Dass eine Karriere kein Plattenbau ist, sondern eine Pyramide, wusste schon Bernd Stromberg. Dass Karriere aber vor allem ein Auf und Ab ist, erwähnte der Büro-Visionär hingegen nicht.

Viele der Fußballerkarrieren wirken mitunter wie ein Märchen und man hat von außen das Gefühl, als wäre es für einige Stars nur bergauf gegangen. Dem ist aber nicht so. Spitzensportler und insbesondere Fußballer müssen sich schon zu einem frühen Zeitpunkt in ihren Karrieren gegen eine Vielzahl von Kontrahenten durchsetzen.

Da verwundert es kaum, dass einige von ihnen eingebildet wirken. Noch mehr Konkurrenzkampf herrscht bei den Torhütern. Schließlich kann nur einer im Tor stehen und der Trainer muss sich auf einen festlegen.

Da ist es selbst für einen jungen Keeper, dessen Vater einer der besten Torhüter aller der Premier League ist, nicht einfach. Die Rede ist natürlich von Kasper Schmeichel – logisch, deswegen prangt er auch auf dem Titelbild.

„Who the f*** is this kid?”

Als Sohn eines ehemaligen Weltklassefußballers hat man es nicht so leicht, wie manchmal suggeriert wird. Stetig wird man mit dem Herrn Papa verglichen, dass man ihn ähnle und doch in seine Fußstapfen treten könne.

Die prominentesten Beispiele sind sicherlich Cesare und Paolo Maldini oder Paul und Kenny Dalglish. Dass Kasper Schmeichel auch nur im Entferntesten in die Fußstapfen Handschuhe seines Vaters schlüpfen würde, war vor über zehn Jahren kaum zu erahnen.

Als gebürtiger Däne spielte er nie für ein dänisches Team, da er bei der Auswahl seiner Jugendvereine auf den Arbeitsort seines Vaters angewiesen war. Das war in seiner frühen Kindheit England und zwei Jahre lang war es Portugal, ehe es wieder zurück auf die Insel ging.

So war es nicht verwunderlich, dass seine ersten beiden (dokumentierten) Jugendvereine Estoril und Manchester City waren. Als 15-Jähriger spielte er bei einem Probetraining für die Citizens vor.

Kasper Schmeichel stellte sich darauf ein, ein paar Schüsse zu parieren und bestenfalls mit dem Reserveteam ein paar Runden zu drehen. Stattdessen winkte ihn der damalige Trainer Kevin Keegan zu sich: „Kasper, stell dich ins Tor!“

Es war ein 7-gegen-7-Abschlussspiel. Eyal Berkovic, immerhin einer der Erfahrensten im damaligen Team, hörte während der Partie plötzlich auf und schrie Keegan lauthals an: „Who the f*** is this kid?“

Laut eigenen Aussagen schlug sich Schmeichel recht wacker. Im Anschluss hieß es, er müsse noch zu einem kurzen Torschusstraining mit Nic.

„Nic“ war der Spitzname für einen gewissen Nicolas Anelka. Um es kurz zu machen: Er hat dem jungen Nachwuchskeeper nicht den Hauch einer Chance gelassen. Dennoch muss Schmeichel bei den Verantwortlichen einen so guten Eindruck hinterlassen haben, dass sie ihm einen Jugendvertrag gaben.

Abstiegskampf in der vierten Liga

In einer perfekten Fußballwelt hätte er sich wohl bei den Citizens durchgesetzt und sich mit Joe Hart, der im gleichen Alter wie er ist, einen Konkurrenzkampf geliefert. Stattdessen gingen beide ungewöhnliche Karrierewege, die mit Premier-League-Titeln gekrönt wurden.

Der Däne verdiente sich seine ersten Pflichtspieleinsätze nicht etwa bei den Skyblues. Im Januar 2006 wurde er für vier Spiele zum FC Darlington verliehen. Einen Monat später wurde er abermals in die League Two verliehen, diesmal zum FC Bury.

Eine für ihn sehr prägende Zeit, da er mit gerade einmal 19 Jahren bereits gegen den Abstieg spielte und ihm dort nichts geschenkt wurde. Beim Training kam es schonmal vor, dass Hunde über den Platz rannten oder Flaschen im Torraum lagen.

Da man bei Manchester City sah, dass sich der junge gut entwickelte, ließ man ihn noch eine weitere Halbserie in der vierten englischen Liga spielen. Im Januar 2007 folgte der Wechsel zum FC Falkirk in die schottische Liga.

