Andy Carroll: Er war die Sturmhoffnung Englands und gleichzeitig mein liebster FIFA-Mittelstürmer. Heute kehrt Carroll mit seiner alten, neuen Liebe Newcastle United nach West Ham zurück – der Verein, bei dem er die letzten sieben Jahre seiner Karriere verbracht hat.

Bei West Ham United konnte der Engländer nie an die Leistungen anknüpfen, die er bei Newcastle in jungen Jahren gezeigt hatte. Inzwischen ist fast in Vergessenheit geraten, wie gut der Mittelstürmer war – vor allem, wenn ich ihn bei FIFA gesteuert habe.

Carroll brachte alles mit, was ein (FIFA-)Stürmer so brauchte: Er war ziemlich schnell, körperlich stark, hatte einen harten Schuss und war eine Macht in Luftzweikämpfen.

FIFA war noch herrlich unrealistisch, weswegen ich den Engländer perfekt einsetzen konnte, indem ich entweder blind aus der Distanz aufs Tor gebolzt oder eine hohe Flanke nach der anderen in den Strafraum geprügelt habe.

 

Keiner köpft wie Andy Carroll bei FIFA

Meine Freunde hass(t)en mich, denn mit Andy Carroll im Sturm war ich einfach unbezwingbar. Natürlich wollte ich mir dieses Phänomen mal im „richtigen Spiel“ anschauen und sehen, ob er dort genauso gut ist wie bei FIFA.

Und ich wurde nicht enttäuscht: Seine Highlight-Videos zeigten einen englischen Mittelstürmer, der fast noch besser war als seine virtuelle Figur.

Der 1,91m-Hüne war nicht vom Ball zu trennen, sein linker Fuß war einzigartig und sein Kopfballspiel unerreicht. Es war ein Rätsel: Wie konnte ich als 14-jähriger FIFA-Spieler das Potenzial von Andy Carroll erkennen und alle Top-Klubs dieser Welt nicht?

Warum er sich bei Liverpool nicht durchgesetzt hatte, blieb unerklärlich. Er war vielleicht nicht der disziplinierteste Angreifer der Welt und hatte mehrere kleine Verletzungen, doch war sein Talent unübersehbar.

Es zogen einige Jahre ins Land und während mein Interesse an richtigem Fußball zunahm, nahm meine Begeisterung für Carroll parallel zu seinem Tempo-Wert bei FIFA kontinuierlich ab.

West Ham United: Über geklaute Eckfahnen in die Top 6? Hier geht es zum Text.

Die Karriere des Engländers ging bergab: Bei West Ham United konnte er aufgrund von Verletzungen selten mehr als fünf Spiele am Stück spielen.

Auch in der englischen Nationalmannschaft fasste er nie richtig Fuß. Der einstige Hoffnungsträger des englischen Fußballs bestritt sein letztes Länderspiel am 12. Oktober 2012, als er in der 73. Minute gegen San Marino eingewechselt wurde.

Dafür entwickelte sich immerhin mein Fußballverständnis weiter: Mir dämmerte langsam, dass ein Mittelstürmer nicht nur fest schießen und körperlich stark sein muss. Nein, er sollte sich vorher anständig positionieren, beim Abschluss die richtige Entscheidung treffen, im Pressing zumindest brauchbar sein und eventuell sogar am Ballbesitzspiel seiner Mannschaft teilnehmen können.

Mit aller Kraft versuchte ich, es mir nicht einzugestehen, aber die Wahrheit war immer offensichtlicher: Andy Carroll mag eine Macht in der Luft sein und einen guten Abschluss besitzen; das macht ihn aber nicht zu einem der besten Mittelstürmer der Welt.

 

Analyse: Andy Carroll, der antimoderne Stürmer

Die Schwächen des Stürmers waren bereits früh in seiner Karriere offensichtlich. Mit fortschreitender spielerischer Entwicklung des Fußballs fielen diese Defizite jedoch immer mehr ins Gewicht.

