Dass Frankreich in den letzten Jahren in Sachen Jugendausbildung viel richtig gemacht hat, ist hinlänglich bekannt. Zahlreiche Talente überströmen nicht erst seit dem WM-Titel im Sommer den Kontinent. Der neuste Emporkömmling spielt aktuell bei Olympique Lyon und schickt sich an, aus dem ohnehin schon talentierten Pool herauszuragen.

OL weiß einfach wie es geht

Französische Vereine, die nicht PSG oder neuerdings auch Marseille heißen, sind ein Stück weit darauf angewiesen auf junge Talente zu setzen. Im Wettbieten um Starspieler und vermeintlich erfahrene Leistungsträger können viele Vereine schlichtweg nicht mehr mithalten.

Das Setzen auf die Jugend ermöglicht es Vereinen wie OL parallel zum Transferwahnsinn ihre eigenen Mannschaften aufzubauen. Und das alles für günstige Summen. Solange die großen europäischen Vereine weiterhin den Geldbeutel öffnen, stimmt auch die Rendite. In einer perfekten Welt behalten diese Clubs einfach ihre Talente und alle sind glücklich.

AS Monaco ist hier das schillernde Beispiel, wie man Erfolg mit kontinuierlicher Jugendarbeit verbinden kann. Lyon ist da vielleicht noch eine Stufe tiefer angesiedelt, weil sie in jüngster Vergangenheit international weniger erfolgreich waren.

Wer unseren Blog schon länger verfolgt, weiß, dass wir große Fans von Lyons Jugendarbeit sind. So brachte die Jugendakademie u.a. Spieler wie Benzema, Lacazette, Umtiti oder in der jüngsten Vergangenheit Fekir, Tolisso und Aouar hervor.

Zwar stammt Ferland Mendy nicht direkt aus der Jugendabteilung Lyons, dennoch bewies der Club einmal mehr sein tolles Gespür für Talente. Es ist schlichtweg beeindruckend, wie konsequent man es schafft in der Rhône-Alpes-Region Jahr für Jahr eine schlagkräftige Truppe mit Youngstern aufzubauen.

Der aktuelle Kader von Les Gones besitzt ein Durchschnittsalter von 24 Jahren. Einzig die Innenverteidiger Marcelo (31) und Jérémy Morel (34) heben den Schnitt. Überhaupt sind sie die einzigen Ü-30-Spieler im Kader der Lyonnais.

Im Sommer erwirtschaftete man sich erneut ein Plus von knapp 50 Mio.€. Die Verkäufe von Mariano Díaz, Geubbels und Diakhaby brachten ordentliche Summen ein. Ersatz suchte man wie immer in jungen Spielern. Moussa Dembélé kam kurz vor Transferschluss von Celtic, zusätzlich verpflichtete man Lenny Pintor von Stade Brest. Der 18-Jährige soll dem Vernehmen nach nicht minder talentiert sein als Geubbels oder andere Talente seiner Altersklasse.

Ansonsten ist der Kader gespickt mit interessanten Spielern, die aktuell ihren Zenit erreichen (Fekir, Depay, Lopes). Hinzukommen Spieler wie Ndombélé, Tousart oder der vor kurzem verpflichtete Dembélé, die auf dem Sprung zur internationalen Klasse sind. In diese Kerbe schlägt auch Ferland Mendy.

Eine Mischung aus Marcelo und Jordi Alba

Im letzten Sommer transferierte die Lyonnais für eine geringe einstellige Millionensumme den Linksverteidiger aus Le Havre an die Rhône. Beim Zweitligisten feierte er in der Saison 2014/15 sein Debüt. Im Kader Le Havres benötigte Mendy noch eine Saison, ehe er 2016/17 als Stammspieler durchstartete. 50 Spiele mit acht Torbeteiligungen waren für Lyon Grund genug, den damals 22-Jährigen zu bezahlen.