Ein junger Kasper Schmeichel im Trikot von Falkirk. Quelle: SNS Group.

Die Duelle gegen Celtic und die Rangers sollten sich für den damals 20-Jährigen als Richtungsweisend herausstellen. Zwar war er noch keine Erscheinung wie sein Vater, dennoch machte er schmächtige Däne seine Sache ordentlich und hielt gegen Celtic einen immens wichtigen Elfmeter.

Bei Falkirk avancierte er zum Publikumsliebling und wollte sogar von sich aus noch eine weitere Saison bleiben.

Machen wir einen Zeitsprung von zehn Jahren. Aus dem schmächtigen Schlussmann ist ein gestandener Keeper geworden, der ebenso wie sein Vater die Premier League gewonnen hat.

Es ist der 14. März 2017 und Leicester City, die im Vorjahr sensationell Meister wurden, stehen im Achtelfinalrückspiel der Champions League dem FC Sevilla gegenüber.

Es ist die 80. Minute und vor wenigen Minuten schoss Marc Albrighton die Foxes mit seinem Tor ins Viertelfinale. Dann ein Pfiff. Elfmeter für Sevilla. Stephen Nzonzi tritt an.

Schmeichel, der wenige Zentimeter kleiner als sein Vater ist, bleibt lange stehen. Er hechtet in die von ihm aus linke untere Ecke – gehalten! Bei Leicester brächen alle Dämme!

Kasper Schmeichel entpuppte sich im Laufe seiner Karriere immer wieder als Torhüter für die großen Momente. Sei es gegen Arsenal, als er noch im Trikot der Skyblues, gegen Robin van Persie einen Elfmeter hielt. Sei es im Viertelfinale der Weltmeisterschaft, als er in der 115. Minute einen Strafstoß von Luka Modrić parierte.

Die Kameraleute fingen bei den Paraden gegen Sevilla und Kroatien immer wieder die Emotionen Peter Schmeichels ein, der mit hochrotem Kopf in der Loge jubelte. So ganz kann Kasper wohl nie aus dem Schatten seines Vaters heraustreten.

Dennoch ist er seinen eigenen Weg kompromisslos gegangen, wenn auch mit Umwegen. Der Leicester-Schlussmann ist eine Symbolfigur für höchste Professionalität und ein überaus fairer Sportsmann. Ganz gleich ob vor 5.000 Zuschauern in der vierten englischen Liga oder im vollen Ibrox-Stadium vor 50.000.

Selbst in einer der schwierigsten Zeiten seiner Karriere, behielt er die Ruhe und machte das beste aus der Situation: Im Sommer 2011 fragte ihn ein Teamkollege wütend, wieso um alles in der Welt er Leeds United verlässt.

Schmeichel wusste davon aber nichts. Leeds-Boss Ken Bates wollte ihn schlichtweg nicht mehr haben, obwohl er selbst gerne geblieben wäre. Schließlich war der Blondschopf bei all seinen Stationen ein Publikumsliebling.

Leicester wird es egal gewesen sein. Mit ihm holten sie sich einer der Leistungsträger der jüngeren Vereinsgeschichte und definitiv eine künftige Legende des Vereins. Zusammen mit Jamie Vardy ist er einer der wenigen, die nach der Meisterschaft 2016 ihre Klasse langfristig bei Leicester unter Beweis stellen konnten.

Die dänische Nationalmannschaft brachte er mit herausragenden Paraden bei der WM 2018 bis ins Viertelfinale, wo man letztlich an den Kroaten scheiterte. Folgerichtig wurde er im selben Jahr zur Wahl des Welttorhüters auf Platz 3 gewählt.

Gerade für junge Torhüter ist er ein perfektes Beispiel für Durchhaltevermögen und das Warten auf die richtige Chance. Manchmal kann ein Schritt zurück auch bedeuten, dass man zwei Schritte nach vorne macht.

Oder, um diesen Text mit Bernd Stromberg abzuschließen: „Sieht aus wie ein Sargdeckel, kann er auch ein Sprungbrett sein!“

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Written by Sascha
Ist für Taktikanalysen, Scoutingberichte und schlechte Wortspiele zuständig. Eigene Grammatik ist so ausbaufähig wie Swanseas letztjährige Tabellenplatzierung – und entsprechend ist hier keine Aussicht auf Besserung.