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Project Power Grab: Wie der englische Fußball in eine Krise stürzt

In den meisten europäischen Ligen rollt mittlerweile der Ball nach der Unterbrechung durch den Coronavirus wieder.

Der englische Fußball ist dabei keine Ausnahme. Allerdings stehen viele der Vereine in den Ligen unterhalb der Premier League ohne finanzielle Unterstützung vor dem Bankrott.

 

Die EFL im Lockdown

Am 13. März wurde der gesamte englische Fußball durch die Verbreitung des Coronavirus zum Erliegen gebracht. Für fast drei Monate wurde in England überhaupt kein Fußball gespielt.

Während die Premier League am 17. Juni den Spielbetrieb mit der Begegnung Aston Villa – Sheffield United fortsetzen konnte, gestaltete sich die Wiederaufnahme des Spielbetriebs in den unteren Ligen deutlich schwieriger.

Die English Football League (EFL), die den Spielbetrieb der zweitklassigen Championship, der drittklassigen League One und der viertklassigen League Two organisiert, ließ die Mitgliedsvereine der Ligen über den Abbruch oder die Fortsetzung der einzelnen Ligen abstimmen.

Die Championship wurde fortgesetzt, um die Aufstiegsplätze in die Premier League nicht zu gefährden. League One und Two wurden abgebrochen und die Endplatzierungen durch einen Punktedurchschnitt ermittelt. Die Aufstiegs-Play-Offs wurden jedoch komplett ausgespielt.

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Das finanzielle Loch zwischen Premier League und EFL

Fans sind auch nach dem Start der Saison 2020/2021 in den Profiligen nicht zugelassen. Geisterspiele stellen für jeden Verein einen enormen finanziellen Verlust dar; in der EFL kann er jedoch nicht durch die Einnahmen aus den TV-Verträgen aufgefangen werden.

Der finanzielle Unterschied zwischen der Premier League, die mit ihren millionenschweren und unabhängig von den anderen Ligen verhandelten TV-Verträgen die Schlagzeilen bestimmt, und der EFL ist enorm. Während die Premier League über zwei Milliarden Pfund pro Saison einnimmt, erhält die gesamte EFL über den gleichen Zeitraum „nur“ über 100 Millionen Pfund.

Die Haupteinnahmequelle der EFL-Vereine sind die Einnahmen an Spieltagen: Ticketverkäufe, Catering, Merchandise, Werbeeinnahmen etc.


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Viele Besitzer hoffen auf das große Geld in den höheren Ligen, leben über ihren Verhältnissen, häufen Schulden an und setzen damit die Existenz ihrer Vereine aufs Spiel. Die meisten Vereine leben von der Hand in den Mund und können nur weiterexistieren, wenn der Cashflow durch die jährlichen Dauerkartenverkäufe wieder angetrieben wird.

Viele Klubs gingen dementsprechend bereits mit starker Schlagseite in die Coronakrise. Durch die leeren Stadien und dem Versiegen der Haupteinnahmequelle rückten diese Probleme jedoch noch deutlicher in den Vordergrund.

Während des Lockdwons konnten die Vereine auf das Kurzarbeitsprogramm der britischen Regierung zurückgreifen, bei dem der Staat einen Teil des Gehalts übernahm.

Dadurch konnten erhebliche Kosten eingespart werden, während gleichzeitig die noch ausstehenden TV-Gelder vorzeitig ausgezahlt wurden. Nur so konnten einige Vereine weiterexistieren.

Der Großteil der auslaufenden Verträge wurde nicht verlängert, wodurch zahlreiche Spieler, die keine Millionengehälter verdienen, zu dem denkbar ungünstigsten Zeitpunkt arbeitslos wurden. Die EFL beschloss anschließend eine stark umstrittene harte Gehaltsobergrenze für League One und Two, die die Ausgaben der Vereine regulieren soll.

