Als „eines der wenigen Dinge, die unser Leben rechtfertigen,“ beschrieb der Journalist und Menschenrechtler Osvaldo Bayer den Superclásico und traf damit das Gefühl vieler Argentinier. Seit einer Woche gibt es in dem krisengeschüttelten Land nur noch ein Thema: das Finale der Copa Libertadores zwischen den Boca Juniors und River Plate.

Zum ersten Mal in der 58-jährigen Geschichte des größten sportlichen Wettbewerbs des lateinamerikanischen Kontinents treffen die beiden Erzfeinde im Finale aufeinander. Doch neben der Vorfreude auf das vielleicht stimmungsvollste Fußballspiel der Welt steht die Furcht vor Gewaltexzessen in Buenos Aires.

Bosteros vs. Gallinas

Schon 1913, beim ersten Aufeinandertreffen der beiden im Hafenviertel „La Boca“ gegründeten Vereine, flogen die Fäuste. Als River dann zwanzig Jahre später vom armen Gründungsort in das vornehme Núñez zog, war die Feindschaft endgültig besiegelt.

Boca, das Team der armen Arbeiter und Tagelöhner stand nun einem Klub gegenüber, dessen Anhänger zur reichen Mittel- und Oberschicht gehörten.

Diese blickten auf ihre Rivalen vom Hafen mit Verachtung herab. Zum Beispiel verhöhnten sie ihre Widersacher als Bosteros, nach den städtischen Angestellten, die die Straßen der argentinischen Hauptstadt vom Pferdekot befreien mussten. Umgekehrt etablierte sich der Spitzname Gallinas, um die Fans von River als Feiglinge zu verspotten.

In den folgenden Jahrzehnten eilten die beiden Vereine von Erfolg zu Erfolg und wurden dadurch zu strahlkräftigen Symbolen des argentinischen Fußballs. Doch nicht nur auf dem Platz wurde die Rivalität immer erbitterter. Mit dem Aufkommen der barra bravas, der berüchtigten Fangruppen, rückte Gewalt in den Mittelpunkt der Auseinandersetzungen.

Boca-Fans präsentieren geklaute Fahnen (Foto: Wikimedia)

 

Als Ursprung der legendären Stimmung in den Stadien werden diese Banden von den Vereinen bis heute protegiert, doch quasi seit ihrer Gründung sind sie verantwortlich für Drohungen und Attacken auf Spieler, Fans und Unbeteiligte. Häufig wurde ihnen sogar vorgeworfen, sich als Schlägertrupps für Politiker anheuern zu lassen.

Personen wie Miguel Barrita, Anführer von Bocas Barra La Doce, wurden zu landesweit bekannten Medienfiguren und erlangten nicht zuletzt durch Merchandiserechte der Vereine einen gewissen Wohlstand.

Die Opferorganisation Salvemos al Futbol zählt bis zum 04. November 2018 insgesamt 328 Menschen, die durch Gewalttaten rund um Profifußballspiele in Argentinien starben. Kein Wunder ist also, dass im Hin- und im Rückspiel keine Gästefans zugelassen sind. Die Angst vor Straßenschlachten lindert das trotzdem nicht.


Das Duell

Auch ohne Gästefans wird die Stimmung in den Stadien fantastisch sein. Weil in der Copa Libertadores das Finale mit einem Hin- und einem Rückspiel ausgetragen wird, kommen beide Vereine in den Genuss eines Heimspiels. Umso unberechenbarer wird da der sportliche Ausgang der Duelle, spielen doch besonders beim Superclásico Emotionen seit jeher eine große Rolle.

Vor drei Jahren, das letzte Mal als die beiden sich in der Copa gegenüberstanden, gewann River am grünen Tisch. Im Spielertunnel der Bombonera wurde Pfefferspray freigesetzt, einige Spieler der Gäste verletzten sich, das Spiel wurde abgebrochen, River zog in die nächste Runde ein. Am Ende waren sie sogar zum dritten Mal in der Vereinsgeschichte die Sieger des Wettbewerbs.

Für viele River Fans heilte das die Wunde aus dem bis dahin letzten Aufeinandertreffen auf internationalem Parkett. Im Hinspiel des Halbfinals der Copa Libertadores 2004 wurde ihr heutiger Trainer Marcelo Gallardo vom Platz gestellt und Boca gewann mit 1:0.

Doch im Rückspiel lief es anders: Kurz nach der Pause flog Bocas Fabian Vargas für ein rüdes Foul vom Platz und Rivers Lucho Gonzalez markierte die erlösende Führung. River wähnte sich auf der Siegerstraße, doch nach einer kontroversen Roten Karte für ihren Youngster Rubens Sambueza, der auch noch einen Feldverweis für den wütenden Trainer Leo Astrada nach sich zog, kippte das Spiel.

