohne.

Nach drei Niederlagen und einer Verletzung Iniestas am 26. Spieltag wurde Takayuki Yoshida seines Cheftrainer-Postens enthoben. Unter Interimstrainer Kentaro Hayashi verlor Vissel innerhalb einer Woche zwei Spiele mit insgesamt 0:9 Toren.

Kurz darauf wurde bekannt gegeben, dass Juanma Lillo das Traineramt in Kobe übernehmen wird. Der damals 52-jährige Spanier arbeitete zuletzt in Kolumbien und gilt als Mentor Pep Guardiolas, der seine Spielerkarriere unter Lillo in Mexiko beendete.

Ein Grund den Fußball zu lieben – Andrés Iniesta. Mit Klick aufs Bild gelangt ihr zum Text.

Guardiola, so heißt es, halte große Stücke auf Lillo und habe Pep zu seiner hoch angepriesenen Spielidee inspiriert.

Lillo selbst konnte in den letzten sechs Saisonspielen nur neun Punkte holen, die Vissel Kobe inzwischen nötig hatte, um das Worst-Case-Szenario Abstieg abzuwenden.

Wenngleich zwischenzeitlich noch auf Platz 13 in der Tabelle, trennten nicht viele Punkte Vissel von den Abstiegsrängen. Den Klassenerhalt feierte man nach einem denkwürdigen 3:3 am vorletzten Spieltag der Saison gegen Shimizu S-Pulse.

Ein Spiel, das – neben den rekordverdächtigen 17 Minuten Nachspielzeit und Last-Minute-Ausgleich durch S-Pulses Torwart – mit Handgreiflichkeiten zwischen Spielern Kobes und der Bank des Gegners auf sich aufmerksam machte.

Vissel Kobe landete am Ende mit 45 Punkten auf dem 10. Tabellenplatz und profitierte tabellarisch von dem Umstand, dass die Plätze 12-16 mit jeweils 41 Punkten nur aufgrund der Tordifferenz entschieden wurden.

Eine Liga im Zeichen der Stars

Mit dem teuersten Übertragungsrechte-Deal einer Fußballliga außerhalb Europas machte die J. League 2016 Schlagzeilen. Für 2 Milliarden USD sicherte sich die Perform Group die nationalen Übertragungsrechte der drei japanischen Profiligen bis 2026 und spülte damit viel Geld in die Liga.

Nicht nur hat der Ligaverband das Investment von Hiroshi Mikitani in Vissel Kobe mit Freude zur Kenntnis genommen, sondern gestattete DAZN auch die Übertragung der Spiele außerhalb des eigentlichen Rechtepakets, das bis 2020 bei einem japanischen Anbieter ungenutzt liegt.

Um das Investment der Vereine anzuregen und Vissel Kobe ihre neuen Stars ohne Widrigkeiten ermöglichen zu können, wurden einige Regeln geändert:

1. Statt zuvor fünf Ausländerplätzen im Kader, von denen zwei Spieler zum Kontinentalverband Asiens gehören mussten, wurde die Kaderbegrenzung ligaweit aufgehoben.

Statt von den drei Ausländern und einem Kontinentalverbandsspieler, die gleichzeitig auf dem Platz stehen durften, wurde die Gesamtzahl auf fünf erhöht. Die Nationalität spielt hingegen keine Rolle mehr.

2. Ausgenommen von der Ausländerregel sind weiterhin Spieler von so genannten Partnerverbänden der Liga. Diese sind in den Zielmärkten der J. League im südostasiatischen und teilweise arabischen Raum zu verorten.

3. Um Andrés Iniesta zur Saisonmitte dennoch die Rückennummer „8“ zu ermöglichen, wurde eine Regel nach etwa 12 Jahren reaktiviert, die es den Vereinen gestattet Spieler in der Sommerpause mit einer neuen Nummer beim Verband zu registrieren.

Transfers von Iniesta und David Villa führten beispielsweise dazu, dass der Japaner Hirotaka Mita in die Saison 2018, mit der Rückennummer 8 startete, im Sommer auf die 7 wechseln musste und zur Saison 2019 wegen David Villa die 14 übernahm.

FC Visselona

Vissel Kobe hinkt nach der Spielzeit 2018 erneut seinen Ansprüchen hinterher.