In der Anfangszeit als englisches Wunderkind verweigerte sich Carroll dem Pressing. War er überspielt worden, machte er keinerlei Anstalten, zurückzuarbeiten. Und wenn beim gegnerischen Verteidiger nicht fett „Pressingopfer“ auf der Stirn stand, lief Carroll ihn gar nicht erst an.

Bei Liverpool war er jedoch gezwungen, sich im Pressing zumindest zu beteiligen. Nach einiger Eingewöhnungszeit und vielen verschlafenen Pressingtriggern legte Carroll den Schalter um.

Spätestens seit 2013 galt der Engländer als vorbildlicher Profi, der sich für die Arbeit gegen den Ball nicht zu schade ist. Es gibt nur nur ein Problem: Defensivstark ist Carroll deshalb noch lange nicht.

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Abgesehen von einigen überraschenden Ballgewinnen ist der Mittelstürmer im Pressing verschenkt. Seine Laufwege sind größtenteils aktionistisch und nicht durchdacht. Selten wirkt es so, als würde Carroll im Pressing einem taktischen Plan folgen. Stattdessen verpasst er Pressingtrigger oftmals aufgrund schwacher Wahrnehmung.

Dafür zeigt er hohen Einsatz in Szenen, in der seine Mannschaft gar nicht ins Pressing übergeht. Carroll läuft dann in höchstem Tempo in vorderster Spitze an, ohne dass seine Mannschaft darauf vorbereitet ist. Daraufhin wird er simpel überspielt und sein Team verteidigt mit einem Mann weniger.

Sein schwaches Timing zeigt sich in seiner Foulstatistik. In der Saison 17/18 foulte er in insgesamt 748 Minuten 28-mal – das bedeutet eine Regelwidrigkeit alle 26 Minuten.

Carroll selbst wurde hingegen nur 14-mal unfair gestoppt. Er foulte als Mittelstürmer also doppelt so oft, wie er selbst gefoult wurde. Dabei gewann er nach whoscored.com ganze 3 Tacklings in dieser Saison und fing zwei Bälle ab – nicht wirklich beeindruckend.

 

Technisch ausbaufähig

Ein weiteres Defizit der neuen Nummer 7 der Magpies ist sein Passspiel. In keiner Saison erreichte Carroll eine durchschnittliche Passquote von mindestens 65%. Das ist einerseits dessen geschuldet, dass der Engländer sich als Zielspieler oftmals in schwierigen Situationen befindet.

Andererseits ist seine Passqualität nicht die höchste und seine Entscheidungsfindung überdreht. Carroll möchte schnellstmöglich Richtung Tor und spielt deswegen nahezu jeden Ball in die Tiefe. Dabei achtet er nicht darauf, ob seine Mitspieler überhaupt einen passenden Laufweg machen.

 

Die Zeit der moderneren Carrolls bricht an

Doch in einer Zeit, in der Zielspieler wieder moderner zu werden scheinen (Haller, Weghorst, Poulsen, Thuram usw.) könnte doch auch wieder die Zeit von Carroll schlagen? Wenn wer den perfekten Zielspieler verkörpert, dann wohl der großgewachsene Engländer?

Carroll ist im Vergleich mit den genannten Spielern in der reinen Ballbehauptung aus der Luft womöglich der Beste.

Doch seine fehlende Technik und die überdrehte Entscheidungsfindung sorgen oftmals dafür, dass er den Ball zwar behaupten, aber nicht erfolgsstabil weiterleiten kann. Somit ist Carroll ein guter Zielspieler – aber kein gutes Ziel.

Als Team muss ich mit diesen Defiziten leben und mich diesen sogar anpassen. Wenn ich Fußball mit vielen Flachpässen spielen möchte, ist Andy Carroll nicht der richtige Mittelstürmer.

Der Engländer kann nur in Mannschaften funktionieren, die die Bälle hoch und weit prügeln und viele Flanken in die Mitte schlagen.

