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Taktikanalyse Rapid Wien: Didi Kühbauer und das Spiel mit dem Feuer

29. September 2018, Pfeifkonzert in Wien-Hütteldorf. Nach der letzten von unzähligen schwachen Ligaleistungen war es um Rapid-Trainer Goran „Gogo“ Djuricin geschehen.

Bereits im Anschluss an die 0:2 Niederlage, die ausgerechnet der SKN St. Pölten erzwungen hatte, teilte der damalige Geschäftsführer Sport Fredy Bickel den Medien die Freistellung Djuricins mit. Ausgerechnet, weil dort Dietmar „Didi“ Kühbauer seit wenigen Monaten den Übungsleiter mimte.

Die ehemalige Rapid-Mittelfeldikone rettete die St. Pöltner im Frühjahr der Vorsaison vor dem drohenden Abstieg und legte einen fulminanten Saisonstart hin. Mit zwanzig Punkten aus den ersten neun Spielen lag der Underdog nicht nur auf Platz zwei, sondern hatte sogar elf Zähler Vorsprung auf Rapid.

Bereits wenige Stunden nach dem direkten Duell und der Entlassung Djuricins folgte der Anruf aus Hütteldorf, die ehemalige Vereinslegende musste nicht zweimal überlegen.

Bei Rapid gab es viel aufzuräumen: ein dysfunktionaler Kader, massive Probleme in der Trainingssteuerung sowie der Unmut der Fanszene hatten Djuricin letztendlich den Job gekostet.


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Aus der Anhängerschaft ertönte häufig der Vorwurf des mangelnden Einsatzes seiner Mannschaft, die vor allem auf gepflegten Ballbesitz ausgerichtet war.

Diesen Einsatz und Kampfgeist, den sogenannten „Rapid Geist“, verkörperten nur wenige Spieler so wie Didi Kühbauer. Er sollte nun als Cheftrainer Feuer in die Mannschaft und damit Ruhe in den Verein bringen.

Keine leichte Aufgabe mitten in einer Saison, in der Rapid mit der Europa League und einem Cup-Lauf bis ins Finale in drei Bewerben unterwegs war. Außerdem stellt sich die Frage, inwieweit Kühbauers fußballerische Vorstellungen zu dem vorhandenen Kader passen.

Dies ist ein Gastbeitrag von Matthias Kühtreiber.
(Titelbild: Erstellt von Cavanis Friseur, Foto: Steindy(talk)/Wikimedia cc-by-sa3.0)

 

Rapid Wien Taktik: Wofür steht Didi Kühbauer?

Bei seinen vorherigen Bundesligastationen Admira, WAC und St. Pölten stand Kühbauer für kurzfristigen Erfolg. Mit der Admira stieg er in die Bundesliga auf, führte die Südstädter ebenso wie darauf den WAC auf einen internationalen Startplatz und St. Pölten kurzfristig auf Tabellenrang zwei.

Er vermochte es allerdings nicht, diesen Erfolg zu konservieren, weswegen kurz nach den Europacup-Ausflügen meist schon wieder Schluss war.

Fußballerisch durchwanderte Kühbauer eine Evolution: ein anfangs wilder und torreicher Stil entwickelte sich zu einem schnellen Umschaltspiel aus einem kompakten Defensivblock heraus.

Vor allem der Abstiegskampf in seiner letzten Admira-Saison dürfte abschreckende Wirkung erzielt und den Weg zu einer noch reaktiveren Spielweise geebnet haben. Für Kühbauer gilt seitdem: Verlieren verboten.

Mit einem engmaschigen Verteidigungsnetz, gepaart mit intensivem Abwehr- und Mittelfeldpressing, versuchte er bei seinen Amtszeiten in Wolfsberg und St. Pölten die gegnerischen Offensivreihen auszuschalten.

Der offensive Ballvortrag bestand, durch Pragmatismus geprägt, vor allem aus Zwei-Kontakt-Kontern und Standardsituationen. Eine Spielanlage, die vermeintlich kleineren Vereinen mehr liegen sollte als dem großen SK Rapid.