Der Slogan „No. 1 Club in Asia“ wurde in den sozialen Medien als „No. 10 Club in Japan” verhöhnt und Gehaltsausgaben von etwa 35 Millionen Euro haben nicht dazu beigetragen, dass Vissel Kobe seinem Ziel vom internationalen Vereinsfußball auch nur ein Stück näher gekommen ist.

Trotz einer vermeintlichen offensiven Schlagkraft lagen die Probleme bei Vissel Kobe eigentlich eher im defensiven Bereich.

Im Winter 2018/2019 wollte man deswegen dieses Probleme angehen. Mit vermeintlich starken Transfers von Nationalspieler Hotaru Yamaguchi im defensiven Mittelfeld, dem besten japanischen Nicht-Nationalspieler Daigo Nishi auf der rechten Verteidigerposition und einem brasilianischen Innenverteidiger, der zuletzt in der portugiesischen Liga NOS spielte, wollte man der instabilen Hintermannschaft Herr werden.

Derweil ging die Barcelona-isierung Vissel Kobes weiter. Aus der amerikanischen MLS holte man Iniestas Landsmann David Villa und aus Barcas Jugendakademie das ewige Barca-Talent Sergi Samper, der sich in Japans Profiliga endlich beweisen durfte.

Mit zehn Punkten aus fünf Spielen startete der Verein tabellarisch überzeugend.

In einem furiosen Spiel im Nachbarschaftsduell gegen Gamba Osaka setzte sich Vissel am Ende mit 4:3 durch.

Sowohl Podolski als auch Villa trafen in diesem Spiel, während der frühere Sporting-Spieler Junya Tanaka die Partie am Ende für Vissel drehen konnte.

Zwar hielt Vissel mit einem ballbesitzorientierten Spiel den Ball häufig in den eigenen Reihen, konnte aber selten etwas mit diesen Bällen anfangen.

Auch ist es auch nicht abwegig zu behaupten, dass Siege gegen das abstiegsbedrohte Sagan Tosu, welches mit Fernando Torres in seinen Reihen ähnlich prominent wie Vissel besetzt ist, Vegalta Sendai und Shimizu S-Pulse eher Pflichtsiege waren, wenn man es in der Liga ernst meint.

Einmal Trainer und zurück

Die Auswärtsniederlage nach Führung gegen Aufsteiger Matsumoto Yamaga war erst der Startschuss für erneut turbulente Wochen in Kobe.

Nach nur einer weiteren Niederlage – und zur Überraschung vieler – wurde Juanma Lillo sechs Monate nachdem er den Posten als Chef-Trainer bei Vissel Kobe übernahm, entlassen.

Es übernahm: Takayuki Yoshida. Der Trainer, der seinen Job zuletzt an Lillo verlor, sollte es zunächst richten.

Eine vermeintlich gute Idee, hatte Vissel Kobe unter Yoshida die zuletzt beste Saisonleistung im ersten Halbjahr 2018 erreicht.

Doch die Balance, ein Jahr später, in einem Kader zu finden, der immer mehr darauf ausgelegt ist, mit wenigen sehr guten Spielern das Spiel gestalten zu wollen, gelang Yoshida nicht.

War es ein Jahr zuvor nur ein Podolski, der über alle Sprachbarrieren hinweg in das Team integriert werden musste, standen inzwischen regelmäßig drei Spanier im Team.

Andrés Iniesta, dessen fußballerische Klasse außer Frage steht, aber Fußball schneller denkt als seine Teamkollegen, und noch als Königstransfer der letzten Jahre bezeichnet werden kann.

Dieser spielt neben David Villa, der sich regelmäßig ohne Not hinter der Abwehrreihe im Abseits befindet und dabei trotzdem bester Torschütze des Teams ist, und zuletzt Sergi Samper, der in der bisherigen Saison wenig zeigte, was eine Nominierung für die Startaufstellung rechtfertigen würde.

Auch Dankler, der brasilianische Innenverteidiger, verursachte einige unnötige Gegentore, war aber immer noch einer der konstanteren Spieler im Defensivverbund.

Wäre Podolski nicht verletzt, vermutlich wäre er aktuell ebenfalls gesetzt.

Böse Zungen behaupten, dass Hiroshi Mikitani derjenige ist, der vor dem Spiel Einfluss auf die Startaufstellung nimmt und es fällt auf, dass die von ihm finanzierten Stars Privilegien genießen, die für die japanischen Mitspieler nicht gelten.