Selten sind diese Teams von hoher Qualität, sodass Carroll schlichtweg kein Mittelstürmer für eine Topmannschaft ist. Stattdessen scheint er bei Newcastle gut aufgehoben. Denn trotz aller genannten Defizite kann Andy Carroll seiner alten Liebe weiterhelfen.

 

Wiederauferstehung bei Newcastle?

Er mag technisch nicht zu den stärksten Mittelstürmern zählen, jedoch setzt er im Passspiel vereinzelte Glanzpunkte. Carroll kann aus dem Nichts mit seinen überraschenden Pässen und anspruchsvollen Weiterleitungen für Torgefahr sorgen.

Darüber hinaus lässt er im Strafraum auch Spieler aussteigen, um sich in bessere Abschlusspositionen zu bringen. Oft täuscht er einen Schuss mit dem rechten Fuß an, schließt dann jedoch mit seinem starken linken Fuß ab.

Außerdem macht er hohe Bälle wie kaum ein anderer Stürmer auf dieser Welt fest. Für Newcastle sind die Qualitäten Carrolls Gold wert: Dort ist er von schnellen Flügelspielern umgeben, die vorrangig in die Tiefe gehen und Flanken schlagen möchten. Und für diese Art des Fußballs war Carroll einer der besten Stürmer der Welt.

Denn der 9-fache englische Nationalspieler ist schlicht ein Killer vor dem Tor. Seit 14/15 hat er in der Liga 24 Tore bei nur 18 Expected-Goals geschossen. Das sind sechs Tore mehr, als es seine Chancenqualität vermuten lassen würde. Dabei sind besonders seine Abschlüsse mit dem linken Fuß und mit dem Kopf herausragend.



Andy Carroll gelingt es sich in bedrängten Situationen mit seiner puren Wucht durchzusetzen. Sein Timing, seine enorme Sprungkraft und sein robuster Körper lassen ihn in Luftduellen unbezwingbar wirken.

Slaven Bilic: He is the beast header of the ball in world football

Jeder hochgeschlagene Ball in den Strafraum kann gefährlich werden, wenn sich Andy Carroll im Strafraum befindet. Eine Wahrheit, die Arsenal London ganz besonders bitter zu spüren bekam:



 

Carroll in alter Frische?

Aufgrund seiner deutlichen Defizite ist es Carroll nicht gelungen, sich bei Liverpool durchzusetzen. Für einen Stürmer von Weltklasse-Format, den sich früher einige erhofft hatten, fehlt es ihm an technischen Fähigkeiten. Außerdem ist seine Arbeit gegen den Ball zwar engagierter, aber nicht bedeutend besser geworden.

Nach seinem Wechsel zu West Ham United war er dauerverletzt, was berechtigte Zweifel an seinem Leistungsvermögen aufkommen lässt.

Carroll lebt wie kaum ein anderer Stürmer von seinem Körper und seiner Athletik. Wenn er diese einbüßt, ist er auch als Zielspieler – trotz überragendem Kopfballspiels – fast ungeeignet.

Ob der englische Mittelstürmer bei Newcastle nochmal an die alten Zeiten anknüpfen kann, steht daher in den Sternen.

Es hängt größtenteils davon ab, wieviel Athletik Carroll bereits verloren hat und ob Newcastle seine außerordentlichen Stärken richtig einsetzen kann.

Ein Carroll in Topform ist immer noch in der Lage, in der Premier League zweistellig zu treffen. Mit seiner Lufthoheit und seinem starken linken Fuß kann er ein Albtraum für jeden Verteidiger sein. Es wäre nur bezeichnend für das Auf und Ab seiner Karriere, wenn heute nach einem durchwachsenen Saisonstart ausgerechnet gegen seinen Ex-Klub West Ham United der Knoten platzt.

Doch so gut, wie ich mit ihm bei FIFA war, wird er nie wieder sein – vielleicht ist das auch ganz gut so.

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Henri Hyna
Written by Henri Hyna
Zieht bei Trainer-Lehrgängen immer sein Busquets-Trikot an und redet dann nur mit den Trainern, die seine Trikotwahl loben.