Karim Benzema, Alexandre Lacazette, Anthony Martial, Correntin Tolisso, Samuel Umtiti, Nabil Fekir. Diese illustre Liste von französischen Topsielern hat eines gemeinsam: Sie alle durchliefen die Jugendakademie des Ligue 1-Spitzenklubs Olympique Lyon.

Der Verein aus der ehemaligen Hauptstadt Galliens stellt eine der bedeutendsten und produktivsten Kaderschmieden im Land des amtierenden Weltmeisters.

Während die meisten der erwähnten Spieler ihr Geld inzwischen im Ausland verdienen, schickt sich ein 20-Jähriger im Kader von OL an, das nächste Aushängeschild des Klubs aus der Rhône-Alpes-Region zu werden.

Die Rede ist von Houssem Aouar, der schon jetzt hinter Fekir und Memphis Depay der wertvollste Spieler (Marktwert 35 Millionen€) im überaus talentierten Team Lyons ist.

Aouar, der genau wie Benzema und OL-Superstar Fekir algerische Wurzeln hat, erlernte das Fußballspielen in Villeurbanne, einer Industriestadt in der Metropolregion Lyon. Mit elf Jahren kehrte er in seine Geburtsstadt zurück und schloss sich OL an, wo er im Centre Tola Vologe zum Mittelfeld-Strategen heranreifte.

2014 gewann er mit Olympique im Alter von 16 Jahren die nationale U-17 Meisterschaft und überragte mit 27 Toren und 15 Vorlagen. Aufgrund seiner brillanten Leistungen war es dem Lyoneser vergönnt im Alter von nur 16 Jahren und drei Monaten, U-19 Nationalspieler zu werden.

Auch ausländische Spitzenklubs waren inzwischen hellhörig geworden. Angebote, wie das des FC Liverpool, lehnte der Jungspund jedoch ab um sich in seiner Heimatstadt behutsam weiter verbessern zu können.


Im Sommer 2016 unterzeichnete Aouar seinen Profi-Vertrag, der auf drei Jahre ausgelegt war. In seinem ersten Profi-Jahr trainierte er schon regelmäßig mit der 1. Mannschaft unter Bruno Génésios Leitung, machte jedoch auch immer wieder Abstecher zur Reserve.

Im Februar 2017 debütierte der zentrale Mittelfeldspieler dann endlich für die Profis. In der Zwischenrunde der Europa League wurde er beim 4:1 Sieg gegen AZ Alkmaar in den Schlussminuten eingewechselt. Im Rückspiel vor heimischer Kulisse gelang dem erneut eingewechselten Aouar dann auch sein erstes Tor für die Profis. Beim 7:1 Sieg der Franzosen erzielte er das sechste Tor.

Sein Treffer war dabei durchaus sehenswert. Nach feiner Vorarbeit von Christophe Jallet auf der rechten Seite tunnelte der freistehende Aouar den herausstürzenden Keeper Tim Krul gekonnt, um zentral einzuschieben.

 

Tolissos Abgang ebnet den Weg

Der Transfer von Correntin Tolisso zu den Bayern im Sommer 2017 machte schließlich den Weg frei für eine größere Rolle im Team. Obwohl Aouar bis dato nur fünf Pflichtspiele absolviert hatte, bekam er vom abgewanderten Tolisso die symbolische Rückennummer 8.

Diese Zahl ist gerade in Lyon von Strahlkraft, wurde sie doch von Vereinslegende Juninho Pernambucano sieben Jahre lang getragen. Juninho ist nicht nur als bester Lyon-Spieler der 2000er Jahre mitverantwortlich für die erfolgreichste Ära des Klubs, sondern neben dem ebenfalls algerisch-stämmigen Zinédine Zidane auch erklärtes Vorbild von Houssem Aouar.

Von Beginn der Saison 2017/18 an wurde also viel Vertrauen in das Eigengewächs investiert, welches sich alsbald revanchieren sollte. Während der Rohdiamant in den ersten sechs Spielen nur zu Kurzeinsätzen kam oder gar nicht erst im Kader berücksichtigt wurde, stand er in Woche 7 gegen Dijon in der Startelf, traf zum zwischenzeitlichen Ausgleich und wurde zum Man of the Match gekürt.

Ab da wurde Aouar zum unverzichtbaren Teil der Startelf und absolvierte nach dem Dijon-Spiel knapp 84% der zu absolvierenden Liga-Minuten. Das persönliche Highlight der Saison war wohl der Doppelpack beim 2:1 Sieg in Amiens (inklusive Siegtor in der vierten Minute der Nachspielzeit).

