Paris Saint-Germain, Manchester United oder Tottenham Hotspur. Gefühlt halb Europa ist derzeit auf den Fersen von Sportings Kapitän Bruno Fernandes. Und das obwohl der 24-jährige einen bisher recht ungewöhnlichen Karriereweg hinter sich hat.

Im folgenden Porträt wollen wir euch den portugiesischen Nationalspieler näher vorstellen und erklären, warum Fernandes dieser Tage so begehrt ist.

Ein Text von Amadeus Marzai und Sascha Felter

Eine ungewöhnliche Karriere

Fernandes ist derzeit der einzige portugiesische Topspieler, der nicht in einer der Kaderschmieden der drei großen portugiesischen Klubs (FC Porto, Benfica und Sporting) ausgebildet wurde.

Zwar kam der Nations League-Gewinner im September 1994 in einer Kleinstadt im Distrikt Porto zur Welt, doch war es nicht der ruhmreiche FC Porto, sondern dessen Lokalrivale Boavista, welcher den kleinen Bruno ab dem Alter von 10 Jahren ausbildete.

Da die Offerten der portugiesischen Top-Dogs jedoch ausblieben, entschied sich Fernandes 2012 im Alter von 17 Jahren für einen Wechsel nach Italien. Im Piemont sollte er die Jugendabteilung des Serie B-Klubs Novara Calcio verstärken. Die Ablösesumme betrug damals gerade einmal 40.000 Euro.

Obwohl sich der junge Portugiese anfangs mit der neuen Sprache schwertat, Heimweh bekam und fast aufgeben wollte, wusste er sportlich schon bald zu überzeugen und wurde nach nur wenigen Wochen von der Jugend zu den Profis befördert.

Womöglich half es, dass seine damalige Freundin und heutige Ehefrau Ana die Schule in Portugal abbrach, um zu ihrem Bruno nach Italien zu ziehen.



In der zweiten Saisonhälfte etablierte er sich als Stammspieler (hauptsächlich eingesetzt im zentralen Mittelfeld) und Novara beendete die Saison auf einem starken 5. Platz. Damit qualifizierte man sich sogar für die Aufstiegsplayoffs, wo man sich letztlich aber dem FC Empoli geschlagen geben musste.

Vor Fernandes’ Berufung zum Stammspieler hatte man noch auf dem 15. Platz herumgedümpelt.

Im Sommer 2013 wechselte Fernandes, nur ein Jahr nach seiner Ankunft auf der Apenninen-Halbinsel, für 2,5 Millionen Euro Ablöse zu Udinese Calcio in die Serie A. Im Friaul hatte der Nordportugiese noch weniger Anlaufschwierigkeiten und war von Anfang an Stammspieler der Le Zebrette.

In seine Zeit in Nordostitalien fiel jedoch auch Udineses Abstieg vom ständigen Europa-Aspiranten zum Team im Niemandsland der Tabelle. Deshalb wurde er 2016 zu Sampdoria Genua verliehen. In der Hafenstadt war er sofort einer der Schlüsselspieler.

Doch letztendlich blieb das talentierte Team um Fabio Quagliarella, Patrick Schick, Lucas Torreira, Karol Linetty und Milian Skriniar hinter den eigenen Erwartungen zurück und beendete die Saison auf Platz 10.

Die Genuesen verpflichteten den Iberer im Sommer 2017 fest für die Kaufoption von 6 Millionen Euro, um ihn einige Tage später für 9,69 Millionen Euro an Sporting Clube de Portugal abzugeben.

Erfolg auf dem Rasen, Chaos abseits davon

In seinem Heimatland konnte sich Fernandes in einer schwächeren Liga noch einmal steigern und kam in seiner ersten Saison für die Hauptstädter auf starke 16 Tore und 20 Vorlagen in insgesamt 56 Spielen. Darüber hinaus konnte er mit Sporting den Ligapokal gewinnen.

Der groß gewachsene Offensivakteur wurde folgerichtig als Fußballer des Jahres 2018 ausgezeichnet und für Portugals Kader bei der WM 2018 in Russland nominiert.



Doch gegen der Ende der Saison 2017/18 wurde er auch Teil einer mehr als unsäglichen Episode.

