Als Dani Alves am Sonntag im ausverkauften Maracana den Pokal in den Abendhimmel Rio de Jaineros reckte, fand die Copa America 2019 mit gewaltigen Bildern ihren Höhepunkt.

Ein glimpfliches Ende für die CONMEBOL, die sich in den Wochen zuvor allerlei Vorwürfe von zahlreichen Seiten gefallen lassen musste.

Während die Selecao auf sportlicher Ebene der würdige Sieger der 46. Ausgabe der traditionsreichen Copa America waren, verpassten die Ausrichter eine große Chance.

 

Großer Sport

 

Trotz Neymars Ausfall konnten Fans rund um die Welt wieder zahlreiche Stars bewundern: James Rodriguez, der vor seinem bevorstehenden Transfer in diesem Sommer massive Eigenwerbung betrieb.

Alexis Sanchez, der nach seiner verkorksten Zeit in Manchester daran erinnerte, was die Red Devils bewog ihm ein Rekordgehalt zu zahlen.

Sergio Agüero, der, viel mehr als sein Freund Lionel Messi, eine neue Generation der Albiceleste auf den dritten Platz führte.

Und das kongeniale Sturmduo Edinson Cavani und Luis Suarez, das bereits im Viertelfinale gegen Peru die Segel streichen musste.

Die Brasilianer kassierten erst in der 44. Minute des Finals ihr erstes Gegentor und stellten mit Alisson, Dani Alves und Everton den besten Torhüter, den besten Spieler und den Shooting Star des Wettbewerbs.

Die Spiele auf dem Weg dahin wurden von allen Teams intensiv geführt. Die Mannschaften rannten wie verrückt, versuchten extremen Druck auf ihre Gegner auszuüben und eine hohe Aggressivität führte zu vielen Fouls.

Gleichzeitig versprühte jedes Team in der Offensive mit Dribblings und Kombinationen besonderes Flair.

Akteure, die man seit Jahren aus dem europäischen Klubfußball kennt, ziehen in der Nationalmannschaft ihr ganz eigenes, typisch südamerikanisches, Spiel auf, das immer unterhaltsam, meistens mitreißend und oft hochklassig ist.

Hier geht es zu unserer Topelf der Copa America 2019.

 

Leere Ränge

 

Dass sich die Ausrichter des Turniers trotzdem ständig Kritik ausgesetzt sahen, hatte indes verschiedene Gründe.

Ab dem nächsten Jahr wird die Copa America im selben Rhythmus wie die Europameisterschaft ausgetragen. Im Kampf um Sponsoren und Zuschauer ist das besonders auf den hiesigen Märkten eine übermächtige Konkurrenz.

Diese Austragung war für den südamerikanischen Fußball die perfekte Gelegenheit vorher noch ein Mal Werbung für sich zu machen.

Dabei scheiterte die CONMEBOL kläglich. Zum Beispiel wurden viele Spiele vor nahezu leeren Rängen ausgetragen, was der Atmosphäre zutiefst abträglich war.

Voller Wehmut erinnerte man sich an die Weltmeisterschaft 2014, als Argentinier, Chilenen und Kolumbianer bei den Spielen ihrer Mannschaft für eine atemberaubende Stimmung sorgten.

Dass man auch als Fernsehzuschauer dieses Mal vor allem auf verwaiste Sitzschalen starrte, hängt mit der Preispolitik bei der Kartenvergabe zusammen.

Selbst die billigsten Tickets für Vorrundenspiele kosteten 43 Euro, eine vierköpfige Familie hätte also mindestens 150 Euro bezahlen müssen, um ein Spiel zu besuchen. Und das bei einem monatlichen Durchschnittslohn von ca. 630 Euro in Brasilien.

Gleichzeitig machte der Verband auch anreisenden Fans das Leben schwer, indem zum Beispiel die Andenstaaten Bolivien und Peru im südlich gelegenen Porto Alegre gegeneinander antraten, während die chilenischen Anhänger gleichzeitig ins deutlich weiter nördliche Salvador reisen mussten.

