Im Fußball sind große Freude und tiefer Schmerz oft nicht weit voneinander entfernt. Am 01. Mai im Estadio Santiago Bernabeu waren es nicht einmal zehn Meter. Während Sven Ulreich in sich zusammensinkt, feiert Karim Benzema, mit seinem zweiten Tor im Rückspiel des Halbfinals der Königsklasse, seine Versöhnung mit den kritischen Fans der Merengues.

In den vergangenen Monaten wurde er mehrmals ausgepfiffen und einige Journalisten hatten vehement seinen Abgang gefordert.

Ihm wurde vorgeworfen nicht gut genug zu sein, um weiter das Trikot von Real Madrid zu tragen und das obwohl er in seinen neun Jahren im Verein 192 Tore schoss und zwei Mal Spanischer Meister und 3 Mal Champions-League-Sieger wurde.

Beispielhaft für die Karriere eines Spielers, der stets die öffentliche Meinung gespalten hat. Benzema ist anders als die Anderen.

Bis heute lässt ihn seine Herkunft aus der Banlieue nicht los. Obwohl er Millionen verdient, mittlerweile seit neun Jahren in Madrid spielt, bezeichnet er Bron, einen Vorort von Lyon, noch immer als Heimat. Ein Ort, den er schon früh verlassen hat, als sein Vater den Sohn aus Angst vor einer drohenden kriminellen Karriere ins Internat von Olympique Lyon schickte.

 

Benzema und die berühmte Lyon-Akademie

In seiner Zeit in der Akademie von Lyon sorgte er gemeinsam mit Hatem Ben Arfa schnell für Furore. Beide waren sie 1987 geboren und beide galten als kommende Stars. Ihr Ruf eilte Ihnen voraus, was dazu führte, dass beide fester Bestandteil der französischen Jugendnationalmannschaften wurden.

Im Jahr 2004 bildeten sie gemeinsam mit Samir Nasri und Jeremy Menez eine eindrucksvolle Offensive, die die U17-Europameisterschaft im eigenen Land erringen konnte. Die Generation 87 galt als würdiger Nachfolger der legendären Weltmeistermannschaft um Zinedine Zidane.

Ein halbes Jahr später feierte der junge Stürmer sein Debüt beim damaligen Serienmeister der Ligue 1. Nach einer Vorlage bei seinem Debüt dauerte es noch ungefähr ein Jahr, bis er das erste Tor im Herrenbereich erzielen konnte.

Spätestens ab jetzt galt er als das größte Talent in den Reihen von Les Gones. Bis zu seinem Wechsel zu Real Madrid im Sommer 2009 verbuchte er 66 Scorerpunkte, war Torschützenkönig, wurde zum besten Spieler der Liga gewählt und hatte damit Anteil an vier französischen Meisterschaften für OL.

Doch trotz dieser beeindruckenden Erfolge, die er trotz seines jungen Alters von erst 21 Jahren bereits sammeln konnte, war er in Frankreich nicht allerorts beliebt. Als er 2008 zum ersten Mal in die Nationalmannschaft berufen werden sollte, zogen seine Kommentare dazu eine öffentliche Debatte nach sich.

Er freute sich zwar über die Einladung, diktierte den Journalisten aber auch: „Frankreich ist für Sport, meine Heimat ist Algerien.“ Außerdem verzichtete er darauf die Marseillaise zu singen. Ein Dilemma, dass er mit vielen Einwanderkindern im Land teilt, aber in der patriotischen französischen Gesellschaft für einigen Unmut sorgte. Er bekam den Stempel des Söldners aufgedrückt.

Benzemas Karriere in der Nationalmannschaft stand nie unter einem guten Stern. Sein erstes Turnier, die EM in Österreich und der Schweiz, endete mit dem ernüchternden Vorrundenaus. Ganz anders lief es auf Vereinsebene.

 

Wechsel zu den Königlichen

Zwar hatte er sich in Lyon stets wohlgefühlt, doch ein Jahr nach der WM erreichte ihn ein Angebot seines absoluten Traumvereins. Real Madrid war bereit 35 Millionen Euro für die Dienste des Sturmjuwels zu bezahlen und Jean-Michel Aulas, Lyons charismatischer Präsident, lies Benzema ziehen. Bei den Königlichen traf der Stürmer zum ersten Mal auf sein Idol Zinedine Zidane, der ihn direkt unter seine Fittiche nahm.

Benzema und „Zizou“ verbindet vor Allem ihre Herkunft. Sie gingen einen ähnlichen Weg heraus aus den Elendsvierteln, durch Jugendakademien bis in die Nationalmannschaft und Ihre Familien stammen aus derselben Region in Algerien.

Sportlich war das erste Jahr in der spanischen Hauptstadt allerdings kein Erfolg für den Stürmer. Trotz weiteren Neuzugängen wie Kaka und Cristiano Ronaldo war Real nicht in der Lage Guardiolas Barcelona den Meistertitel streitig zu machen.

Benzema hatte Anpassungsschwierigkeiten und litt unter dem mangelnden Vertrauen seines Trainers Manuel Pellegrini, der lieber auf Gonzalo Higuain in der Sturmspitze setzte. Infolgedessen verpasste Stürmer die Weltmeisterschaft in Südafrika, entging auf diesem Weg allerdings auch der erneuten Blamage des französischen Teams.

Als wären diese sportlichen Probleme nicht genug, geriet er in die Fänge des ersten großen Skandals seiner Karriere. Zahia Dehar, ein Escort-Girl, beschuldigte Benzema und seinen Nationalmannschaftskollegen Franck Ribery mit ihr geschlafen zu haben. Eigentlich kein Problem, doch die junge Frau war zum Zeitpunkt der Zusammenkunft minderjährig.