Der Kader, den er in Hütteldorf vorfand, war allerdings auf Ballbesitz ausgerichtet, die Spielertypen technisch starke Individualisten, die sich teilweise schwertaten, ein funktionierendes Kollektiv zu bilden.

Die ersten Wochen entwickelten sich zu einer Berg- und Talfahrt. Im Cup überwinterte man souverän, auch in der Europa League gelang nach zwei deutlichen Niederlagen in Glasgow und Villareal noch die Kehrtwende und damit der Aufstieg ins Sechzehntelfinale.

In der Liga spitzte sich die Lage allerdings zu, verschärft durch einen neuen Playoff-Modus mit Tabellenteilung nach dem Grunddurchgang.

Mit vier Niederlagen aus acht Ligaspielen, darunter einer 1:6 Klatsche im Wiener Derby, stand man vor der Winterpause mit Platz acht und sechs Punkten Rückstand auf die Meistergruppe schon mit dem Rücken zur Wand.

Der tatsächliche Einfluss Kühbauers war in dieser ersten Phase aufgrund des eng getakteten Spielplans noch schwer zu bewerten.

 

Erste Adaptionen

In der Wintervorbereitung wurden große Versäumnisse im körperlichen Bereich aufgeholt. Nach seinen ersten Eindrücken wollte Kühbauer eine deutlich höhere Intensität in das Rapid-Spiel bringen und gegen den Ball deutlich mehr Zugriff erlangen.

Die Erkenntnisse aus der Vorbereitung spiegelten sich dann auch im Frühjahrsstart wider: zwar wurden die Europa-League-Sechzehntelfinals gegen Inter Mailand der Rotation geopfert, dafür konnte zum Ligafrühjahrsstart Salzburg zum ersten Mal im neuen Stadion mit 2:0 besiegt werden.

In einer für Rapid chancenarmen Partie zahlte sich die neuerlangte Fitness voll aus. Mit hoher Intensität und neuem Mittelfeldpressing konnte der Tabellenführer gezähmt und in der zweiten Hälfte in Überzahl mit zwei schnell zu Ende gespielten Angriffen niedergerungen werden. Die Fans hatte man vorerst wieder im Boot.


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Die Freude wehrte aber nur kurz, denn nach dem guten Start flachten die Leistungen ab, womit der Verbleib in der Qualifikationsgruppe, dem Playoff gegen den Abstieg, feststand.

Es folgte eine unruhige Zeit inklusive Fanprotest und dem Ende der Amtszeit von Geschäftsführer Sport Fredy Bickel, der aufgrund anhaltender Erfolgslosigkeit seinen Vertrag nicht verlängerte.

Die Qualifikationsgruppe konnte Rapid schlussendlich auf Platz eins beenden, das nationale Playoff-Duell gegen Sturm Graz um den letzten Europa-League Startplatz ging so wie das Cupfinale gegen Salzburg allerdings verloren.

 

Eine erste Bilanz

In Summe ließ ein durchwachsenes Frühjahr viele Fragen offen:  Wie gestaltet sich Kühbauers Konzept? Wie sieht die langfristige Vision aus?

Die meisten Spiele wurden gewonnen, jedoch mangelte es an Kreativität und Spielkontrolle. Kombiniert mit einem hohen Maß an Intensität setzte sich zwar oft die individuelle Qualität durch, ein spielerischer Fortschritt war aber nur schwer zu erkennen.

Die Stimmen nach einer einheitlichen Spielphilosophie wurden lauter. Gegen Saisonende durfte daher der ehemalige Cheftrainer Zoran „Zoki“ Barisic (2011, 2013-2016) nach Hütteldorf zurückkehren und in neuer Funktion als Geschäftsführer Sport sich in erster Linie dieser Agenda annehmen.

Schon als Trainer war er für seinen Weitblick bei strategischen Angelegenheiten und eine klare Spielphilosophie, mit Fokus auf Ballbesitz, bekannt.

 

Der große Umbau bei Rapid Wien

In der Sommerpause 2019 nahm sich das Duo Kühbauer/Barisic den Problemstellen im Kader an. Schlecht integrierte oder nicht zur Mannschaft passende Spieler wurden abgegeben, der Nachwuchsförderer Barisic setzte eine Kaderverjüngung durch und Kühbauer bekam „Mentalitätspieler“, die er aus früheren Stationen kannte.

