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Julian Weigl: Top, Flop und zurück?

Es ist noch gar nicht so lange her, da galt Julian Weigl als eines der großen Talente bei Borussia Dortmund. Er galt als Wunschspieler von Thomas Tuchel, der in ihm das große Potenzial sah, langfristig eine tragende Rolle im Mittelfeld der Westfalen einzunehmen und ihn einst persönlich zum Wechsel nach Dortmund überzeugte.

Doch nach zwei starken Saisons unter seinem Förderer und Mentor kam Weigls Entwicklung ins Stocken. Statt weiterhin eine zentrale Rolle für den BVB einzunehmen, stagnierte er nach Tuchels Abgang und spielt inzwischen in Portugal bei Benfica.

An dieser Stelle will ich die ungewöhnliche Entwicklung Julian Weigls genauer unter die Lupe nehmen und erklären, was ihn unter Tuchel so stark machte, weshalb er aber unter anderen Trainern oft unter seinem Leistungsvermögen blieb. Und dann wäre da ja noch die Frage, wie sich Weigl eigentlich bei seinem neuen Klub schlägt.

Dies ist ein Gastbeitrag von Lukas Attermeier

 

Von Ankersechsern und Ballmagneten

Schon in seiner Debütsaison 2015/2016 spielte Julian Weigl unter Thomas Tuchel eine entscheidende Rolle bei Borussia Dortmund. Weigl, der zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 20 Jahre alt war, spielte im System von Tuchel als zentraler Mittelfeldspieler, bzw. Sechser in einem 4-3-3 oder 4-2-3-1.

Seine Rolle als sogenannter Ankersechser sah vor, dass er sich im Ballbesitz zwischen die beiden Innenverteidiger fallen ließ, um die Ballzirkulation anzutreiben und so das Vorschieben der Außenverteidiger zu ermöglichen und gleichzeitig abzusichern. In dieser Rolle kamen Weigls Stärken besonders zum Tragen, während seine Schwächen kaschiert werden konnten.

Unter Tuchel konnte Weigl in besagter Saison insbesondere seine bereits im jungen Alter beindruckende räumliche Wahrnehmung ausspielen. Dabei arbeitete er vor allem mit Schulterblicken und passte seine Körperhaltung ständig an die aktuelle Position des Balles, seiner Mitspieler und der Gegenspieler an.

Dadurch war er sowohl in der Offensive als auch in der Defensive flexibel und handlungsschnell, beispielsweise im Pressing oder beim ersten Kontakt in der Ballmitnahme. Letzteres ist essenziell, da Weigl als zentraler Aufbauspieler den Ball oft in Situationen erhält in denen er sich nicht spieloffen – d.h. mit dem Körper in Spielrichtung – positionieren kann.

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Dank seiner Vororientierung machte er 15/16 auch durch eine hohe Pressingresistenz auf sich aufmerksam. Obwohl Weigl im technischen Bereich noch ausbaufähig agierte, konnte er seine Vororientierung auch im Dribbling ausspielen. Am häufigsten waren bei ihm insbesondere schnelle Richtungswechsel, wie zum Beispiel V-Schritte oder Cruyff-Drehungen, zu sehen.

Durch die Kombination dieser Fähigkeiten, die quasi als Schlüsselkompetenzen des Ankersechsers gesehen werden können, hatte er als defensiver Mittelfeldspieler entscheidenden Anteil am Erfolg des BVB unter Thomas Tuchel.

Weigls zentrale Rolle für die Borussia spiegelte sich auch in dessen damaligen Statistiken zu dieser Saison wider. In der Saison 2015/2016 kam Weigl 30 Mal für die Borussia zum Einsatz, stand dabei 25 Mal in der Startelf und spulte insgesamt 2249 Minuten ab.

Seine Hauptaufgabe in der Offensive bestand darin, den Ballbesitz des BVB zu sichern und zu kontrollieren; das Spiel also entweder zu stabilisieren oder zu beschleunigen. Damit fungierte Weigl nicht als direkter Vorlagengeber, sondern vielmehr als vor-vorletzter Passgeber, welcher den Angriff in die entscheidende Richtung lenkt.


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Weigl spielte 15/16 im Schnitt fast 94 Pässe pro 90 Minuten mit einer erstaunlich guten Passquote von 91,9%. Damit lag er jeweils auf Platz 3 und 4 in der gesamten Liga, nur ein junges bayerisches Talent namens Joshua Kimmich spielte in dieser Saison mehr Pässe und hatte gleichzeitig eine höhere Passquote vorzuweisen.

Im Passspiel tendiert Weigls eher zu kurzen oder mittellangen flachen Pässen um das Spiel zu verlagern und die gegnerischen Linien auseinanderzuziehen. Seine Rolle als Vorbereiter des letzten Passes wird auch dadurch sichtbar, dass er lediglich 0,6 Key Passes pro 90 Minuten spielte (bei WhoScored.com werden Pässe, nach denen ein Mitspieler einen Schuss abgibt als Key Pass gezählt).

Stattdessen war es seine Aufgabe, Mitspieler durch kluges und strukturiertes Passspiel sowie schnelle Verlagerungen in Positionen für eben jene Torschussvorlagen zu bringen. Eine weitere Facette von Weigls Passspiel sind lange (Chip-)Bälle hinter die letzte Linie der gegnerischen Abwehrreihe, welche er in seiner Zeit unter Tuchel insbesondere einsetzte, um tiefstehende Gegner zu knacken.

3,6 angekommene lange Bälle pro 90 Minuten mögen sich auf dem Papier nicht grade beindruckend lesen. Dieses Mittel sollte allerdings keinesfalls unterschätzt werden, denn Weigls tiefe Pässe hinter die Abwehr wurden vom BVB sehr wohl gewinnbringend eingesetzt.

2015/2016 gehörte Weigl als Ankersechser bzw. als tiefstehender Spielmacher mit diesen Zahlen in der Bundesliga zu den besten (und für ihre Mannschaft wichtigsten) Spielern im Ballbesitz, insbesondere im Passspiel.

Weigl Analyse
So sah z.B. Weigls Einbindung im Champions League Spiel gegen Real Madrid aus (27.9.2016, 2:2, https://spielverlagerung.de/2016/09/28/dortmund-auf-augenhoehe-mit-zizous-starensemble/)

Während Weigl 2015/2016 offensiv also schon eine zentrale Rolle für den BVB einnahm, waren seine defensiven Leistungen noch ausbaufähig.

Laut WhoScored.com gewann er ca. 75% seiner defensiven Zweikämpfe, bestritt aber lediglich 3,1 direkte Zweikämpfe pro 90 Minuten – auch wenn man Zweikampfwerte immer mit Vorsicht genießen sollte, da diese vom Ballbesitzanteil stark beeinflusst werden (wer den Ball hat, kann ihn logischerweise nicht vom Gegner erobern).

Über die Spielzeit beging Weigl im Schnitt 1,4 Fouls pro 90 Minuten, für einen defensiven Mittelfeldspieler ebenfalls keine sonderlich hohe Zahl (an der Spitze der Liga grüßte hier – wer sonst – Granit Xhaka mit ungefähr doppelt so vielen Fouls). Lediglich fünf gelbe Karten unterstrichen ebenfalls, dass Weigl keinesfalls ein aggressiver Zweikämpfer ist.

Stattdessen nutzte er auch in der Defensive seine gute Raumwahrnehmung und Antizipation. So gelangen ihm immerhin 2,5 Interceptions, also abgefangene Pässe, pro 90 Minuten, fast 2/3 seiner defensiven Aktionen sind also abgefangen Pässe.

Insgesamt machten diese Werte Weigl zu einem soliden und konstanten Defensivakteur; sie sind für einen defensiven Mittelfeldspieler aber keineswegs überragend.

 

Stagnierende Entwicklung

Nichtsdestotrotz war seine Debütsaison äußerst vielversprechend. Leider konnte Weigl die hohen Erwartungen und die in ihn gesetzten Hoffnungen beim BVB nicht dauerhaft erfüllen.

Denn obwohl Weigl 2016/2017 an sein erfolgreiches erstes Jahr Im Westfalenstadion anknüpfen konnte, geriet er danach zusehends auf das Abstellgleis und seine Entwicklung stagnierte. Seine Passquote sank in der Saison 2017/2018 von einst über 90% auf 86,2% Ein guter, aber eben nicht sehr guter Wert.

In den beiden darauffolgenden Spielzeiten lag seine Passquote dann wieder bei über 90%, wobei diese Steigerung wohl hauptsächlich dadurch zu erklären ist, dass er 2018 und 2019 vor allem als Innenverteidiger für die Borussia auflief. Auch seine Key Pass-Werte konnte er nicht auf einem konstanten Niveau halten (seit 2015/2016 nicht mehr als 0,4 pro 90 Minuten).


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Die Gründe für seine Stagnation sind sicherlich vielschichtig und komplex, ein Hauptgrund wird aber vermutlich das Ende von Thomas Tuchel beim BVB gewesen sein, der als Weigls Förderer und bekennender Fan von dessen Spielweise galt. Nach dem Ende von Tuchels Amtszeit übernahmen erst Peter Bosz, dann Peter Stöger und schließlich Lucien Favre das Traineramt beim BVB.

Was all diese Trainer vereint, ist, dass sie wenig mit Tuchels Prinzipien im Ballbesitzspiel gemeinsam haben. Bosz ist vor allem für sein rigoroses Pressing bekannt, Stöger zeichnet sich durch eine defensiv geprägte Denkweise aus und Favre vertritt einen strukturell eher passiven Ansatz.

In keinem dieser Systeme ist die Rolle des Ankersechsers vorgesehen, weshalb Weigl zusehends in der Innverteidigung auflief, da es ihm an Dynamik und Endgeschwindigkeit fehlt, die in seiner Rolle als Ankersechser oft durch die Restverteidigung kaschiert wurden.

Auch als Innverteidiger fehlte es Weigl jedoch an Spritzigkeit, gerade wenn er wie beim BVB neben Mats Hummels auflief, der ebenfalls nicht für seine Explosivität bekannt ist. In der Winterpause 2019/2020 verkaufte ihn die Borussia dann schließlich für kolportierte 20 Millionen Euro an Benfica.

 

Auf und ab in Portugal

In Lissabon läuft es für Weigl bisher wechselhaft. Noch scheint er in Portugal nicht wirklich heimisch geworden zu sein.

In der Rückrunde der Saison 2019/2020 war er zwar zunächst Stammspieler unter Trainer Bruno Lage (18 Einsätze, davon eine Einwechslung, 1377 Minuten) und konnte als tieferer von zwei Sechsern in einem 4-4-2 oder 4-2-3-1 statistisch tatsächlich etwas an seine gute erste Saison beim BVB anknüpfen, was er mit einer Passquote von 92,7% unterstrich.

In der aktuellen Saison hat Weigl seinen Stammplatz allerdings verloren. Er stand in der Liga NOS und der Europa League zwar immerhin 16 Mal auf dem Platz, wurde aber dabei acht Mal nur eingewechselt.

>>> Lest auch: Benficas Flügelzange im Porträt: Pizzi & Rafa Silva <<<

 

Er kommt damit nur auf 608 Minuten, auch wenn seine Passwerte mit einer Passquote von 91.1 % und 0.6 Key Passes pro 90 Minuten weiterhin auf einem ähnlichen Niveau wie in der letzten Saison sind. Auch hier können taktische Anpassungen sowie ein Trainerwechsel als Gründe für Weigls geringere Einsatzzeiten ausgemacht werden.

Jorge Jesus, der im August nach Bruno Lages Entlassung von Interimstrainer Nélson Veríssimo übernahm, setzte zunächst vermehrt auf ein 4-4-2, indem die Rolle des Ankersechsers nur bedingt vorgesehen ist.

Weigl kann die Mannschaft zwar im Ballbesitzspiel weiterhin verbessern, allerdings kommt die Rolle als Doppelsechser, seinem Spielerprofil nicht wirklich entgegen, da er dann nicht so häufig zwischen die Innverteidiger abkippen kann.




 

Auf dieser Position müsste Weigl auch höher agieren, dazu fehlt es ihm allerdings an Geschwindigkeit in der Rückwärtsbewegung. Stattdessen war mit Gabriel ein physischerer Balleroberer als Sechser/Achter gefragt, eine Fähigkeit die Weigl eher nicht mitbringt.

Außerdem sind mit Nicolás Otamendi und Jan Vertonghen zwei Abwehrroutiniers in der Innverteidigung gesetzt, sodass er auch dort keine Einsatzminuten sammeln konnte.

Über den Winter kam es daher zuletzt immer häufiger zu Wechselgerüchten und der Kicker mutmaßte, dass Weigls Zeit bei Benfica eventuell demnächst ablaufen könne. Außerdem wurde publik, dass Weigl den Berater wechselte und nun von Pini Zahavi betreut wird, was diese Meldungen weiter befeuerte.

Doch obwohl sich die Berichte über Weigls Unzufriedenheit halten, stellte dieser das Abenteuer Benfica bisher öffentlich immer als Bereicherung dar – auch wenn solchen Aussagen natürlich immer mit Vorsicht zu genießen sind. Noch im November jedenfalls betonte Weigl gegenüber Sport Bild wie sehr ihm die Lebensqualität in Lissabon gefalle.

 

„Weigl bleibt nicht unumstritten“

Unabhängig von diesen Gerüchten scheint Weigl seit Beginn des neuen Jahres die Chance auf mehr Spielzeit zu bekommen. Jorge Jesus ließ in den letzten Begegnungen in einem variableren 4-1-3-2/4-4-2 spielen, indem Weigl die Rolle als ballverteilender (Anker)Sechser einnehmen konnte (so auch beim 1:1 gegen Porto).

Offensiv agiert dabei bspw. Pizzi als klarer Spielmacher auf der 10, während Weigl sich fallen lässt und die Außenverteidiger aufrückend hochschieben. Defensiv bildet er dann mit Pizzi die Doppelsechs der Mittelfeldkette.

Auf diese Weise kann er seine Fähigkeiten in der Ballverteilung voll ausspielen. Qualitäten die Benfica bei durchschnittlich 59,7% Ballbesitz in dieser Saison sehr gut zu Gesicht stehen. Gleichzeitig wird seine fehlende Dynamik in der Defensive so etwas kompensiert, da er aus einer tiefen, abgesicherten Position heraus agieren kann und nicht zu weit vorrücken muss.

Wie es nun für Julian Weigl trotz dieses positiven Trends weitergeht, ist ungewiss.




 

Diese Einschätzung teilt auch Benfica-Experte Markus Horn: „Weigl bleibt bei den „Benfiquistas“ nicht unumstritten. Einige haben ihn angesichts der für Benfica sehr hohen Ablöse von 20 Millionen schon vor geraumer Zeit als Fehleinkauf abgeschrieben. Andere verweisen jedoch immer wieder darauf, dass seine Stärken in Benficas Spielsystem bislang nur selten richtig eingesetzt werden.”

„Zweifellos hat sich Julian Weigl enorm gesteigert, seit ihm Trainer Jorge Jesus endlich sein Vertrauen schenkt und ihn in der Startelf spielen lässt. Nicht ohne Grund wurde er im schweren Auswärtsspiel beim FC Porto zum „Man of the Match“ gekürt“, so Horn weiter.

Auch wenn er in der deutschen Berichterstattung etwas unter dem Radar fliegt, ist Weigl ein interessanter Spielertyp, der durch seine Fähigkeit, ein Spiel zu lenken und zu kontrollieren mehr Aufmerksamkeit verdient hätte.

Unabhängig davon ob er wechseln sollte oder sich für einen Verbleib in Portugal entscheidet, hat Weigl sicherlich das Potential wieder zu alter Stärke zurückzufinden. Wenn er denn als Ankersechser optimal in eine Mannschaft integriert wird.


Dies war ein Gastbeitrag von Lukas Attermeier.

(Titelbild: © Getty Images)

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