Während Ribery bestritt das gewusst zu haben, dementierte Benzema überhaupt mit ihr im Kontakt gestanden zu haben. Obwohl beide später vor Gericht freigesprochen wurden, war das Urteil im französischen Boulevard schnell gefällt. Öffentliche Forderungen die beiden sollten niemals wieder in der Nationalmannschaft spielen, gehörten zur Tagesordnung.

Trotzdem wurde er, nachdem seine Leistungen unter Mourinho bei Real explodierten, von Laurent Blanc nun wieder regelmäßig in die Nationalmannschaft eingeladen. Real spielte 2012/2013 eine Rekordsaison und errang endlich den ersten Meistertitel seit den Investitionen im Sommer 2009. In Madrid wurde Benzema zu Cristiano Ronaldos liebsten Mitspieler und eine geachtete Größe in der Mannschaft. Zuhause in Frankreich lief es weiter nicht rund.



Eine lange Durststrecke in der Nationalmannschaft führte sogar zu Pfiffen im Stade de France. Doch als Benzema diese endlich beenden konnte, wurde dem Star auch in Frankreich große Zuneigung zuteil. Das ganze Stadion rief seinen Namen, nach unzureichenden Leistungen und vergangenen Diskussionen um ihn, schienen die Franzosen ihren Frieden mit dem eigenwilligen Angreifer zu schließen.

Die größte Prüfung seiner Karriere stand ihm allerdings noch bevor. Nach der legendären La Decima und einer ordentlichen WM in Brasilien, gilt alle Konzentration der Europameisterschaft in Frankreich. Benzema möchte unbedingt zwölf Jahre nach dem Triumph mit der Generation 87, endlich seinen ersten Titel mit der Seniorennationalmannschaft gewinnen.

 

Der nächste große Skandal

Im Oktober 2015 folgte der große Knall. Benzema wurde verhaftet und verbrachte eine Nacht in Untersuchungshaft. Sein Teamkollege Mathieu Valbuena wurde mit einem Sextape erpresst. Das Video, von Valbuena selbst aufgenommen, war in die Hände von Verbrechern gefallen, die 150.000 Euro für die Vernichtung forderten.

Der Hauptverdächtige, Karim Zenati, stammt wie Benzema aus Bron. Die beiden waren schon in ihrer Jugend befreundet, doch während der eine zum Weltstar wurde, saß der andere ganze neun Jahre hinter Gitter. Die französischen Behörden werfen dem Stürmer vor der Erpressung beteiligt gewesen zu sein. Angeblich hat er während des Trainings der Nationalmannschaft seinen Kollegen Valbuena unter Druck gesetzt und wollte ein Treffen mit einer Person vermitteln, die in der Lage gewesen sein soll, das Video zu beseitigen.

Das Urteil der Öffentlichkeit ist schnell klar, Benzema gilt als schuldig. Immerhin musste er eine Nacht im Gefängnis verbringen und seine Freundschaft zu Zenati war bestens dokumentiert. Als dann schließlich auch noch ein 20-minütiges Telefongespräch über seine Unterhaltung mit Valbuena öffentlich wurde, stieg der öffentliche Druck auf den Verband ins Unermessliche.

Bis auf weiteres wurde Benzema aus der Nationalmannschaft ausgeschlossen. Er selbst war sich keiner Schuld bewusst – in einem Exklusivinterview mit dem französischen Fernsehen gab er zu Protokoll, dass er Valbuena nur helfen wollte. Desweiteren hätte er, Karim Benzema, in den vergangenen Jahren genug verdient, dass keiner seiner Freunde es jemals wieder nötig habe kriminelle Handlungen zu begehen.

Bis heute verweigert Benzema eine Entschuldigung für sein Gespräch mit Valbuena. Verurteilt wurde er nie. Trotzdem wurde er seither nicht mehr zur französischen Nationalmannschaft eingeladen. Der öffentliche Druck ist zu groß. Über 80 Prozent der Franzosen haben sich in einer Umfrage gegen eine Rückkehr in die Equipe Tricolor ausgesprochen.

Dem Team geht damit einer der spielstärksten Stürmer der Welt verloren. Obwohl die Probleme in Frankreich Benzema offensichtlich auch auf dem Spielfeld beeinträchtigt haben, konnte er seit der Sex-Tape-Affäre zu einer spanischen Meisterschaft und zwei aufeinanderfolgenden Champions Leagues beitragen.

Obwohl sich seine Torquoten nicht in den Sphären von Kollegen wie Harry Kane, Robert Lewandowski oder Luis Suarez bewegen, ist er aus Real Madrids Aufgebot weiterhin nicht wegzudenken. Er spielt mit seinen Zuspielen und unermüdliche Laufarbeit eine wichtige Rolle bei Cristiano Ronaldos Transformation vom Flügelspieler zum Mittelstürmer.

Dass er auch selbst als Vollstrecker noch eine Waffe ist, mussten die Bayern mit Sven Ulreich erst Anfang dieses Monats schmerzlich feststellen. Nachdem ihm der Weg zu Weltmeisterschaft in Russland nach Deschamps Nominierung endgültig versperrt ist, wird er umso mehr motiviert sein Europas Thron zu verteidigen.

Ein vierter Triumph in der Königsklasse würde helfen die Wunden der vielen verpassten Chancen und der fehlenden Wertschätzung in seiner Laufbahn zu schließen.

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Till
Written by Till
schreibt hauptsächlich über La Liga. Nicht zuletzt um sich vom 1. FC Union abzulenken.