Im Team von Bruno Génésio angekommen, brauchte der Franzose gut ein halbes Jahr, ehe er sich zu einer festen Größe entwickeln konnte. Seit Mitte Januar 2018 hat sich Mendy seinen Stammplatz auf der linken Seite erkämpft und nahm einen kometenhaften Aufstieg hin.

Seine Leistungen wurden auch außerhalb Frankreichs mit Interesse verfolgt. So soll u.a. Barça an ihm interessiert gewesen sein. Lyon erkannte bereits im Juli die Signale und verlängerte prompt mit Mendy bis 2023. Ein kluger Schachzug, denn der Franzose dürfte innerhalb der nächsten zwei Jahre für deutlich mehr Geld über den Ladentisch gehen.

Schließlich suchen aktuell viele Spitzenclubs nach einem Stammlinksverteidiger bzw. nach einem überdurchschnittlich starken Backup. Siehe Arsenal oder eben Barça. Der 23-Jährige hätte mit seiner Spielweise das Potenzial für beide Ligen.

Lest auch „LYONS NEUER ROHDIAMANT“. Hier gehts zum Text.

Auf den ersten Blick ist er ein enorm spektakulärer Linksverteidiger, der über sein Tempo kommt. Auf den ersten Blick. Ihn aber nur auf dieses Attribut zu beschränken wäre Frevel. Mendy ist ein überaus vielseitiger Linksverteidiger, der sein Tempo clever in sämtlichen Zonen einbringen kann.

Dabei ist er sowohl in der tiefen Ballzirkulation ausreichend passsicher und pressingressistent. In diesen Situationen sieht man ihn häufig, wie er kurze Doppelpässe mit dem Flügelspieler spielt und anschließend dynamisch den Weg nach vorn sucht. Hierbei ist er allerdings nicht immer auf den „äußeren“ Weg beschränkt.

Der Lyon-Star spielt kaum nach einem festen Muster. Er besitzt den Mut auch in den Halbraum zu dribbeln, wenn es die Situation hergibt. Insbesondere beim Übergang ins zweite Spielfelddrittel greift er gerne auf diese Bewegung zurück. In dieser Hinsicht erinnert er ein wenig an Reals Marcelo.

Wie der Brasilianer eignet sich Mendy sehr gut, um ein hohes Pressing an der Seitenlinie auszuhebeln. Er kann den Gegner mit einer Aktion aussteigen lassen und das Tempo der Partie schlagartig verändern. In Sachen Tricks und teils waghalsigen Aktionen steht er Marcelo in nichts nach. Man sieht den Franzosen vereinzelt Zuspiele mit der Hacke oder Pirouetten drehen, um sich aus der Enge zu befreien.

Schafft er es einmal nicht, diese Zonen per Dribbling oder Kurzpässen zu durchbrechen, hat er auch dafür stets die passende Lösung. Vielfach sieht man Mendy das Spiel klug verlagern. Nicht etwa zurück zum Torhüter oder blind auf den Rechtsaußen. Erkennt er offene Passkanäle, spielt er vornehmlich Halbraumverlagerungen in vom Gegner unterbesetzte Zonen.

Dabei beschränkt sich der 23-Jährige keineswegs auf seinen linken Fuß, sondern versucht variabel zu sein. Mit dem vermeintlich schwächeren Rechten ist er ebenso in der Lage, komplizierte Situationen aufzulösen.

95% aller Linksfüßer hätten den Ball blind irgendwohin gespielt. Mendy spielt ihn mit dem schwächeren Rechten zu Ndombélé am Mittelkreis.

Sein spielmachendes Element setzt er auch bei Vertikalpässen ein. So spielt er gerne Schnittstellenpässe, um seine Vorderleute in Szene zu setzen und die letzte Linie zu attackieren. Diese Bälle spielt er allerdings häufig aus dem Stand, was ihn insofern gefährlicher macht, als dass er aus dem Nichts solche Situationen kreieren kann. Hinzu kommt, dass diese Bälle mit einer guten Gewichtung gespielt werden, wodurch sie für die Stürmer leichter zu verarbeiten sind.