Nachdem Sporting im Mai 2018 am letzten Spieltag bei CS Marítimo auf Madeira die sicher geglaubte Champions League Qualifikation verspielt hatte (ausgerechnet gegen den großen Stadtrivalen Benfica), stürmten in der Woche darauf knapp 50 maskierte und bewaffnete „Anhänger“ das Trainingsgelände und die Umkleidekabine der Profimannschaft.

Die Gewalttäter schlugen u.a. mit Gürtelschnallen auf Spieler und Betreuer ein. Mehrere Profis und Trainer Jorge Jesus erlitten Verletzungen. Darunter auch der ehemalige Wolfsburg-Stürmer Bas Dost, dem eine blutende Kopfverletzung zugefügt wurde, welche genäht werden musste.

In Folge der schockierenden Ereignisse, kündigten neben Trainer Jesus mehrere Spieler – darunter Bruno Fernandes, William Carvalho, Gelson Martins, Bas Dost oder der langjährige Kapitän Rui Patrício – ihre Verträge.

Denn das besonders bizarre an dem Vorfall: Sportings umstrittener damaliger Präsident Bruno de Carvalho steckte wahrscheinlich hinter der Atatcke.

Kurz vor dem Angriff soll er mit dem Kopf der Sporting Hooligan-Gruppe Juventude Leonina telefoniert haben. Portugiesischen Medien zufolge habe er zu dem Hooligan-Anführer gesagt: „Stürzt euch auf sie!“

Ende Juni wurde de Carvalho, der schon als „Donald Trump des Fußballs“ bezeichnet wurde, als erster Sporting-Präsident überhaupt mit einer überwältigenden Mehrheit abgewählt. Im November 2018 wurde der Ex-Klubchef festgenommen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm 98 Straftaten, darunter das Befehlen des Angriffs auf das Sporting-Team.

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De Carvalho, der als „offen konfrontativ, unberechenbar und aggressiv“ beschrieben wird, war insgesamt vier Tage hinter Gittern und wurde gegen Zahlung einer Kaution von 70.000 Euro freigelassen, muss sich dafür aber jeden Tag bei einer Polizeistation melden.

Nach der Abwahl des vermutlich kriminellen Präsidenten unterschrieb Fernandes einen neuen Vertrag bei den Leões bis 2023.

In der vergangenen Saison konnte er sich wieder einmal steigern und seinen Titel als Spieler des Jahres verteidigen. So erzielte der „Portugiesische Lampard“ starke 32 Tore und 18 Assists in 53 Spielen.

Zudem ist er nach Éder Militãos Abgang zu Real Madrid der mit Abstand wertvollste Spieler der Liga NOS (55 Millionen Euro Marktwert).

Inzwischen genießt er auch das Vertrauen von Nationaltrainer Fernando Santos. So stand er in den beiden entscheidenden Nations League Partien gegen die Schweiz und die Niederlande in der Anfangsformation der Seleção das Quinas.

Doch was genau macht Bruno Fernandes so gut?

Sportings One-man-Show

Seitdem Fernandes im Sommer 2017 zu Sporting CP wechselte, ging seine Entwicklung nur nach oben. In mittlerweile 109 Partien erzielte er 48 Tore und legte 38 weitere direkt auf.

In der vergangenen Saison war er mit 33 direkten Torbeteiligungen in der Liga NOS der Hauptgrund für den dritten Platz der Lissabonner.

Bricht man diese Zahl auf seine Einsatzzeit von 2.942 Minuten herunter, so ergibt sich eine Torbeteiligung alle 89 Minuten. Sporting erzielte vergangene Saison 72 Liga-Tore – Bruno Fernandes war an 46% davon direkt beteiligt.

Abschlussstark ist er mit beiden Füßen, wenngleich sein Rechter der bessere ist. Mit links traf er in der vergangenen Saison aber immerhin fünfmal.

Bei ruhenden Bällen ist Fernandes ebenfalls ein ständiger Gefahrenherd. Vergangene Saison war er gleich dreimal binnen kürzester Zeit erfolgreich, als er im Derby gegen Benfica, gegen Feirense und Braga per direktem Freistoß traf.

