fbpx

„Außer Hickey könnt ihr alle gehen!“ – Stendel & der Abstieg der Hearts

Jonathan Obika reagierte am Schnellsten. Als sein Mannschaftskollege Ross Wallace einen langen Ball schlug, sprintete der Stürmer los und erreichte vor seinen beiden Gegenspielern den Ball.

Der 29-Jährige vom schottischen Erstligisten St. Mirren nahm den Ball mit der Brust an, lupfte ihn nach rechts am ersten Innenverteidiger der Hearts vorbei und schloss mit links ab, bevor der zweite Abwehrspieler ihn abblocken konnte.

Torwart Zdenek Zlámal blieb keine Chance mehr, als der Ball links unten ins Tor einschlug. Jubelnd drehte Obika Richtung Eckfahne ab, während die Heimfans in Paisley in Ekstase ausbrachen.

Beim Gegner herrschte dagegen Verzweiflung: Die Hearts verloren das Spiel beim Abstiegsrivalen mit 0-1 und fielen in der Tabelle sechs Punkte hinter die „Buddies“ und vier Punkte hinter den Vorletzten Hamilton Academical zurück.


Keine Texte mehr verpassen: Cavanis Friseur Newsletter


 

Da das Spiel am Mittwoch, dem 11. März 2020, das letzte in der schottischen Liga 2019/2020 blieb, bedeutete es im Nachhinein den Abstieg der Hearts.

Denn am 18. Mai beschloss die Scottish Professional Football League (SPFL), gegen die Proteste einiger ihrer größten Clubs – neben den Hearts waren darunter die Rangers und Aberdeen – die Spielzeit vorzeitig zu beenden.

 

Der Abstieg zeichnete sich lange ab

Wie konnten die Hearts, die 2016 noch Dritter der Scottish Premiership wurden und die Saison 2018/2019 mit acht Siegen aus den ersten zehn Spielen begannen, so schnell so tief sinken?

Der Niedergang begann eigentlich schon unter Craig Levein: Der 55-Jährige, als Spieler eine Legende im Tynecastle Park und von 2000 bis 2004 bereits Trainer der Hearts, war 2014 als Sportdirektor zurückgekehrt.

Bei den gerade abgestiegenen “Jam Tarts” baute er nach den leidensreichen Jahren unter dem kriminellen litauisch-russischen Besitzer Vladimir Romanov vieles im Verein wieder auf – und stellte einen erstklassigen Kader für die zweite Liga zusammen.

Mit sage und schreibe 21 Punkten Vorsprung und 96:26 Toren gewannen die Hearts den Titel in der schwersten zweiten schottischen Liga aller Zeiten. Der Erzrivale Hibernian und die Rangers wurden im Rennen um den Aufstieg geradezu gedemütigt – und scheiterten später beide in den Playoffs.


Cavanis Friseur Instagram

 

Trainer Robbie Neilson, ebenfalls eine Clublegende als Spieler, führte die Hearts daraufhin zum erwähnten dritten Platz in der ersten Liga, bevor er im November der folgenden Saison seiner Entlassung vorauskam, indem er in England bei den MK Dons unterschrieb.

Auf Neilson folgte der Wunschtrainer von Klubbesitzerin Ann Budge (jetzt 72): der junge Ian Cathro (heute 33). Der damalige Co-Trainer von Newcastle United (jetzt Co-Trainer bei den Wolves) wollte nichts weniger als den schottischen Fußball revolutionieren.

In Portugal (Rio Ave) und Spanien (Valencia) hatte er unter Nuno Espírito Santo (jetzt ebenfalls Wolves) wertvolle Erfahrungen gesammelt, die er in Edinburgh als Cheftrainer umsetzten wollte.

 

Levein übernimmt das Ruder

Doch endete die Saison 2016/2017 enttäuschend und Cathro wurde gleich zu Beginn der folgenden Spielzeit entlassen. Statt einen Nachfolger zu ernennen, übernahm nun Levein selbst in Magath-Manier den Trainerposten.