Es verletzte sich Ricardo Rojas, doch River hatte bereits drei Wechsel vorgenommen und musste das Spiel in doppelter Unterzahl zu Ende bringen. Sechs Minuten vor Schluss schlug dann die Stunde des jungen Boca-Angreifers Carlos Tevez, der das entscheidende Tor zum Finaleinzug erzielte.

Er feierte den Treffer, indem er sich seines Trikots entledigte und wie verrückt den Flügelschlag eines Huhns nachahmte. Eine Referenz an den spöttischen Spitznamen der River Fans. Huhn bedeutet auf Spanisch la gallina. Seither besitzt Tevez, genannt el apache, Kultstatus in der Gefolgschaft der Boca Juniors.

(Foto: Wikimedia)

Es ist wenig überraschend, dass Rivers Trainer Gallardo sich an dieses Spiel ungern erinnert und zu Protokoll gab: „Niemand kann Geschehenes ungeschehen machen, doch jetzt schreiben wir eine ganz neue Geschichte, eine neue Seite in diesem Buch. Es wird an uns liegen, die Geschichte fortzusetzen.“


Die Mannschaften

Bei diesem Vorhaben kann Gallardo personell aus dem Vollen schöpfen, stehen ihm doch alle Stammspieler zur Verfügung.

Für deutsche Zuschauer ist dabei sicherlich besonders interessant, Javier Pinola in der Startformation zu erblicken. Trotz seinem DFB-Pokal-Sieges mit dem 1.FC Nürnberg steht dem 35-Jährigen im hohen Fußballalter sein größtes Spiel jetzt erst bevor. Letzten Samstag führte er River in der Liga sogar als Kapitän auf den Platz.

Die Stars im Team sind Nationalkeeper Franco Armani, der Kolumbianer Juan Fernando Quintero und allen voran Gonzalo „Pity“ Martinez, der in den letzten beiden Spielen gegen den Rivalen traf.

Beim Gegner ruht die Aufmerksamkeit vor Allem auf Carlos Tevez, der nach seiner zweiten Rückkehr in die Bombonera einer der Hauptfaktoren für die zweite Meisterschaft in Folge war.

Die weiteren Schlüsselspieler im Team von Trainer Guillermo Barros Schelotto sind derweil der Innenverteidiger Lisandro Magallan, der zuletzt überragende Wilmar Barrios, der uruguayische Nationalspieler Nahitan Nandez und natürlich Cristian Pavon, dem eine große Karriere prophezeit wird.

Ein Ausblick

In der Liga stehen beide nach einem durchwachsenen Saisonstart im Mittelfeld. Das Augenmerk galt in den letzten Wochen ganz klar der Copa Libertadores. Das letzte Aufeinandertreffen konnte River mit 2:0 für sich entscheiden, dafür zogen die Boca Juniors wesentlich souveräner ins Finale ein.

Über zwei Partien setzte sich der argentinische Meister mit 4:2 gegen Palmeiras durch. River hingegen verlor das Hinspiel gegen Gremio und war im Rückspiel auf die großzügige Mithilfe des Schiedsrichters angewiesen, der den Argentiniern nach Videobeweis in der 95. Minuten einen sehr zweifelhaften Handelfmeter zugesprochen hatte.

La Bombonera (Foto: Wikimedia)

Boca ist offensiv stärker einzuschätzen als der Gegner, sie schießen insgesamt mehr Tore, die sich fast gleichmäßig auf ihre insgesamt neun eingesetzten Stürmer verteilen. Ob ihnen das in den beiden Finalspielen auch gelingen wird, ist fraglich: River Plate muss im Schnitt nur in jedem zweiten Spiel einen Gegentreffer hinnehmen.

Der einzige klare Vorteil für eins der beiden Teams ist die Sperre von River Trainer Gallardo, der im Hinspiel nicht die Katakomben und den Innenraum des Stadions betreten darf. Er hatte als bereits für das Halbfinale gegen Gremio gesperrt gewesen war, unerlaubt den Kontakt zu seiner Mannschaft gesucht und die Kabine betreten.

Für das erste Spiel, das Boca auch noch zuhause austragen darf, befinden sich die Gastgeber also in einer leichten Favoritenrolle. Kleine Vorteile, die einen Unterschied machen können – aber nicht müssen. Am Ende entscheiden Tagesform, Willensstärke und sicher auch Glück.

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Till
Written by Till
schreibt hauptsächlich über La Liga. Nicht zuletzt um sich vom 1. FC Union abzulenken.