Seine Schusstechnik bei Elfmetern erinnert stark an die von Jorginho. Wie der Italiener „springt“ er in den Schuss hinein und guckt den Keeper in aller Regelmäßigkeit aus. In der vergangenen Saison traf er jeden seiner sieben Strafstöße.

Als nominell offensiver Achter steht der 24-Jährige wie kaum ein offensiver Mittelfeldspieler für Zug zum Tor und Geradlinigkeit. Repräsentativ dafür sind seine 3,6 Schüsse, die er im Schnitt pro Partie abgibt. Ein Wert, mit dem er mit Harry Kane, Mo Salah und Kun Agüero gleichaufliegt.



Im Grunde spielt der Portugiese eher wie eine hängende Spitze denn ein moderner Zehner á la Mesut Özil oder David Silva.

Sein Spielstil ist auch eher der eines Zehners. Er beteiligt sich weniger stark an der Spielfortsetzung in tiefen Zonen oder schleppt Bälle aus dem zweiten Drittel vor das Tor.
Vielmehr greift Bruno Fernandes erst beim Übergang ins letzte Drittel ein und entfacht dann seine Durchschlagskraft.

Mit 3,2 Key Passes pro Partie spielte er in der vergangenen Saison im Schnitt einen mehr als Christian Eriksen und David Silva. Und obwohl der Sporting-Star so häufig den Weg zum Tor sucht bzw. seine Mitspieler versucht in Szene zu setzen, agiert er keineswegs überhastet.

Bruno Fernandes kam in der vergangenen Saison im Schnitt auf eine Passquote von 75%. Ein Wert, der aufgrund seiner direkten Spielweise durchaus beachtenswert ist. Zum Vergleich: Kevin de Bruyne spielte in seiner überragenden 2017/18-Saison 2,9 Key Passes bei einer Passrate von 83,4%.

Ein-Mann-Konterherde und Strukturfüller

Am besten kommt seine Spielweise jedoch bei Kontern zum Tragen. Der Sporting-Star versteht es hervorragend Gegenangriffe zu initiieren und die Restverteidigung des Gegners auszuhebeln.

Dies beginnt bereits mit seiner guten Positionierung in allen Spielphasen. Der portugiesische Mittelfeldspieler hat ein sehr gutes Gespür für offene Räume und deren Auswirkung auf die Spieldynamik.

Spielt sein Team beispielsweise gegen tiefstehende Gegner, lässt sich Bruno Fernandes gerne nach hinten fallen, um das Spiel aus dem zweiten Spielfelddrittel heraus anzukurbeln.



Positioniert er sich außerhalb der gegnerischen Formation, agiert er diagonal aus einem der beiden Halbräume heraus. Da er in der Lage ist den Ball sowohl eng zu führen, als auch flach scharf zu passen, hat er von hieraus alle Möglichkeiten für Gefahr zu generieren.

Bei seinen Pässen fällt auf, dass der Passempfänger sehr häufig eine weitere Anspielstation neben sich hat. Fernandes spielt die Pässe in die Überzahl hinein – angenehm für die Mitspieler.

Befindet er sich im rechten Halbraum, sieht man häufig, wie er nach einem Anspiel den Rechtsaußen überläuft, um den Flügel zu überladen. Pro Partie kommt er nämlich auf 1,8 Flanken – doppelt so viele wie Eriksen.

Ist er selbst einmal Abnehmer solcher Flanken, beweist er auch hier ein sehr gutes Raumgefühl. Er gibt sich geduldig, fast schon unauffällig, ehe er auf den richtigen Moment wartet, um in die Box zu starten.

Ein wenig erinnert er in diesen Szenen an Toni Kroos, der sich ebenfalls gerne am Strafraumrand aufhält und auf den Rückpass wartet. Nur hat Bruno Fernandes zusätzlich die Fähigkeit sich auch innerhalb der Box clever zu bewegen.

Trifft er auf einen höherstehenden Gegner, positioniert sich Sportings Nummer 8 oft sehr gut zwischen den Linien. Rückt dann einer der Innenverteidiger heraus, spielt er gerne First-Touch-Pässe auf den startenden Mittelstürmer.

Weil er mit 1,83 m Körpergröße keinen niedrigen Körperschwerpunkt wie Andres Iniesta oder Luka Modric hat, zeigt er oft Beinschüsse oder Drehungen á la Johan Cruyff, um sich vom Gegner zu lösen. Mitunter hält er hierbei den Ball zu lange und verpasst das Abspiel.

Anders in Kontersituationen. Bei diesen benötigt der Ex-Udine-Spieler meist nicht mehr als zwei Ballkontakte, um seine Mitspieler gekonnt in Szene zu setzen.

Da er sich sowohl in offensiven als auch defensiven Spielphasen gut positioniert, um schnell in das Spielgeschehen eingreifen zu können, ist er im Umschaltmoment meist der Initiator. Er sammelt lose Bälle auf und verteilt sie dann schnell in die Spitze.



Das bietet sich bei Sportings schnellen Flügeln, Raphinha und Cabral sehr gut an. Der Nationalspieler spielt gerne Lupfer hinter die Abwehr oder Lochpässe in die Tiefe, um die Pfeilschnellen Flügelspieler einzusetzen.

Gelingt das nicht, kämpft er sich auf eigene Faust durch. Dies war in der defensiv eher unterdurchschnittlichen Liga NOS, wo viele Teams Probleme mit der Konterabsicherung haben, häufig ein probates Mittel.

Denn Fernandes hat ein hohes Tempo mit Ball und kann mit seinen langen Beinen Bälle noch am Gegner vorbeispitzeln. Weiterhin ist er aus der Distanz gefährlich und kann Konter frühzeitig abschließen – selbst, wenn er noch in höchstem Tempo dribbelt bekommt er Wucht hinter seinen Abschluss.

Das heißeste Eisen Europas

Europäische Topvereine sollten ihn also definitiv auf dem Zettel haben, sofern noch nicht geschehen. Insbesondere Manchester United und Tottenham sollen am Portugiesen interessiert sein.

In beiden Teams könnte Fernandes schnell mögliche Baustellen lösen.

Bei den Red Devils braucht man nach einem möglichen Pogba-Abgang einen Spieler, der Solskjærs Offensive tragen kann. Von Uniteds Offensivspielern traf jeder Spieler nur ein einziges Mal von außerhalb des Strafraums und kein einziges Mal fand ein Freistoß seinen Weg direkt ins Tor.

Zudem fehlt es an einem Verbindungsspieler, der sich zwischen den Linien zeigt und Rashford & Co. in Szene setzen kann. Der Portugiese wäre hierfür prädestiniert und würde wie die Faust aufs Auge passen.


Goalimpact ordnet den begehrten Portugiesen derzeit „nur“ unter die 200 besten Spieler der Welt ein.

Ähnlich sieht es bei den Spurs aus, die nun endlich wieder Geld in die Hand nehmen (dürfen), jetzt wo das neue Stadion endlich fertig ist. Fällt Eriksen weg und gehen wir davon aus, dass Neuzugang Ndombélé wie geplant als hochstehender Achter spielen wird, braucht es einen Ideengeber für die Offensive.

Bruno Fernandes ist auch hier der perfekte Spieler für die Probleme des Teams. Er ist aktuell der Spieler, der Eriksen am meisten ähnelt und könnte genau wie der Däne bei Bedarf auch auf dem Flügel spielen.

Die kolportierte Ausstiegsklausel von 100 Millionen Euro würde ein Interessent wohl nur im absoluten Ausnahmefall ziehen. Denn obwohl der 24-jährige Mittelfeldspieler die Liga NOS dominierte wie kaum ein Zweiter, bestehen Zweifel. Zweifel, ob er das Geld tatsächlich wert ist.

Schließlich ist es dann doch nur die Liga NOS, die bestenfalls auf dem Niveau der Ligue 1 ist. Es besteht aber kein Zweifel daran, dass für ihn ordentlich Geld auf den Tisch gelegt werden muss.

Darüber hinaus muss Fernandes noch unter Beweis stellen, auch gegen die besten Klubs des Kontinents bestehen zu können. In den europäischen Wettbewerben glänzte er bisher vor allem gegen schwächere Gegner.

Gerade weil Bruno Fernandes einen ungewöhnlichen Karriereweg hinter sich hat, und sich schon in verschiedenen Situationen durchsetzen konnte, ist ihm diesmal der große Sprung zuzutrauen.

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