Darunter war auch Taxiarchis Fountas, der Kühbauer mit einigen Monaten Verspätung ablösefrei aus St. Pölten folgte und später voll einschlagen sollte.

Im Trainingslager sollte es auch erstmals taktisch spannend werden: Kühbauer versuchte sich an seiner in St. Pölten erfolgreichen Fünferkette. Dazu muss angemerkt werden, dass der Kader seit der ersten Amtszeit Barisics als Trainer auf ein 4-2-3-1 ausgerichtet ist.

In die ersten Runden der neuen Saison schickte Kühbauer seine Mannschaft in einem neuen 5-3-2 System. Hiermit begann auch sportlich sein Spiel mit dem Feuer.

Nun konnte er sich spielerisch nicht mehr auf die in der Mannschaft verinnerlichten Automatismen für das 4-2-3-1 verlassen, sondern musste schließlich auch selbst Ideen für den Ballvortrag einbringen.


Rapid Wien Analyse

Neue, einstudierte Lösungen waren allerdings nicht zu erkennen, der Saisonstart ging folglich schief. Die Problematik erschwerte zusätzlich die Positionierung von Hauptakteuren wie Schwab oder Murg.

Vor allem der langjährige Kapitän Stefan Schwab, bisher entscheidender Faktor als tiefstehender Spielmacher für den Ballvortrag, wurde nun eine Linie höher seiner Stärken beraubt.

Ebenso Thomas Murg, ein kreativer und technisch starker Offensivspieler, der im 4-2-3-1 aus dem rechten Halbraum Aktionen setzte, er fand sich im Zentrum selten zurecht.

Erschwerend hinzu kommt, dass der nominelle Sechser Grahovac große Schwächen im Aufdrehen aufwies und im Spielaufbau daher keine große Hilfe darstellen konnte. Die letzte Option über die Halbverteidiger war folglich für die Gegner leicht zuzustellen, oft blieb daher nur mehr der lange Ball.

 

Vermeintliche Flexibilität

In den folgenden Wochen griff Kühbauer wieder vermehrt auf das bewehrte 4-2-3-1 zurück. In der Folge pendelten sich auch die Ergebnisse wieder ein, da Hauptakteure wie Schwab und Murg wieder ihre individuellen Stärken ausspielen konnten.

Mannschaftlich war allerdings auch hier nur schwer ein Fortschritt zu erkennen, selten konnte ein Spiel über längere Phasen kontrolliert werden.


Rapid Wien Taktik Analyse

Für den höheren Output in der Offensive wurde die Abstimmung im eigenen ersten Drittel geopfert. Im defensiven Mittelfeld fehlte zunehmend der Zugriff, das Herausverteidigen der Innenverteidiger geschah willkürlich.

Die Ballbesitzstafetten im Spielaufbau wirkten dazu wenig durchdacht und waren gegnerischen Stresstests durch aggressives Anlaufen meist nicht gewappnet.

Lediglich Schwab konnte durch sein intelligentes Raumverständnis konstant für spielerische Lösungen sorgen.

Tiefer in den Herbst hinein gerieten die Spiele nun immer öfters auf Messers Schneide. Durch die häufigen Systemwechsel entstand der Eindruck einer vermeintlichen Flexibilität. In Wahrheit passte sich Rapid immer mehr dem Gegner an, brachte die Duelle auf eine sehr physische bis hin zu brachialer Ebene, um dort die Spiele für sich zu entscheiden.

Dieser Kniff brachte Kühbauer allerdings einen entscheidenden Vorteil: Die Zuschauer sahen wohlwollend nun eine Mannschaft, die alles in jeden Zweikampf reinwarf und das lang beschworene Feuer nach Hütteldorf zurückbrachte.

Passten Leistungen oder Ergebnisse nicht, durften Schiedsrichter oder Spielglück herhalten. Auf dieser Basis konnte er einen Schritt weitergehen und seine Vorstellungen endgültig durchsetzen.

 

Die vorläufige Endstufe


Rapid Wien Taktik

Richtung Ende der Herbstsaison ging es auswärts zu den Überfliegern des LASK, die gerade mit einem Sieg gegen Rosenborg BK den Aufstieg in die Europa League K.O. Phase fixiert hatten.

Kühbauer zog nun alle Register: Um das Zentrum vollständig zuzumachen, wurden mit Ljubicic und Grahovac zwei echte Sechser aufgestellt. Ballgewinne im Mittelfeld waren das oberste Ziel.

Für den in der Spielgestaltung wichtigen Schwab, der allerdings in der Intensität gegen den Ball Schwächen aufweist, blieb nur mehr eine Position im linken offensiven Halbraum.

Dieses neue 5-2-2-1 sollte Offensivaktionen nun auf ein Minimum beschränken. Zum Leidwesen des neutralen Zuschauers wirkte der Effekt auf beiden Seiten.

Gegen einen müden LASK sollte das Konzept an diesem Tag aber voll aufgehen und Rapid konterte sich mit offensivem Minimalaufwand zu einem 4:0-Sieg. Entscheidend sollte für diese Spielweise Fountas werden, der im Umschaltspiel offene Räume wie kein Zweiter bearbeiten kann und mit einem eiskalten Torabschluss ausgestattet ist.

In dieser Saison reichte es für die Meistergruppe, in die Rapid in ähnlicher Manier startete. Gegen die vermeintlich stärksten Gegner wurde wieder das 5-2-2-1 sowie ein leicht abgeändertes 5-2-1-2 zur Hand gezogen.

Mit einem sehr pragmatischen System wurden die Gegner kaltgestellt und selbst über offensiven Minimalaufwand gepunktet. Wie so oft in seiner zweiten Saison, erreichte Kühbauer einen internationalen Startplatz.

 

Kühbauers Trainerzyklus

Dabei gestalten sich Kühbauers bisherige Stationen wie drei- bis vier Jahreszyklen: bei allen vier Profistationen, übernahm er die Mannschaft innerhalb der Saison.

Im darauffolgenden Jahr griff das Konzept und es ging hin bis zu einem internationalen Startplatz. Das Niveau halten konnte er bisher nicht, im darauffolgenden Jahr war meist Schluss.

Admira Wacker 2009/10 unterjährige Übernahme, Aufbauphase
2010/11 Aufstieg in die Bundesliga
2011/12 Internationaler Startplatz
2012/13 Einvernehmliche Trennung
Wolfsberger AC 2013/14 unterjährige Übernahme, Aufbauphase
2014/15 Internationaler Startplatz
2015/16 Entlassung
SKN St. Pölten 2017/18 unterjährige Übernahme, Rettung und Aufbauphase
2018/19 Platz zwei nach neun Runden, Wechsel zu Rapid
Rapid Wien 2018/19 unterjährige Übernahme, Aufbauphase
2019/20 internationaler Startplatz
2020/21 ?

 

Quo vadis Rapid?

Für den SK Rapid stellt sich nun die Frage, wohin die Reise gehen soll. Barisic war im Sommer angetreten, um eine einheitliche Spielphilosophie zu implementieren.

Diese ist bei einigen Nachwuchsmannschaften so wie der zweiten Mannschaft bereits zu erkennen, allerdings entsteht eine große Diskrepanz zur Kampfmannschaft.

Didi Kühbauer geht seinen eigenen Weg: Ergebnisse stehen über gepflegtem Offensivfußball. Von einem nachhaltigen Plan tiefstehende Gegner zu bespielen sowie strukturiertem Positionsspiel ist weit und breit keine Spur.


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In der Kaderplanung schaut er nur selten über den Tellerrand, vielversprechende Talente müssen für Spielpraxis auf Ausfälle von Routiniers hoffen.

Man könnte meinen, sein SKN St. Pölten spielt mittlerweile in grün-weißen Dressen, mit jedoch höherer individueller Klasse. Pragmatismus vor Spielkontrolle. Schiedsrichterkritik vor In-Game-Coaching.

Das Feuer ist zurück in der Mannschaft, nur die Zeit wird weisen ob er es langfristig am Leben erhalten kann. Bei seinen bisherigen Stationen war dies jedoch nie der Fall.


Dies war ein Gastbeitrag von Matthias Kühtreiber.


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