Die Hearts landeten auf Platz sechs und begannen dann die nächste Spielzeit mit der erwähnten Siegesserie. Aber nach den stolzen acht Erfolgen aus zehn Spielen brachen die „Jambos“ ein und rutschten in der Tabelle immer weiter ab.

Am Ende stand ein weiterer sechster Platz, doch konnte Levein seinen Kritikern ein Halbfinale im Ligapokal und ein Finale im Scottish Cup entgegenhalten. Im Hampden Park bewies er einmal mehr seine Fähigkeit, jungen Spielern im richtigen Moment eine Chance zu geben.

Der damals 16-jährige Aaron Hickey spielte sein erst zweites Spiel von Anfang an – beide Partien waren gegen Celtic – und war erneut der beste Spieler seiner Mannschaft. Damit wurde er zum jüngsten Spieler, der jemals ein schottisches Pokalfinale von Anfang an bestritt.


 

Am Ende unterlagen die Hearts dem Meister aus Glasgow dennoch unglücklich mit 1:2, nachdem sie eine starke Leistung geboten hatten. Die Niederlage sollte jedoch nur ein erster Vorgeschmack sein für das, was folgte: Von den ersten elf Ligaspielen 2019/2020 konnten Leveins Mannen nur eines gewinnen.

Ann Budge und der Vorstand zogen die Reißleine: Nach über fünf Jahren in leitender Rolle musste Craig Levein gehen. Oder auch nicht. Und damit begannen die wahren Probleme…

Die Kritik der Fans hat seitdem nie abgerissen: Zunächst übernahm Co-Trainer Austin MacPhee (40) die Mannschaft, und obwohl sich die Ergebnisse unter dem Nordiren nicht verbesserten, zog der Verein mehrfach in Erwägung, ihm den Posten als Cheftrainer auf Dauer zu verleihen.

 

Daniel Stendel wird Trainer der Hearts

Nach wochenlanger Suche wurde am 7. Dezember schließlich Daniel Stendel (45) als Nachfolger von Craig Levein ernannt. Der ehemalige Trainer von Hannover 96 war erst zwei Monate zuvor beim englischen Zweitligisten Barnsley entlassen worden – zu Unrecht, wenn man den Fans aus South Yorkshire Glauben schenkt.

Selbst nach Stendels Ankunft blieb der Posten des Sportdirektors unbesetzt. Als Ann Budge drei Tage später bekanntgab, dass Levein und MacPhee die Pflichten des Sportdirektors unter sich aufteilen würden, war der Aufschrei in der Fangemeinde groß.

View this post on Instagram

Willkommen, Daniel!

A post shared by Heart of Midlothian FC (@heartofmidlothianfc) on


 

Diese gibt vor allem Leveins Transferpolitik die Schuld an der aktuellen Misere. Der Kader sei schlecht zusammengestellt, die Spieler ganz einfach nicht gut genug. Der Deutsche versuchte dies umgehend zu ändern:

Klubkapitän Christophe Berra (35) wurde abgesetzt und an den Zweitligisten Dundee verliehen, die Stürmer Steven McLean (37, zu den Raith Rovers) und Craig Wighton (22, zu Arbroath) folgten; Flügelspieler Jake Mulraney (23) wurde an Atlanta United verkauft.

Im Januar holte der neue Übungsleiter dann das ehemalige Supertalent Donis Avdijaj (23, Trabzonspor), Toby Sibbick (Barnsley, 20) und Mittelfeldspieler Marcel Langer (23) aus der Schalker Reserve.

Das größte Problem der Hearts war allerdings die Torflaute gewesen und so wurde der nordirische Nationalstürmer Liam Boyce (28) von Burton Albion für knapp 200.000 Euro aus der englischen League One losgeeist.

Doch auch damit noch nicht genug: Daniel Stendel erklärte bereits nach wenigen Tagen im Edinburgher Stadtteil Gorgie, dass er dem Großteil des Trainerteams kein Vertrauen schenke, und es gelang ihm, seinen Freund Jörg „Colt“ Sievers, mit dem er bereits in Hannover zusammengearbeitet hatte, von einem Wechsel in die schottische Hauptstadt zu überzeugen.

