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Benfica in der Krise: Die Hoffnung heißt Jesus

(Grafiken: Erstellt von Cavanis Friseur / © Footyrenders)

Nach einer desaströsen Spielzeit steht der portugiesische Rekordmeister Benfica vor den Scherben einer gescheiterten Kaderplanung. Mit viel Geld sollen die Fehler der letzten Jahre jetzt korrigiert werden.

Dies ist ein Gastbeitrag von Markus Horn, dem deutschen Benfica-Experten.

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Dabei hatte zumindest ergebnistechnisch zunächst nur wenig auf den totalen Schiffbruch in der zweiten Saisonhälfte hingedeutet. Nach dem Sieg im ebenso prestigeträchtigen wie sportlich bedeutungslosen International Champions Cup während der Vorbereitung, fegte der frisch gebackene portugiesische Meister zum Saisonauftakt im Superpokal Sporting Lissabon mit 5:0 vom Platz.

In der Liga NOS gewann Benfica 16 seiner ersten 17 Begegnungen und stand nach dem Ende der Hinrunde mit sieben Punkten Vorsprung auf den FC Porto einsam an der Tabellenspitze.

Leise Kritik, dass die von Bruno Lage gecoachte Mannschaft nur selten so etwas wie ein Spielsystem erkennen ließ, wurde ebenso belächelt wie die Tatsache, dass Benfica bereits am 3. Spieltag bei der 0:2-Niederlage im heimischen Estádio da Luz dem FC Porto taktisch wie kämpferisch hoffnungslos unterlegen war.

 

Fiasko in der Rückrunde

In der Rückrunde schlitterte der 37-fache Titelträger dann praktisch ungebremst in die sportliche Katastrophe. Nach Niederlagen in Porto und gegen Braga sowie einem Unentschieden gegen Moreirense war die Tabellenführung bereits am 23. Spieltag verspielt.

Hatten die Adler in der Hinrunde 48 Punkte eingespielt, kassierten sie in der zweiten Saisonhälfte vier Niederlagen und kamen insgesamt nur noch auf 29 Zähler.

An der miserablen Bilanz, die nur für Rang fünf in der Rückrunden-Tabelle reichte, konnte auch die Entlassung von Bruno Lage nach der Niederlage bei Marítimo am 29. Spieltag nichts mehr ändern.

In der Europa League scheiterte Benfica bereits in der Zwischenrunde an Schachtar Donezk, am vergangenen Samstag ging auch das portugiesische Pokalendspiel nach einer erschreckend schwachen Partie mit 2:1 gegen den FC Porto verloren, der fast eine Stunde lang in Unterzahl spielte.


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Benfica zahlte damit einen hohen Preis für die Strategie des seit 2003 amtierenden Vereinspräsidenten Luís Filipe Vieira, der in zunehmendem Maße auf Spieler aus der Nachwuchsakademie und den wirtschaftlichen Erfolg setzte.

Die horrenden Transfererlöse der letzten zehn Jahre – alleine der Wechsel von João Félix zu Atlético Madrid im vergangenen Sommer spülte 120 Millionen Euro in die Vereinskasse – wurden, wenn überhaupt, fast ausschließlich in Spieler reinvestiert, die bei einem späteren Weiterverkauf zusätzliche Gewinne garantierten.

Nach dem Abgang des äußerst selbstbewussten Meistertrainers Jorge Jesus im Sommer 2015 wurden zunächst mit Ruí Vitória und später mit Bruno Lage nur noch Trainer verpflichtet, die am Anfang ihrer Karriere standen und dankbar für die Chance waren, einen Großklub wie Benfica coachen zu dürfen. Um den Vorgaben der Vereinsspitze zu widersprechen, fehlte es ihnen an Standing und Charisma.


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So stand am Ende eine Mannschaft auf dem Feld, der es nicht nur an Qualität, sondern auch an Erfahrung und Führungsstärke mangelte. Im Saisonverlauf wurde immer deutlicher, dass nicht alle Eigengewächse potenzielle Spitzenspieler sind. Die Verteidiger Ferro sowie Nuno und Tomás Tavares sind dafür nur drei Beispiele.

Zudem entwickelte die Mannschaft – die in der Akademie in Seixal luxuriöse Arbeitsbedingungen hat und während der Corona-Zwangspause keine Gehaltseinbußen hinnehmen musste – aufgrund der Führungsschwäche der sportlichen Leitung, dem Vernehmen nach, ein gefährliches Eigenleben.

Die Theorie, dass die Spieler zumindest phasenweise gegen ihre Trainer agierten und teure Neuzugänge wie Raúl de Tomás oder Julian Weigl vom inneren Kern des Kaders nicht mit offenen Armen empfangen wurden, ist jedenfalls nicht völlig von der Hand zu weisen.

 

Jorge Jesus soll es richten

Nach der völlig verkorksten Saison zieht Vereinsboss Vieira jetzt die Notbremse, denn im Oktober stehen bei Benfica Präsidentenwahlen an. Zwar wird Vieiras Leistung bei der wirtschaftlichen Konsolidierung des 250.000 Mitglieder starken Vereins ebenso gewürdigt, wie der Aufbau des inzwischen international renommierten Nachwuchszentrums.

Doch aufgrund der fast ausschließlichen Ausrichtung des Vereins als gewinnbringendes Wirtschaftsunternehmen sowie seiner Verwicklung in zahlreiche Gerichtsverfahren, steht der 71-jährige Unternehmer inzwischen im Kreuzfeuer der Anhänger.

Erstmals treten im Oktober gleich drei Gegenkandidaten zu den Wahlen an, die Losung eines der Bewerber lautet „Titel sind unsere Dividende“.

Für die dringend benötigten Titel soll in der kommenden Spielzeit mit Jorge Jesus ein alter Bekannter sorgen. Zwischen 2009 und 2015 holte der mit Benfica drei Meisterschaften, gewann einmal den nationalen Pokal und erreichte zudem zweimal das Endspiel der Europa League.




 

Die Trennung erfolgte, weil der heute 66 Jahre alte Coach nicht mehr zu Benficas künftigem Konzept passte, ganz auf die Nachwuchsarbeit zu setzen.

Dass Jesus daraufhin ausgerechnet beim Erzrivalen Sporting unterschrieb und sich in der Folge wenig schmeichelhaft über seinen früheren Arbeitgeber äußerte, haben ihm viele „Benfiquistas“ bis heute nicht verziehen. Es folgte eine öffentliche Schlammschlacht, auf deren Höhepunkt Benfica seinen früheren Coach auf 14 Millionen Euro Schadensersatz verklagte.

Doch spätestens nachdem Jesus in der vergangenen Saison mit Flamengo nicht nur die brasilianische Meisterschaft, sondern obendrein auch noch die Copa Libertadores gewann, ist die alte Männerfreundschaft zwischen Präsident und Trainer neu erblüht.

Jesus, der noch nie an einem kleinen Ego litt, strotzt nach dem so erfolgreichen Jahr bei Flamengo jedenfalls vor Selbstbewusstsein.

Hatte er bei seinem ersten Amtsantritt vor elf Jahren verkündet, Benfica werde unter seiner Leitung „das Doppelte spielen“, versprach er bei seiner Vorstellung Anfang des Monats die Leistung der Mannschaft diesmal zu verdreifachen.


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Das wird mit dem aktuellen Kader nicht zu bewerkstelligen sein. In der Gerüchteküche der portugiesischen Medien brodeln seit Wochen die Namen potenzieller Neuzugänge.

Ganz oben auf der Liste steht der uruguayische Stürmerstar Edinson Cavani, der PSG ablösefrei verlassen hat und noch auf Vereinssuche ist. Auch der brasilianische Linksaußen Éverton „Cebolinha“ sowie die Freiburger Robin Koch und Luca Waldschmidt werden hoch gehandelt.

Zweifellos wird es Jorge Jesus nicht an der nötigen Härte fehlen, um den Kader von Benfica wieder auf Kurs zu bringen.

Zumindest für den Meisterschaftskampf in Liga NOS sollte es Benfica mit viel Geld gelingen, eine schlagkräftige Truppe zusammenzustellen. Der ebenfalls geforderte europäische Titel dürfte jedoch noch in weiter Ferne liegen.


Dies war ein Gastbeitrag von Markus Horn


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