Zur Wiederaufnahme der Saison 2019/2020 einigten sich die Vereine unterhalb der Championship noch mehr oder weniger darauf, dass ein Weitermachen ohne Fans finanziell nicht möglich sei. Trotzdem wurde die neue Saison genau so nun gestartet.

Aufgrund der hohen Testkosten werden die Verantwortlichen in der EFL jedoch nicht regelmäßig auf den Coronavirus getestet. Die Folge sind Klubs, bei denen der Virus relativ ungehindert ausbrechen konnte und dadurch mehrere Spiele verschoben werden mussten.

Die Vereine können diesen Status finanziell nicht lange Aufrecht erhalten. Wenn der Coronavirus nicht auf wundersame Weise morgen verschwindet und Fans wieder in die Stadien dürfen, dann brauchen die Vereine dringend finanzielle Unterstützung, um weiterleben zu können.

 

Woher soll das Geld kommen?

Die britische Regierung, die Premier League und die EFL befinden sich in regelmäßigen Gesprächen, um eine Lösung für die Probleme der unteren Ligen zu finden.

Viele Vereinsverantwortliche wollen, dass die Regierung eingreift und die benötigte finanzielle Unterstützung bereitstellt. Genau das hat die Regierung den 67 Vereinen der National League, die den Spielbetrieb in Englands fünft- und sechsthöchsten Spielklassen organisiert, bereits zugesichert.

Dadurch soll der Verlust aus den fehlenden Ticketverkäufen ausgeglichen werden.

Um diese Unterstützung auch den League One und Two-Klubs zukommen zu lassen, wäre eine deutlich größere Summe notwendig. Die EFL sprach von einer Summe von ca. 250 Millionen Pfund, die benötigt werde, um die Saison überhaupt zu Ende spielen zu können.


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Die britische Regierung wolle jedoch nicht ein System mit zusätzlichen finanziellen Mitteln unterstützen, das sich mit seinen rücksichtslosen Ausgaben zu einem gewissen Grad selbst in diese Situation gebracht habe. Sie sieht die Premier League in der Pflicht, die Vereine zu unterstützen.

Dass ein Verein tatsächlich aufgelöst wird, wirkt oft wie ein fernes Horrorszenario. Für viele kleinere englische Vereine ist dieses Horrorszenario jedoch schon länger die Realität.

Bereits im letzten Jahr hörte Bury auf zu existieren. Vor der aktuellen Saison wurde Macclesfield Town aufgelöst. Southend United kämpft aktuell vor Gericht um die eigene Existenz. Die Bolton Wanderers wurden nur wenige Minuten vor der Deadline noch gerettet. Laut The Athletic fürchte die EFL, dass einige Klubs ihre Novembergehälter nicht ohne fremde Hilfe werden zahlen können.

Hoffnung gab es für die Vereine, als die Regierung die Möglichkeit einräumte, ab Oktober wieder beschränkt Fans in den Stadien zuzulassen. Für das Vorbereitungsspiel zwischen Brighton & Hove Albion und Chelsea am 30. August wurde ein Maximum an 2500 Tickets verkauft. Der Testlauf wurde von allen beteiligten als voller Erfolg beschrieben.

Für Mitte September wurden in der EFL weitere Testveranstaltungen mit maximal 1000 Besuchern erlaubt, die ebenfalls positiv verliefen. Nur wenig später wurden jedoch alle Hoffnungen wieder zerschlagen, als das zuständige Department for Digital, Culture, Media and Sports (DCMS) aufgrund von steigenden Coronaansteckungen die Rückkehr der Fans vorläufig in den März 2021 verschob.


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Die National League beantragte bei der britischen Regierung einen Sonderstatus für Profisportler, der auch für die Premier League und EFL gilt, um die Aufstiegs-Play Offs der abgelaufenen Saison ausspielen zu können. Genau dieser Status hindert sie jedoch nun daran, zumindest einen Teil der Fans in Stadion zuzulassen.

In den Ligen unterhalb der National League und ohne Profistatus hatte das DCMS mittlerweile Besucher – zumindest teilweise – wieder zugelassen.

So kommt es zu der absurden Situation, dass Amateurvereine in den ersten FA Cup Runden vor Zuschauern spielen durften, die Top-Klubs jedoch in ihren modernen Stadien, in denen Hygienevorschriften deutlich besser umgesetzt werden können, vor leeren Rängen auflaufen müssen.

Für die meisten Verantwortlichen im Fußballgeschäft sind diese Entscheidung nur schwer nachvollziehbar, da Zuschauer auch bei anderen Veranstaltungen erlaubt sind, bei denen die Hygienevorschriften deutlich schlechter eingehalten werden können.


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Zahlreiche verschiedene Optionen wurden in den Gesprächen zwischen EFL, Premier League und der Regierung thematisiert. Die Premier League hätte zwar das nötige Geld, um das englische Fußballsystem, von dem man sich selbst 1992 abkapselte, am Leben zu halten.

Man ist jedoch nicht bereit der EFL das nötige Geld zur Verfügung zu stellen, ohne dafür Gegenleistungen zu erhalten. In diesem Zusammenhang wurde beispielsweise die Diskussion um zweite Mannschaften in der EFL wieder angestoßen, die von den unteren Ligen vehement abgelehnt werden.

 

„Project Big Picture“

Während also die Premier League, die EFL und die britische Regierung über die finanzielle Rettung des Fußballsystems verhandelten und die Vereine der unteren Ligen um ihre Existenz fürchten, veröffentlichten EFL-Präsident Rick Parry, Manchester United und Liverpool einen Plan, mit dem die Top-Klubs sämtliche Macht bei sich bündeln und den Wettbewerb der Liga noch weiter aus dem Gleichgewicht bringen würden.

Unter dem Titel „Project Big Picture“ hatten die drei Parteien unabhängig von den offiziellen Gesprächen eine eigene Lösung verhandelt.

Für die EFL sah der Plan eine sofortige Finanzspritze von 250 Millionen Pfund vor. Ebenso sollten 100 Millionen Pfund an die FA gezahlt werden, von denen 10 Millionen an den Amateurfußball, 10 Millionen an die Women‘s Super League und 25 Millionen an die National League geflossen wären. Zudem würde in Zukunft ein höherer Anteil des Gesamteinnahmen der Premier League der EFL zustehen.


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Im Gegenzug forderten Liverpool und Man United weitreichende Reformen. Die Verteilung der TV-Gelder würde noch stärker zugunsten der „Big Six“ – bestehend aus Liverpool, Manchester City, Manchester United, Chelsea, Tottenham Hotspur und Arsenal – ausgerichtet werden.

Außerdem sollte die Premier League von 20 auf 18 Teams verkleinert und der Carabao Cup und Community Shield abgeschafft werden. Dadurch würde mehr Platz für weitere Spiele in europäischen Wettbewerben geschaffen werden. Für die kleineren Vereine würde es jedoch weniger Spiele und einen Einnahmeverlust bedeuten.

Aus der Premier League würden nur noch zwei Teams direkt absteigen, während der 16. Platz in einem Play Off-System mit Platz drei bis fünf der Championship den letzten Premier League-Teilnehmer ausspielen würde. Für Championship-Klubs ist dadurch die Chance auf einen Aufstieg deutlich gesunken.

Besonders gravierend wäre jedoch die Veränderung des Wahlrechts in der Premier League gewesen. Im Gegensatz zum aktuellen System, bei dem jeder Klub eine gleichberechtigte Stimme besitzt, sollten laut „Project Big Picture“ für zentrale Entscheidungen nur die neun Vereine stimmberechtigt sein, die die längste Zeit ununterbrochen in der Premier League spielen. Momentan wären dies die „Big Six“, sowie West Ham, Everton und Southampton.


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Eine Zweidrittelmehrheit – also sechs Stimmen – wäre nötig, um Entscheidungen zu treffen. Effektiv könnten die „Big Six“ dadurch sämtliche Entscheidungen der Liga alleine treffen, wie Regeländerungen, das Ablehnen unliebsamer Klubbesitzer oder die Verteilung der TV-Gelder.

Für die Vereine der unteren Tabellenregion bedeutet dies die Abgabe des eigenen Stimmrechts, während ihnen zudem weniger Einnahmen zustehen würden.

Die EFL, allen voran Rick Parry, unterstützen den Plan. Die meisten Klubs sehnen sich nach der dringend benötigten finanziellen Unterstützung, während einige wenige Klubs heftig gegen „Project Big Picture“ und der daraus entstehenden Machtverschiebung protestierten.

Sowohl die Regierung, die Führung der Premier League als auch die anderen Premier League-Klubs lehnten den Vorstoß vehement ab. Kulturminister Oliver Dowden taufte das Projekt treffend in „Project Power Grab“ um. Um Regeländerungen umzusetzen, würde es 14 von 20 Zustimmungen benötigen. Wenig überraschend kam diese Mehrheit bei einer außerordentlichen Premier League-Sitzung nicht zustande.

 

Was nun?

Obwohl „Project Big Picture“ in seiner aktuellen Form gescheitert ist, besteht durchaus Interesse einige Punkte des Konzepts in Zukunft umzusetzen. Der Carabao Cup bleibt für viele Vereine ein unliebsamer Wettbewerb und die Reduzierung der Premier League von 20 auf 18 Mannschaften, wie es bei der Gründung der Liga auch vorgesehen war, könnte in naher Zukunft wieder ein Thema werden.

Die Top Klubs werden mit einer Ablehnung gerechnet haben und weiter an einer Umstrukturierung arbeiten, die ihnen mehr Geld und Einfluss verspricht. Regelmäßige Gespräche zwischen den „Big Six“ gab es bereits vor der Coronapandemie und wird es auch weiterhin geben. Viel wichtiger in der aktuellen Situation ist jedoch die Hilfe für die EFL-Klubs.

Die Premier League gab bekannt, dass man gemeinsam mit allen 20 Mitgliedsvereinen an „einem strategischen Plan für die zukünftigen Strukturen und der Finanzierung des englischen Fußballs arbeiten“ möchte. Außerdem bot die Premier League unverzinste Leihen von insgesamt 50 Millionen Pfund an League One und Two an.

Die Summe ist deutlich geringer als die geplante Summe im „Project Big Picture“, die von der EFL als notwendig bezeichnet wurde, um die Saison zu Ende spielen zu können. Das Angebot wurde von der EFL abgelehnt, da sie befürchtete, dass das Geld nicht gleichmäßig unter den Vereinen aufgeteilt worden wäre und keine Lösung für die Championship darin enthalten war.

Der ehemalige FA-Vorsitzende David Bernstein veröffentlichte – gemeinsam mit einigen bekannten Personen aus dem Sportgeschäft – einen eigenen Plan zur Umstrukturierung des englischen Fußballsystems unter dem Titel „Saving Our Beautiful Game“. Darin wird gefordert, dass die derzeitige Krise des englischen Fußballs durch eine unabhängige Instanz gelöst werden sollte.

Auch wenn „Project Big Picture“ ein schamloser Versuch der Top-Klubs war, die katastrophale Lage kleinerer Vereine für die eigenen Interessen auszunutzen, wurde dadurch wenigstens die Not der unteren Ligen der breiten Öffentlichkeit noch einmal deutlich gemacht. Eine Lösung des Problems ist dringend notwendig, ansonsten wird das englische Fußballsystem in seiner derzeitigen Form nicht mehr lange bestehen können.

(Titelbild: ©Getty Images)

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Johannes Robertz
Johannes Robertz
Kreisliga C-Legende. Fußballbegeistert in jeglicher Hinsicht, besonders der englische Fußball hat es ihm angetan. Ist irgendwann in seinem Leben Wolves-Fan geworden. Warum, weiß keiner.

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