Aouars wohl größte Stärke ist seine beeindruckende Vielseitigkeit. Neben seiner Hauptposition als zentraler Mittelfeldspieler wurde er auch schon als linker, rechter und offensiver Mittelfeldspieler eingesetzt. Und auch als linker Flügel wusste Aouar zu überzeugen, etwa beim 2:1 Sieg gegen PSG im Januar.

 

Der nächste Coutinho?

Seine Rolle in Génésios System ist ihm währenddessen eher unwichtig: „Ich habe immer zentral gespielt. Deshalb ist die Position als hart arbeitender Mittelfeldspieler die, die mir am meisten gefällt aber ich finde es auch auf links gut. Dort kann ich an mir arbeiten und andere Fähigkeiten entwickeln. Ich passe mich an alles an“.

Als Idealbild des modernen Mittelfeldspielers ist Aouar in der Lage, mit Leichtigkeit geradezu über das Spielfeld zu gleiten und sowohl offensiv wie defensiv entscheidenden Einfluss zu nehmen.

Gerade seine Fähigkeit sowohl aus der Tiefe, als auch vom Flügel und der 10er-Position das Spiel zu eröffnen, macht ihn so wertvoll. Es wundert also wenig, dass der U21-Nationalspieler schon mit Philippe Coutinho verglichen wird.

Aouars Agilität und sein guter Antritt gepaart mit Torgefahr, seiner starken Übersicht und dem Auge für den entscheidenden Pass, prädestinieren ihn für Lyons konterlastigen Angriffsfußball.

 

Eine Grafik von KØBY ツ

Aouars Stärke im Umschaltspiel und seine Fähigkeiten als Passspieler, harmonieren perfekt mit Lyons schnellen Angreifern Depay, Díaz, Cornet und Traoré, von denen oftmals gleich drei im 4-3-3 System starten dürfen.

Zudem verfügt Aouar über eine exzellente Ballbehandlung und seine Dribble-Stärke gibt ihm die Möglichkeit, den Ball auch in schwierigen Situationen zu behaupten. Seine 2,6 erfolgreichen Dribblings pro Partie, waren der zehntbeste Wert aller Ligue 1-Spieler der abgelaufenen Saison.

Aber auch defensiv hat Aouar seine Qualitäten. Auch wenn er aufgrund seiner Größe von 1,75 m wenig kopfballstark ist, lieferte er in der letzten Saison mit 1,2 abgefangenen Pässen und 2,1 Tackles pro Partie gute Werte.

Alles in allem bleibt festzuhalten, dass Aouar seinem Alter meilenweit voraus ist. Laut der angesehenen Statistikseite whoscored.com war er nach Spieler-Rating (live kalkulierter Algorithmus aus über 200 Rohdaten) der elftbeste Spieler der vergangenen Ligue 1-Saison. Und das noch vor Spielern wie Verratti, Balotelli oder Di María.

 

Vorerst keine Pläne, Lyon zu verlassen

Angesichts dieser Qualitäten verwundert es wenig das Aouar bei vielen Top-Klubs ganz oben auf dem Wunschzettel steht. Neben dem FC Liverpool, der weiterhin am Ausnahmetalent interessiert ist, sollen auch der BVB und der FC Barcelona ihre Fühler ausgestreckt haben.

Doch Aouar scheint derzeit noch wenig interessiert zu sein: „Ich kenne die Gerüchte. Es ist schön, so etwas zu hören, aber all das kümmert mich jetzt nicht. Ich habe in Lyon alles, was ich für meine weitere Entwicklung brauche.“

Aouar der noch mit seiner Mutter zusammenlebt, weiß was er an seiner Stadt Lyon hat. Die Mannschaft von Bruno Génésio ist für den Youngster derzeit der ideale Ort, um sich in Ruhe weiter zu entwickeln und wird in der neuen Saison eines der aufregendsten Teams in Europa sein.

Obwohl der Abgang von Weltmeister Nabil Fekir nur wie eine Frage der Zeit scheint, steht mit Aouar das neue Aushängeschild der Les Gones schon in den Startlöchern. Und nebenbei können sich Les Bleus auf einen kommenden Weltklasse-Spieler freuen, der den ohnehin schon besten Talentpool der Welt noch einmal verstärken wird.

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Amadeus Marzai
Written by Amadeus Marzai
Die-Hard Fan von La Celeste, Edinson Cavani und den Toronto Raptors. Schaut auch gerne mal über den europäischen Fussball-Tellerrand hinaus.