In höheren Zonen reagiert Mendy ebenfalls flexibel auf die ihm sich bietenden Situationen. Mal attackiert er über den Halbraum, mal sucht er den Durchbruch über außen. Konstant ist hingegen sein dynamisches Eindringen ins letzte Drittel. Dabei wirkt er aber keineswegs überdreht. Er kann sein Tempo sehr gut der Situation anpassen und rennt nicht einfach blind drauf los.

Frankreichs neue Geheimwaffe

Dadurch ist er in der Lage spät am Angriff teilzunehmen und, ähnlich wie Jordi Alba es bei Barca tut, Flanken von der Grundlinie aus zu schlagen. Mendy besitzt einen ungeheuren Antritt und ist auch auf den letzten Metern eine Rakete. Das macht ihn in dieser Rolle zu einem der gefährlichsten Spieler auf der linken Seite. Da der Lyon-Star zusätzlich eine gute Ausdauer besitzt, kann er diese Läufe kontinuierlich vollziehen.

Durch den Halbraum zeigt er sich etwas weniger raumgreifend. Seine Dribblings wirken teils brachial, aber keineswegs ungestüm. Nach einem Schlenker sucht er meist das Abspiel oder zieht aus der Ferne ab. Ebenfalls eine Stärke Mendys, da seine Schusstechnik ein wenig an die von Marco Reus erinnert. Der Ball hat meist wenig Spin und fällt spät herunter.

Defensiv hat er – was die spektakulären Aktionen anbelangt – noch Luft nach oben: In der vergangenen Saison brachte er es auf 1 Interception und 1,74 klärende Aktionen pro Spiel. Dafür führte er die sechstmeisten Duelle, von denen er 70% gewann. Der 23-Jährige wird von vielen in dieser Hinsicht stark unterschätzt, da er mit seiner Statur ein wenig schlaksig wirkt.

Das muss allerdings kein Nachteil sein. Ferland Mendy bringt bei 1,78m Körpergröße 72 Kg auf die Waage. Benjamin Mendy, mit dem er allerdings nicht verwandt ist, aber dennoch bei Le Havre ausgebildet wurde, wiegt bei 1,83m Körpergröße 85 Kg. Dadurch muss der City-Verteidiger wesentlich mehr Kraft aufbringen, um seine Masse in Schwung zu bringen.

Folglich ist er verletzungsanfälliger und sein Kreuzbandriss im vergangenen Sommer dürfte (leider) nicht die letzte schwerwiegende Verletzung gewesen sein. Der Typ ist einfach ein Kraftpaket sondergleichen, wirkt aber nicht so elegant und technisch raffiniert wie der OL-Star.

Frankreich hat jedoch mit Benjamin und Ferland nicht nur zwei hervorragende Linksverteidiger, sondern auch zwei so starke Mendys, dass Barry Manilow seinen Hit umschreiben sollte.

Für mich ist Ferland Mendy mittel- bis langfristig die bessere Variante für die französische Auswahl. Er ist weitaus kreativer und kann diverse taktische Rollen besser einnehmen. Sogar jene Rolle, die Benjamin Mendy aktuell bei City einnimmt, wo er vornehmlich den Halbraum attackiert, dürfte Ferland eher liegen. Aber das ist Kritisieren auf hohem Niveau.

Lyon tat gut daran, sich die Dienste ihrer neuen Linksverteidiger-Rakete langfristig bis 2023 zu sichern. In den nächsten Jahren dürften sie aber nicht um einen Weiterverkauf Mendys herum kommen. 

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Written by Sascha
Ist für Taktikanalysen, Scoutingberichte und schlechte Wortspiele zuständig. Eigene Grammatik ist so ausbaufähig wie Swanseas letztjährige Tabellenplatzierung – und entsprechend ist hier keine Aussicht auf Besserung.