Der frühere Torwart (54) verließ 96 nach über drei Jahrzehnten – kein Wunder, dass der NDR kurz darauf bei den Hearts auftauchte, um eine kurze Reportage zu drehen (Der Autor verzeiht dem Norddeutschen Rundfunk an dieser Stelle, dass der Beitrag gleich zu Beginn von den ,,Hearts of Midlothian“ spricht).

 

Ein Umbruch zum falschen Zeitpunkt?

Trotz all der Veränderungen: Daniel Stendel startete denkbar schlecht in seine Amtszeit. Er verlor gleich die ersten vier Spiele. Besonders in der Offensive fehlte es an Durchschlagskraft, was sich erst nach der Ankunft von Boyce bessern sollte.

In seinem ersten Spiel gegen die Rangers lagen die Hearts kurz nach der Pause – mal wieder – hinten. Dann bereitete der Nordire erst den Ausgleich des neuen Kapitäns Steven Naismith vor und traf dann selbst zum Sieg.

View this post on Instagram

Goal of the Day | @boyce27 🤩

A post shared by Heart of Midlothian FC (@heartofmidlothianfc) on


 

Der Befreiungsschlag? Die Hoffnung darauf war auf jeden Fall groß, doch die folgenden Wochen zeigten, dass das Ergebnis vielleicht eher auf die schwache Form der Rangers als auf eine Auferstehung der Jambos zurückzuführen war.

In den folgenden Ligaspielen blieb Stendels Mannschaft erneut sieglos, nur im Pokal wurde der Drittligist Falkirk mit 1-0 bezwungen. Ein Spiel, das der Autor dieser Zeilen mit einem seiner besten Freunde schauen durfte, der Falkirk-Fan ist – und selbst als Anhänger der Hearts musste man zugeben, dass Falkirk den Sieg eher verdient gehabt hätte.

Es hakte in diesen Wochen weiterhin in der Chancenverwertung, vor allem aber fand die Abwehr zu keiner Sicherheit. Der lange verletzte Nationalspieler John Souttar (23) konnte die Hintermannschaft genauso wenig stabilisieren wie der in der Vorsaison bei Livingston überragende Craig Halkett (24).

Allein die Außenverteidiger, Teenager Hickey und Nordirlands Nationalspieler Michael Smith (31), lieferten konstante Leistungen ab. Smith wurde zwischenzeitlich jedoch Opfer einer weiteren Problematik, welche die Hearts schon seit langem begleitet.

Im Sommer 2018 wurde der englische Mittelfeldspieler Sean Clare von Sheffield Wednesday verpflichtet. Der damals 21-Jährige galt als hochveranlagt, brauchte jedoch eine sehr lange Anlaufzeit, um überhaupt zum Zuge zu kommen.

Danach waren seine Leistungen meistens so enttäuschend, dass er für die Fans zum Symbol der gescheiterten Transferpolitik Leveins wurde. Allerdings sah auch Stendel etwas in Clare und stellte ihn fortan an als Rechtsverteidiger auf, wodurch Smith ins Mittelfeld ausweichen musste.



 

Zwar zeigte Clare tatsächlich verbesserte Leistungen, doch war er als Außenverteidiger nicht so stark wie Smith und wurde drei Spiele vor der Unterbrechung der Liga wieder vom Nordiren ersetzt.

Diese ständigen Personalrochaden zeichnen das Spiel der Hearts seit Jahren. Auch der Fall Ryotaro Meshino erhitzte die Gemüter: Manchester City holte den 21-jährigen japanischen Offensivmann im letzten Sommer aus Osaka (von Gamba) und verlieh ihn umgehend nach Edinburgh, da EU-Ausländer in Schottland einfacher und schneller eine Arbeitserlaubnis bekommen können als in England.

In der Hinrunde war der Japaner mit seinem technischen Talent, seiner Geschwindigkeit und seinem Mut oft der einzige Hoffnungsschimmer im Angriff der Jam Tarts, da Steven Naismith lange Wochen verletzt war.