Ein Podolski, dessen Attitüde auf dem Platz in der japanischen und deutschen Medienlandschaft nicht thematisiert wird, wurde vom Verein zuletzt erst sanktioniert, als er seine Verletzung über Social Media ohne Absprache mit dem Verein veröffentlichte.

Der Vorfall, bei dem Podolski einen Mitarbeiter des Gegners, der den Ball Richtung Toraus rollte, statt ihm diesen in die Hand zu geben, diesen unflätig auf Deutsch beleidigte, zog lediglich eine Ermahnung des Ligaverbands nach sich.

Podolski, der genau wie der Brasilianer Wellington in die Handgreiflichkeiten beim Spiel gegen Shimizu S-Pulse verwickelt war, wurde im Gegensatz zu seinem Mitspieler nicht mit einer Sperre bedacht.

Kryptisch wirkt dagegen ein Tweet, den Podolski ohne Kontext kurz nach der – offiziell – eigenständig angebotenen Aufgabe des Kapitänsamts postete:

Für den Superstar des Teams ist dies nicht anders: Als Iniesta im Sommer 2018 zur offiziellen Präsentation nach Japan kam und für zwei Spiele Teil des Spieltagskaders war, wurde er für seinen Umzug aus Spanien nach Japan zwei Wochen von der Mannschaft freigestellt.

Ende April beim Auswärtsspiel gegen Japans größten Verein, die Urawa Red Diamonds, war Iniesta ohne weitere Erklärung abwesend.

Stattdessen soll er am Osterwochenende mit seiner Familie in einem Aquarium gesehen worden sein. Es war das erste Spiel unter Erneut-Trainer Yoshida.

Yoshida scheiterte im Frühjahr 2019. Über einen Monat verlor Vissel Kobe alle Spiele in der Liga und dem Ligapokal und dass Yoshida seinen Platz räumen musste, war schon länger ein offenes Geheimnis.

Als Vertreter Vissel Kobes durch Europa reisten und Gerüchte um eine Verpflichtung Arsène Wengers aufkamen, bot Yoshida sogar freiwillig an den Platz für den Großmeister zu räumen.

Ein Trainer seines Formats sei für die Liga und insbesondere für den Verein eine großartige Sache und ihm eine Ehre mit Wenger arbeiten zu können.

Doch wie zuvor das Gerücht um den Portugiesen André Vilas-Boas, versandete diese Personalie im nirgendwo. Wenger, Ex-Trainer von Ligakonkurrent Nagoya Grampus, hatte kein Interesse an dem Job.

Hiroshi Mikitani, der sich seit der Übernahme Vissel Kobes so ziemlich alles, außer dem gewünschten Erfolg, leisten konnte, fand seine nächste Grenze.

Über den Pfad, den der Verein seit 2014, mit Fanfaren beschreiten wollte, stolperte sich Vissel Kobe zu einer Phalanx des Chaos.

In 15 Jahren, seit Mikitani Vissel Kobe übernommen hatte, wurde der Trainerposten bereits 20 Mal gewechselt. Davon viermal in den vergangenen zwei Jahren.

Was zuvor allerdings in den Tiefen des japanischen Profi-Fußballs unbeachtet einer breiten Öffentlichkeit passierte, rückte durch die Omnipräsenz der Fußballstars um Podolski, Iniesta und David Villa ins weltweite Rampenlicht.

Mit der Erfolglosigkeit Vissels ebbte das Interesse an der Liga in der breiten Öffentlichkeit ab.

DAZN reduzierte seine Berichterstattung über die letzten Monate immer weiter, da weder Podolski noch Iniesta imstande waren das so genannte „Siegesschiff“ Vissel Kobe auf Kurs zu bringen.

Statt mit Arsène Wenger, kamen Vissels Vereinsverantwortliche mit Thorsten Fink nach Japan zurück.

Der Deutsche, der zuletzt den Abstieg der Grasshoppers Zürich nicht verhindern konnte, erhielt die Möglichkeit als dritter Trainer der Spielzeit 2019 das Mammutprojekt Vissel Kobe zu übernehmen.

Takayuki Yoshida, der über 10 Jahre bei Vissel Kobe arbeitete, zuletzt seinen eigenen Nachfolger beerbte und gewillt war unter einem hochkarätigen Trainer erneut die Rolle als Co-Trainer zu übernehmen, kündigte nach dieser Personalentscheidung seinen Vertrag bei Vissel Kobe.