 

Schwere Vorwürfe gegen die CONMEBOL

 

Ein weiterer Kritikpunkt waren die miserablen Plätze, die einem Turnier dieses Ranges nicht würdig waren.
Besonders wenn man bedenkt, dass sie dem fußballerischen Markenkern Südamerikas im Weg standen: Schnelle Dribblings und Kombinationen waren auf dem zerfurchten Geläuf teilweise sehr schwierig.

Die Qualität litt allerdings nicht nur unter schlechten Rahmenbedingungen. Auch der Modus warf Fragen auf.

Dadurch, dass gleich zwei der drei Gruppendritten weiterkamen, um ein Viertelfinale auszutragen, war mauern durchaus ein erfolgsversprechendes Rezept, weil man nicht unbedingt gewinnen musste, um weiterzukommen. Glücklicherweise waren die meisten Vorrundenspiele trotzdem relativ unterhaltsam.

So richtig seltsam wurde es erst im Viertelfinale. Die Regeln sahen in dieser Runde ein Elfmeterschießen nach 90 Minuten vor, was dazu führte, dass Underdogs wie Peru und Paraguay besonders harten Beton anrührten.

Zum größten Problem für das Turnier wurde allerdings der Einsatz des VAR. Zwar reißt der Protest gegen dieses Instrument seit der Einführung generell nicht ab, für die CONMEBOL wurde allerdings nicht der prinzipielle Einsatz, sondern die Umsetzung zu einem akuten Problem.

Im Halbfinale zwischen Argentinien und Brasilien gab es gleich zwei höchst fragwürdige Szenen im Strafraum der Gastgeber. Jeweils hätte es Elfmeter für Argentinien geben müssen, jeweils lies der Schiedsrichter weiterspielen und jeweils ignorierte er die Anweisung des VARs die Szene zu überprüfen.

Dieses Vorgehen öffnete Korruptionsvorwürfen aus Argentinien Tür und Tor. Ein ganzes Land fühlte sich betrogen und schnell wurde dem Kontinentalverband eine bevorzugte Behandlung Brasiliens unterstellt.

Die AFA, der argentinische Verband, verlangte sogar die Veröffentlichung der Kommunikation zwischen dem Schiedsrichter und dem Videoraum.

Medienberichten zu Folge war diese zumindest zeitweise gestört, nachdem der umstrittene brasilianische Präsident Bolsonaro in der Halbzeit eine Ehrenrunde durchs Stadion gedreht hatte.

Kapitän Lionel Messi sagte nach dem Spiel: „Das ganze Turnier schauen sie sich jeden Schwachsinn am Bildschirm an, aber heute keine einzige strittige Entscheidung.“

Nachdem der Superstar im Spiel um den dritten Platz nach einer äußerst fragwürdigen Roten Karte lange zugucken musste, verweigerte er sogar seine Teilnahme an der Medallienzeremonie.

Das tat er nicht, ohne erneut schwere Vorwürfe gegen die CONMEBOL zu erheben: „Wir fahren mit dem Gefühl nach Hause, dass man Argentinien nicht im Finale haben wollte. Die Korruption und die Schiedsrichter verhindern, dass die Menschen dieses Spektakel hier genießen.“

Auch wenn diese Vorwürfe nicht bewiesen sind, machten sie auf der ganzen Welt Schlagzeilen.

Schwerer als jedes schwache Spiel und jede Ausschreitung wiegt für einen sportlichen Wettbewerb der Verdacht nicht fair zu sein.

Die Glaubwürdigkeitsprobleme des italienischen Fußballs nach dem Manipulationsskandal oder des Radsports nach den zahlreichen Dopingaffären beweisen das.

Mehr noch als der hochklassige Sport werden von dieser Copa wohl leider die leeren Ränge und die Skandale rund um den VAR in Erinnerung bleiben.

Das ist sehr schade, traten doch bei diesem Turnier wieder Shootingstars wie Wuilker Farinez aus Venezuela und besonders der hochbegabte Brasilianer Everton auf die Bühne, die uns hoffentlich schon bald bei europäischen Clubs verzücken werden.

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Till
Written by Till
schreibt hauptsächlich über La Liga.