Doch nach Stendels Übernahme und Meshinos Rückkehr von drei Spielen für Japans Olympiaauswahl im Januar sah der der Junge aus Kansai kein Land mehr. Für die Anhänger des Vereins aus Gorgie war und ist all das nur schwer nachzuvollziehen.

 

Achtungserfolge gegen die Rangers & die Hibs

Umso größer war der Jubel, als Stendels Mannschaft dann im Pokalviertelfinale Ende Februar ein erneuter Sieg über die Rangers gelang – dieses Mal mit 1:0, aber wieder zuhause im Tynecastle.

Und anders als im Januar schienen die Hearts den Schwung nun zu nutzen und schlugen mit der besten Saisonleistung den favorisierten Erzrivalen Hibernian auswärts mit 3:1. Die Stimmung im Auswärtsblock hat der englische Vlogger Thogden gut eingefangen:



Am folgenden Samstag gelang gegen Motherwell zwar nur ein 1:1, doch die Steelmen spielten als Tabellendritter eine starke Saison. Mit viel Druck, aber mindestens ebenso viel Optimismus gingen die Jambos deswegen in das eingangs erwähnte Spiel gegen St Mirren.

Am Ende stand eine schmerzhafte Niederlage, die nun den bitteren und unerwarteten Gang in die zweite Liga bedeutet. Ann Budge hat bereits eine Klage angekündigt, und wie in anderen Ländern wurde auch in Schottland überlegt, die Ligen für die kommende Saison einmalig um zwei Mannschaften aufzustocken.

In einem solchen Szenario gäbe es keine Absteiger aus den ersten vier Ligen. Die Gespräche waren gleich zweimal gescheitert, doch hat Budge sie nach der Entscheidung vom 18. Mai erneut angestoßen.

Die mit ihr ‚verbündeten‘ Clubs – besonders die Rangers, Aberdeen, Livingston, Inverness, Falkirk, Brechin City und Partick Thistle – dürften sie dabei erneut unterstützten.

Das Chaos in der SPFL wird noch dadurch verstärkt, dass mit dem Saisonende gleichzeitig der Vertrag mit Hauptsponsor Ladbrokes ausgelaufen ist; unter den aktuellen Umständen wird kaum ein schneller Ersatz gefunden werden. So oder so: Der schottische Fußball steht vor schweren Zeiten.

In Gorgie hat sich Daniel Stendel unterdessen bereit erklärt, vorerst auf sein gesamtes Gehalt zu verzichten, und ist nach Deutschland zurückgekehrt. Die löbliche Geste soll helfen, es schlechter bezahlten Mitarbeitern des Vereins zu ermöglichen, weiterhin ihr volles oder zumindest 80% ihres Lohnes beziehen zu können.

Kapitän Naismith verzichtete unterdessen auf die Hälfte seines Gehalts und ein nicht genannter junger Spieler hat Budge angeboten, wie Stendel ganz auf Bezahlung zu verzichten. Sollte es sich um Aaron Hickey handeln, hätte er damit endgültig den Kultstatus sicher.

In den schweren letzten zwölf Monaten las und hörte man von wütenden Fans oft Aussagen wie ,,Außer Aaron Hickey sind alle Spieler eine Schande für unser Wappen“ oder ,,Niemand hat heute die richtige Einstellung und den Willen gezeigt, für den Verein zu kämpfen, außer Hickey natürlich.“

Manchmal wurden zwei Spieler von dem Rundumschlag ausgeschlossen, außer Hickey waren das meistens Michael Smith oder Steven Naismith, seit seiner Verpflichtung auch Liam Boyce. Erst die Zukunft wird zeigen, wer den Hearts auch in der zweiten Liga die Treue halten wird.


Cavanis Friseur Paypal

 

Avatar
Julian Gieseke
Stieß durch das Computerspiel ,,Actua Soccer 3“ auf die schottische Liga, die mich bis heute durch den ehrlichen Kampf, die alte Tradition und die treuen Fans begeistert.

Cavanis Friseur Newsletter

Keine Texte & Podcasts mehr verpassen!

Leave a reply

Please enter your comment!
Please enter your name here