Unter Thorsten Fink steht Vissel Kobe aktuell nicht nicht besser da als unter Juanma Lillo.

Wofür steht Vissel Kobe?

Das Projekt Vissel Kobe, das spätestens seit 2014 so richtig angelaufen ist, sollte das Aushängeschild Rakutens und im Endeffekt auch des japanischen Fußballs werden.

Podolski, als erster Star nach Kobe gekommen, kündigte, ganz im Interesse Hiroshi Mikitanis, das große Ziel der AFC Champions League an.

Nicht, weil die AFC Champions League für japanische Teams die Bedeutung, wie die Königsklasse für europäische Teams hat, sondern weil man sich hierüber für die FIFA-Klub-WM qualifizieren kann. Die einzige Möglichkeit der wohl im Moment stärksten Fußballnation Asiens sich mit den Top-Vereinen der Welt zu messen.

Während sich Sportmedien weltweit plötzlich mit einem Verein beschäftigen mussten, von dem sie zuvor vermutlich noch nie etwas gehört hatten, kam es zu dem Irrglauben, dass europäischen Altstars ausreichen sollten, um die japanische Liga auf Jahre zu dominieren.

Ein Konzept, dass bereits in der Chinese Super League (Link zum Text zur CSL) zigfach zum Erfolg geführt hat, verkennt jedoch den Umstand, dass Fußball in Japan bereits heute ein anderes Niveau hat.

Das große Fragezeichen, warum Vissel Kobe trotz der großen Namen nicht um die Meisterschaft mitspielt, während Aufsteiger mit einem Bruchteil des Marktwertes im oberen Tabellendrittel mitspielen, lässt sich mit der Natur des Mannschaftssport erklären.

Der Kader Vissel Kobes wird auf seine Superstars ausgelegt. Doch investiert man mit Unsummen in einzelne Spieler, während weitere Positionen mit mittelmäßigen Fußballern besetzt bleiben.

Während Andrés Iniesta für das Geld, was er kostet, zumindest ein überdurchschnittlich guter Spieler bleibt, waren weder Podolski noch Sergi Samper in der Lage die an sie geknüpften Ansprüche zu erfüllen.

Die fehlende Konstanz auf der Trainerposition führt gleichwohl nicht dazu, das ein Spielsystem etabliert werden kann.

Statt des Tiki-Taka, welches man nach Japan bringen wollte, spielt Vissel Kobe unter Thorsten Fink bisweilen denselben Konterfußball, der in der gesamten Liga vorherrscht.

Denn es geht nun seit Jahren nicht um den Blick zu den Sternen, sondern um die Existenzangst des Abstiegskampfs.

Die Hoffnung, die Hiroshi Mikitani und Vissel Kobe seinen Fans gab, zu den ganz großen Vereinen der Welt gehören zu können, in einem Atemzug mit dem großen FC Barcelona oder Real Madrid genannt zu werden, scheitert derweil an den nationalen Grenzen.

Vissel Kobe ist nicht der „No. 1 Club in Asia“, gegenwärtig ist Vissel Kobe nicht einmal der „No. 1 Club in Kansai“, seiner eigenen Heimatregion.

Derweil zahlen die Fans den Preis der großen Namen. Sowohl Dauerkarten- als auch Trikotpreise haben sich seit der Verpflichtung Andrés Iniestas fast verdoppelt.

Vereine nutzen verbreitet immer häufiger dynamische Ticketspreise, um aus der Anwesenheit der großen Namen Kapital zu schlagen.

In einem Fußballmarkt, der nicht einmal national saturiert ist.

Immer häufiger sieht man stattdessen japanische Fans in Barcelona-Trikots auf den Tribünen oder ausländische Fans in den Stadien wenn Vissel spielt. Die Chance drei ehemalige Weltmeister spielen zu sehen, reizt viele.

Vermutlich wird Vissel Kobe auch in den kommenden Jahren Schlagzeilen mit überdurchschnittlichen Transfers machen.

Denn trotz einer vielleicht notwendig kritischen Auseinandersetzung mit Hiroshi Mikitani und seinem Engagement im japanischen Fußball, bewahrt sich “Mickey” das, was der Name seines Unternehmen Rakuten auf japanisch bedeutet: “Optimismus”.

 


Dies war ein Gastbeitrag von Tobias von Goaltaku.
Für weitere interessante Stories zum japanischen Fußball, hört unbedingt beim Goaltaku-Podcast rein!

Share: